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25. Blog - Taipeh TWN - Das Herz von Taiwan habe ich bereits gesehen...

Flug CI121 Okinawa to Taipei China Airlines: Check-IN 09:50 Uhr! Abflug wird sich um 40 Minuten verspäten. Aber nein, nicht wegen Freddy! Wo denkt ihr hin! 45 Minuten warte ich in der Menschenschlange bis ich dran bin zum Gepäck scannen. Die Box passt natürlich nicht durch den Scanner! Nicht weit bis zum XXL Scanner. Alles passt. Total gibt’s’ 30 Kilogramm Freigepäck und 7 Kilogramm Handgepäck. Nach Adam Riese also 37. Schön und gut aber ich habe Total 63 Kg! Kann teuer werden. Und lustig. Meine Taktik steht! Mit Daunenjacke, Regenjacke, Hut, Helm und Handschuhe stehe ich am Desk! «Wollen sie nach Taiwan radeln oder fliegen?». «Lieber radeln aber heute darf ich wohl mit der wunderbaren China Airlines fliegen! Jupi». Zück mein bittehilfmirjetzteinfach Lächeln hervor. Kiste wiegt 30.5 Kg. Perfekt. «Als Handgepäck haben sie also den Rucksack, diese kleine Tasche, zwei Paar Schuhe und noch die eine grosse Tasche? Ach und den Helm mit zwei Trinkflaschen?!» Genau!
«Das ist zu viel, sie müssen noch etwas Aufgeben». Packe alles Schwere aus meinem Rucksack in die eine Tasche, Laptop unter den Arm und komme von 10 auf 4 Kilo runter. 30 Franken Aufschlag. «Sie müssen nun die Handtasche erneut scannen dort drüben». Bringe sie schon gar nicht mehr zu…schwinge die rund 25 Kilo schwere Tasche möglichst Federleicht um die Schulter. Die 7 Kilo erreiche ich alleine mit der Lenkertasche wo Kamera ect. verstaut ist. Wieder zurück am Schalter will sie diese nun noch wägen. «Ach ich glaube das ist schon ok, haben sie mir noch das Rückgeld für das Übergewicht und meinen Pass bitte?» «Ja sicher, entschuldigen sie, bitte sehr».
Die Tasche wird nicht gewogen! Später darf ich sie noch komplett ausräumen. «Für was brauchen sie diesen Schlauch hier? Und was sind das für Stäbe? Was haben sie mit dieser Vulkanisierlösung im Sinn?» Oh die habe ich vergessen in die Box zu packen. Mist. «Wenn ich eine Platte habe muss ich Schlauch wechseln. Die Stäbe sind Speichen, kann passieren wenn Speichengeister unter sich sind, dass die eine oder andere einen Knacks bekommt, dann wird sie ausgewechselt. Die Vulkanisierlösung…».
Die gute Dame weiss nun wie eine Platte geflickt wird und die Vulkanisierlösung behaltet sie natürlich…hoffentlich für ihren nächsten Platten! Sitze im Flieger. Durchgeschwitzt. Erleichtert. Fertig.


Taiwan. 90 Minuten nach der Landung bin auch ich mit dem Karren samt Box Richtung Ausgang unterwegs.
Wer steht da? Cynthia Tseng und Tso-Gra. Die beiden habe ich vor 10 Wochen in Hokkaido getroffen. Letzte Woche schrieb sie mir eine Mail, wann ich nun ankomme, der ganze Veloclub freue sich schon auf die erste Fahrt mit der Schweizerin! Das Wiedersehen ist grossartig. Kann mein Glück kaum fassen. Komme in einem fremden Land an und Freunde die ich erst 15 Minuten in meinem Leben gesehen habe und einen kurzen Talk im strömenden Regen hatte warten. Was gibt es schöneres? Eben.

Ein Mitglied vom Veloclub hat ein grosses Auto und das steht schon parat. In New Taipeh wartet mein Gastgeber vom Veloclub. Alle sind aufgeregt, alles geht so schnell. «Komm, das ist Dein Zimmer. Hier die Dusche. Mein Schwiegervater ist zurzeit auch noch hier. Magst Du eine frische Mango oder lieber Bananen? Später gehen wir traditionell was essen. Jetzt aber Dein Bike, packen wir es aus! Oh, vielleicht möchtest du erst Duschen? Hier nimm schon mal ein Schluck Wasser. Die Waschmaschine ist hier, drück diesen Knopf dann jenen. Das ist Dein Schlüssel. Das sind 10 genau gleiche Hochhäuser wir sind im H360 7 Stock, nicht vergessen! Also das Bike! Warte ich ruf noch kurz meine Frau an, die ist grad in China sie will dir Hallo sagen. Cynthiaaa wo hast Du die Landkarte, wir wollen noch die Route besprechen für die nächsten zwei Wochen. Morgen machen wir eine erste Bergfahrt. 06:30 geht’s los, also das Bike. Nein zuerst meine Frau».

Ich glaube ich muss mich erst setzen. H360 Stock 7. H360 Stock 7. H360 Stock 7. Nicht vergessen!
Freddy haben wir im Nu auf den Pneus. Dank vereinten Kräften. Denke schon an Manila und weiss, dann werde ich an jetzt zurückdenken. Step by Step!

23:00 Uhr liege hoch über Taipeh im Bett. Diese Ruhe. Bin überglücklich so liebe Menschen getroffen zu haben. Wie habe ich das nur verdient? Bin einfach dankbar:

06:00 Uhr Mister Zen-Gro (Gro steht für grosser Bruder) klopft an die Türe. Es riecht nach Knoblauch. Frühstück ist parat. Auf meinem Teller drei Spiegeleier, ein Knoblauchbrot, Reis mit Süsskartoffeln und eine Banane. Die Bergfahrt muss es in sich haben! 06:45 Uhr und wir trampen die steile Strasse hoch. Die Morgenstille ist so berauschend. Ich weiss nun, dass der beste Rückenwind die Motivation ist! Oben angekommen wartet der Veloclub mit heissem Tee, Kaffee und Nüssen. Mister Fang ist auch da. Er war vor Wochen auf Hokkaido unterwegs. Er ist der mit dem weissen Bart – auf dem Foto links von mir – die Eselsbrücke zu seinem Namen: Fang den Bart HA!
Alle bestaunen Freddy. Diskutieren über den stabilen Rahmen. Beobachte das Schauspiel von weitem und freue mich natürlich. Unzählige Male umarme ich jemanden der mir irgendwie fremd und gleichzeitig so nah ist und lache in die Kamera. Cynthia schenkt mir ein Trikot. WOW!
Sie haben schon eine Route geplant für die nächsten zwei Wochen. Wir kaufen Essen ein und zur Sicherheit fahren wir noch zum Velomechaniker. Der ist natürlich auch im Club. Er checkt mein Bike komplett durch. Eine Stunde lang. Umsonst! 

Heute ist Sonntag. Ruhetag. Sitze auf meinem Bett, draussen regnet es seit gestern Abend in Strömen. Ein Taifun ist im Anmarsch. Cynthia ruft an: «Am Dienstag fahren wir los. Nicht wie die meisten rund um die Insel herum. Nein, wir zeigen Dir das Herz von Taiwan.»

«Weisst Du was Cynthia? Das Herz von Taiwan habe ich bereits gesehen! Für mich seid IHR das Herz von Taiwan!»

 

Herzliche Grüsse aus New Taipeh

Euer Thesi

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24. Blog - Okinawa JAP - Freddy ist verstaut...

Super-Taifun. Hier auf Okinawa war ich 1200 Kilometer Luftlinie von Osaka entfernt. Es windete und wir wurden aufgefordert nicht ins Meer zu gehen. 1200 Kilometer!! Kann mir gar nicht vorstellen wie heftig das in Osaka war.

 

Erdbeben in Hokkaido. Japan ist erneut betroffen! 
Immer wieder bin ich beeindruckt wie stark die Natur ist – meine Gedanken bei den Betroffenen.

 

63 Kilogramm Total. Mist! 37 sind erlaubt. Das China Airlines Personal ist morgen bestimmt gut gelaunt und drückt beide Augen zu. Sitze vor meiner Kartonbox. Ein trister Anblick. Die Palmen, das helle Holz und Maruboshi hinter der Theke im Aloha-Bulmenshirt tragen die Hawaii-Stimmung ins Haus. Hellt auf! Es ist so ein anderes Japan hier.
Wieder einmal war es eine Punktlandung!

Radle nach einer schlaflosen Nacht bei 33° Grad im Park früh los. Der letzte Tag auf der Insel Kyushu, die südwestlichste Hauptinsel. 115 Kilometer bis nach Kagoshima. Die Fähre legt um 18:00 Uhr ab. Einschiffen für Passagiere mit Vehikel ist um 17:00 Uhr. Schaff ich. Die Rechnung habe ich aber ohne die Hügel gemacht! Die haben’s in sich. Steile Aufstiege. Starke Gefälle.  Ach, wenn ich es nicht schaffe, nehme ich erst Morgen die Fähre.
Eine junge Dame hält an und streckt mir Kühltücher entgegen. So lieb! Wische mir grosszügig das Schweiss-Salz aus dem Gesicht und sie springt auf: «No, NO! Menthol!» Auweia. Ja, das brennt ganz schön! Ansonsten sind die Tücher super! Kühlen herrlich! «Habe Dich jetzt schon dreimal überholt, jetzt musste ich anhalten. Weisst Du, ich bin mir sicher 99% die dich überholen denken FIGHT! Beisse! Bleib dran! Wo willst Du heute hin?» Kagoshima! «Oh das ist noch weit, schaffst Du aber!» Im Rückspiegel sehe ich, wie sie mir nachwinkt. 17:00 Uhr und ich bin erst Stadteingangs. Jetzt aber Hü! 17:30 Uhr bin ich endlich am Fährhafen. «Hallo, krieg ich noch ein Ticket für die 18:00 Uhr Fähre?». «Ja sicher!». «Hab noch ein winziges Fahrrad dabei und ein, zwei Taschen!». «Oh, dann aber speedy!». Als der gute Herr das Göppeli sieht wird im fast übel. «Very speedy! Eine Tasche kannst Du mitnehmen. Welche? Wir laden ein!» Oje, Zahnbürste in der Vorderen. Auflade Kabel in der Anderen. Trockene Kleider in der Hinteren. Brauche 4 Minuten! «Das ist zuviel. Wir machen’s so, du fährst selber in den Laderaum, dort wird dich einer abholen und dann kannst Du auf dem Schiff in aller Ruhe deine Sachen suchen». Er ist ein Goldschatz und ich ein Huhn.
Im Laderaum herrscht Tumbler-Klima! Heiss! Lastwagen, Container, Eisen einfach riesig! Packe um und im Nu bin ich auf Deck. Mist, habe trockenes Shirt und frische Unterwäsche vergessen. Stehe nun wie ein gackerndes Huhn vor der Laderaumtüre. Kann noch einmal runter, uff Danke Du Goldschatz! 25 Stunden bis nach Naha. Im 40-er Dorm.
Bin begeistert wie die Japaner bei Flutlicht und Non-Stop TV problemlos schlafen können. Hat auch jeder eine Augenbinde. Mein Schweisstuch tut’s auch! 05:00 Uhr, die Dame links von mir liegt auf dem Rücken und fährt Luftvelo. Manche kriegen auch nie genug davon!
Die «Insel der Hundertjährigen» gefällt mir auf Anhieb. Okinawa gilt als Region mit der Weltweit höchsten Lebenserwartung. 100 wird ich hier aber sicher nicht!

Bei Amerikanern komme ich für die nächsten Tage unter. Sie arbeitet bei der Navy, Shawn bei der Marine. Sie haben sich ausserhalb vom Camp Foster eine hübsche Wohnung gesucht. Tausende Amerikaner leben hier! Es soll der «unversenkbare Flugzeugträger» der USA sein. Sie geben mir den Schlüssel: «Fühl Dich wie Zuhause – wir sind fast nie Zuhause! Das ist dein Zimmer, hier dein eigenes Bad, der Kühlschrank ist voll, nimm einfach! Kannst bleiben so lange Du willst. Internet ist high speed! Wenn Du gehst, schliess einfach die Türe ab und leg den Schlüssel unter die Matte! Am Freitag reise ich kurz in die USA und Shawn muss für eine Aufklärung Richtung Philippinen. Geniesse es! See you...maybe». Bin drei Tage hier und habe sie zweimal gesehen. Ihr Vertrauen? Grenzenlos! Unglaublich! Gerne hätte ich ihre ganze Geschichte gehört. Bestimmt spannend. Danke für Alles!

Die Box steht immer noch so farblos vor mir.

Freddy ist verstaut. Er ist unglücklich! Versteht nicht warum er in eine Box muss. Hab alles probiert - es gibt tatsächlich kein Schiff nach Taiwan. Der Flug ist gebucht. 

Knappe Stunde nach Taipeh. Knappe drei Monate in Japan. 

JAPAN – es war mir eine Ehre! Drei Monate durfte ich Dich bereisen. Es waren prägende Wochen. 4500 Kilometer.
Als ich ankam, hast Du mich mit strömendem Regen in Hokkaido begrüsst. Auf der Hauptinsel Honshu hast Du mein Durchhaltewillen bei enormer Hitze auf die Probe gestellt.

Durch spannende Städte durfte ich radeln: Sapporo. Hakodate. Sendai. Fukushima. Kyoto. Nagoya. Tokyo. Osaka. Hiroshima. Fukuoka. Naha.
Vom nördlichsten Punkt durfte ich bis ganz in den Süden pedalen. Unvergesslich der Aufstieg und Sonnenaufgang auf Mount Fuji. Wunderschöne Tempel. Von so mancher Parkbank aus konnte ich mit sicherem Gefühl die Sterne und den Mond beobachten. 

Aber Japan…was alles topt…die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen denen ich begegnen durfte!
Die Begegnungen machen Dich unvergesslich!

DANKE für diese kostbare Zeit. 

 

Die letzten Grüsse aus Japan

Euer Thesi

 

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23. Blog - Fukuoka JAP - Das ist Familie Tamura

 

Fukuoka. Sitze sozusagen im Frigor. Fukuoka-Frigor!

Mit Merinowolle-Jäcken bei 20 Grad friert es mich. Draussen 40 Grad. Ende August! Japan hat vier Jahreszeiten. Gestern sagte mir ein Japaner: «Normalerweise wird es kühler ab Mitte August, aber was ist normal? Normalerweise esse ich nach 16:00 Uhr ein Eis – hier eins für Dich. Kiwi-Eiskugeln. Magst Du Kiwiglace?» «Normalerweise schon. Danke!»

Vor zwei Tagen habe ich die Hauptinsel Honshu verlassen. Vier Tage bis Kagoshima und noch ein paar Tage auf Okinawa. Ein paar Dutzend kleinen Inseln. Eine Inselkette die sich über etwa 1000 Kilometer von Kyushu nach Taiwan erstreckt! Und dann…dann sind drei Monate in Japan gespeichert. Gespeichert im Herzen.

Heute möchte ich euch eine Begegnung im Detail erzählen. Da ich einmal gelernt habe, in der Kürze liegt die Würze. Oder eben: "Segg isch sexy", probiere ich jeweils im Blog nicht länger als eine A4 Seite zu werden. Wisst ihr wie vieles ich in einer Woche erlebe? Eben. Eine Begegnung – Eine A4 Seite (reicht wohl wieder nicht).

