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30. Blog - Jakarta - Freddy auf dem Abstellgleis!!!

Wer sucht der findet! Aber so ganz einfach ist es auch wieder nicht! 

Ich stehe in Yogyakarta am Bahnhof und will ein Zug-Ticket nach Jakarta lösen. Eins für Freddy, eins für Thesi. Für Morgen. Das ist die Ausgangslage! Nicht sonderlich kompliziert, aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass ich erst nach über 2 Stunden hier wieder wegkomme.

Die Schalterhalle ist überfüllt von Reisenden. Zu 99% Einheimische. Zum Glück habe ich mein Buch dabei. Am Abend habe ich meistens keine Energie mehr übrig zu Lesen, aber hier passts. Ich drücke den Knopf, bekomme eine Nummer und warte. Wie auf der Post. Dauert nicht lange. Knapp 2 Minuten. Hoppla, warum das jetzt? Nicht Nachfragen, ab zum Ticketschalter. «Gerne ein Ticket für nach Jakarta. Morgen mit dem 08:00 Uhr Zug. Und ich habe Freddy, mein Fahrrad mit dabei.»
«Für das Fahrrad müssen sie zuerst beim Cargo-Schalter ein Ticket lösen, dort vorne geradeaus, neben den Taxis.»

Zum Glück musste ich hier nicht eine Stunde warten. Bei den Taxis finde ich keinen Cargo-Schalter. Nur stinkende Toiletten. Wieder zurück. «Entschuldigen Sie, ich finde es nicht». 
Der Security-Mann begleitet mich – in die andere Richtung – bei den Fahrradtaxis. Ach so.
«Guten Tag, gerne ein Ticket für mein Fahrrad nach Jakarta. Morgen mit dem 08:00 Uhr Zug».

«Bitte setzen sich und füllen drei Formulare aus». Schon in der Schule bekam ich gute Noten für das Schönschreiben. Wenn jemand eine schöne Handschrift hat, gefällt mir das. Sie ist einzig, so persönlich. Mit Schrecken stelle ich fest, dass meine Handschrift so unklar daherkommt. Hab zu lange nicht mehr geschrieben. Vielleicht mal eine Karte für Mama’s Küchenwand, das war’s dann aber auch schon. Am liebsten würde ich neu beginnen. Der Mann schiebt Freddy schon mal in den Gepäckhinterhof. «Moment ähh, Morgen möchte ich gerne nach Jakarta, nicht heute und ich habe noch ein paar kleine Taschen». «Freddy wir heute einpacken».
«Was und wie wollt ihr ihn den einpacken? Kann man ihn nicht einfach in den Wagon hieven und anbinden?».
«Mit Karton umkleben, Miss».

Mit Mühe kann ich aushandeln, dass ich ihn am frühen Morgen um 06:00 Uhr bringe. Übrigens, das wenige Englisch ihrerseits und das noch weniger sprechendes indonesisch meinerseits, erschwert das Ganze! Massiv! 
«Miss, Fahrrad mit 07:00 Uhr Zug, Sie mit 08:00 Uhr Zug. Fahrrad in Jakarta, Kota ankommen, Sie in Jakarta, Gambir aussteigen!»
«Mister, ist es möglich im gleichen Zug wie Freddy zu sein und ihn in Gambir einfach aus dem Wagon nehmen?»

Sie verstehen nur Bahnhof! Mit den Stühlen bilde ich einen Zug, jeder Stuhl ist ein Wagon, setze mich auf den Einen, platziere die Lenkertasche als Symbol für Freddy auf dem anderen Stuhl. Der Stuhl-Zug hält in Jakarta Gambir, ich steige aus, laufe zum vorderen Stuhl und nehme die Lenkertasche, laufe ein paar Meter davon und winke.
Mittlerweilen sind gezählte sieben Schaffner am Pult und jeder kümmert sich um Freddy’s Ticket. Ich verstehe nichts und beobachte die Situation. Bemerkung am Rande…mir kommt Bundesbern in den Sinn.
Irgendwie ist es nach gefühlten Stunden doch möglich Freddy im selben Zug zu transportieren und sogar, ja man staune, ich kann ihn in Jakarta-Kota entgegennehmen und auch dort aussteigen. Geht doch. Wiederum wusste ich da noch nicht, das dies so nicht stimmt.
Nach vollen zwei Stunden habe ich wirklich beinahe die Geduld verloren. Freddy bekommt zwei Kleber und ich drei Tickets. Nun zurück zum Personen-Schalter, brauche ja auch noch ein Ticket. Bezahlt wird wiederum in einem anderen Gebäude und dann wieder zurück mit dem Beleg für das provisorische Ticket zu holen. Das definitive gibt es erst Morgen. Schlafe gut und Träume hin und her.

Pünktlich wie eine Schweizer Uhr stehe ich um 06:00 Uhr vor dem Cargo-Büro. Niemand da. Mit ein bisschen Hauruck bringe ich die Türe auf und stehe in der Halle. Stille. Der Staub tanzt durch das frühe Morgenlicht. Im Hinterhof entdecke ich einen Schaffner, er schläft auf der Waage. «Mister. Mister…goooood morning. Freddy is here!». Er springt auf, richtet seine zerzausten Haare und nimmt Freddy entgegen. Ich klopfe Freddy dreimal und wünsche ihm eine gute Reise. Ja klingt eigenartig. Aber ihr wisst, wir sind ein Team.
Es gibt Tage da spreche ich mit niemandem, dann hört Freddy zu. Es gibt immer wieder Entscheidungen zu treffen, niemand da zum Fragen oder diskutieren. «Freddy, hör zu, ich weiss in 15 Minuten ist es dunkel, aber die 18 Kilometer schaffen wir noch gell?! Also los, lass mich jetzt nicht im Stich!» Er würde mich nie im Stich lassen!

So ist es schon komisch, plötzlich zu wissen, dass ich eben nicht genau weiss wo er ist. Ihn habe ich immer im Auge. Er bekommt jeden Abend einen sicheren Platz.
Sitze am Fenster. Ein junger Mann setzt sich neben mich. Noch vor Abfahrt wechselt er seinen Platz, weil er weiter vorne einen Kollegen gesehen hat. Die Plätze sind wie im Flugzeug angeordnet und auf dem Ticket steht der genaue Platz. Der Zugchef kontrolliert auf seinem iPad, richtig gelesen, iPad, ob jeder am richtigen Platz sitzt.
Ein Mann in Anzug steigt zu und hat den Platz auf dem nun der junge Herr sitzt. Sie diskutieren und der Mann im Anzug setzt sich neben mich. Wir kommen schnell ins Gespräch. Heri arbeitet für die Regierung und ist zuständig für Meer und Fisch. Nach 8 Stunden Fahrt und kurz vor Gambir fragt mich Heri «brauchst Du ein Taxi?». «Das ist lieb von Dir, aber ich steige in Kota aus und fahre dann mit Freddy ins Hostel». 

«In Kota?? Da kannst Du nicht aussteigen, Gambir ist Endstation!» Und schon hält der Zug! Schnell zücke ich die drei Fahrradtickets, das provisorisches, das definitive plus Beleg hervor. Was für ein Durcheinander. «Du musst hier aussteigen, um das Fahrrad kümmern wir uns nachher!». Was??!! Der Zug fährt davon und und ich schaue ihm nach! Mir läuft der Schweiss runter, aber nicht etwas wegen den schwülen 38° Grad, ach was!
Bin mir gar nicht mehr sicher ob Freddy überhaupt in diesem Zug ist. Heri erzähle ich die ganze Story und er beginnt zu telefonieren. Wir stehen vor Mister Donut, schaue hinein und sehe wie ein kleiner Junge, mit glänzenden Augen in die Schokostreussel beisst. Es scheint, als gäbe es nichts schöneres auf der Welt als in einen Donut zu beissen. Er sieht mich, kaut genüsslich weiter und winkt mir mit klebrigen Fingern zu! Dieser Junge erwischt mich. Seine Sorglosigkeit sagt mir in Gedanken: «Chunnt scho guet!». Vielleicht sollte ich jetzt auch einen Donut essen. Heri telefoniert immer noch. Ist wohl Yogyakarta am anderen Ende? Der Zugchef? Der verschlafene Schaffner? Wie kommt er zu all den Nummern? Ein Auto fährt vor und er sagt: «Steig ein, ich weiss wo Freddy ist, auf jeden Fall nicht in Gambir und auch nicht in Kota. Nach einer Stunde Irrfahrt durch Jakarta biegen wir in einen Hinterhof.
Die Strasse endet vor dem schwarzen Gitter. Mir wird mulmig aber Heri vertraue ich. Warum? Das spüre ich einfach! Am Gitter erklärt er dem Man hin und her bis er öffnet. Ich weiss nicht recht ob es eine Abfallsammelstelle oder eine sehr arme Wohngegend ist. Männer sitzen an einem Tisch und spielen Karten. Es ist dreckig. Sehr dreckig! Tote Ratten überall. Und wer glänzt aus dem Dreck? Genau, mein Freddy. Dort hinten steht er! Alleine. Abgestellt. Wartend. Mein Herz jauchzt. 