Jeden Tag schwitze ich. Heute besonders. Kurz nach dem Taifun ist es wieder extrem drückig bei 40° Grad. Denke jetzt schon (12:00 Uhr) eine Dusche wäre heute Abend «z zäni»!

Nach 100 Kilometern habe ich genug für heute. Schlussdibuss. Es ist bereits dunkel. Finde aber keinen Platz. Kein Park, kein Golfplatz, kein Strand. Bin grad ausserhalb der Stadt Hofu. Frage bei einem seven eleven Shop, welcher 24h offen hat, ob ich mich wohl hinter dem Laden hinlegen dürfte. Der Arbeiter weiss nicht recht, sagt dann nein und entschuldigt sich. Schon ok. Setze mich draussen erst mal auf den Boden und lasse meine Herzpumpe pumpen. Die eine Schweisstropfe auf meiner Wade kullert langsam Richtung Ferse, auf ihrer Fahrt nimmt sie denn Strassendreck grad mit. Praktisch. Selbstreinigung sozusagen. Sie versickert im Riemen der Sandale. Je nach Bahn sind die einen Tropfen schneller, die anderen langsamer. Realisiere, dass ich meine Schweisstropfen beobachte??!! Lustig. Eine Dusche wäre jetzt das Non Plus Ultra.

Ein Mann setzt sich auf sein Moped und will grad davonfahren. «Entschuldigung, wissen sie vielleicht einen Platz hier in der Nähe wo ich übernachten könnte?». Er studiert. «Hier weiss ich nichts, aber weiter vorne in der Stadt gibt es Hotels, ca 1. Stunde von hier.» Schaff ich nicht. Trotzdem Danke. Er braust davon. Der Chef vom Laden kommt nach draussen. «Klar kannst Du dich hinter unserem Laden hinlegen. Neben der Lüftung. Die ist zwar ein wenig laut.» Kein Problem. Wirklich lieb. Er will natürlich noch meine Story wissen und so plaudern wir ein Weilchen.

Lehne mich erst mal an die Lüftung und esse Reis. Reis mit Mayo. Fein.

Mein Kopf ist heiss. Bin aber gut gelaunt. Geniesse diese Freiheit. Weiss, dass die Temperatur in der Nacht nicht unter 31° Grad sinkt. Zum Glück geht ein Lüftchen. Die Natur hilft mir immer wieder. Das Lüftchen trocknet die Schweissperlen und kühlt so die Oberfläche der Haut ab.

Normalerweise geht am Abend alles zackig. Essen. Zähne putzen, Zahnseide inkl. Mundspühlung. Tagebuch schreiben. Logbuch führen. Matte aufpumpen. Hinlegen und Adiömersi. Heute ist es anders. «Tämpele das ume»! Auch nach 30 Minuten sitze ich immer noch neben der Lüftung. «Mach vorwärts Thesi! Nein warum? Hab ja Zeit! Leg Dich jetzt hin und schlaf! Nein, ich sitze jetzt noch ein bisschen rum!». Ein Auto fährt zu. Eine Familie steigt aus. Der Mann kommt näher…jetzt erkenn ich ihn wieder. Er war doch vorhin mit dem Moped da! Seine zwei Töchter, wollen sofort ein Foto von mir! Die Mutter: «willst Du wirklich hier übernachten? Wir haben ein grosses Haus!». Die Tochter meldet sich dazwischen: «Komm doch zu uns, wir möchten Dich einladen! Unser Grosi kocht schon Curry! Fahr uns nach. LOS!». Echt jetzt?! Ist der Mann nach Hause gefahren und mit seiner ganzen Familie wieder gekommen um mich einzuladen? Eine Träne gesellt sich zum Schweiss. Die Einladung nehme ich sehr gerne an.

Der Ladenbesitzer wurde schon informiert er kommt nach hinten um sich zu verabschieden und natürlich noch ein Foto!

Grosi steht schon in der Tür. «Welcoooome». Die rüstige Dame klopft mir auf die Schultern, klatscht in die Hände und nimmt mir gleich eine Tasche ab. Das Zimmer schon parat mit Matte am Boden und runtergekühlt. Im Sitzbad haben sie 40° Grad heisses Wasser eingelassen. «Nimm ein Sitzbad – ist gut für Deine Muskeln. Hier noch zwei Tücher!» Was soll ich sagen? Das ist so lieb! Danke. Zeige ihr, dass ich ein Handtuch mit dabei habe (Mitiko spricht kein Englisch, nur Welcome und OK). Mein Handtuch verstaut sie schnell in der Tasche und drückt mir ihre zwei frischen erneut in die Hand. Was wünschte ich mir heute? Eine Dusche? Jetzt gibt’s Bad und Dusche! Kann es kaum glauben.

In der Küche ist schon reich aufgetischt. Miso-Suppe, Ingwerstreifen, Curry-Reis mit Auberginen und Okra aus dem eigenen Garten. Es hat sechs Stühle am Tisch – wir sind sieben. Grossvater Syougo setzt sich neben dem TV auf den Boden! Er schaut begeistert Schwimmen live. Das Essen ist herrlich. Es ist einfach so – Das Essen von Zuhause schmeckt immer am besten. Zusammen gucken wir die gefahrene Strecke auf der Japankarte an. Die 13-jährige Tochter Mio ist begeistert. Sie will einmal Lehrerin werden. Ganz langsam und exakt fährt sie mit ihrem Zeigefinger der eingezeichneten Linie nach. Manami, ihre 15-jährige Schwester fragt: «Du musst sicher auf Toilette! Komm ich zeige Dir wo». Ihr Haus ist riesig. Im typisch japanischen Stil. Verwinkelt. Sie zeigt mir die zwei Lichtschalter der Toilette und bevor sie hinaus geht, kontrolliert sie noch das Toilettenpapier. Es ist eine frische Rolle. Sie sucht den Anfang, reisst das erste Blatt ab, welches ja immer in Streifen daherkommt. Welch eine Aufmerksamkeit! Sie wartet draussen auf mich…damit ich wieder zurück in die Küche finde...gar nicht so einfach! Einfach liebe Menschen!

Sie wünsche mir eine gute Nacht und füllen noch Wasser mit Eis in eine Thermosflasche für die Nacht. Liege auf dem liebevoll gerichteten Futonbett und kann mein Glück einmal mehr kaum fassen. In Gedanken wünsche ich Dieser Familie das Beste der Welt! immer! Schlafe wie Zuhause. Ruhig. Am Stück bis 07:00 Uhr.

Mama Noriko und Papa Masauki sagen mir am Morgen in aller Liebe Adieu. Sie trauen sich zuerst nicht aber fragen dann, ob sie mich kurz umarmen dürften. Die beiden nehme ich ganz gross in die Arme! DANKE.

Für heute habe ich mir das dritte Ricolapäckli mit Gletscherminze parat gelegt. Es ist noch zu. Genau richtig. Das schenke ich ihnen. Sie strahlen. «So sind wir auch ein bisschen in der Schweiz gewesen!» Grosi hat schon Frühstück auf dem Tisch. Reis, Algen, Miso-Suppe, Omelette. Und wisst ihr was? Sogar ein Lunchsäckli hat sie parat gemacht. Nein nicht in einem Plastiksäckli. In ihrem Tuch, dass sie in Kyoto gekauft hat!

Jetzt kommt er wieder... Langsam aber sicher... Genau… Der Abschied. Solch einen Abschied in Worte zu fassen liegt mir nicht. Es sind Menschen die ihre Grosszügigkeit, ihre Gastfreundschaft, ihre Liebe, ihr Wohlwollen hier im Jetzt leben und weitergeben. Bedingungslos!

Werde ich zurück in der Schweiz dasselbe tun? Werde ich Reisende die einen Platz suchen ansprechen, sie einladen? Menschen zeigen mir immer wieder wie es geht. Ich werde mein Bestes geben!

Da die Strasse kurz nach ihrem Haus eine Rechtskurve macht, blicke ich nicht zurück, einfach nach rechts! Grosi winkt mit ihrem weissen Handtuch mir nach. Die Töchter filmen. Grossvater lehnt sich aus dem Fenster und winkt.

Das ist die japanische Familie Tamura aus Hofu. DANKE!

 

Herzliche Grüsse aus Fukuoka

Euer Thesi

 

PS. Nun sind es zwei A4 Seiten – wusst ich’s doch!

 

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22. Blog - Hiroshima JAP - Lass es rollen...!

In meiner Tasche warten zwei Schläuche. Die müssen geflickt werden. Hatte die dritte Platte. Nun, die können warten. Der Blog ist dran.

Es hat sich langsam angebahnt – kurz nach Nagoya hat es mich dann voll erwischt. Das Tief. Wie ein Taifun. «Warum schiebe ich stunden mein Göppel diesen Pass hoch? Warum nur?». Zu viele Fragen. Zuviel Schweiss. Zu heiss. Stehe zur Mauer und zeige mir so pragmatisch wie’s nur geht meine Reise auf. Wie auf einer Wandtafel. Rede laut vor mich hin. Vor einem halben Jahr bist Du hier gestartet. Im Moment bist Du hier in einem Tief, mitten drin. 

Du wusstest von Anfang an, dass dieses Tief kommen wird – hier ist es, nimm es an. Zeige den nächsten Punkt weiter rechts auf der Mauer auf. Hier wird das Tief vorbei sein – geh hindurch, beisse. Es gibt im Leben Hochs – aber auch Tiefs! Im Hoch, bin ich voller Kraft, im Tief kraftlos. Unmotiviert und ohne Kamera fahre ich aus Osaka los. Die Kamera wird mir in 7 Tagen nachgeschickt. Bravo. Sage zu mir: «Thesi, fertig jetzt! Lass es fahren. Lass es rollen. Lass es gehen. Denk nicht. Geniesse nur!!!» Kurz darauf winken mir zwei vom Strassenrand zu.

Zwei Liter Wasser und ein Pack Eiswürfel in der Hand parat. Kouhei und Hiroco laden mich spontan zu sich nach Hause ein. Die Sonne verschwindet grad am Horizont, 30 Kilometer to go! Schaff ich. Bin motiviert. Spüre die Kraft in meinen Beinen. Vom Tief ins Hoch katapultiert. Von einem Extrem ins andere in so kurzer Zeit. Hab ich wieder ein Glück!

Vor ihrem Haus hupe ich mit meinem indischen Hupi! Ganz schön laut. Wie alte Bekannte kommen sie zur Tür und wir geben uns eine Umarmung. Das ist so herzlich. So ein ehrlicher Drücker nach Monaten tut schon gut. Einen ganzen Tag verbringe ich mit den zwei lieben in Himeji. Sie zeigen mir die Burg und wir wandern zum Drehort von «The Last Samurai». Sie designen und Nähen Ledertaschen. Diese verkaufen sie in Tokyo. Hoffen auf den grossen Durchbruch – ich wünsch es ihnen von Herzen! Stunden sitzen wir in ihrem Atelier, tauschen uns aus. Als Andenken schenken sie mir eine Tasche! WOW, die werde ich in Ehren tragen. Und was habe ich für Sie? Ein einfaches DANKE! Herzensgute Menschen durfte ich kennen und schätzen lernen. Mit neuer Energie fahre ich los – der Abschied schwierig. Blicke keine Sekunde zurück. Was kommt liegt vorne.

Dieser Fahrtag ist gespickt von Highlights. Ein Mann schenkt mir Wasser, eine Familie feuert mich an und beim nächsten Rotlicht stehe ich neben Mutter mit ihren drei Jungs still. Der eine schaut mein Rad an und ist sich nicht sicher ob es wirklich ein Fahrrad oder sonst etwas ausserirdisches ist. Um ihn aus seinem Schockzustand zu befreien bewundere ich sein kleines Rad! «Deines ist aber auch sehr toll!». Frage die Mutter ob sie wisse, ob ich da vorne im Park übernachten könne. «Du kannst dort schon übernachten…hmmm…aber willst Du nicht lieber zu uns kommen? Bei uns kannst Du duschen und wir machen ein kleines Feuerwerk heute Abend. Das wird toll. HAbe auch eine Waschmaschine für Deine Wäsche». Ja ich stinke und die Einladung von Mayumi nehme ich sehr gerne an . Minuten später spiele ich mit den Jungs «Auto parkieren»! Sie leben auf engstem Raum. Die Kinder haben kein Zimmer, am Abend wird eine Matte im Wohnzimmer ausgelegt. Wenn ich denke, bei uns haben die meisten Kinder ein eigenes Zimmer! Wahnsinn. Luxus. Am Morgen klammert sich der älteste an mein Hosenbein, begleite ihn noch zur Schule. Der Abschied wieder schwierig. Gewöhne mich einfach nicht daran

Die nächste Nacht verbringe ich auf einem Parkplatz auf meiner Matte. Gucke zu den Sternen und bin glücklich solch ein Glück zu haben. Eine Kakerlake besucht mich spät abends. Sie bleibt über Nacht. Mücken gesellen sich dazu und saugen sich voll. Die sind auch glücklich!

Heute führt mich ein Um-Weg über eine der schönsten Strecken Japan’s. Praktisch nur einheimische Touristen…fährt eben kein Shinkansen dort durch! 70 Kilometer von Insel zu Insel immer wieder über eine grosse Brücke. Traumstrände überall. Bambuswälder. Am Schatten neben einem Getränkeautomaten treffe ich auf Heulwen und Darren aus England. Bequem sitzen sie in ihrem Liegerad und geniessen den Schatten. Seit drei Jahre sind sie unterwegs. Mit 40 wurden sie pensioniert, sie haben bei der British Army 22 Jahre durchgedient und haben nun Zeit. Zeit die Welt zu Er-Fahren. Am Strand plaudern wir noch weiter bis spät in die Nacht. 

Nach zwei weiteren Tagen, bei doch sehr angenehmen 36° Grad bin ich nun in Hiroshima angekommen. Bei der Einfahrt dachte ich an die erste Atombombe die 1945 hier abgeschossen wurde…sehe aber wie die Menschen heute den Schlamm und Dreck aus den Häusern bringen. Vor ein paar Wochen wurden hier viele Teile wegen des starken Regens überflutet. 

Mache mich gleich auf die Suche nach einer Kartonbox – will den Jungs von Mayumi ein Päckli schicken.

Morgen bekomme ich nämlich auch ein Päckli. Meine reparierte Kamera aus Osaka ist auf der Post. Und die japanische Post ist schnell! Schnell wie der Shinkansen, den wollte ich schon einige Male fotografieren – hab es bis jetzt nicht geschafft, nein ich bin nicht zu langsam – er ist zu schnell!!

Nun sitze ich hier im Hostel, links von mir Laurent. Ein Franzose der in Deutschland lebt und arbeitet. Er ist Pilot für Kleinflugzeuge und Ingenieur bei Airbus. Rechts von mir Edi. Auch ein Deutscher der aber in Kuala Lumpur für eine Dänische Firma arbeitet. Sie drucken Windeln.