Was für ein Glück, dass der junge Mann seinen Kollegen im Zug gesehen hat, Platz wechselte und Mister Heri neben mir sass! Ohne ihn hätte ich Freddy nicht gefunden. Als ich das Taxi zahlen wollte, setzte er einen strengen Blick auf: «Bestimmt nicht Miss. Es war mir eine Ehre ihnen zu helfen. Hier meine Karte wenn sie Hilfe brauchen. Immer alles Gute und fahren sie vorsichtig in der Stadt.» Er steigt in das Bluebird Taxi und fährt davon. Was für ein Tag!

 

Frohe Grüsse aus Jakarta

Euer Thesi

 

PS. Freddy ist übrigens schon wieder in einer Box für den morgigen Flug nach Singapur. Es wird hoffentlich der letzte Flug sein. Abgesehen vom Heimflug J

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29. Blog - Jakarta - Wo ist Freddy???

Warum biegt der Bus nicht auf seine Spur ein? Er MUSS in den nächsten Sekunden einbiegen. Rechts überholt mich ein rotes Auto, das wiederum wird von einem Laster überholt. Der hat bestimmt eine Tonne Bambus geladen. Links von mir düst ein Roller haarscharf an mir vorbei! Warum bremst der Bus nicht? Er donnert in vollem Tempo direkt auf mich zu! Er hupt und warnt mich mit seinen Scheinwerfern. Im letzten Moment drehe ich links weg und Freddy nimmt einen Satz auf die Schotterpiste. Die Glasscherben funkeln mir schon entgegen.
Ich spüre den kantigen Wind vom Bus, der mir feine Staubkörner in die Augen spickt. Nein es war nicht der Sandmann. Stehe im Dreck, stütze meine Arme auf den Lenker, den Kopf auf die Lenkertasche. Atme tief ein. Tief aus. Meine Knie zittern. Das war knapp! Auch beim Hinterreifen ist die Luft raus. Platte. Die Vierte. An diesem Tag werde ich auf Java zwei weitere Male beinahe angefahren. Einmal Taschen gestreift. Bereits auf Bali kündete sich der schnelle Verkehr an. Ich muss einfach vorsichtig sein. Auf West-Java nützt alle Vorsicht nichts mehr. Das ist mir zu viel. Ich habe mir und meiner Mama versprochen, und verspreche es mir jeden Tag von neuem, das Risiko immer so gering wie möglich zu halten. Währenddessen ich
  Platten flicke, entscheide ich mich morgen ein Zugticket für nach Yogyakarte zu lösen. Klar will mein Kopf bis nach Jakarta pedalen, aber mein Kopf hat noch einen Mitspieler. Er arbeitet eng mit Herrn Bauch zusammen. Ein gutes Team. Sie sind nicht immer einer Meinung, aber sie diskutieren, argumentieren und entscheiden dann gemeinsam. Frau Synapse leitet mir das Ergebnis direkt weiter, die Beine und die Schutzengel bekommen eine Kopie davon. Es funktioniert. Das Beste an all den Mitspielern – sie sind 24 Stunden 7 Tage die Woche einsatzbereit! Ihr Lohn? Jeden Abend ein ehrliches, von Herzen kommendes Dankeschön.

 

Bevor ich am Nachmittag den Zug nehme will ich heute früh aus den Federn. 03:00 Uhr geht’s los bis zum Fusse des aktiven Vulkan Bromo. Der Aufstieg auf den Krater ist kurz, ein paar Minuten. Erinnere mich an den 7 Stündigen Aufstieg auf den Mount Fuji in Japan. Das war ein Highlight! Aber es liegt schon so weit zurück. Warum nur? Es war doch erst vor knapp 3 Monaten! Weil dazwischen wohl so viele Erlebnisse liegen. Ein weiteres liegt noch einen Meter vor mir. Mit einem einzigen Schritt ändert sich plötzlich alles. Das Rumoren ist erstaunlich laut, der Rauch steigt auf, er kommt direkt vom Innern der Erde und es stinkt fürchterlich nach faulen Eiern. WOW! Bin überwältig.
Dieser Anblick macht mich demütig. Setze mich auf den Krater und merke wie winzig klein ich bin. Das jetzige Leben ist so kurz. Dieser Vulkan steht schon abertausende Jahre hier und brodelt vor sich hin. Immer in solchen Momenten realisiere ich, dass das Leben, unser Leben, mein Leben endlich ist. Frage mich, was sind schon die paar Jahre, die ich auf diesem Planeten leben darf? Wohl wie eine Rauchwolke vom Vulkan. Die Rauchwolke ist zu Beginn kräftig weiss, steigt auf, verblasst langsam und löst sich in der Luft auf. Weg ist sie. Adiömersi.
Einige Rauchwolken steigen höher, andere verschwinden schon im Krater. Wie sieht meine Rauchwolke im Moment aus? Ja sie ist kräftig weiss, ich lebe meinen Traum. Bin voller Energie. Aber auch sie wird einmal verblassen und sich auflösen. 

Vielleicht ist es nicht gut, solche Gedanken zu haben. Aber ich will diese Gedanken unbedingt zulassen. Ich will über den Tod nachdenken. Warum sollte ich mich erst damit befassen, wenn ich alt bin? Wer weiss denn schon wie alt wir werden? Im Alltag Zuhause bleibt mir oft keine Zeit, mich alleine mit diesem Thema auseinander zu setzen. Aber hier auf dem Krater ist dieses Thema so nah, so natürlich. Und eben genau wegen diesen Gedanken über das Sterben wird mir von neuem bewusst, dass jeder Moment, so wie dieser hier, ein Geschenk ist! Auch wenn es nach faulen Eiern stinkt. Ich will mich immer wieder daran erinnern, den Moment zu geniessen und wenn er nicht geniessbar ist, dann will ich den Moment einfach leben! Die Natur lernt mich immer wieder ein Stück Leben. 
Ich säe Erlebnisse um die Erinnerungen zu ernten.

 

Werden wir wieder technischer. Freddy wird nach obligater Bewunderung in den Zug gehievt. Er kennt sich zwar eher mit der Russischen Bahn aus aber er wird es auch in der Indonesischen überleben.
Von Yogyakarta aus besuche ich Borobudur.

Mir kommt ein Interview in den Sinn, dass ich vor ein paar Jahren mit Erich von Däniken führte. Er erzählte mir damals an einem runden Tisch hoch über Interlaken von der grössten buddhistischen Tempelanlage der Welt, die aus seiner Sicht fälschlicherweise als Tempel bezeichnet wird. Wie auch immer, jetzt stehe ich selber da und bin überwältigt von der Grösse und der morgendlichen Stille. Magisch. Mystisch. Klar, es ist ein touristischer Hotspot, aber da gerade Off-Season ist und die Regenzeit Einzug hält, hält sich auch der Ansturm in Grenzen.
Von Yogyakarte (sprich: dschodschakarta), plane ich die Weiterreise mit dem Zug direkt nach Jakarta. Die Metropole in der 24 Stunden Rushhour herrscht. Volle 9 Stunden klebe ich am Fenster und schaue Fern. Die Fahrt führt mitten durch Reisterassen, vorbei an Dörfern wo die Kinder dem Zug zuwinken, grosse Brücken, tiefe Schluchten, viel Abfall. Endstation: Jakarta, Gambir.
Alles geht blitzschnell, alle wollen gleichzeitig Aussteigen. Die warme Luft treibt mir die Schweissperlen ins Gesicht. Viele Menschen. Viele Gerüche. Kein Freddy!!! Er ist nirgends! Unauffindbar…

 

Suchende Grüsse aus Jakarta
Euer Thesi

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28. Blog - Manila - Entkräftet und neu gestärkt!