Vis à Vis Miriam, aus Chicago. Sie ist Lichttechnikerin und zurzeit mit einem Musical auf Welttournee. Verschiedene Menschen, verschiedene Geschichten aber alle sind wir schockiert was hier in Hiroshima damals passiert ist. Der Mensch ist in der Lage solch eine Waffe zu bauen wie «Little Boy», aber dass der Mensch in der Lage ist sie abzuwerfen! Schrecklich! Wir können es nicht verstehen. Wir sitzen hier, wo vor Jahren tausende Menschen innert Sekunden ausgelöscht wurden. Wir finden keine Worte…

 

Morgen fahre ich weiter südlich Richtung Fukuoka…aber jetzt muss ich zuerst noch zwei Schläuche flicken!

 

Liebe Grüsse 

Euer Thesi

 

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21. Blog - Nagoya JAP - Diese Stille...

 

 

 

Vorneweg!

Es macht mich immer noch sprachlos und tief traurig was in Tadschikistan passiert ist. Vier Tourenfahrer sind auf tragische Weise ums Leben gekommen. Meine Gedanken, mein Mitgefühl sind bei den Angehörigen und Freunden.

Denke an die Gegend Danghara zurück…auf die Schönheit dieser Gegend. Karg. Rau. Still. Weit. Intensive Farben. Dem Himmel ein Stück näher. Und ja, die Gastfreundschaft von den Menschen erlebte ich damals auf dieser Strecke als sehr gross.

Es gibt sie überall, die herzensguten…aber leider auch die einzelnen furchtbar bösen.

Was soll ich sagen? Es tut mir einfach unendlich leid für Lauren, Jay, Markus und Rene und deren Umfeld!

Viel, viel Kraft!!

 

 

So viele haben mir auf den letzten Blogeintrag geschrieben: «Post nach Japan ist unterwegs»! Ihr seid die besten! Freue mich jetzt schon, wenn die erste Karte bei Mayumi im Briefkasten liegt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen was für eine Freude ihr dieser wunderbaren Frau macht! Vielen lieben Dank. Das rührt mich echt!

 

Heute geht’s besser. Gestern war’s schwierig. Sitze im Hostel Ann, direkt unter der Klimaanlage mitten in Nagoya. Es ist brutal heiss! Gefühlte 44°-47° Grad Tagsüber bei einer Luftfeuchtigkeit von 70-80%.  Zuhause in der Schweiz wisst ihr ja von was ich rede. Das Zelt stelle ich seit Wochen nicht mehr auf. Auch die Matte bleibt verstaut.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Draussen im Park auf einer Bank oder in einem Hostel. Vielleicht bin ich auch einfach ein Weichei?!

Sonntagabend, hundemüde finde ich einmal mehr eine Holzbank im Park. Toilette in der Nähe. Perfekt. Auf der Bank neben mir sitzt ein Obdachloser. Alt, mit krummem Rücken eingeknickt starrt er auf den Boden. Bin zu müde um zu sprechen. Teile einfach mein Sandwich und reiche ihm die Hälfte. «Arigato». Er strahlt, beisst hastig ab und hustet stark. Wann hat er wohl das letzte Mal etwas gegessen. Ich mag nicht denken. Lege mich samt Kleidern hin und probiere zu schlafen. Das Problem: die Temperatur sinkt nachts nicht unter 31° Grad. Schwitze. Warum bin ich hier? Die Frage kann ich heute nicht beantworten. Muss ich auch nicht.

Baue mir in Gedanken ein Abend mit Freunden auf. Wir reden über Gott und die Welt, lachen, haben’s gut zusammen, essen Pilze vom Grill, diese sind gefüllt mit Cantadou-Käse, herrlich! 02:00 Uhr bin immer noch hellwach! Die Pilzgedanken sind mittlerweilen gegessen. Der gute, alte Mann neben mir packt sein Pocket-Radio aus und schraubt und schraubt. Es «chrost». Er findet eine Frequenz. Hält inne, schraubt weiter. Sucht er wohl einen bestimmten Sender? Versuchs doch mal mit 88.8MHz…schön wärs! Ah jetzt, das Musikprogramm. Eine Art Japanischer Pop, glaub ich zumindest. Die Musik lenkt von der Hitze ab, wiegt mich aber nicht in den Schlaf.

Um 05:00 Uhr esse ich eine Banane, drei Mäuler voll Reis aus dem Säckchen und ein paar Nüsse. «Das Essen in Japan ist meeega gell?!» Bei mir gibt’s seit 7 Wochen abwechslungsweise Reis und Teigwaren. 2x habe ich mir einen Apfel für je 3 Franken gegönnt! 5x war ich auswärts essen und ja, da war das Essen wirklich herrlich. Bei dieser Hitze bin ich zu faul zum Essen.

Erinnere mich an die Fahrt vor fünf Jahren in der Wüste in Turkmenistan zurück. 51° Grad aber ich habe es nicht als super heiss in Erinnerung. Wolfgang aus Deutschland sagte mir damals: «Du musst essen, sonst hast Du morgen keine Energie! Iss jetzt!» Wir sassen im Sand, machten ein Feuer und ich hätte kotzen können! Heute weiss ich wie recht er hatte. Um 05:20 bin ich am Radeln, der warme Gegenwind trocknet die Schweissperlen, was ein bisschen Kühle erzeugt. Sitze den ganzen Tag feucht. Ja man schwitzt eben überall. Daher ist mein Hintern mittlerweilen rot und wund. Aber halb so schlimm. Schlimmer geht's meinen Korkgriffen. Die lösen sich förmlich auf. Haben risse und der Kunststoff unter dem Kork schwindet. Eben durchgegriffen. Muss bald mal neue Griffe finden - Lager und Kassette sollte ich nach bald 8000 Kilometern auch wechseln. Kann ich aber nicht selber. Vielleicht in Osaka..mal schauen.

Über 10 Stunden brauche ich für 60 Kilometer, also inklusive Pausen. Noch 20km bis Nagoya, let’s go thesi! Reiss Dich zusammen! Die Ampel zeigt rot. Stehe mit dem rechten Fuss ab und merke mir wird schwindlig. Sofort setze ich mich am Schatten auf’s Trottoir und lehne an die heisse Mauer an. Merke wie mein ganzer Körper pumpt. Trinke einen halben Liter auf ex. Heute schaffe ich es auf sechs Liter! Ein Autofahrer bringt mir einen weiteren Liter Wasser – so lieb. Ein Anderer schenkt mir isotonische Drops, ein weiterer kurbelt das Fenster runter, ballt seine Faust, spannt die Oberarmmuskeln an und gibt mir das Zeichen: «Du schaffst das»! Das motiviert echt! Das sind meine Helden der Strasse!

Das Gebiet rund um Nagoya liegt wie in einem grossen Talkessel. Die Winde ziehen viel weiter oben in der Atmosphäre durch. Also praktisch immer windstill, dadurch kühlt es nur schwer ab. Völlig erschöpft klopfe ich im Hostel Ann an die Tür. Bett frei – Himmel auf Erden! Bin wirklich ein Weichei!

Koche mir eine grosse Portion Hörnli mit Sojasauce. Und wisst ihr was? Im Kühlschrank gibt es Mayo for free, da knall ich mir eine ordentliche Portion drüber! So richtig viel!

Im gemischten 10er Schlafsaal kann ich trotz Licht und Geschnarche wunderbar einschlafen…direkt unter der Klimaanlage HA! Träume vom Mount Fuji…wenn die Realität zum Traum wird :)

Magisch steht er da. Bin fasziniert von diesem Berg. Diesem Vulkan. Seiner Schönheit. Auch wenn zuoberst kein Schnee liegt wie auf jeder Postkarte. Bekomme ihn aber nur ganz kurz zu sehen, die dicken Wolken lassen ihn im Nu verschwinden. Will da hoch! Fahre nach Fujinomya. Im Hostel recherchiere ich ein wenig über den Fuji-San. Bis zu 6000 Menschen sind in den Monaten Juli / August am Berg. Es gibt 9 Berghütten zum Übernachten. Free WIFI sogar auf dem 3776 Meter hohen Gipfel. Getränkeautomaten zuoberst. Will ich wirklich da hoch? Ist der Berg doch heilig!

Kann ein heiliger Berg dieser Auflauf verkraften? Jeder muss wohl mit seinem Gewissen da hoch. Von den Trekkings im Himalaya habe ich gelernt, Respekt gegenüber dem Berg ist extrem wichtig.

Die Hütten sind alle schon ausgebucht. Zwei kräftige, deutsche Männer erklären mir, dass ich auch einen Nachtaufstieg machen könnte. «Kann ich da alleine hoch?», «Ja, ja da sind viele unterwegs in der Nacht! Es gibt Dir einfach ein total langer Tag, aber so musst Du nicht übernachten». Wenn ich ihre Statur, "Scheiche wie Eiche", so betrachte ist dies bestimmt möglich. Nun gut, ich kann ja einfach ein paar Stunden früher starten. Es gibt verschiedene Routen auf den Fuji-San. Ich wähle die kürzeste aber die steilste. Packe meine warmen Sachen ein, Reissnacks, Energieriegel, 3 Liter Wasser, Kamera und Stirnlampe. Bei der 5. Station auf 2400 Meter warte ich 6 Stunden. Komme ja von 5 Meter über Meer! Alles ist Wolkenverhangen.

Gegen Mittag starten die meisten. Vor dem Aufbruch herrscht Dehnübung-Stimmung der japanischen Touristen. Der Guide stellt die Stöcke ein, kontrolliert bei jedem die Rucksackeinstellung, schnallt die pinkigen Gamaschen fest. Ein Schauspiel. Gleicht einer Modeschau. Einige halten schon den Sauerstoffspender mit Maske aus der Dose parat! Jesses. Gegen Abend wird es ruhiger. Bevor ich um 18:18 Uhr loslaufe spreche ich innerlich ein Mantra und bedanke mich, dass ich überhaupt auf diesen heiligen Berg hochlaufen darf. Aber wo sind jetzt all die vielen Menschen die auch abends starten? Niemand hier! Mir ist ein wenig mulmig. Ich gehe einfach langsam aber sicher! Schon nach wenigen Metern merke ich, wie ring ich gehe. Es fühlt sich so gut an. Diese Stille. Bin nun über der Wolkendecke. Allein...

Nach zwei Stunden mache ich bei einer Hütte halt. Alle sind schon am Schlafen. Sitze auf dem Bänkli und sehe am Horizont wie der Mond – also eigentlich heisst es DIE Mond! – feuerrot aufgeht. Was für ein Anblick. Da muss ich aufstehen. Das hat mit Respekt zu tun. Atme tief ein, die Lungen füllen sich mit Energie. Diese Energie verteilt sich im ganzen Körper. Da ist so eine Kraft vorhanden. Via Mond schicke ich meine besten Wünsche und Gedanken zu all meinen Freunden, Bekannten und Mama. Danke, dass sie mich unterstützen, mitreisen.

Auf halbem Weg treffe ich auf einen Polen. Er sitzt auf einem Stein, Arme verschränkt und zittert. Kein Wunder bei fast 0° Grad, Wind und in kurzen Hosen! Zünde ihm mit meiner Stirnlampe ins Gesicht. Seine Augen sind ganz rot. «Hey Man, alles ok??». Er ist seit morgens um 05:00 Uhr unterwegs, also seit gut 20 Stunden. Gebe ihm ein Energieriegel. «Hast Du lange Hosen mit dabei?», «Nur ein Schlafsack». «Also los, pack ihn aus!». «Wir sind auf 3000 Metern, noch gut 700 Meter bis nach oben, schaffst Du das?». Er versichert mir, dass alles ok sei und er noch ein wenig warte und dann langsam aufsteige. Gut. Weiter unten sehe ich Lichter von Stirnlampen und so ziehe ich weiter.

Kurz nach 02:00 Uhr bin ich oben. Noch niemand da. Kein Wunder bei dieser S.. Kälte! Noch drei Stunden bis Sonnenaufgang. Lege meinen Rucksack an einen Lavabrocken, setze mich hin und bestaune bei Mondschein den Krater! Unglaublich! Da finde ich einfach keine Worte diesen Moment zu beschreiben. Fühle diese absolute Freiheit. Ein Moment ohne Sorgen, ohne Ängste…eigentlich ohne Gedanken und Überlegungen. Einfach sein.

Langsam kommt die Masse oben an. Kurz vor 05:00 Uhr dann das grosse Feuerwerk zum 1. August.

Der Horizont feuerrot. Die Wolkenränder am Horizont werden in einer goldenen Linie nachgezeichnet. Die Sonne geht auf. Langsam aber sicher! Magisch. Einzig.

Danke, darf ich diesen Moment erleben. Ein Moment voller Energie.

Ein Stück dieser Energie schicke ich in Gedanken zu euch liebe Blog-Leser!

 

Euer Thesi

 

 

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20. Blog - Tokyo JAP - Mayumi

Seit einer Stunde studiere ich, wie ich diesen Blog schreiben soll. Wenn ihr mich zurück in der Schweiz fragt: «Und wie war Japan?» Dann werde ich euch nicht von den Tempeln erzählen. Auch nicht vom feinen Essen. Dann werde ich euch von Mayumi erzählen! Die Geschichte beginnt im kalten Warschau. Wir waren im selben Hostel, im selben Dorm. OkyDoky hiess es. Kurz vor ihrer Weiterreise steckte sie mir ein kleines Zettelchen zu. «Hier meine Adresse, wenn Du kurz vor Tokyo bist, komm mich doch besuchen, das würde mich riesig freuen!».

Bin nun kurz vor Tokyo. Die letzte Woche war schwierig. Heiss. Feucht. Nächte auf Parkplätzen neben Lastwagen.

Lange Zeit. Müde. Die Frage nach dem «Warum?».

Das Zettelchen mit Mayumi’s Adresse kam genau zur richtigen Zeit. Zufall? Bestimmt nicht! Wir haben am Highway-Service in Yachiyo um 14:00 Uhr abgemacht. Solch eine Vorfreude hatte ich das letzte mal gespürt als Mama nach Moskau kam.

Sehe sie schon von weitem auf der Bank sitzen. Das Wiedersehen tut so gut obwohl ich Mayumi gar nicht kenne.

Aber es gibt Menschen die mag man auf Anhieb!

Sie lebt auf engstem Raum im 5. Stock. Es ist heiss in der Wohnung. Eine Klimaanlage wäre zu teuer. Sie entschuldigt sich für die einfache Toilette. Sie entschuldigt sich für die kleine Dusche. Sie entschuldigt sich, dass sie mir kein richtiges Bett anbieten kann. Sie entschuldigt sich, dass sie nur einfach koche, weil sie nur eine Gasplatte hat. Erkläre ihr, dass ich einfach glücklich bin hier sein zu dürfen.

Sie schenkt ganz behutsam Milch in das Schilthorntassli. «Aus der Schweiz hab ich das Tassli, entschuldige die Milch ist nicht so dick wie bei euch». Sie hat extra Milch für mich gekauft, weil sie dachte als Schweizerin liebe ich sicher ein Glas Milch. Wie aufmerksam! «Du kannst solange bleiben wie Du willst, es ist sehr heiss, du musst dich erholen. Schön bist Du da!». Sie strahlt verschmitzt. «Mayumi erzähl, Du warst also in der Schweiz?». «Ja zehn Mal!». Sie hat als Japanische Reiseführerin gearbeitet. Hat die ganze Welt gesehen. Ganz Amerika, von Patagonien über Mexiko bis Alaska. Ganz Europa, vom Stiefel bis Skandinavien. Viele Länder Afrikas. Australien. Neuseeland. Russland. Ganz Asien. «Du warst also überall auf der Welt?» «Not yet! Die Antarktis habe ich noch nicht gesehen! Als Reiseleiterin war ich immer im Eiltempo unterwegs. Wir Japaner reisen schnell, haben wir ja nur eine Woche Ferien pro Jahr. Aber ich habe viele Meilen gesammelt. Erst jetzt, wo ich pensioniert bin, kann ich reisen. Dank den Meilen! Einmal pro Jahr».

An der Wand das Bücherregal. Gefüllt mit Reiseführern und Notizen. Zuunterst reiht sich Tagebuch an Tagebuch. Zuoberst sind Schuhkartons gefüllt mit Postkarten von überall. Von jeder Tour hat sich Mayumi selber eine Postkarte nach Hause geschickt. Als Erinnerung. «Weisst Du, die Informationen aus diesen Führern sind alt, nicht mehr aktuell. Die Farbe verbleicht langsam, jeden Tag sehe ich das Regal und merke, ich werde alt…wie die Bücher. Vielleicht sollte ich sie entsorgen?!». «Nein Mayumi! Behalte sie. Es ist Dein Leben. Du hast die ganze Welt in Deiner Wohnung.» An der Lampe hängt ein kleines Alpaka aus Peru. Am Kühlschrank ein Magnet aus Griechenland. Am Fenster ein Kuhglöcken aus der Schweiz. An der Wand ein Plakat aus Rom. «Und diese Vase hier Mayumi? Von wo ist die? Die ist aus Japan. Mein Vater hat sie mir geschenkt. Meine Eltern sind vor 10 Jahren gestorben. Meine Schwester sehe ich 1 Mal pro Jahr.» «Hast Du Freunde?» Es ist still… «Nein. Ich habe keine Freunde. Aber schön bist Du hier!». «Kennst Du Deine Nachbarn?». «Nein. Es ist alles sehr anonym hier».

Ich könnte weinen. Sie hat niemanden. Kein Austausch. Denke an meinen Abschied im Kiental am 03.03. Soo viele Freunde sind gekommen. Am liebsten würde ich sie alle mit Mayumi teilen. «Was machst Du den ganzen Tag?».

«Also die letzte Woche habe ich Deine Website übersetzt». Wie jetzt? Schnell bringt sie das Heft und mir verschlägt es die Sprache… Sie hat meine ganze Website auf Deutsch abgeschrieben und jedes Wort mit dem Dix ins Japanische übersetzt! Ein paar Wörter konnte sie nicht übersetzten. Göppel, Hajk und Freddy. Noch einmal. Sie hat es nicht im Internet mit Google Translate übersetzt! Nein jedes Wort einzeln mit dem Wörterbuch. Einfach unglaublich! Das rührt mich zutiefst.

 

Jeden Morgen schreibt sie News von BBC (schaut sie in ihrem Mobile nach) auf Englisch in ihr Heft ab. Um 05:00 Uhr beginnt sie. So lernt sie Englisch.

Ich lege mich sehr müde auf die Strohmatte und schlafe ein. Schlafe so ein wie Zuhause. Mit Kopfschmerzen wache ich schweissgebadet mitten in der Nacht auf. Das T-Shirt ganz nass. Drehe meinen Kopf nach links und sehe den Mond durchs offene Fenster. Bald geht er auch in der Schweiz auf. Sende ihm die besten Gedanken, er tragt sie zu meinen Freunden und Menschen die ich gerne habe. Bin dankbar, dass ihr von Zuhause aus mitreist.

Sehe die Positionslichter der Flugzeuge die im Minutentakt den Internationalen Flughafen Narita anfliegen. Direktflüge auch aus Zürich. Habe Heimweh.

Habe Geburtstag. Werde es Mayumi nicht verraten aber ich werde ihr diesen Tag schenken.

Sie hat extra Toast fürs Frühstück gekauft. «Entschuldige es ist nicht so gut wie euer Brot…aber ähnlich wie Brot». «Mayumi, heute machen wir uns einen schönen Tag! Sag, hast Du eine Idee? Was machen wir? Was möchtest Du sehen?». «Die Pandas im Zoo in Tokyo! Die werden jährig. Und ich weiss einen Tower in Tokyo wo wir gratis hoch können.» Super. Nach einer Bus- und Zugfahrt von 1.5 Stunden sind wir mitten in der Stadt. Besuchen einen Tempel. Die Menschen werfen eine Münze und beten. «Hier Mayumi, nimm die Münze und wünsch Dir was!». Aus meinem Blickwinkel beobachte ich wie sie die Münze wirft, die Augen schliesst, die Hände faltet. Möge sich ihr Wunsch erfüllen!

Der Tower hat zum Glück einen Süd- und einen Nordturm. So können wir zweimal hoch. Herrlich!

Sie will mir unbedingt das Feuerwerkkino zeigen. Gratis gibt es einen Feuerwerkfilm zu sehen. Wir sind die einzigen. Sitzen nebeneinander und schauen zehn Minuten wie eine Rakete die andere jagt. «Mayumi, wo geht Deine nächste Reise hin?» «Gell im März wirst Du in Nepal ankommen?» Ich lache und nicke still. Wir sind Freunde!

Zur Feier des Tages kaufe ich vier verschiedene Kuchenstück. Zuhause schlemmen wir und sie sagt: «Wow, das war ein toller Tag. Wie ein Geburtstag!». In der Tat.

«Willst Du wirklich schon Morgen weiterreisen?». Am liebsten würde ich noch ein paar Tage bleiben. Der Abschied kommt so oder so. Das ist das traurige. Ob Heute oder Übermorgen. Ich will bleiben, ziehe aber weiter! «Schau ich habe hier noch Papierschnitte aus China. Vor Jahren habe ich diese gekauft. Bitte wähle ein Set aus für Deine Mama. Welches gefällt Dir am besten? Ich mache Dir in der Zwischenzeit ein Brötchen für auf den Weg». Mich zerreisst es. Wie eine Mutter streicht sie in der kleinen Küche mit dem Holzmesser ein Brötchen. Es ist nicht einfach das Brötchen, es ist das Gefühl von ein Stück Zuhause dabei zu haben, wenn dieses immer weiter in die Ferne rückt!

Mayumi, ich weiss Du wirst diesen Blog übersetzen. Wort für Wort. Dein grosses Herz ist wunderbar. Dir wünsche ich das Allerbeste der Welt. Weisst Du, Diesen Blog lesen auch viele meiner Freunde und Bekannten und ich weiss die werden Dir gute Gedanken schicken. Mayumi Du hast in Gedanken viele Menschen die Dich gerne haben. Das weiss ich!

DANKE für Alles! Du hast mich ein Stück Leben gelernt. Dich werde ich nie vergessen. Von Dir werde ich noch lange erzählen.

 

Und jetzt, meine lieben Freunde, habe ich eine Bitte an euch!

Ihr würdet mir eine riesen Freude machen und das grösste Geschenk überhaupt, wenn ihr in einer freien Minute Mayumi eine Postkarte schicken würdet. Sie liebt Postkarten! Ihre Adresse:

 

Mayumi Murakami

3-7-509

Yonamoto Danchi

Yachiyo – Shi

Chiba – Ken

Japan

276-0014

 

Sie begleitete mich noch bis zur grossen Strasse. Der Abschied fällt schwer. Winke. Schaue nicht zurück.

Wer weiss, vielleicht treffen wir uns in Nepal wieder. Auf jeden Fall liebe Mayumi, bist Du in der Schweiz immer herzlich Willkommen unsere Türe wird offen sein wenn Du kommst!

Hab Dich lieb! 

 

Liebe Grüsse

Euer Thesi

 

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19. Blog - Ichinohe JAP - Reiko, warum hast Du gestern angehalten?

Beginnen wir beim Kopf.

Mister Hiroyuki steht mit dem Kompass neben mir, im Zimmer seines Sohnes. Kopfkissen wird nach Osten ausgerichtet. Nur so lässt es sich gesund schlafen.

Sein Sohn ist übrigens in Tokyo auf der Uni…nur so!

Mister Hiroyuki nimmt den Boden nass auf, stellt mir eine Tasse kalten Grüntee auf den Rundtisch und meint ich solle mich erholen. Die Japaner sind scheu? Nicht alle! Wollte vorhin mein Zelt im Park neben dem Friedhof stellen. Es hatte sogar einen Wasserhahn. Mister Hiryuki’s Joggingrunde geht beim Friedhof vorbei. Hier macht er immer eine Verschnaufpause und ein paar Dehn-, Streckübungen. Frage ihn ganz höflich ob das wohl in Ordnung sei, wenn ich hier mein Zelt stelle?! Er setzt sich auf die Bank und denkt nach. Er denkt eine ganze Weile. (habe ich hier in Japan übrigens schon öfters beobachtet, man nimmt sich Zeit zu denken, just a moment, i have to think!)«Besser Du kommst zu uns nach Hause! Komm mit». Er ist ein schneller Läufer, beim «Hoger» mag ich ihm kaum nach, jesses!

Vor seinem wunderschönen, japanischen Haus ist die Aufregung gross. «Aus der Schweiz? Den ganzen Weg aus der Schweiz? Aus DER Schweiz?? Schnell ruf die Tante an, die glaubt nicht, dass wir eine Schweizerin bei uns haben! Weck den Grossvater auf!». Schon verrückt, hier kennt jede und jeder die Schweiz. Denke zurück, als ich damals durch Länder fuhr, wo die Menschen gar nicht wussten, dass es eine Schweiz gibt. Noch nie von dem Land gehört.

So anders hier.  Und ich fahre ja auch durch winzige Dörfer, wie dieses. Auf meiner Papierkarte, sowie auf dem maps.me App gar nicht eingezeichnet. Die Gastfreundschaft der Familie ist einfach total herzlich. Kann Duschen und schon steht ein Menu auf dem Tisch. Reis, Kimchee, Eiersuppe, Kabissalat und Schweinefleisch. «Bist Du Christ? Katholisch? Darfst Du Schweinefleisch essen?» :) «Ja, ich esse Fleisch und probiere sehr gerne davon». Auf der japanischen Matte mit richtiger Aurichtung kann ich herrlich schlafen. Am Morgen ist ein stärkendes Frühstück mit Reis, Salat, Lauchsuppe und Banane auf dem Tisch. Mutter schenkt mir noch ein Pack Feuchttücher. Danke Mister Hiroyuki. Für Alles. Arigato!

Bleiben wir bei der Gastfreundschaft – wechseln aber zu Reiko. Die Geschichte beginnt mitten auf der Strasse. Bin wie fast jeden Tag in Hokkaido, bis zuinnerst durchnässt. Muss meine Gedanken enorm fokussieren, dass der Regen mich nicht niederprasselt. Will hier nicht jammern. Was die Menschen im Südwesten Japans zurzeit durchmachen ist ganz, ganz schlimm.

Sehne mich für einen kurzen Moment nach Zuhause. Sehne mich danach wie ich an der Holz-Tür anklopfe, warte und Mama öffnet. Es riecht nach Ofenkartoffeln mit Rosmarin. Natürlich mit einem Schuss Olivenöl aus der Toskana. Sie drückt mich. Verweile in Gedanken. Ist es eine Träne? Oder ein Regentropfen der über die Wange rollt? Just in diesem Moment hält ein Auto vor mir. Die ältere Dame winkt mir zu. «Hallo, entschuldige, dass ich dich aufhalte. Bist Du aus der Schweiz? Ich war vor 42 Jahren in Genf, Zürich und Interlaken. Bin Dir eine Weile gefolgt. Gerne möchte ich Dir diese Karamellbonbons schenken und da noch eine Spezialität aus Hokkaido. Zur Stärkung. Entschuldige, dass ich dich aufhalte, tut mir wirklich leid. Mein Name ist Reiko.» Jetzt ist es definitiv eine Träne! Wisst ihr, für mich ist das kein Zufall. Wenn ein Gedanke auf die Realität trifft! Habe keine Termine und alle Zeit der Welt. So plaudern wir im Regen. «Es ist noch weit bis Hakodate! Wenn Du ankommst, lade ich Dich zu Sushi ein, ruf mich an, wenn Du da bist. Pass auf Dich auf. Fahre vorsichtig!»

Schon fährt sie mit den Warnblinkern davon. Warum darf ich immer wieder so netten Menschen begegnen. Ich bin ein Glückspilz! Dafür danke ich jeden Abend.

Es regnet die ganze Nacht durch. Hab schlecht geschlafen. Ziehe aber in der Früh motiviert die feuchten Kleider an. Ab nach Hakodate. Reiko wartet. Ein Japaner schenkt mir unterwegs noch ein Bier mit Whiskey. Ein anderer Kekse.

Finde ein günstiges Hostel. Also es war eher eine Wohnung. Der Mann lebt alleine hat ein Restaurant und ein leerstehendes Zimmer. Reiko holt mich um 17:40 Uhr hier ab. Im besten Sushishop der Stadt esse ich das allerbeste Sushi. Japaner kommen sogar von Osaka mit dem Flieger um hier Sushi zu essen. Der Sushi-Master ist seit 42 Jahren im Geschäft. Die Kunst hat er seinem Sohn weitergegeben. Zusammen zaubern sie. Mutter ist an der Kasse. Das ist echt ein Erlebnis. «Reiko, sag mir, warum hast du gestern angehalten?». «Ich sah, dass du eine Frau bist und aus der Schweiz kommst, so traute ich mich. Die Reise damals in die Schweiz werde ich nie vergessen. Und, ich denke es ist wichtig mit Menschen von anderen Kulturen und Nationen in Kontakt zu kommen. Magst du lieber Lachs oder Aal?» Lachs.

Reiko erzählt mir ihre Geschichte. Ein kurzer Ausschnitt? Gut. Als ihre beiden Kinder zur Schule gingen wollte sie die Autoprüfung machen. Ihr Mann ist Arzt und war nicht begeistert von der Idee. Es könnte was passieren. Ein Unfall, unvorstellbar wenn erst noch die Kinder hinten drin wären. 25 Jahre später, als die Kinder ausgezogen sind, hat sie sich heimlich für Fahrstunden angemeldet. Als sie bestanden hatte, zeigte sie ihrem Mann den Ausweis! Er freut sich. Sie sitze jetzt ja alleine im Auto. «Weisst Du, 25 Jahre habe ich gewartet aber ich habe es gemacht! Toll gell?! So kann ich nun von Sapporo aus mit dem Auto meine Tochter und Enkelin in Hakodate besuchen. Komm wir probieren noch den Hering!»

Ich bin so stolz auf Reiko. Ich esse hier Sushi mit einer 70-jährigen Dame und merke, wir sind Freunde. Drei kleine Kuhglöcken aus einem Tourishop in Interlaken hat mir Mama ins Gepäck eingepackt. Sie sagte vor der Abreise: «setzte sie weise ein!». Reiko bekam das erste Glöcken. Sie strahlte und drückte mich.

Genau diese Momente machen diese Reise aus!

 

Liebe Grüsse aus Japan

Euer Thesi

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18. Blog - Sapporo JAP - Mikado in Hokkaido

Alles war trocken. Alles wurde nass. Alles ist wieder trocken!