Meine 24h Fähre von Cebu zurück nach Manila habe ich verpasst. Besser gesagt verschlafen! Mir ist Fährsturm. Vom Winde verweht. Sollte wohl mehr Nüsse essen, die sind gut für’s Hirn. Die vielen, feinen, frischen, günstigen, süssen Mangos sind wohl zu weich für mein Hirn.
Sitze gerade am International Airport in Manila auf einem Rundstuhl an einem Rundtisch mit? Genau, einer Runde Mangos! Warte auf den Nachtflug nach Denpasar, Bali. Werde um 01:00 Uhr ankommen. Zur Unzeit. Ob ich Freddy gleich am Flughafen zusammensetze oder mir erst eine günstige Unterkunft für die Nacht suche? Entscheide ich vor Ort.
Die Zeit auf den Philippinen ging so schnell vorbei. Drei Wochen sind wohl zu kurz. Die letzten Wochen ziehen wie ein Film in meinem Kopf vorbei. Finde mich gerade am Hafen von Maaguinoo wieder...
Die Fähre legt in 5 Stunden ab. Der Hafen erinnert mich an die Schiffländte in Brunnen. Wie oft habe ich dort mit Mama, nach dem Wocheneinkauf, auf der dunkelbraunen Holzbank auf das Nach-Hause-Schiff gewartet! Beinahe jedes Mal bohrte sich eine Sprisse vom hin und her rangen in die Haut. Wir beobachteten die Enten. Und die Menschen. Hier in Maaguinoo beobachte ich das viele Plastik das im Meer schwimmt. Jede Welle die nahe am Ufer bricht scheint eine Träne zu sein. Das Meer weint.

 

Die Fähre sieht rostig aus. Sie ist gut gebraucht, sie weiss bestimmt wie der Karren läuft. Habe Economy gebucht. Pritsche draussen auf Deck. Keine Klimaanlage dafür frische Nachtbrise umsonst. Pritsche Nummer 80. Auf Deck herrscht schon ordentlich betrieb. Doppelstöckige Metallgestänge mit Kunststoff umhüllten Schaumstoffmatratzen. Ja dann Gute Nacht! Pritsche 80 ist schon besetzt. Kein Problem nehme einfach eine andere. 7, nein doch 6, weil auf 7 der Kunststoff klebrig ist. Wohl eine verschüttete Cola, verständlich bei diesem «Gerumpel». Der Motor ist so laut, wie wenn der Güterzug am Spiezer Bahnhof vorbeidonnert. Finde keinen Schlaf. Stütze mich an einer Eisenstange auf und gucke in die Nacht hinein. Das Wasser pechschwarz. Das Himmelszelt voller Sterne. Toll! Kann mir im Moment keinen schöneren Platz vorstellen, weil ich nur in diesem Moment existiere.
Ab Cebu geht es Schlag auf Schlag, Insel um Insel. Auf der kurzen Überfahrt auf die Insel Bohol habe ich meinen Sitzplatz neben einem deutschen, jungen Paar. Schätze so um die 25 Jahre sind die beiden. Als der Schaffner die Seitenplanen herunterlässt flippt die junge Frau neben mir beinahe aus: «Die sind so behindert, lassen die doch die Planen runter, schnallen die nicht, dass so kein Wind mehr bis zu uns kommt!». Ich bin baff! Mädel! Diese Schaffner haben Deinen Koffer und meinen Freddy behutsam auf das Schiff geladen und wissen schon was sie tun…denke ich für mich. Ein Fehler. Warum habe ich es ihr nicht direkt gesagt? Warum nur?! Heute bin ich mir reuig, dass ich mich nicht für den Schaffner einsetzte, auch wenn er ihren Kommentar nicht verstanden hat. Mache mir einen schweren Vorwurf. Gopf!
In den bekannten Choccolate Hills gibt es einen Aussichtspunkt. Eintritt 80 Rappen. Zahle unten, fahre hoch. Komme mit einem Reisenden aus Brasilien ins Gespräch, er fragt als erstes: «Na, wie viel hast Du Eintritt bezahlt?». «50 Pesos warum?». «Ha, ich zahle eben nie Eintritt, laufe immer durch wie ich nichts sehen oder verstehen würde. Klappt meistens. Zahle doch nicht 50 Pesos für einen Ausblick!». Bin im falschen Film. Was ist nur los? «Hey wenn Du nach Indonesien gehst, hab ich Dir viele Tipps wie Du ohne Eintritt zu zahlen zu den Sehenswürdigkeiten kommst, schau hier…». «Nein Danke! Deine Tipps brauche ich nicht. Ich werde den offiziellen Eingang nehmen und zahlen. Schon ok!» Auf dem Absatz mache ich genervt kehrt. Nicht zu fassen.

Mir wird schnell bewusst, dass ich als Reisende auch Verantwortung trage. Ich bin Gast, Ausländerin in einem fremden Land. Auch wenn ich mir so eine Reise leisten kann, verdienen die Menschen vor Ort Respekt. 

Ich habe den Mut mit dem Fahrrad durch die Welt zu kurven, aber bin still wie ein Hase wenn eine Touristin neben mir über die Einheimischen schimpft. Mein Verhalten werde ich überdenken und bestimmt daraus lernen.

Die Inseln sind sattgrün. Die warme Morgenluft ist magisch. Wenn die ersten Sonnenstrahlen wie Fäden durch die Palmen scheinen dann muss ich anhalten. Staunen. Das Licht verändert die Farbe der Natur von Minute zu Minute. 
Die Insel Siquijor habe ich in einem Tag umrundet. In einer Eatery bei Bohnen und Kartoffeln erzählt mir die junge Philippinin ihre Geschichte. Ihre drei kleinen Kinder spielen vor der Hütte mit einer aufgeschlagenen Kokosnuss. Sie ist ausgebildete Krankenschwester. «Ich liebte meinen Beruf…» Es folgt eine lange Pause, ihr Blick ins Leere. «Der Alltag im Spital erfüllte mich, weil ich den Menschen helfen konnte. Pro Tag verdiente ich 350 Pesos (knapp 6 Franken) es war einfach zu wenig für die Familie.» Sie steht auf, holt einen weissen Kanister hinter einem Vorhang hervor und stellt ihn auf den Tisch. «Probiere ganz wenig davon!» Die rote Brühe sieht abgestanden aus. Nippe ganz vorsichtig daran und nehme einen kleinen Schluck. Huss! «Damit verdiene ich viel mehr Geld. Wie schmeckt Dir mein selbst gemachter, fermentierter Kokosschnaps?». «Darf ich ehrlich sein? Jetzt brauche ich eine Cola, aber schnell!» «Ich bin unglücklich. Ja ich verdiene mehr Geld aber mit dem was ich mache, schade ich den Menschen. Sie trinken zu viel davon. Früher konnte ich Ihnen helfen.» Jetzt starre ich ins Leere und ich weiss, es ist nicht selbstverständlich eine Arbeit zu haben die man liebt. Genau so eine hatte ich bei Radio BeO und ich habe sie aufgegeben, nicht weil ich musste, sondern weil ich wollte. Das ist Luxus! Kann mir vorstellen, dass sie dies nicht verstehen könnte. Behalte es für mich.

Morgen fahre ich zurück nach Cebu. Dann nehme ich den Kutter nach Manila. Der bereitet mir ein wenig Sorgen. A weil die Fahrt 24 Stunden dauert, B weil ich mitten in der Nacht am Hafen in Manila ankomme. Wir Berner sagen da «das geit de scho, nume hü!». Aber Manila ist nicht ganz ohne und mitten in der Nacht...ich weiss nicht recht!
Am Morgen wache ich mit Rücken- und Nackenschmerzen auf. Mein Kopf ist heiss. Habe Halskehre und Schluckweh. Wie angeworfen. Radeln ist wohl auch heute die beste Medizin. Die 60 Kilometer bis nach Cebu werde ich schon irgendwie schaffe. Der Verkehr nimmt zu, das Hupen der Laster dringt bis in mein Mark. Bin völlig schlapp. Trinke eine Cola nach der anderen. Entkräftigt komme ich in Cebu an. Danke! Im Hostel gehe ich sofort ins Bett und wache erst am nächsten Morgen um 06:00 Uhr auf. Mist, die Fähre!!! Verpasst. Verschlafen. Der Schweiss läuft mir aus lauter Stress runter. Wie komme ich nach Manila? Morgen habe ich einen Flug nach Indonesien. Erkundige mich am Empfang vom Hostel. Sie sagt gleich zu mir: «hier ein Stuhl, setz Dich hin, du bist ja ganz bleich! Maureeeeen bring ihr eine Hot Choccolate!» Was sich in den nächsten Stunden abspielt ist einfach unglaublich. Sie telefonieren und organisieren. «Velo per Cargo Schiff, sie mit Flug. Nein Cargo könnte Verspätung haben. Also beide mit Flug. Und die Box? Ruf den Boss an, der fährt Velo, der weiss wie man zu einer Box kommt. Ok dann ruf ich die Fähre an und frage ob sie das bezahlte Ticket rückerstatten». Minuten später steht der Boss samt Box in der Halle. Er ist ein Engel! Buche schnell einen Flug und innert Stunden hat sich das Problem gelöst. Ich bin wirklich Engeln begegnet. Danke! Am nächsten Morgen geht’s mir wieder tip top und die Energie ist zurück! Eigenartig…

Oh, das Boarding für den Nachtflug geht gleich los…nicht das ich den Flug noch hier am Rundtisch verschreibe!