Die letzten paar Tage - ein reines Geduldsspiel. Diese Erkenntnis habe ich aber erst jetzt. Jetzt wo ich hier im trockenen, grasgrünen Schaukelstuhl sitze. Sapporo – bekannt durch die Olympischen Winterspiele wo Marie-Theres Nadig und Bernhard Russi 1972 jubelten – für mich der Ausgangspunkt für eine Runde auf Hokkaido.

Freddy wartet draussen im strömenden Regen. 100% Regen sagt das Wetterapp. Da auch in den nächsten Tagen keine Wetterbesserung in Aussicht ist, warte ich nicht, sondern fahre los. Die Route steht, die Würfel sind gefallen, wie die Stäbchen beim Mikado. Jetzt gilt es die meisten Punkte aus dieser Regenfahrt herauszupicken. Meine Stimmung probiere im Top-Bereich zu halten. Nach Tagen ist alles nass, bis auf den Schlafsack, der ist nur feucht. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen nass und feucht!

Unterwegs treffe ich auf Y-Lee (Uailii). 54-jähriger Mann aus Taiwan, mit dem Ziel, den nördlichsten Punkt Japans per Rad zu erreichen. Ausgerüstet mit Rucksäckli, 800 Gramm Zelt und Geldbeutel! Leichtgewicht. Wir verstehen uns gut. Sind gemeinsam unterwegs. Er fährt ca. einen Schnitt von 24km/h. Da muss ich mit meinem 18er Schnitt mächtig in die Pedale treten. Das ist gut so. Fordert mich. Geht’s bergab überhole ich ihn natürlich, da kommt mir das Gewicht zu Gute. Das Gefälle gefällt mir sowieso!

Munter erreichen wir das Kap Soya, die Freude natürlich gross. Wir geben uns einen Handschlag und klopfen uns auf die Schultern wie alte Freunde. Er hat sein Ziel erreicht, grossartig! Im Touri-Shop kaufe ich ihm einen Kleber als Erinnerung.

In leisen Gedanken sehe ich mein Ziel vor Augen und erinnere mich an das Gefühl von damals als ich in Nepal ankam. Ich spüre, dass ich wieder in Nepal ankommen werde. Geniesse diesen Gedanken, verweile darin, möchte ihn anhalten. Realisiere, dass dieses letzte Mikado-Stäbchen aber noch weit unter anderen verborgen liegt. Zwischendurch lugt es hervor. Davor gilt es alle anderen sicher und sorgfältig vom Feld zu nehmen. Bedacht. Behutsam. Konzentriert und Fokussiert.

Am Abend vor dem Zelt meint Y-Lee, er fahre nun wieder auf der Route 40 zurück nach Sapporo. Wir werden uns also Morgen verabschieden, ich werde der Küste entlang fahren und dem Gegenwind trotzen. Er fährt früh los, liege noch bequem auf meiner roten Isomatte, öffne den Reisverschluss und schon ist er weg. «Komm gut nach Hause Mister Y-Lee, es war mir eine Ehre mit Dir zu fahren. Go for it man!». Immer wieder hat er gesagt: «Enjoy! Enjoy!». Geniesse!

Egal wie mühsam die Umstände sind, ich muss versuchen immer wieder einen Geniessmoment in der Situation zu finden. Glückt es mir ein Mikado-Stäbchen ohne ein anderes zu berühren sorgfältig aufzuheben, geniesse ich die Sekunde wo ich weiss, es ist geglückt. Die Punkte zählen! Er hat mir eine ganz wichtige Eigenschaft in meinen Rucksack gepackt. Geniesse!

Drei Stunden später, an der Küste, die Wolken sind tief, der Regen heftig mache ich halt beim Seicomarket. Wer sitzt am Boden? Mister Y-Lee! «Was machst Du denn hier?». «Hab gedacht ich fahre nun auch Küste! Du warst aber schnell hier!». So schön. Schon nach wenigen Kilometern merke ich, bei ihm ist die Luft draussen. Er fällt weit zurück, nach wenigen Minuten sehe ich ihn nicht mehr im Rückspiegel. Was ist los? Schleppend kommen wir voran. Der Wind macht ihm zu schaffen. Sofort kommt mir die Situation am Cho-La Pass im Himalaya in den Sinn. Wir waren auf einer Höhe von ca. 5300M.ü.M. Mindu, mein Guide merkte sofort, ich lasse nach.  Er ging vor mir, mein Blick waren auf seine Schuhe gerichtet. Ein Schritt nach dem Anderen. Ich kann. Ich will. Ich muss.

Jetzt ist es wohl an mir, Mister Y-Lee mental zu ziehen. Kann ich das überhaupt? Merke mir sein durchschnittliches Tempo. 7km/h. Fahre konstant vor ihm mit 10km/h. Nach sieben Stunden im Sattel und der ungemütlichen Kombination von Dauerregen und Wind geht nichts mehr. Bei Dunkelheit haben wir einen Platz gefunden um das Zelt zu stellen. Er sitzt da und starrt auf den Boden. «Hey Man! Los! Stell dein Zelt auf, pack die Isomatte aus, zieh etwas einigermassen Trockenes an!». Es kommt noch übler…

Am nächsten Tag, nach 30 gefahrenen Kilometern ist die Strasse gesperrt. Alles zu. Auch die nächste Passstrasse die uns zurück auf die Route 40 bringen würde ist gesperrt. Alles überschwemmt. Ein Einheimischer sagt, wir müssen zurück in den Norden. Konkret heisst das, die 300 Kilometer wieder zurück. Mister Y-Lee setzt sich auf die Strasse, isst erstmal eine Banane! Übermorgen geht sein Flug zurück nach Taipeh und wir sitzen hier fest. Kein Zug. Kein Bus. Strassen zu. Irgendwie schaffen wir das! Wir fahren zum nächsten Seico-Market essen Nudelsuppe und denken.

Ich bestelle mir beim Universum eine Lösung. Unglaublich aber wahr…5 Minuten später fährt ein Lieferwagen zu. Der gute Mann bietet an, uns auf den nächstmöglichen Pass zu fahren. Echt jetzt? In Minuten sind unsere Räder eingeladen, Mister Y-Lee zwischen Speichen und Pedalen eingeklemmt geht die Fahrt los. Zuerst zu ihm nach Hause, seine Frau will uns begleiten und gibt uns je ein trockenes Frottiertuch. Soo lieb. Im nächsten Laden kaufen sie uns einen Reissnack, Poulet und warmen Tee. Dazu ein Pack Wärmepflaster. Also wirklich jetzt, wir sind Engeln begegnet! Die Fahrt auf den Pass ist nicht einfach kurz um die Ecke, nein es sind knappe 80 Kilometer! Einfach so! Würde ich wildfremde, nasse Dreckspatzen von Spiez nach Solothurn fahren? Einfach so? Ganz ehrlich…wohl kaum!

Wir wollen ihnen Geld geben für das Benzin. Das wird vehement abgelehnt. Sie umarmen uns und fahren davon. DANKE! Zum Glück hatte ich noch 2 Tafeln Schokolade aus der Schweiz in der Tasche!

Am Abend im Zelt rollt mir eine Träne runter…diese grenzenlose Gutmütigkeit von den Beiden kann ich kaum fassen.

Mister Y-Lee steht vor meinem Zelt: «ich werde morgen den Zug bis nach Sapporo nehmen, ich kann nicht mehr. Danke hast Du mich gepusht».

Auch ich schaffe keine weitere Nacht mehr im Zelt. Womöglich schon. Aber ich will ins trockene brauche eine Pause nach diesem 1000km Loop. 220 Kilometer bis nach Sapporo. Schaff ich das in einem Tag? Eher Nein. Nach 100km habe ich normalerweise genug. Es beginnt zu rattern im Hirn. Möglich sollte es aber schon sein. Rechner, Karte und Kugelschreiber hervor. Ich stelle einen Plan auf!

Wenn ich einen Schnitt von 17km/h fahre, alle 25 Kilometer 10 bis max. 15 Minuten Pause mache bin ich in 14h und 30 Minuten in Sapporo. Muss also um 03:00 Uhr aufstehen und um 04:00 Uhr losfahren. Der Plan steht. Ich werde mich an meine Grenze pushen und es schaffen. 80% ist hier Kopfsache. Es regnet die ganze Nacht durch, der Morgen bringt keine Ruhe. Los geht’s, das ist mein Tag! Punkt 04:00 Uhr bin ich gesattelt. Es gibt immer wieder schwierige Mikado-Stäbchen im Spiel!

Komme gut voran trotz Regen. Schwimme in den Schuhen. Und die Polstervelohosen…könnt ihr euch selber ausmalen. Nach 150 Kilometer wird es schwierig. Werde müde. Nach 180 Kilometern schlage ich mir regelmässig ins Gesicht, schlafe fast ein. Die Beine treten und treten. Denke an nichts. Nach 200 Kilometer werde ich sehr langsam. Kann den Schnitt nicht mehr halten. Hatte aber zwischendurch einen 30er dank Rückenwind. Sechs Bananen. Drei Nudelsuppen. 224 Kilometer. 12 Stunden reine Fahrzeit. Um 18:59 Uhr stehe ich vor dem Hostel.

Timing is everything! Plan aufgegangen. Dieses Mikado Stäbchen ist gesichert.

Mein Körper ist nicht gemacht für eine solche Strecke mit vollbepacktem Göppel. Aber ich weiss jetzt, mein Kopf kann eine solche Strecke schaffen. Eine wertvolle Mikado Runde in Hokkaido!

 

Geniesser-Grüsse aus dem Norden Japans

Euer Thesi

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17. Blog - Kyoto JAP - Eigentlich wollte ich nur Spülen...

Japan. Osaka. Es regnet wie aus Kübeln. Stehe neben Freddy in der Türe der Ankunfts Halle und blicke auf die Schiffscontainer. Vor mir eine riesen Metropole, in mir kein Plan wohin.

Nach Nagoya um die Fähre mit Umwegen nach Sapporo hoch zu erwischen? Nach Kyoto um die Stadt zu erkunden? Von da aus weiter nach Tsuruga um die Direktfähre nach Tomakomai zu nehmen? Entscheide dich thesi, es wird sowieso den ganzen Tag regnen. Entscheide dich einfach! Hü! Erst mal kurz auf die Toilette!

Und aus kurz wird lang! Eigentlich wollte ich nur spülen aber da hat es soo viele Knöpfe, das braucht Zeit! Bin echt überfordert, gibt’s da eine Anleitung auf Englisch? Nun gut, drücke ich eben mal den ersten Knopf. Der WC-Ring ist übrigens geheizt (ohne einen Knopf zu drücken). Hoffentlich komm ich da trocken raus. Oh ganz klein ist es doch in Englisch geschrieben: «Bidet». Nein Danke. «Spray», was jetzt? Duftspray? Ach so, der Po wird nass. Es reicht dann auch mal, wo stell ich das wieder ab? Vielleicht beim «Water Pressure»? Eh, nein da Regnets nur noch mehr! «Stop», geschafft der «Spray» hat gestoppt. Das High-Tech WC munter mich förmlich auf! Was haben wir noch? Hoppla, jetzt wird da unten geföhnt. Der «Sound» Button ist verlockend, vielleicht ist ja Radio BeO eingestellt. Leider nicht, der Sound ist das Spühlgeräusch, aber es spült gar nicht! Himmel, also «Sound Stop». Vielleicht läuft was bei «Power Deodorizer», was heisst Deozorizer überhaupt? Zum Glück gibt’s auf der Toilette freies WLAN, so übersetze ich das Wort erstmal bevor ich den Powerknopf drücke, will ja nicht gleich alles in die Luft jagen. Desodorierer, aha und was heisst das jetzt? Sitze grad in der Patsche, habe schiss auf der Toilette einen Knopf zu drücken…no risk no fun! Die Toilette beginnt mit komischen Geräuschen, ojeoje soll ich wohl den «Emergency Call Buton» drücken? Und dann? Steht da urplötzlich ein Toilettenretter vor der Tür? Ganz ruhig, muss doch zuerst einmal spülen, wo um Himmels willen ist die Spülung?! Ah, da oben auf dem Deckel, drei Knöpfe, ich drücke mutig den ersten, uff es spült. Geschafft. Aus reiner Neugier drück ich noch den zweiten, da kommt weniger Wasser, ach das ist ja wie bei uns. Der dritte ist mit Eco angeschrieben. Den Sparmodus. Et Voila!  Jetzt weiss ich bescheid und brauche einen Grüntee, aber Dali!

Draussen Regnets immer noch. Macht nichts, bei der nächsten Toilette kann ich wenigstens mein Po trocknen oder eben Föhnen! Alles eine Frage der Einstellung.

Die 50 Kilometer Stadtausfahrt schaffe ich nur dank meiner Offline-Karten-App auf meinem Telefon. Das kann auch alles Unmögliche und mögliche. Nach ruhigen, knappen 5 Kilometer entlang dem Fluss begann dann auch schon wieder die 20 Kilometer lange Stadteinfahrt nach Kyoto. In Gedanken bin ich immer noch geflasht von der High-Tech Toilette. Der Wahnsinn!

Kyoto. Habe hier eine hübsche Unterkunft gefunden. Eigentlich wollte ich in einem 7 Eleven nur eine Cola kaufen. Habe ich auch, eine farblose. Clear heisst die Cola und sieht aus wie Wasser, schmeckt aber wie Cola. Also ich find’s spannend hier. Beim hintersten Regal war dann ein Pfeil mit «Fairfield Rooms» angeschrieben. Hat der Laden hier nebst farbloser Cola auch Zimmer? Der Verkäufer begleitet mich kurzum in den 5. Stock und schon stehe ich an der Rezeption. Sie haben ein Bett frei, super günstig und zentral. Gebucht! Hier bleibe ich und schaue mir die Stadt an. Der Nachteil, Freddy hat hier keinen Platz, es ist eine Art Kapselhotel. Beinahe wie in einem Mottenzelt! (Google it!:)

Freddy stelle ich 2 Häuserblocks weiter vorne bei einem überfüllten Veloparking ab. Er schafft das schon!

Zurück in meinem Mottenzelt. Zum Glück habe ich keine Platzangst. 25 Schlafkapseln sind in diesem Raum. Mit meinen knappen 1.80 kann ich gut sitzen ohne den Kopf an den Holzbrettern über mir anzuschlagen. Steckdose, Licht, Matratze, Kissen, Decke alles da. Das Beste: Mit einem Reissverschluss schliesse ich das Loch, eben wie bei meinem Zelt…oder einem Mottensack.

Eigentlich wollte ich euch jetzt von den schönen Tempeln in Kyoto erzählen, aber ich habe mir noch ein Matcha-Eis versprochen. Matcha? Ja, gemahlener Grüntee in Eis verpackt – hatte heute schon eines, hab mir aber gleich noch eines versprochen bevor ich in mein Mottenzelt husche.

Also ein Tempelfoto muss für Heute reichen :)

 

Chaotische Kyoto Grüsse

Euer Thesi

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16. Blog - Busan KOR - Kennt ihr den Freddy-Griff?

Psst, nicht zu laut! Ich bin’s Freddy.

Habe mir eben den Computer geschnappt und übernehme diesen Blogeintrag.

Thesi ist gerade furchtbar gestresst und dazu noch genervt. Besser ich schreibe ein paar Zeilen, schliesslich sind wir ja ein Team und mich kann man für mehr brauchen als nur zum rumsitzen HA!
Danke übrigens für all die Grüsse die ich immer wieder bekomme. Mir geht’s soweit prima, hab ja jetzt den Südkoreanischen Passport bekommen. Klar, bin natürlich mächtig stolz darauf und das als waschechter Engländer. Aber viel lieber hätte ich ein bisschen Fett auf meiner Lederhaut. Zum Glück ist die Luft feucht sonst wäre ich schon lange ausgetrocknet. Bekomme ich nicht bald das nötige Fett, hänge ich einfach meine raue Seite raus. Ich bin hier nämlich der Chef im ganzen Umzug, der Pilot, die Zentrale. Ohne mich geht gar nichts, muss einfach mal gesagt sein. Jawohl. Bin aber ein geduldiger Chef, bis auf das Thema Fett, da werde ich ungeduldig.
In meinem Hals laufen alle Fäden zusammen, damit Thesi möglichst komfortabel und sicher fahren kann. Dann und wann bekomme ich einen dicken Hals, sag ich euch! Der Rückspiegel spurt zurzeit nicht wie er sollte. Er kam ja in Deutschland mit an Board. Es gibt Zeiten, da hat eine Schraube locker und steht Kopf in die falsche Richtung. Wiederum ist er stur und lässt sich nich von seinem Kurs abbringen. Aber das kriegen wir schon noch hin. Ab nächster Woche, wenn wir in Japan sind, wird er gezügelt – auf die rechte Seite. Vielleicht braucht er einfach einen Perspektivenwechsel. Helmi, die Schildkröte sitzt zuvorderst und hält Ausschau nach Hindernissen und ist auch erster Navigator. Er kennt den Weg, war er ja bereits in Nepal. Helmi ist oft im Mittelpunkt, weil die Schildkröte gerade in Korea als Tier mit hohem Bedeutungsgehalt gilt. Langlebigkeit, Stärke und Ausdauer, passt wie der Panzer auf die Kröte!

Die indische Hupe aus der Schweiz ist eher ruhigen Naturells. In den Tunnels freut sie sich aber wenn sie ihr Können zum Besten geben kann.
Was die Technik anbelangt sind wir à jour. Der Bordcomputer zeigt alle möglichen Werte an, wie zügig wir unterwegs sind aber auch die Temperatur. Wir sind Fieberresistent, Wasser in den Stahlbeinen kennen wir auch nicht.
Im hinteren Teil werden jeden Morgen die Schweizer und Berner Segel neu gesetzt. Die beiden sind sich immer einer Meinung und verstehen sich prima. Die Tibetischen Gebetsfahnen hüten das Ziel ganz sorgfältig und sind für die Motivation zuständig. Wen haben wir noch? Mein goldiger Untersatz natürlich. Mit jeder Strasse kommt das Tout Terrain zurecht und es glänzt. Thesi befreit es alle paar Tage von Staub und Dreck. Meiner Meinung nach bekommt der Untersatz zu viel Aufmerksamkeit über, wenn wir in Betracht ziehen, dass ich seit Wochen auf ein wenig Fett warte! Dafür bekomme ich jeden Tag ein Mersi und ein Kompliment: «Guet gmacht Freddy! Mersischön!». Das schmeichelt mir natürlich und werde somit jeden Tag ein bisschen weicher. Über Nacht muss ich meistens unter die Haube. Jaja ich weiss, es ist zu meinem Schutz, aber ich sehe dann nichts mehr und hab keinen Überblick mehr. Düsteres Kapitel! Die Haube hat aber auch Vorteile. Letzthin bekam ich Besuch von Frau Raupe. Als sie hörte, dass ein Engländer ausserhalb der Stadt sei, machte sie sich sofort auf den Weg. Es war eine kurzweilige Nacht, eines Tages wird sie sich in den schönsten Schmetterling verwandeln.

Nicht nur die Raupe auch die Koreaner fahren voll auf mich ab! Bin schon ein paar Mal fremd gegangen. Aber war nichts Ernstes, hab mich dann als besonders harter Kerl ausgegeben, ihr wisst ja, meine Treue gilt Thesi. 

Wie gesagt, sie ist gestresst, wie so oft in der Stadt. Sie sitzt grad in Busan neben mir auf der Bank, isst die besten getrockneten Apfelschnitze aus der Schweiz, Made im Hause Engel, wohl gerade Seelenbalsam.
Aber wo ist meine Nahrung? Mein Fett?

Nach 115 Kilometern bin ich aber schon mit ein paar Minuten frischer Luft zufrieden. Es hatte viele steile Aufstiege in den letzten Tagen, eher kurze aber sehr intensive. Sie nimmt mich dann jeweils in den Freddy-Griff und zieht mich sozusagen den Aufstieg hoch. Das mag ich zwar aber genau dann kommt meine schwache Seite zum Ausdruck. Im Freddy-Griff bin ich eher kantig, hab ihr so 3 Blasen an der Hand untergejubelt. Nun, ich werde eben lieber gefahren als gezogen.
Nach einem Umweg zum Bike-Passport Center für den silbrigen Kleber, haben wir direkt den Hafen von Busan angesteuert. Endlich wieder einmal Rolltreppe fahren. Ein Riesenspass und die Sicht ist einfach prima! Im Gegensatz zur Stimmung. Die ist grad nicht so prima. Wir brauchen eine Fähre nach Japan. In fünf Minuten schliesst der Ticketdesk und Thesi ist sich noch nicht sicher ob wir nach Fukuoka oder Osaka schippern sollen. Also eigentlich wollen wir nach Hokkaido hoch, da gibt’s aber keine direkte Fährverbindung. Nur von Nagoya aus. Gibt’s wohl eine Fähre von Osaka nach Nagoya? Niemand will es wissen. Google hilft mit verschiedensten Infos. Gib Gas Thesi! Das ist wieder einmal eine Organisation, zum davonfahren. Osaka ist eine riesen Stadt, wir könnten von dort auch nach Nagoya radeln und dann die Fähre nehmen. Sie stampft auf den Boden und wohl aus lauter Müdigkeit bucht sie jetzt einfach mal Osaka. Mir recht, ich komme mit meiner Crew überall durch! Bin 24h gesattelt!

Nach ein paar weiteren Kilometern sind wir im Zentrum und suchen eine Bleibe für die vier Nächte bis die Fähre fahrt. Dauert… mich stellt sie jeweils draussen ab, die Koreaner haben echt Respekt vor mir. Würden mich nicht berühren, geschweige dann ein Crewmitglied, eine Tasche zB. mitnehmen.
Nach einer Stunde herumirren findet sie einen Platz in einem 10-er Schlafsaal. Uff bin ich froh kann ich draussen im Hinterhof an der frischen Luft ein wenig auslüften. 

Auf Fett warte ich aber immer noch.

 

Grüsst mir meine Brooks Freunde

Euer Freddy

 

PS. Hab mich extra hübsch gemacht für’s Foto :)

 

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15. Blog - Donhwamun Road, Seoul KOR - Zeltabbruch

Bin in Seoul. Mit über 23 Millionen Einwohner die 4. Grösste Stadt der Welt. Vorgeschmack auf Tokio. Sozusagen das Amuse-Bouche!
Die 6 stündige Einfahrt ging flott…bis der Fahrradweg endete. Dann war auch ich rasch am Ende. Traubenzucker, Cola, Fluchen und der Gedanke an die Ruhe am Oeschinensee halfen. Anita und Matthew aus Deutschland motivierten mich an einer Kreuzung für die letzten Kilometer. Sie sprachen mich spontan an, sie besucht ihren Sohn der hier im Austauschjahr ist.  Etwas wunderbares, wenn Mütter ihre Kinder in der weiten Welt besuchen!

Es war eine Woche gespickt mit hunderten von Geschichten und Erlebnissen. Drei möchte ich euch erzählen.

Vom Durchhalten und lernen in den koreanischen Bergen. Von Mister Huan (sprich: Uan, das H wird nicht betont) und seinen Steinen. Vom Zeltabbruch.

Erster Tag im Land der Morgenstille. Fühle mich zurückversetzt in die tiefe Kindheit. Klein Thesi kann nicht lesen, spricht in einer eigenen unverständlichen Sprache, die Augen sehen das erste Mal die Welt. Alles neu. Lebe nach Bildern. Wie ein kleines Kind.

Wie ein kleines Kind bekomme ich gleich Starthilfe von Mister Lee (Sprich: Lii). Er schenkt mir Kekse und seine Lunchbox für die Weiterfahrt. Mit einer Oberkörperneigung nach vorne, bedanke ich mich. Bin also ausgerüstet mit Proviant für die Berge. Bis zu 10% Steigung kann mich Freddy in Balance halten. Bei über 10% muss er passen, respektive ich schieben. Aber eben, wer liebt, der schiebt. Ein Pass jagt den nächsten. Griesalp hoch – Griesalp runter – Griesalp hoch! 37 Grad, feucht, 4-5 Liter Wasser trinke ich locker. Ich spüre den Schweiss überall, die Schweissperle von den Brauen läuft beim Blinzeln in das Auge. Das Salz brennt. Bringen mich diese Berge bereits ans Limit? Am ersten Tag? JA!
Der Gedanke stresst mich bis spät in die Nacht, denn es warten noch ganz andere Berge auf mich. Bin Hundemüde aber finde keinen Schlaf. Habe Hunger aber mir ist übel. Könnte ewig hier liegen bleiben, will aber weiter.

Zweiter Berg-Tag: die Beine sind stärker, es geht aufwärts! Kurve um Kurve schlängelt sich die perfekte Strasse durch schönste Mischwälder. Es fühlt sich an, wie ich durch ein grosses Lehrbuch fahre. In der Schule lernen wir was ein Mischwald ist – hier fahre ich hindurch. Wie Reis angebaut wird – hier kann ich dabei zusehen. Wo die olympischen Spiele waren – in Pyeongchang stelle ich mein Zelt direkt neben der Sprungschanze auf. Wir sehen Bilder von Tempeln aus fernen Ländern – hier lege ich eine Pause ein, im Schatten vom Tempeldach. «Wir haben nie ausgelernt» ein Spruch, den ich Zuhause oft höre. Aber lerne ich nur aus Fehlern? Oder will ich immer wieder neues lernen aus reiner Neugier und Interesse?

Mister Huan (das H wird immer noch nicht betont) lernte mich ein Stück Weisheit. Er lebt in seiner selbstgebastelten Wellblechhütte direkt am Fluss. Ein Traumplätzchen, totale Stille, klares Wasser und der perfekte Platz mein Zelt zu stellen. Er erklärt mir am Wasser etwas über die Fische, zeigt mir seine über 700 Steine, kocht Kaffee und so sitzen wir auf Plastikstühlen, er erzählt ich höre aufmerksam zu. Wie gerne würde ich ihn verstehen. Er ist wie ein Grossvater der seiner kleinen Grosstochter Geschichten erzählt. Wer weiss, vielleicht versteht ja das Unterbewusstsein. Sein Hab und Gut? Die Steine. Jeder ist wunderschön und einzig. Für jeden einzelnen hat er einen Holzuntersatz geschliffen. Mit der grünen Kunststoffsprühflasche sprüht er ganz behutsam Wasser auf die Steine, schnell setzt er sich wieder hin und deutet mir, dass ich beobachten soll. Also was jetzt? Steine bewegen sich ja nicht. Aha, ich verstehe…wir beobachten wie der Stein trocknet und langsam heller wird. Echt entspannend. Das hat so was Tiefes, dass mir eine Träne runterrollt.

Käme mir Zuhause nie in den Sinn einen Stein zu besprühen und ihm zuzusehen wie er trocknet. Aber warum auch nicht? Braucht gar nicht so viel Zeit – aber lässt die Zeit vergessen. Am Morgen schenkt er mir einen winzigen Stein für in die Lenkertasche. Danke Mister Huan. An Sie werde ich mich immer erinnern.

Auf der Strasse ist immer was los. Die Koreander winken mir zu, klatschen in die Hände, erkennen sofort die Schweizer-Fahne, wollen das Fahrrad kurz berühren, fragen ob ich zu 100% echte Schweizerin bin «You pure swiss?», können dies dann kaum glauben, machen Fotos, schenken mir Essen, Kaffee, sie begegnen mir soo Gastfreundlich. Überlege dann kurz wie ich den Koreanern in Interlaken begegne? Meistens weiss ich gar nicht, dass es Koreaner sind. Einfach die Asiaten, die von allem möglichen und unmöglichen Fotos knipsen. Von der Mülltonne, über den Zug bis zum Trottoir. Wisst ihr was? Ich bin genau gleich, ich fotografiere Seifenspender, Toiletten und Veloständer. Was denken sie wohl, über diese knipsende Ausländerin?! Eines weiss ich, den Koreanern werde ich in der Schweiz nun anders begegnen.

 

Zeltabbruch. Die Sonne geht gleich unter und ich kaufe mir im Städtchen Yanggu noch kurz was zum Essen ein. Übernachten will ich beim See, der laut meiner Karte 10 Kilometer weiter westlich liegt. Eine Nebenstrasse führt dem See entlang. Wunderschön. Keine Autos. Das Problem: Rechts geht es steil hoch, links ist die Leitplanke und der steile Abhang runter. Unmöglich zum Wasser zu kommen. Fast wie auf der Axenstrasse zwischen Brunnen und Flüelen. Beim nächsten Häuschen in einer Nische, frage ich die gute Dame, ob ich mein Zelt hier stellen darf. Sie deutet mir, ich solle warten bis ihr Mann nach Hause kommt, sie müsse ihn fragen. 40 Minuten später immer noch kein Ehemann da. In 15 Minuten ist es dunkel. Erneut frage ich. Sie wirkt gestresst und schickt mich fort. Dumme Kuh, denke ich im ersten Moment, hättest Du mir ja gleich sagen können. Sofort bündle ich meine Gedanken, «Thesi, hör auf! Du kennst ihre Situation nicht, weisst nicht was sie für einen Mann hat. Entwickle gute Gedanken für sie! Verabschiede Dich nett mit einem Lächeln!».

Ein paar Kilometer weiter, erneut eine Nische die von einer Holzwand getrennt ist. Hier bleibe ich! Beste Sicht auf den See morgen früh, perfekt. Als ich hinter die Holzwand abbiege, sehe ich einen Mann auf der Bank, geschätzte 45 Jahre alt. Auf seinem Schoss das etwa 8jährige Mädchen. Er küsst es auf den Mund. Mist! Er erschrickt als er mich sieht. Wie gesagt es ist schon dunkel. Er springt auf und fragt irgend etwas. Rieche seine Alkoholfahne von weitem. Mir ist übel, könnte ihn ankotzen. Frage das Mädchen ob alles ok sei? Sie nickt scheu. «Ist das Dein Vater?» Erneut ein stilles Nicken. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr spürt, dass die Spannung in der Luft liegt? Er will wissen ob ich alleine bin? Jetzt verstehe ich auch mal kein Wort. Ob ich hier übernachten will? (Die Kommunikation ist lediglich mit deuten) Ich überlege kurz…weiter fahre ich ja eh nicht, wenn ich hierbleibe, verzieht er sich bestimmt. Mit klarer, sicherer Stimme: «Ja ich bin alleine, und ich werde hier übernachten!». Mit seinem Zeigefinger setzt er bei seiner Kehle an, zieht einen Strich durch den Hals und deutet auf mich. Mich schaudert es. Weiss aber gleichzeitig er ist angetrunken. Er will mir die Hand geben. Wie du willst, dir gebe ich einen richtigen Händedruck. Drücke mit aller Kraft zu, lasse ihn spüren, dass ich auch nach 2 Passfahrten und über 100 Kilometer noch Kraftreserven habe! Er zieht mit dem Mädchen davon. Zu Fuss, er ist wackelig auf den Beinen. Ist es eventuell der Mann von der Frau vorhin, die mich fort geschickt hat?