 

Liebe Grüsse aus der Ferne

Euer Thesi

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27. Blog - Cebu Philippinen - Are you OK??

Das ist mein Ruhetag. Brauche ihn dringend. Hab eben meine Kleider mit Mango-Shampoo gewaschen. Das Wasser färbte sich schwarz. Der Dreck von Manila klebt fasern tief.
Die Reise auf dem «Inselparadies» beginnt in der EMM – Extrem-Metropole-Manila. Habe ein günstiges Zimmer, 7 Franken die Nacht, in der Nähe vom Flughafen gebucht. Für die drei Kilometer brauchte das Taxi satte 65 Minuten! Freddy lacht sich in der Box ins Fäustchen. Zum Glück hat mir in Zen-Ga in Taipeh seinen Schraubschlüssel geschenkt: «hier, pack den ein, nicht dass Du in Manila noch einen Mechaniker suchen musst». Ich umarme in von weitem. Ab sofort schraube ich die Pedale selber fest!
Wie soll ich hier rauskurven? Wie nur? Laufe die ersten paar hundert Meter bis zur ersten Kreuzung. Das wird wild! Da gibt’s nur eines: Augen auf und durch. Liege im Bett, das Zimmer so gross wie das Bett. Die Matratze dünn. Der Laken schimmert im vergilbten weiss mit Flecken. Ein Käfer gesellt sich zu meinem Knie. Studiere die Karte rauf und runter. Wahnsinn, die Philippinen sind riesig. Wo will ich überhaupt hin? Starre mit leerem Blick auf die rot eingezeichneten Strassen. "Wo willst du hin? Wonach suchst Du? Warum bist Du unterwegs? Warum sind meine Freunde plötzlich so weit weg? Sollte ich mich um diese Jahreszeit nicht auf einer Wanderung zum Oeschinensee wiederfinden?" Gedanken kreisen. Atme tief ein, rieche in Gedanken die Bergluft –
 sie riecht nach Schimmel. Schimmel überall. Thesi, wach auf! Du bist in Manila! Du bist auf dem Weg nach Nepal. Spielt keine Rolle auf welcher Strasse Du entlangfährst, fahre einfach und beobachte die Welt mit Neugier und lerne dazu!

Der Morgen ist schwül heiss bei 40° Grad und 94% Luftfeuchtigkeit. Kein Meter gefahren und der Schweiss tropft mir über Wange, Nase, Arme und Beine. Hopp auf’s Rad, der Wind wird kühlen. Tauche ein ins wilde Manila. Abgas von Jeepneys, die übrigens die Amerikaner zurückgelassen haben, umhüllt mich. Halbnackte Kinder strecken mir die offene Hand entgegen. Eine Ratte huscht haarscharf vor meinem Pneu vorbei. Das Hupen der grossen Laster dröhnt bis auf mein Mark. Es riecht in einer Sekunde nach gebratenen Zwiebeln in der anderen nach einem toten Tier, in der nächsten nach Kokosnüssen. Die Mechaniker winken mir von weitem. «Hey Girl, where are you going?». Der Polizist salutiert. Ein Motorrad von links, ein motorisiertes Tricycle von rechts und von vorn ein Ananastransporter der mich mit Warnlichtern wohl warnt. Uff. 50 Kilometer später brauche ich eine Cola. «Madame, Pepsi, CR oder Coca Cola? Cola klein (350ml) only 35 Rupien, Cola gross (1L) only 40 Rupien!». Nehme die grosse Flasche und spüle sie innert Minuten runter. Der Dreck im Hals grad mit. Jede Stadt ist anders zu fahren. Manila ist aber ganz anders. WILD.

Bin nun auf der Strasse 1 unterwegs. Die Menschen winken und rufen mir zu: «Nice Bike! Are you married? Single? How much is your Bike? Are you ok? Take care!” Kinder rennen mir hinterher. Gebe gefühlte 100 “gimme five» pro Tag. Ein weisser Hyundai hält an. «Are you OK? Wohin gehst Du?». «Das weiss ich auch nicht so genau, Südwärts!». «In 15 Kilometer kommst Du nach Lucban. Wir möchten Dich zu einer Geburtstagsparty einladen. Sozusagen als Überraschungsgast. Mein Bruder Michael wartet in einer Stunde bei der Iglesia Ni Cristo auf Dich. OK?». Mein Verstand entscheidet innert Sekunden, dass die Einladung ernst gemeint ist und die Leute vertrauenswürdig. Bei der Kirche ist nicht nur der Bruder, sondern ein ganzes Empfangskomitee. Tony hat bereits ein Seil an seinem Motorrad installiert um mich den Berg hoch zu ziehen. Was für ein Spass.
Es wird reich aufgetischt. Farnsalat und gebratene Schweinehaut um nur zwei der vielen Gerichte zu nennen. Dem Geburtstagskind stehle ich ein bisschen die Show. Entschuldige mich bei ihm. Er meint: «Ach was! Morgen habe ich was zu erzählen im Dorf, eine Schweizerin auf meiner Party, glaubt mir keiner. Schnell ein Beweisfoto!». Tony packt seine Drummer-Sticks aus und trommelt auf die Kokosnuss ein. «Hey, ich habe ein Schweizer Taschenmesser». Wie ein Zauberer zückt er aus seiner linken Hosentasche eine Klinge. «Tataaaa!». (Unter uns…eine geklebte Klinge von einem Japanmesser, aber psst, es ist Tonys Schweizer Messer!) 

«Morgen komme ich mit Dir und wir fahren um die Welt! Wir durqueren Amerika, fahren durch die Sahara und Campen in Australien, ok?» Ach Tony…

Langsam verabschiede ich mich. Der Triathlet Will begleitet mich noch 5 Kilometer und sagt: «Pass auf Dich auf, das ist der Wilde Westen hier!».

Was habe ich von Drummer-Tony gelernt? Die Welt, die Ferne kann in Gedanken ganz nahe sein. 

600 Kilometer bin ich nun Südwärts gefahren – und es gab keine 100 Meter wo nichts war. Überall Menschen. Die Strasse ist gesäumt von Bambus-, Wellblech- und einfachsten Holzhütten. Ich fahre sozusagen durch die Stuben von armen Menschen. Es schockiert mich. Eine Fünfköpfige Familie lebt auf einem Raum, nicht grösser als eine Bushaltestelle bei uns. Kleider werden auf Bäumen, Leitplanken und dem Trottoir getrocknet. Kinder in zerrissenen Kleider spielen lachend im Dreck während ihre Mütter auf dem kleinen Feuer Suppe mit Blätter kochen. Männer hacken mit grossen Messern im Dickicht die frischen Bananen ab. Schulkinder schleppen Wasserbehälter vom Pumpbrunnen nach Hause. Armut habe ich das erste Mal vor 10 Jahren in den Slums von Kathmandu gesehen. Später auch in Indien. Aber es schockiert mich immer wieder von neuem. Mache praktisch keine Fotos. Kann meine Kamera einfach nicht hervornehmen. Traue mich nicht einmal einen Kaugummi in den Mund zu nehmen. Weil ich mir Kaugummi leisten kann.
Mir geht nur ein Wort durch den Kopf: Scheisse! Ich weiss, der Ausdruck ist nicht angebracht. Muss es erläutern: Ich fahre vollbepackt auf einem teuren Rad durch diese Gegend. Blicke den Menschen direkt in die Augen. Fahre weiter. Kann mir essen kaufen. Weiterfliegen ins nächste Land. Meine Freiheit leben. Reisen. Tun was ich will. Sauberes Trinkwasser kaufen. Zuhause habe ich die Chance auf eine bezahlte Arbeit. Kann Hobbies ausleben. Mir ein Busticket kaufen. Eis aus dem Gefrierfach nehmen, wenn mir danach ist. Wir haben Einhebel -Mischer-Wasserhahn, da kommt sauberes Wasser raus und ich kann sogar einstellen ob kalt oder warm oder lauwarm. Das ist doch völlig übertrieben! Scheisse, mir geht es zu gut. Und was kann ich hier tun? Nichts! Doch!
Ich kann diesen Menschen mit allergrösstem Respekt begegnen. Jedem einzelnen. Vom jüngsten Mädchen mit zerzausten Haaren über den kräftigen Mann der ganz zart jede einzelne Litschi auf dem Holzbrett zum Verkauf anpreist bis zur alten, gebrechlichen Frau die mir mit ihren zwei verbleibenden Zähnen zulacht. Grüsse ich sie oder winke ihnen zu – beginnen sie zu strahlen. Das ist das einzige was ich tun kann, ihnen meinen tiefsten Respekt zum Ausdruck bringen. Sie haben vielleicht kein Diplom in der Schublade oder kein Sparkonto… ABER um solch einen Alltag, solch ein Leben meistern zu können, dafür braucht es wohl viel, viel mehr!