Mit Pfefferspray und Sackmesser in der Hosentasche beginne ich das Zelt zu stellen. In diesem Augenblick beginnt ein Vogel ganz laut und irgendwie nervös zu zwitschern. Nein ich bilde mir das nicht ein! Alle Sinne sind in einer solchen Situation geschärft. Was sagt mir der Vogel? Ja stell das Zelt auf, das passt schon. Oder, nein Du kannst hier nicht übernachten, zu gefährlich (und das in einem der sichersten Länder der Welt). Keine Ahnung.

Bin parat für die Nacht, Zähne geputzt, alle Taschen im Zelt. Bin ich wirklich parat? Nein! Mein Puls ist super hoch, kann mich nicht beruhigen. Der Mann weiss wo ich bin, was wenn er mitten in der Nacht kommt? Wage zu behaupten, dass ich stärker bin als er, er ist wakelig auf den Beinen und einen Kopf kürzer als ich. Bin mir aber nicht sicher. Stehe vor das Zelt und versuche zu hören, auf mich zu hören. «Kann ich hier übernachten?» Etwa 45 Minuten sitze ich im dunkeln vor dem Zelt. Gebe mir noch exakt 5 Minuten Zeit. Sind die 5 Minuten rum, gehe ich entweder ins Zelt, oder fahre zurück nach Yanggu. 2 Kilometer weiter vorne ist ein Aufstieg zur beleuchtenden Autobahn. Dort könnte ich hoch und sicher zurück fahren.

Aber was ist mit dem Mädchen? Was hätte ich tun können? Weiss sie, dass es falsch ist was er mit ihr macht? Ich bete zum Universum, dass sie es eines Tages weiss und sich wehren kann! Hätte ich mehr für sie tun können? Bei der Polizei melden? Hab aber kein Foto. Verdammte Scheisse!!!

Die 5 Minuten sind rum, ich schaff es einfach nicht ins Zelt zu gehen. Also Zeltabbruch. In diesem Moment höre ich den Vogel erneut, er singt. Nein ich bilde mir das nicht ein!

Eine Stunde später bin ich mitten in der Nacht zurück in Yanggu. Genug für heute. Stehe Minutenlang unter der kalten Dusche. Liege im Bett und Atme tief ein und aus. Puls kommt runter. Aber noch heute beschäftigt mich die Situation.

Es ist nicht immer nur ein Spass durch die Welt zu radeln…Es ist intensiv. Es ist prägend. Und es ist alles freiwillig!

 

Danke fürs Lesen und beste Grüsse aus Seoul

Euer Thesi

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14. Blog - Auf hoher See zwischen Wladiwostok (RUS) und Donghae (KOR)

Einzig dieser Platz hier. Perfekt um diesen Blog zu schreiben. Sitze auf einer Holzbank inmitten vom Japanischen Meer. Klar auf einem Kutter! «Eastern Dream Panama». Will ich doch gar nicht nach Panama. Pha!
In 23 Stunden bringt die Fähre mich nach Südkorea. Donghae (sprich: Donghää, ohne das g zu betonen). Kein Mensch hier auf Deck zu sehen, wohl zu kalt. Aber mit dem richtigen Equipment ist es keineswegs kalt sondern Merinowolligwarm. Wie oft sehnte ich mich im letzten Jahr nach einer Meeresbrise. Nun, hier ist sie. Es ist wohl eher ein starker Wind als eine Brise. Oh, ich merke gerade, dass ich Rückwärts fahre. Das geht gegen mein Prinzip, ich probiere nie zurück zu schauen. Aber hier ist es nun mal der schönste Ausblick, auf die endlose Weite des Ozeans, auf das Wasser auf die Rettungsboote. Links und rechts hängen sie in der Luft. In Ski-Bügellift-Oranger Farbe. 85 Personen sollen da drin Platz haben?! Freddy würde nicht einmal durch die Eingangstür passen, der arme der!
Es rattert und dampft. Wage immer wieder einen scheuen Blick Himmelwärts. Mama sitzt dort oben im Flieger. Der Abschied war einmal mehr traurig. Sehr traurig. Werde mich wohl nie ans Loslassen gewöhnen. Loslassen von Begegnungen unterwegs oder von schönen Plätzen, das geht immer besser. Aber von Mama…schwierig! Satte 9 Stunden sitzt sie in der Aeroflotmaschine nach Moskau. 9 Stunden über das selbe Land fliegen, kann ich kaum fassen. Als wir in Wladiwostok eingefahren sind, sagten wir zueinander «diese Weite Russlands ist unglaublich beeindruckend! Auf der Transsib Strecke wird sie ein wenig greifbar». Die gemeinsame Reise bleibt tief im Herzen. Danke Mama bist Du so weit gereist, hast mich besucht. Nicht jede würde das mitmachen. Schon verrückt, Mütter tun so vieles für ihre Kinder, wollen das Beste für sie, stecken ihre Wünsche zurück, sind die Starthilfe ins Leben und immer für einem da. Aber was können wir…nein, ich kann nur von meiner Sicht aus schreiben…aber was kann ich ihr zurückgeben? Wohl einfach ein ehrliches Dankeschön!
DANKE.

Nun gut, wenn ich den Blog fertig geschrieben habe, drehe ich mich um und schaue nach vorne, denn da vorne warten 15 Monate intensive Lebensschule auf mich. Und Nudelsupppe. Hab noch keine südkoreanische Won gewechselt, ich Lappi. Aber wer noch keine Won hat, hat schon Nudelsuppe in der Tasche und auf dem Kutter gibt’s heisses Wasser aus dem Pot. Eben «Eastern Dream»! Ach übrigens das Einschiffen war einfach genial! Alles klappte wie am Schnürchen.
Bei Igor in einem Hinterhof hab ich das hinterlegte Ticket welches mir Ines vom Globetrotter besorgt hat abgeholt. Die Taschen wurden 2x gescannt und der koreanische Beamte hatte mortz Freude an meinem Göppel. Er hat gleich selber mitangepackt beim Ab- und Aufladen. Bereits vom Check-Point aus sah ich die steile, endlose Treppe zum Kutter hoch. Ein Hoch auf die Treppen! Sie verfolgen mich! Aber auch die Dream Panama Schiffsmänner haben mich von weitem gesehen. Zwei eilten herbei und übernahmen Freddy. Hievten in Stufe für Stufe ganz behutsam hoch bis in den Car, Car wie sagt man, Carportbootgarage...oder so. Wirklich sehr nett, hab ihnen gleich eine Tafel Schokolade geschenkt, sie strahlten! An dieser Stelle einen lieben Gruss an die Schokoladenspender aus dem Oberland. Ihr seid super!

Eine Gruppe Südkoreaner hat sich inzwischen zu mir gesellt. Sie tanzen auf Deck. So eine Art Ringel, Ringel, Reihe!
Sie lachen sich fast kaputt, weiss zwar nicht ab was aber es steckt definitiv an! Klappe mein LapTop zu und beobachte das Schauspiel. Sooo lustig. Heute morgen hab ich geweint, jetzt lache ich wie schon lange nicht mehr! Auf dem Boden wird ein Menschenstern geformt für das perfekte Foto. Dauert. Der Fotochef kontrolliert, ob auch wirklich alle den «Good» Daumen in die Höhe strecken. Sie setzen sich neben mir auf die Bank für eine Foto mit der Ausländerin. «Sarayenee, Sayareneee» mit den Finger wird geschnipst. Mein Schnipsen war verkehrt, der Fotochef erklärt, die Dame neben mir übt das richtige Schnipsen fürs perfekte Foto. Welch ein Spass und sagt jetzt ja nicht «ich seh gar kein Schnipsen! Vom Fotochef bekomme ich noch 2 "Meal Bons Korean Group". Ja dann, Ahoi!

Euer Thesi

 

PS. Bin gut an Land gekommen. Ein Südkoreanischer Velofahrer hat mich am Shipping Gate gleich entdeckt und mir sein Lunchpacket und Kekse geschenkt. Was für ein toller Start. Bin wieder flott On The Road!

 

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13. Blog - Im Zug, Sibirien RUS - Uff! Das war knapp!!!

Wir sitzen im Zug 100. Zum Glück! Dank ein paar Tränen. Von vorne...

Der Zug 100 fährt von Moskau bis nach Wladiwostok in einem zug durch. 9259 Kilomter. 1 Woche. 144 Stunden. Die Transsibirische Strecke – die längste Bahnstrecke der Welt. Hochachtung vor den Arbeitern, die diese Strecke bauten und sie heute pflegen. Sie verbindet die Menschen in diesem grossen Land. Einsteigen, aussteigen, im Gang wird ausgetauscht, berichtet, gefragt, beantwortet. Wir verstehen aber kein Wort. Sind die einzigen Touristen in diesem Wagon. Victoria und Ludmilla erklären mit Händen und Füssen, dass der August perfekt sei. Wärmer. Wir sollten dann noch einmal kommen. Es ist aber grad so spannend Orte zu sehen, wenn «Off-Season ist». Wie damals im Februar als mich Mindu zum Everest Base Camp und über den Cho-La Pass führte. Kein Zelt war im Base-Camp gestellt, eine handvoll Touristen, dafür A....Bitterkalt, die reinste Luft mit bester Sicht.

Wie gesagt: Off Season! Ludmilla zeigt auf die Kartoffeln, den frischen Käse aus Nowosibirsk und bietet uns davon an. So lieb. Schmeckt herrlich und das Abteil riecht lange nach.

Während der Fahrt schaue ich am liebsten Stundenlang zum Fenster raus. Sibirien zieht vorüber. Tundra und Nadelwälder. Alle paar Tage stellen wir die Uhr um eine Stunde nach vorne. Morgens um 04:00 Uhr ist es taghell. Das Zeitgefühl habe ich längstens verloren. Wenn es Nacht wird, liege ich bäuchlings im Oberstübli vom Abteil. Lege den Kopf auf die verschränkten Arme und schaue Fern in die Landschaft. Es ist nie ganz dunkel. Diese Weite, diese Zeitlosigkeit. Ich realisiere das erste Mal ganz bewusst, dass ich mehr als ein Jahr vor mir habe. Zeit um zu lernen. Zeit um Neues zu entdecken. Im Lebensgarten säe ich Erlebnisse an – diese werde ich eines Tages als Erinnerungen ernten könnten. Vielleicht werde ich erst dann das Warum begreifen. Oh, ich schweife ab, zurück zur Bahnstrecke.

Mama Katharina, Freddy und ich steigen gerne zwischendurch aus. Um zu duschen, klar aber vielmehr um die Welt hier zu sehen und die Luft zu riechen. In Jekaterinburg klopft der Frühling leise an die Tür. Das Stadion für die Fussball-WM wird fertig gestellt. Die Menschen geniessen im Wintermantel die wärmenden Sonnenstrahlen im Park. Wir beobachten auf einer Holzbank, das «warm laufen» nach sechs Monaten Winter.

Kurz Innehalten und wieder wird es Zeit für die Weiterreise. Immer und immer wieder. Mama und ich sind ein gut eingespieltes Team. Ich weiss echt nicht wie ich ohne sie mit allem Karsumpel in den Zug käme. Beim Bahnhof wird jede Tasche gescannt und heute auch mal von den Polizeihunden beschnuppert. Der Zug 100 hält exakt 30 Minuten in Jekaterinburg. Rund 20 Minuten brauchen wir vom Perron bis wir im Abteil sitzen. Passkontrolle beim einsteigen, Gepäck abladen, Vorderrad abmontieren, Freddy mit Untersatz in einen Velosack packen, diesen in einem anderen Wagon verstauen, Gepäck einladen, fertig. Diesmal läuft alles anders. Komplett anders.

Die Prowodnitsa (danke Wetterfee Eva), Zugchefin hat die Papiere kontrolliert gibt uns das ok zum Einsteigen. Ein Herr in Uniform eilt heran, fragt mich mit strengem Blick etwas auf Russisch. Kein Plan was er will?! Er wird deutlicher, zeigt auf das Velo und ist nervös. Verstehe ich, Freddy kann einem nervös und kribbelig machen. Nun gut, die Situation ist nicht mehr zum spassen, etwas stimmt nicht. Obwohl, genau in solchen Situationen ein bisschen Spass helfen kann. Mit dem Übersetzerapp gibt er mir zu wissen, dass ich ein Billet für das Fahrrad brauche. Ohne Fahrradbillet, keine Zugfahrt. Gut, eine klare Ansage. Aber ein spezielles Billet für das Velo hab ich nicht, dies ist aber so angemeldet. Die Zeit läuft, 10 Minuten bis zur Abfahrt. Er bleibt stur und will ein Ticket sehen. Ich frage ihn wo und wie ich zu einem solchen Ticket komme und ob 10 Minuten dafür reichen, dies zu organisieren. Er weiss es auch nicht und fuchtelt mit seinen Armen ein Kreuz in die Luft und zeigt auf den Zug. Kein Ticket – Kein Zug. Das Basta-Prinzip. Mist.

Acht Minuten, alle sind eingestiegen, wir auf dem Perron mit einem einzigen und riesigen Taschenchaos. Soll ich's drauf an kommen lassen? Will er einfach ein paar Extra-Rubel? Egal, jetzt hilft nur noch eines: Drama, und zwar schnell! Beginne zu weinen - das Improvisieren bei den Theaterproben vor Jahren kommt mir hier zu Gute, hätte ich nie gedacht und lache innerlich - gehe in die Knie, erkläre dass meine arme, gebrechliche Mutter mit schweren Rückenschmerzen unbedingt nach Irkutsk muss, ich sie nur einmal pro Jahr sehe. Ach ihr hättet uns sehen sollen…Theater!

Er schnaubt laut, holt tief Luft auch er ist nun verzweifelt mit uns verzweifelten Touristen. Ohne ihm Platz zu geben für irgendwelche Worte beginne ich lauter zu einer Schrei-Wein-Hilflosigkeit. Er beruhigt mich, schaut nach rechts nach links, wird weich und gibt uns unter einer Bedingung das ok zum Einsteigen. Wir müssen für das Fahrrad bezahlen, er wird sich erkundigen wieviel dies kostet und dann im Zug ein Spezialbillet schreiben. Na also, geht doch! In 5 Minuten haben wir im Eiltempo alles verstaut. Sitzen im Abteil Nr. 6 und könnten jetzt eine Flasche Wodka saufen.

Uff! Das war knapp!!! Drei Stunden später kam er mit dem Handgeschriebenen Billet. Ob wir schon Bettwäsche bekommen haben? Das Wasser für Tee sei heiss. Das Velo ist sicher verstaut. Der schnaubige Herr von vorhin plötzlich so freundlich? Ich mag ihn schon richtig gut. Beim nächsten Halt, halten wir sogar einen Schwatz über den Zug und dies bei Sonnenuntergang. Herrlich.