Dankbare Grüsse 
Euer Thesi

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26. Blog - New Taipeh City TWN - Taiwanisches Querfeldein

Freddy schläft schon behutsam in der Box. Er ist parat für den Flug morgen in der Früh nach Manila. Ich bin’s noch nicht ganz. Das Blatt vor mir ist weiss und leer aber ich weiss es zu füllen!
Zwei Wochen fahre ich mit Cynthia vom Veloclub Taipeh mitten durch die subtropische Insel Taiwan. Meine Beine sind voller Energie. Zu diesem Zeitpunkt weiss ich noch nicht, dass mein Kopf mir in diesen Wochen alles abverlangen wird.

Wir starten auf Meereshöhe in Richtung der wilden Taroko-Schlucht. Schon der Name allein verspricht einiges.
Die Strasse schlängelt sich entlang dem Marmor und Granitgebirge. Atemberaubende Wasserfälle, unzählige Tunnel, fest verankerte Hängebrücken und Touribusse die an fixen Punkten halt machen. Unser erstes Ziel ist der 86 Kilometer ewig lange, teils sehr steile Aufstieg auf den 3275 Meter über Meer gelegene Wuling-Pass. Ich dachte immer, mehr als Grimsel, Furka und Susten an einem Tag schaffe ich nicht. Das war vor 3 Jahren. Und da war ich eben noch nicht in Taiwan auf dem Wuling-Pass. Bei der Maximalen Steigung von 27,4 Prozent kann ich auch mit dem Kopf nicht mehr weiterfahren und muss schieben.
Ein bisschen weniger steil und die Energie ist zurück! Cynthia und ich haben ein unterschiedliches Tempo. Sie meint ich solle meine Energie weise einteilen und langsamer fahren. Fahre ich nicht mein Tempo werde ich schnell müde und so machen wir ab, dass ich alle 5 Kilometer warte. Wir campieren die erste Nacht bei einem Tempel die zweite auf einem Parkplatz. Wir sind als Team unterwegs. Sind gemeinsam gestartet und werden auch gemeinsam wieder in Taipeh einradeln. Funktionieren zwei fremde Menschen auf Anhieb als Team? In einer Situation wo auch der Körper müde wird?
Jeden Abend haben wir Diskussionen. Die Art wie ich Reis koche ist verkehrt. Nein sie ist sogar falsch. Es wäre besser ich würde kein Deo benutzen. Eine Platte repariert man auf diese Weise und nicht so! 
In einer Bruchsekunde merke ich, das funktioniert nicht. Wir funktionieren und harmonieren nicht. Noch nicht. Ganz normal. Wir beide bringen Tourenerfahrung mit, sie hat ihre Stärken, ich meine. Jetzt gilt es, diese so zu kombinieren, dass wir gemeinsam immer das beste aus der momentanen Situation machen können. Eine Herausforderung. Der Aufstieg ist plötzlich ein ganz anderer als die steile Strasse. Wir schaffen das. Und ich lerne Reis auf eine andere Weise zu kochen.

Am dritten Tag nehmen wir die letzten Kilometer bis zur Passhöhe in Angriff. 10 Kilometer vor Schluss dann die berühmte Abzweigung. Jetzt wird’s richtig steil. Die Frühstücks Energie-Nudelsuppe mit Algen lässt nach. Die Peanutbutter Kekse und Nüsse sind an der Reihe. 
Wir lassen den Nadelwald hinter uns und kommen ins alpine Grasland. Herrlich. Ein Stück Heimat.
Nach Sonnenuntergang erreichen wir die Passhöhe. 20 Grad kälter als gestern Abend. Wir entscheiden uns, mit Stirnlampe und Handschuhen die 40 Kilometer Abfahrt in der Dunkelheit zu wagen. Ein besonderes Erlebnis. Die Mond geht auf, das Himmelszelt voller Sterne. In solchen Momenten verändert sich mein Zeitgefühl komplett. Es ist egal wie spät es ist. Wie lange eine Minute dauert. Wann ich ankommen werde. All das verliert an Wichtigkeit, an Bedeutung. Nur der Moment existiert. Und die Zeit steht still. Ein wunderbar, erfüllendes Gefühl!
Die nächsten Tage sind gespickt mit vielen Höhenmetern. Wir campen bei einer Schule. Neben Tempeln. Bei Kirchen. In Parks. Am Strassenrand. Wir fahren durch Bambuswälder und essen Bambussuppe. Geniessen hoch qualitativen Tee in den Alishan Bergen bei Huan mitten in der Teeplantage. Ich lese in einer Berghütte Flöhe auf und habe an den Beinen über 280 Stiche. Wir besuchen die abgelegensten Regionen wo die Ureinwohner noch die eigene Sprache sprechen. Luma lädt uns zum Tee ein – aus Tee wird ein Mittagessen und eine wilde Fahrt mit ihrem Jeep hoch auf den Berg wo die weissen, süss duftenden Blumen wachsen die ihr Mann vor seinem Tod noch einmal riechen wollte.

Bei einem Wasserfall gibt’s nach 10 Tagen die erste Dusche. Querfeldein geht's auch auf dem Tisch zu und her. Nudelsuppe mit pulverisiertem Schwein. Tee-Eier die in Schwarz-Tee und Sojasauce gekocht werden. Schlimmer sehen nur die 1000 Jahr alten Eier aus. Die sind dann schwarz. Vom grüne Bohnen Saft bis zum Spargelsirup huss. Schweinefüsse im Glauben daran, dass nach der Mahlzeit dem Glück nichts mehr im Wege steht. Stinkender Tofu mit Kabis. Ingwer entfaltet sich nicht nur im Tee sondern auch wunderbar mit Chicken Rice! Frische Mango, Passionsfrucht, Ananas, Grapefruit und Bananen versüssen uns den Alltag. Das ist bitternötig, denn unsere Diskussionen sind immer noch scharf und versalzen. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten. Gleichzeitig werden wir stärker und lernen voneinander. Die letzten Kilometer dieser zwei Wochen fahren wir im Dauerregen und stossen zurück in New Taipeh City mit Soyamilch auf unsere Tour an. 

Cynthia, danke für Deine Gastfreundschaft. Danke für die kostbare Zeit hier in Taiwan. Dank Dir habe ich Regionen gesehen die ich alleine bestimmt nicht bereist hätte. Über diese zwei Wochen könnte ich Seiten füllen. Aber diese eine Seite ist nun voll.
Mein Geist ein Stück reicher an Erfahrungen. Eine neue Freundschaft geschlossen. 

 

Also mein Geheimtipp liebe Reisende: Taiwan. 

Tipp für Velo-Reisende: Wuling-Pass!

 

Nächtliche Grüsse aus Taipeh

Euer Thesi

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25. Blog - Taipeh TWN - Das Herz von Taiwan habe ich bereits gesehen...