Sowieso habe ich die Russinnen und Russen jetzt schon ins Herz geschlossen, warum? Im nächsten Blog! Wir machen uns parat zum Ausstieg. Nicht mehr weit bis Irkutsk.

Rollende Grüsse aus Zug 100

Euer Thesi

 

PS. Mittlerweile sitzen wir auf der Olchon Insel bei warmer Schokolade...draussen schneits.

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12. Blog - Im Zug RUS - Umsteigen bitte!

Sitze im Wagon vier auf Bett 17. Im «Schniidersitz». Spüre die Muskeln in den Oberschenkel, sie ziehen. Das kommt wohl vom Radeln. Kopfkissen polstert den Rücken. Links von mir bearbeitet eine junge Russin Landkartenmaterial am Laptop. Die Haare gekonnt mit einer japanischer Haarnadel hochgesteckt. Ich staune immer wieder wie Menschen ihr Haar gekonnt selber zu einer Frisur püschelen, ich schaff nicht einmal ein anständiger Zopf. Möchte sie gerne nach dem Trick mit der Haarnadel fragen. Sie spricht kein Wort Englisch, ich kein Russisch. Das habe ich verpasst, für eine nächste Reise nach Russland oder Zentralasien würde ich vorher einen Kurs besuchen. Kommt auf meine WürdeTäteHätteIch Liste. Oben ihr liest die ältere Dame in einem roten Buch. Auf dem Cover sind lauter Hunde zu sehen. Wohl ein Hundebuch. Ein Pudel würde zu ihr passen. Sie ist sehr liebenswürdig, hat uns gezeigt wo die Kanne mit heissem Wasser steht, bietet uns Mandeln aus ihrem Nusssäcken an.

Es zieht immer mehr in den Oberschenkeln, ich muss die Beine anziehen. Zum Glück ist der Bildschirm beim Laptop beweglich, eine super Erfindung, so ist die Tastatur nun beinahe senkrecht auf den Oberschenkeln und ich kann aber gleichzeitig gerade auf das Worddokument schauen. Toll! Klappe ich den Bildschirm ein paar Millimeter nach unten, sehe ich Mama gegenüber. So schön. Klappe den Bildschirm hoch und wieder runter, hoch, runter, hoch, runter. Ja sie ist wirklich hier, es ist kein Traum. Wir sind zusammen auf dem längsten Bahnnetz der Welt unterwegs.

Vom Abteil aus sehe ich direkt zum Fenster raus, welches auf dem Gang ist. Zwischen dem dichten Wald lugt immer wieder das Abendrot hervor. Seit nun mehr als 24 Stunden sind wir im Zug, weitere 12 folgen und es sieht immer ähnlich aus. Wald, endlose Weite, Wald, ein Dorf, ein Bahnhof, Sumpf, Wald. Zur Abwechslung stehe ich auf, lehne mit den Armen auf die Stange am Fenster und jedesmal komme in ungeschickt an die untere kleine Vorhangstange, die so knapp berechnet ist, dass sie hinunterfällt. Mit ein wenig Geschick balanciere ich den Bambusstab in die zwei Löcher. Sie hält, bis zum nächsten Anlehnen. Das erinnert mich ans Zugfahren in der Kindheit, am liebsten drückte ich die Nase ans Fenster um fast draussen zu sein. Der Zugschaffner weckt mich aus den Erinnerungen. Er saugt mit einem Art Museumsstaubsauger den grauen Bodenteppich. Pro Wagon hat es eine Zugchefin die zum rechten schaut. Vorne steht der überdimensionale Pot mit heissem Wasser, hinten sind zwei Toiletten. Im Zug von Spiez nach Bern oder Zürich gehe ich nur im äussersten Notfall auf die Toilette. Hier auch mal zwischendurch um mir die Beine zu vertreten. Zwar ein bisschen nass aber erstaunlich sauber. Stinkt auch überhaupt nicht.

Direkt hinter den Toiletten hat es noch eine Türe. Sie ist abgeschlossen, zu recht, dort harrt nämlich Freddy aus. Die letzte Nacht hat es ganz schön gerattert. Gegen 03:00 Uhr hat der Zug abrupt gestoppt. Das quietschen der Bremsen riss mich aus dem Schlaf, der erste Gedanke war natürlich bei meinem Göppel. Steht er wohl noch? Er steht bestimmt! Er ist aus Edelstahl, den haut so schnell nichts um!

Die Gedanken beginnen zu kreisen. Die Zugfahrt gleicht meiner aktuellen Lebens-Situation. In meinem Alltag vor der Reise war ich auf der Schiene unterwegs. Manchmal war die Fahrt ganz sanft, an manchen Tagen ratterte es heftig. Aber die Schiene war gelegt. Ich wusste meine Arbeitszeiten, Termine waren gesetzt wie die Haltestellen. An manchen Haltestellen stieg ich aus und traf Freunde, hatte eine kostbare Zeit mit ihnen und stieg wieder in den weiterziehenden Zug ein. Und an irgend einem Punkt auf der Lebensfahrt ist dann Endstation. Adiömersi. Wieviele Stationen, Haltestellen, Fensterplätze gibt es wohl noch?

Am 03.03.2018 kam zuerst der abrupte Stopp. Er riss mich aus dem "Alltags-Schlaf". Das Leben hat die Bremse gezogen. Dieser Zug fährt nicht mehr weiter. Einmal umsteigen bitteschön. Umsteigen tut mir gut. Verändert meine Sicht auf die Dinge. Umsteigen ist aber auch mühsam. Das Gepäck wird neu gepackt, hab ich alles? Nichts vergessen? Erwische ich den nächsten Zug?

Mir wird von neuem bewusst wie wertvoll es ist Zeit mit meiner Mama nicht nur zu verbringen, sondern auch die Zeit zu Er-Leben. Auch wenn wir Stunden mit zwei anderen Russinen in einem Viererabteil sitzen und nichts tun. Wir sprechen über Dinge, schauen gemeinsam zum Fenster raus, beobachten die Natur. Einfach nur schön. Dank ihr konnte ich überhaupt Umsteigen. Sie ist mein Rückenwind. Das Umsteigen lehrt mich ein Stücken Leben. Das Mühsame dauert nur einen Moment. Aber auch dieser Zug wird einmal anhalten. Ich habe grosses Glück, dass mein "Zugnetz" viele Anschlüsse und Verbindungen hat. Das Umsteigen an sich ist nicht selbstverständlich. Dafür danke ich jeden Abend.

Langsam wird es Dunkel, aber nie ganz, um 04:00 Uhr ist es schon wieder taghell, die Sonne scheint. Seit St. Petersburg haben wir die Uhr zweimal nach vorne gestellt. Wir sind der Schweiz 3 Stunden voraus. Bis nach Wladiwostok sind es dann +8 Stunden. Es ist ein riesen Gump.

Wenn Züge gumpen :)

Liebe Grüsse aus Wagon 4

Euer Thesi

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11. Blog - Moskau RUS - Hurra!

Das war knapp! In letzter Minute erwischten wir den Zug 760 der im Eiltempo von Moskau nach St. Petersburg hoch rattert. Im Zugfernseher zeigen sie gerade einen Film, wie eine Maus im Versuchs-Labor Stromschläge bekommt. Ich liebe Fensterplätze! Freddy ist im Gang vorne. Vier Taschen stützen ihn vor dem Umkippen, die Anderen sechs sind irgendwo verteilt. Es eilte! Doch dazu später mehr.

Von der russischen Grenze Terehova bis nach Moskau waren es gute 600 Kilometer und die Begegnungen unterwegs möchte ich euch nicht vorenthalten.

Chrigu, ein treuer Blogleser und Tourenfahrer schrieb mir in einem Mail, wie sein Grenzübertritt letztes Jahr abgelaufen ist. 20 Minuten brauchte er. Ziemlich zügig! Ich brauchte 5 Minuten länger – wohl des Toilettenstopps wegen. Die Damen an den insgesamt sieben Grenzposten sind alle sehr freundlich, bestaunen Freddy, füllen mir das Formular aus, stempeln den Pass. Der Herr am Schlussposten prüft alles, lächelt «Welcome to our Country» und winkt mich durch! Jetzt aber ab nach Moskau – Mama fliegt in 6 Tagen ein. Mit dieser Vorfreude werden meine Beine stärker. Bis zu 145 Kilometer pedale ich. Gedanken können lenken! Denke nur noch an Moskau. Genau das ist das Gefährliche.

Erinnere mich an einen Ausschnitt aus einem SMS von Evelyne Binsack «….ohne ans Ziel zu denken». Wiederhole und Wiederhole den Satz. Ohne ans Ziel zu denken, ohne ans Ziel zu denken. Mein Denken, die Gedanken zu ändern, zu leiten dafür brauche ich Zeit. Wenn sich zB. bei der Arbeit, im Tun ein Fehler eingeschlichen hat, wurde ich von Kollegen und Vorgesetzten darauf aufmerksam gemacht. Es wurde gefeilt. Hier unterwegs muss ich selber merken, wenn ich ein Denkverhalten ändern muss, analysieren und reflektieren immer wieder von Neuem. Da kann ein einziger Satz extrem viel dazu beitragen! Ohne ans Ziel zu denken!

Ein Österreicher fährt mir auf seinem Motorrad vor. Hält an. Der hat’s aber schön, mit seinem Gashebel! «Servus, Du hast’s aber schön, Du kannst Dich wenigstens bewegen». Als hätte er meine Gedanken gelesen! «Hast Du Klebeband mit dabei? Hab Deine Fahnen gesehen, gell das ist die Berner? Will Meine auch wieder montieren!» «Aber hallo! Klar habe ich Klebeband, Kabelbinder, Sekundenleim, Messer, such Dir was aus, kennst Du den Kanton Bern?», «Das Simmental kenne ich gut, bin immer mal wieder in Därstetten!» Im Gebüsch findet er ein ideales Holz und die Fahnen sind schnell montiert. «Ich bin Tom und Du?», «Maria-Theresia». Er lachte und dachte ich mache einen Scherz mit ihm! «Sicher, so wie eure Maria-Theresia!».

Es beginnt zu regnen, wir fahren weiter. Tom macht bis zu 800 Kilometer pro Tag!

Ein paar Stunden später fährt mir ein grüner Prachtstruck vor. Luzerner! Hurra, auch der hält an. Lukas von Pajechali Reisen – Sibirien lässt niemanden kalt - ist grad am Auswandern an den Baikalsee, Sandro sein Kollege begleitet ihn bis dorthin. Die beiden sind bei bester Laune und wir haben einen Schwatz am Strassenrand der M9. «Wann seid ihr am Schwanenplatz losgefahren?», «Am Dienstag». Waas?? Unglaublich! Am Dienstag bin ich grad mal über die russische Grenze. Es tut gut ein paar Worte in der eigenen Sprache zu wechseln. Ein Stück Heimat. Wir drücken uns und fahren weiter. Beide in ihrem eigenen Tempo.

Die Strecke ist immer gleich und doch anders. Die Strasse, links und rechts Wald, dann und wann ein Feld. Händler verkaufen am Strassenrand ihre ausgestopften Bären und Pelze. Immer mal wieder eine Tankstelle. Die Dörfer sind 5 bis 10km abseits der Strasse. Öde? Keineswegs. Da ist das Rauschen vom Wind in den Ohren, die Wolken, die Bilder in den Himmel zeichnen, Schmetterlinge die ein paar Meter neben mir her fliegen, überfahrene Tiere für die ich hoffe, dass es ein schnelles Ende war und da sind meine Gedanken und die Fantasie. Die beiden haben hier richtig Zeit und Raum sich auszutoben. Mein Hirn kann tun was es will, muss sich an nichts erinnern, sich nichts merken, keine Befehle ausführen, kann sich freuen, kann traurig sein, ist völlig frei. Die Beine wissen was sie zu tun haben.

Ein Auto hält an. Zwei junge Männer steigen aus und staunen ab meinem Fahrrad. Sie öffnen ihren Kofferraum und jetzt staune ich! Er ist voll mit Überresten aus dem 2. Weltkrieg. Verrostete Waffen, Becher, Helm, Gamelle, Autobatterie mit der Jahreszahl 1941, alles da. «Wir suchen und graben in unserer Freizeit. Hobby. Wir sind tagelang in den Wäldern unterwegs. In Moskau haben wir in einem Keller alles ausgestellt. Wir möchten dir die Gamelle schenken, sie wird Dir Glück bringen, sie hat bis heute überlebt. Schau da sind noch Initialen von einem deutschen Soldaten». Ach wie lieb von den Beiden, aber das kann (und will) ich unmöglich annehmen! Mache ein Foto in der Hoffnung, dass die Gamelle auch so Glück bringt!

500 Kilometer seit der Grenze. Die M9 führt direkt durch das erste Dorf. Nicht mehr weit bis nach Moskau. Der Verkehr wird dichter. Am Abend plane ich meine Fahrt in die 12 Millionen Metropole hinein. Viel zu planen gibt’s nicht, einfach geradeaus, jede grössere Strasse führt direkt zum roten Platz, da die Stadt sternförmig ist. Sollte also ein Klacks sein. Früh morgens um 07:00 Uhr bin ich im Sattel. 40 Kilometer dichter Verkehr. 40 Kilometer volle Aufmerksamkeit. Der Rückspiegel ist Gold wert und die Busspur mein Freund. Einmal um den Kreml rum, links hoch und da ist er, der rote Platz. Hunderte von Soldaten stehen stramm, mir egal, ab durch die Mitte. Endlich da, 1. Etappe geschafft.

Freddy parkiere ich vor der Basilius-Kathedrale, in diesem Moment schreien die Soldaten im Chor: «Hurra, Hurra!» Soviel sag ich auch, Hurra! Punktlandung, das ist Timing! Sekunden später schickt mich die Polizei weg, da wird geübt für die Militärparade von Übermorgen, Tag des Sieges. Morgen ist jetzt aber erst mal Tag der Mama! Hurra!

Viel zu früh bin ich am Flughafen, sitze 3 Stunden im Kaffee und stehe 2 Stunden gespannt beim Arrival! Freue mich so sehr sie in die Arme zu nehmen, will sie nicht verpassen. Ich bin ein richtiger Glückspilz, meine Mama unterstütz mich zu 100%. Steht hinter mir, stärkt mich in meinem Tun. Sie kommt mich sogar besuchen, das ist nicht selbstverständlich. Sie ist meine Heldin.

Die Schiebetür geht auf, eine Gruppe Chinesen, ausgerüstet mit Nackenkissen folgen der roten Fahne. Schiebetüre zu. Auf, zu, auf, zu, auf, da kommt sie! Mama ist da. Was für ein Wiedersehen, als sei es gestern gewesen. Wir drücken uns und ich kann es kaum glauben.

Moskau haben wir erkundet. Was es dort zu sehen gibt: Google it!

Wir nähern uns mit 219kmh Sankt Petersburg.

Im Zugfernseher läuft mittlerweile ein Kriegsfilm. Wir zwei sitzen da und haben den grössten Frieden.

Beste Grüsse von uns Beiden!

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