Flug CI121 Okinawa to Taipei China Airlines: Check-IN 09:50 Uhr! Abflug wird sich um 40 Minuten verspäten. Aber nein, nicht wegen Freddy! Wo denkt ihr hin! 45 Minuten warte ich in der Menschenschlange bis ich dran bin zum Gepäck scannen. Die Box passt natürlich nicht durch den Scanner! Nicht weit bis zum XXL Scanner. Alles passt. Total gibt’s’ 30 Kilogramm Freigepäck und 7 Kilogramm Handgepäck. Nach Adam Riese also 37. Schön und gut aber ich habe Total 63 Kg! Kann teuer werden. Und lustig. Meine Taktik steht! Mit Daunenjacke, Regenjacke, Hut, Helm und Handschuhe stehe ich am Desk! «Wollen sie nach Taiwan radeln oder fliegen?». «Lieber radeln aber heute darf ich wohl mit der wunderbaren China Airlines fliegen! Jupi». Zück mein bittehilfmirjetzteinfach Lächeln hervor. Kiste wiegt 30.5 Kg. Perfekt. «Als Handgepäck haben sie also den Rucksack, diese kleine Tasche, zwei Paar Schuhe und noch die eine grosse Tasche? Ach und den Helm mit zwei Trinkflaschen?!» Genau!
«Das ist zu viel, sie müssen noch etwas Aufgeben». Packe alles Schwere aus meinem Rucksack in die eine Tasche, Laptop unter den Arm und komme von 10 auf 4 Kilo runter. 30 Franken Aufschlag. «Sie müssen nun die Handtasche erneut scannen dort drüben». Bringe sie schon gar nicht mehr zu…schwinge die rund 25 Kilo schwere Tasche möglichst Federleicht um die Schulter. Die 7 Kilo erreiche ich alleine mit der Lenkertasche wo Kamera ect. verstaut ist. Wieder zurück am Schalter will sie diese nun noch wägen. «Ach ich glaube das ist schon ok, haben sie mir noch das Rückgeld für das Übergewicht und meinen Pass bitte?» «Ja sicher, entschuldigen sie, bitte sehr».
Die Tasche wird nicht gewogen! Später darf ich sie noch komplett ausräumen. «Für was brauchen sie diesen Schlauch hier? Und was sind das für Stäbe? Was haben sie mit dieser Vulkanisierlösung im Sinn?» Oh die habe ich vergessen in die Box zu packen. Mist. «Wenn ich eine Platte habe muss ich Schlauch wechseln. Die Stäbe sind Speichen, kann passieren wenn Speichengeister unter sich sind, dass die eine oder andere einen Knacks bekommt, dann wird sie ausgewechselt. Die Vulkanisierlösung…».
Die gute Dame weiss nun wie eine Platte geflickt wird und die Vulkanisierlösung behaltet sie natürlich…hoffentlich für ihren nächsten Platten! Sitze im Flieger. Durchgeschwitzt. Erleichtert. Fertig.


Taiwan. 90 Minuten nach der Landung bin auch ich mit dem Karren samt Box Richtung Ausgang unterwegs.
Wer steht da? Cynthia Tseng und Tso-Gra. Die beiden habe ich vor 10 Wochen in Hokkaido getroffen. Letzte Woche schrieb sie mir eine Mail, wann ich nun ankomme, der ganze Veloclub freue sich schon auf die erste Fahrt mit der Schweizerin! Das Wiedersehen ist grossartig. Kann mein Glück kaum fassen. Komme in einem fremden Land an und Freunde die ich erst 15 Minuten in meinem Leben gesehen habe und einen kurzen Talk im strömenden Regen hatte warten. Was gibt es schöneres? Eben.

Ein Mitglied vom Veloclub hat ein grosses Auto und das steht schon parat. In New Taipeh wartet mein Gastgeber vom Veloclub. Alle sind aufgeregt, alles geht so schnell. «Komm, das ist Dein Zimmer. Hier die Dusche. Mein Schwiegervater ist zurzeit auch noch hier. Magst Du eine frische Mango oder lieber Bananen? Später gehen wir traditionell was essen. Jetzt aber Dein Bike, packen wir es aus! Oh, vielleicht möchtest du erst Duschen? Hier nimm schon mal ein Schluck Wasser. Die Waschmaschine ist hier, drück diesen Knopf dann jenen. Das ist Dein Schlüssel. Das sind 10 genau gleiche Hochhäuser wir sind im H360 7 Stock, nicht vergessen! Also das Bike! Warte ich ruf noch kurz meine Frau an, die ist grad in China sie will dir Hallo sagen. Cynthiaaa wo hast Du die Landkarte, wir wollen noch die Route besprechen für die nächsten zwei Wochen. Morgen machen wir eine erste Bergfahrt. 06:30 geht’s los, also das Bike. Nein zuerst meine Frau».

Ich glaube ich muss mich erst setzen. H360 Stock 7. H360 Stock 7. H360 Stock 7. Nicht vergessen!
Freddy haben wir im Nu auf den Pneus. Dank vereinten Kräften. Denke schon an Manila und weiss, dann werde ich an jetzt zurückdenken. Step by Step!

23:00 Uhr liege hoch über Taipeh im Bett. Diese Ruhe. Bin überglücklich so liebe Menschen getroffen zu haben. Wie habe ich das nur verdient? Bin einfach dankbar:

06:00 Uhr Mister Zen-Gro (Gro steht für grosser Bruder) klopft an die Türe. Es riecht nach Knoblauch. Frühstück ist parat. Auf meinem Teller drei Spiegeleier, ein Knoblauchbrot, Reis mit Süsskartoffeln und eine Banane. Die Bergfahrt muss es in sich haben! 06:45 Uhr und wir trampen die steile Strasse hoch. Die Morgenstille ist so berauschend. Ich weiss nun, dass der beste Rückenwind die Motivation ist! Oben angekommen wartet der Veloclub mit heissem Tee, Kaffee und Nüssen. Mister Fang ist auch da. Er war vor Wochen auf Hokkaido unterwegs. Er ist der mit dem weissen Bart – auf dem Foto links von mir – die Eselsbrücke zu seinem Namen: Fang den Bart HA!
Alle bestaunen Freddy. Diskutieren über den stabilen Rahmen. Beobachte das Schauspiel von weitem und freue mich natürlich. Unzählige Male umarme ich jemanden der mir irgendwie fremd und gleichzeitig so nah ist und lache in die Kamera. Cynthia schenkt mir ein Trikot. WOW!
Sie haben schon eine Route geplant für die nächsten zwei Wochen. Wir kaufen Essen ein und zur Sicherheit fahren wir noch zum Velomechaniker. Der ist natürlich auch im Club. Er checkt mein Bike komplett durch. Eine Stunde lang. Umsonst! 

Heute ist Sonntag. Ruhetag. Sitze auf meinem Bett, draussen regnet es seit gestern Abend in Strömen. Ein Taifun ist im Anmarsch. Cynthia ruft an: «Am Dienstag fahren wir los. Nicht wie die meisten rund um die Insel herum. Nein, wir zeigen Dir das Herz von Taiwan.»

«Weisst Du was Cynthia? Das Herz von Taiwan habe ich bereits gesehen! Für mich seid IHR das Herz von Taiwan!»

 

Herzliche Grüsse aus New Taipeh

Euer Thesi

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24. Blog - Okinawa JAP - Freddy ist verstaut...

Super-Taifun. Hier auf Okinawa war ich 1200 Kilometer Luftlinie von Osaka entfernt. Es windete und wir wurden aufgefordert nicht ins Meer zu gehen. 1200 Kilometer!! Kann mir gar nicht vorstellen wie heftig das in Osaka war.

 

Erdbeben in Hokkaido. Japan ist erneut betroffen! 
Immer wieder bin ich beeindruckt wie stark die Natur ist – meine Gedanken bei den Betroffenen.

 

63 Kilogramm Total. Mist! 37 sind erlaubt. Das China Airlines Personal ist morgen bestimmt gut gelaunt und drückt beide Augen zu. Sitze vor meiner Kartonbox. Ein trister Anblick. Die Palmen, das helle Holz und Maruboshi hinter der Theke im Aloha-Bulmenshirt tragen die Hawaii-Stimmung ins Haus. Hellt auf! Es ist so ein anderes Japan hier.
Wieder einmal war es eine Punktlandung!

Radle nach einer schlaflosen Nacht bei 33° Grad im Park früh los. Der letzte Tag auf der Insel Kyushu, die südwestlichste Hauptinsel. 115 Kilometer bis nach Kagoshima. Die Fähre legt um 18:00 Uhr ab. Einschiffen für Passagiere mit Vehikel ist um 17:00 Uhr. Schaff ich. Die Rechnung habe ich aber ohne die Hügel gemacht! Die haben’s in sich. Steile Aufstiege. Starke Gefälle.  Ach, wenn ich es nicht schaffe, nehme ich erst Morgen die Fähre.
Eine junge Dame hält an und streckt mir Kühltücher entgegen. So lieb! Wische mir grosszügig das Schweiss-Salz aus dem Gesicht und sie springt auf: «No, NO! Menthol!» Auweia. Ja, das brennt ganz schön! Ansonsten sind die Tücher super! Kühlen herrlich! «Habe Dich jetzt schon dreimal überholt, jetzt musste ich anhalten. Weisst Du, ich bin mir sicher 99% die dich überholen denken FIGHT! Beisse! Bleib dran! Wo willst Du heute hin?» Kagoshima! «Oh das ist noch weit, schaffst Du aber!» Im Rückspiegel sehe ich, wie sie mir nachwinkt. 17:00 Uhr und ich bin erst Stadteingangs. Jetzt aber Hü! 17:30 Uhr bin ich endlich am Fährhafen. «Hallo, krieg ich noch ein Ticket für die 18:00 Uhr Fähre?». «Ja sicher!». «Hab noch ein winziges Fahrrad dabei und ein, zwei Taschen!». «Oh, dann aber speedy!». Als der gute Herr das Göppeli sieht wird im fast übel. «Very speedy! Eine Tasche kannst Du mitnehmen. Welche? Wir laden ein!» Oje, Zahnbürste in der Vorderen. Auflade Kabel in der Anderen. Trockene Kleider in der Hinteren. Brauche 4 Minuten! «Das ist zuviel. Wir machen’s so, du fährst selber in den Laderaum, dort wird dich einer abholen und dann kannst Du auf dem Schiff in aller Ruhe deine Sachen suchen». Er ist ein Goldschatz und ich ein Huhn.
Im Laderaum herrscht Tumbler-Klima! Heiss! Lastwagen, Container, Eisen einfach riesig! Packe um und im Nu bin ich auf Deck. Mist, habe trockenes Shirt und frische Unterwäsche vergessen. Stehe nun wie ein gackerndes Huhn vor der Laderaumtüre. Kann noch einmal runter, uff Danke Du Goldschatz! 25 Stunden bis nach Naha. Im 40-er Dorm.
Bin begeistert wie die Japaner bei Flutlicht und Non-Stop TV problemlos schlafen können. Hat auch jeder eine Augenbinde. Mein Schweisstuch tut’s auch! 05:00 Uhr, die Dame links von mir liegt auf dem Rücken und fährt Luftvelo. Manche kriegen auch nie genug davon!
Die «Insel der Hundertjährigen» gefällt mir auf Anhieb. Okinawa gilt als Region mit der Weltweit höchsten Lebenserwartung. 100 wird ich hier aber sicher nicht!

Bei Amerikanern komme ich für die nächsten Tage unter. Sie arbeitet bei der Navy, Shawn bei der Marine. Sie haben sich ausserhalb vom Camp Foster eine hübsche Wohnung gesucht. Tausende Amerikaner leben hier! Es soll der «unversenkbare Flugzeugträger» der USA sein. Sie geben mir den Schlüssel: «Fühl Dich wie Zuhause – wir sind fast nie Zuhause! Das ist dein Zimmer, hier dein eigenes Bad, der Kühlschrank ist voll, nimm einfach! Kannst bleiben so lange Du willst. Internet ist high speed! Wenn Du gehst, schliess einfach die Türe ab und leg den Schlüssel unter die Matte! Am Freitag reise ich kurz in die USA und Shawn muss für eine Aufklärung Richtung Philippinen. Geniesse es! See you...maybe». Bin drei Tage hier und habe sie zweimal gesehen. Ihr Vertrauen? Grenzenlos! Unglaublich! Gerne hätte ich ihre ganze Geschichte gehört. Bestimmt spannend. Danke für Alles!

Die Box steht immer noch so farblos vor mir.

Freddy ist verstaut. Er ist unglücklich! Versteht nicht warum er in eine Box muss. Hab alles probiert - es gibt tatsächlich kein Schiff nach Taiwan. Der Flug ist gebucht. 

Knappe Stunde nach Taipeh. Knappe drei Monate in Japan. 

JAPAN – es war mir eine Ehre! Drei Monate durfte ich Dich bereisen. Es waren prägende Wochen. 4500 Kilometer.
Als ich ankam, hast Du mich mit strömendem Regen in Hokkaido begrüsst. Auf der Hauptinsel Honshu hast Du mein Durchhaltewillen bei enormer Hitze auf die Probe gestellt.

Durch spannende Städte durfte ich radeln: Sapporo. Hakodate. Sendai. Fukushima. Kyoto. Nagoya. Tokyo. Osaka. Hiroshima. Fukuoka. Naha.
Vom nördlichsten Punkt durfte ich bis ganz in den Süden pedalen. Unvergesslich der Aufstieg und Sonnenaufgang auf Mount Fuji. Wunderschöne Tempel. Von so mancher Parkbank aus konnte ich mit sicherem Gefühl die Sterne und den Mond beobachten. 

Aber Japan…was alles topt…die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen denen ich begegnen durfte!
Die Begegnungen machen Dich unvergesslich!

DANKE für diese kostbare Zeit. 

 

Die letzten Grüsse aus Japan

Euer Thesi

 

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23. Blog - Fukuoka JAP - Das ist Familie Tamura

 

Fukuoka. Sitze sozusagen im Frigor. Fukuoka-Frigor!

Mit Merinowolle-Jäcken bei 20 Grad friert es mich. Draussen 40 Grad. Ende August! Japan hat vier Jahreszeiten. Gestern sagte mir ein Japaner: «Normalerweise wird es kühler ab Mitte August, aber was ist normal? Normalerweise esse ich nach 16:00 Uhr ein Eis – hier eins für Dich. Kiwi-Eiskugeln. Magst Du Kiwiglace?» «Normalerweise schon. Danke!»

Vor zwei Tagen habe ich die Hauptinsel Honshu verlassen. Vier Tage bis Kagoshima und noch ein paar Tage auf Okinawa. Ein paar Dutzend kleinen Inseln. Eine Inselkette die sich über etwa 1000 Kilometer von Kyushu nach Taiwan erstreckt! Und dann…dann sind drei Monate in Japan gespeichert. Gespeichert im Herzen.

Heute möchte ich euch eine Begegnung im Detail erzählen. Da ich einmal gelernt habe, in der Kürze liegt die Würze. Oder eben: "Segg isch sexy", probiere ich jeweils im Blog nicht länger als eine A4 Seite zu werden. Wisst ihr wie vieles ich in einer Woche erlebe? Eben. Eine Begegnung – Eine A4 Seite (reicht wohl wieder nicht).

Jeden Tag schwitze ich. Heute besonders. Kurz nach dem Taifun ist es wieder extrem drückig bei 40° Grad. Denke jetzt schon (12:00 Uhr) eine Dusche wäre heute Abend «z zäni»!

Nach 100 Kilometern habe ich genug für heute. Schlussdibuss. Es ist bereits dunkel. Finde aber keinen Platz. Kein Park, kein Golfplatz, kein Strand. Bin grad ausserhalb der Stadt Hofu. Frage bei einem seven eleven Shop, welcher 24h offen hat, ob ich mich wohl hinter dem Laden hinlegen dürfte. Der Arbeiter weiss nicht recht, sagt dann nein und entschuldigt sich. Schon ok. Setze mich draussen erst mal auf den Boden und lasse meine Herzpumpe pumpen. Die eine Schweisstropfe auf meiner Wade kullert langsam Richtung Ferse, auf ihrer Fahrt nimmt sie denn Strassendreck grad mit. Praktisch. Selbstreinigung sozusagen. Sie versickert im Riemen der Sandale. Je nach Bahn sind die einen Tropfen schneller, die anderen langsamer. Realisiere, dass ich meine Schweisstropfen beobachte??!! Lustig. Eine Dusche wäre jetzt das Non Plus Ultra.

Ein Mann setzt sich auf sein Moped und will grad davonfahren. «Entschuldigung, wissen sie vielleicht einen Platz hier in der Nähe wo ich übernachten könnte?». Er studiert. «Hier weiss ich nichts, aber weiter vorne in der Stadt gibt es Hotels, ca 1. Stunde von hier.» Schaff ich nicht. Trotzdem Danke. Er braust davon. Der Chef vom Laden kommt nach draussen. «Klar kannst Du dich hinter unserem Laden hinlegen. Neben der Lüftung. Die ist zwar ein wenig laut.» Kein Problem. Wirklich lieb. Er will natürlich noch meine Story wissen und so plaudern wir ein Weilchen.

Lehne mich erst mal an die Lüftung und esse Reis. Reis mit Mayo. Fein.

Mein Kopf ist heiss. Bin aber gut gelaunt. Geniesse diese Freiheit. Weiss, dass die Temperatur in der Nacht nicht unter 31° Grad sinkt. Zum Glück geht ein Lüftchen. Die Natur hilft mir immer wieder. Das Lüftchen trocknet die Schweissperlen und kühlt so die Oberfläche der Haut ab.

Normalerweise geht am Abend alles zackig. Essen. Zähne putzen, Zahnseide inkl. Mundspühlung. Tagebuch schreiben. Logbuch führen. Matte aufpumpen. Hinlegen und Adiömersi. Heute ist es anders. «Tämpele das ume»! Auch nach 30 Minuten sitze ich immer noch neben der Lüftung. «Mach vorwärts Thesi! Nein warum? Hab ja Zeit! Leg Dich jetzt hin und schlaf! Nein, ich sitze jetzt noch ein bisschen rum!». Ein Auto fährt zu. Eine Familie steigt aus. Der Mann kommt näher…jetzt erkenn ich ihn wieder. Er war doch vorhin mit dem Moped da! Seine zwei Töchter, wollen sofort ein Foto von mir! Die Mutter: «willst Du wirklich hier übernachten? Wir haben ein grosses Haus!». Die Tochter meldet sich dazwischen: «Komm doch zu uns, wir möchten Dich einladen! Unser Grosi kocht schon Curry! Fahr uns nach. LOS!». Echt jetzt?! Ist der Mann nach Hause gefahren und mit seiner ganzen Familie wieder gekommen um mich einzuladen? Eine Träne gesellt sich zum Schweiss. Die Einladung nehme ich sehr gerne an.

Der Ladenbesitzer wurde schon informiert er kommt nach hinten um sich zu verabschieden und natürlich noch ein Foto!

Grosi steht schon in der Tür. «Welcoooome». Die rüstige Dame klopft mir auf die Schultern, klatscht in die Hände und nimmt mir gleich eine Tasche ab. Das Zimmer schon parat mit Matte am Boden und runtergekühlt. Im Sitzbad haben sie 40° Grad heisses Wasser eingelassen. «Nimm ein Sitzbad – ist gut für Deine Muskeln. Hier noch zwei Tücher!» Was soll ich sagen? Das ist so lieb! Danke. Zeige ihr, dass ich ein Handtuch mit dabei habe (Mitiko spricht kein Englisch, nur Welcome und OK). Mein Handtuch verstaut sie schnell in der Tasche und drückt mir ihre zwei frischen erneut in die Hand. Was wünschte ich mir heute? Eine Dusche? Jetzt gibt’s Bad und Dusche! Kann es kaum glauben.

In der Küche ist schon reich aufgetischt. Miso-Suppe, Ingwerstreifen, Curry-Reis mit Auberginen und Okra aus dem eigenen Garten. Es hat sechs Stühle am Tisch – wir sind sieben. Grossvater Syougo setzt sich neben dem TV auf den Boden! Er schaut begeistert Schwimmen live. Das Essen ist herrlich. Es ist einfach so – Das Essen von Zuhause schmeckt immer am besten. Zusammen gucken wir die gefahrene Strecke auf der Japankarte an. Die 13-jährige Tochter Mio ist begeistert. Sie will einmal Lehrerin werden. Ganz langsam und exakt fährt sie mit ihrem Zeigefinger der eingezeichneten Linie nach. Manami, ihre 15-jährige Schwester fragt: «Du musst sicher auf Toilette! Komm ich zeige Dir wo». Ihr Haus ist riesig. Im typisch japanischen Stil. Verwinkelt. Sie zeigt mir die zwei Lichtschalter der Toilette und bevor sie hinaus geht, kontrolliert sie noch das Toilettenpapier. Es ist eine frische Rolle. Sie sucht den Anfang, reisst das erste Blatt ab, welches ja immer in Streifen daherkommt. Welch eine Aufmerksamkeit! Sie wartet draussen auf mich…damit ich wieder zurück in die Küche finde...gar nicht so einfach! Einfach liebe Menschen!

Sie wünsche mir eine gute Nacht und füllen noch Wasser mit Eis in eine Thermosflasche für die Nacht. Liege auf dem liebevoll gerichteten Futonbett und kann mein Glück einmal mehr kaum fassen. In Gedanken wünsche ich Dieser Familie das Beste der Welt! immer! Schlafe wie Zuhause. Ruhig. Am Stück bis 07:00 Uhr.

Mama Noriko und Papa Masauki sagen mir am Morgen in aller Liebe Adieu. Sie trauen sich zuerst nicht aber fragen dann, ob sie mich kurz umarmen dürften. Die beiden nehme ich ganz gross in die Arme! DANKE.

Für heute habe ich mir das dritte Ricolapäckli mit Gletscherminze parat gelegt. Es ist noch zu. Genau richtig. Das schenke ich ihnen. Sie strahlen. «So sind wir auch ein bisschen in der Schweiz gewesen!» Grosi hat schon Frühstück auf dem Tisch. Reis, Algen, Miso-Suppe, Omelette. Und wisst ihr was? Sogar ein Lunchsäckli hat sie parat gemacht. Nein nicht in einem Plastiksäckli. In ihrem Tuch, dass sie in Kyoto gekauft hat!

Jetzt kommt er wieder... Langsam aber sicher... Genau… Der Abschied. Solch einen Abschied in Worte zu fassen liegt mir nicht. Es sind Menschen die ihre Grosszügigkeit, ihre Gastfreundschaft, ihre Liebe, ihr Wohlwollen hier im Jetzt leben und weitergeben. Bedingungslos!

Werde ich zurück in der Schweiz dasselbe tun? Werde ich Reisende die einen Platz suchen ansprechen, sie einladen? Menschen zeigen mir immer wieder wie es geht. Ich werde mein Bestes geben!

Da die Strasse kurz nach ihrem Haus eine Rechtskurve macht, blicke ich nicht zurück, einfach nach rechts! Grosi winkt mit ihrem weissen Handtuch mir nach. Die Töchter filmen. Grossvater lehnt sich aus dem Fenster und winkt.

Das ist die japanische Familie Tamura aus Hofu. DANKE!

 

Herzliche Grüsse aus Fukuoka

Euer Thesi

 

PS. Nun sind es zwei A4 Seiten – wusst ich’s doch!

 

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22. Blog - Hiroshima JAP - Lass es rollen...!

In meiner Tasche warten zwei Schläuche. Die müssen geflickt werden. Hatte die dritte Platte. Nun, die können warten. Der Blog ist dran.

Es hat sich langsam angebahnt – kurz nach Nagoya hat es mich dann voll erwischt. Das Tief. Wie ein Taifun. «Warum schiebe ich stunden mein Göppel diesen Pass hoch? Warum nur?». Zu viele Fragen. Zuviel Schweiss. Zu heiss. Stehe zur Mauer und zeige mir so pragmatisch wie’s nur geht meine Reise auf. Wie auf einer Wandtafel. Rede laut vor mich hin. Vor einem halben Jahr bist Du hier gestartet. Im Moment bist Du hier in einem Tief, mitten drin. 

Du wusstest von Anfang an, dass dieses Tief kommen wird – hier ist es, nimm es an. Zeige den nächsten Punkt weiter rechts auf der Mauer auf. Hier wird das Tief vorbei sein – geh hindurch, beisse. Es gibt im Leben Hochs – aber auch Tiefs! Im Hoch, bin ich voller Kraft, im Tief kraftlos. Unmotiviert und ohne Kamera fahre ich aus Osaka los. Die Kamera wird mir in 7 Tagen nachgeschickt. Bravo. Sage zu mir: «Thesi, fertig jetzt! Lass es fahren. Lass es rollen. Lass es gehen. Denk nicht. Geniesse nur!!!» Kurz darauf winken mir zwei vom Strassenrand zu.

Zwei Liter Wasser und ein Pack Eiswürfel in der Hand parat. Kouhei und Hiroco laden mich spontan zu sich nach Hause ein. Die Sonne verschwindet grad am Horizont, 30 Kilometer to go! Schaff ich. Bin motiviert. Spüre die Kraft in meinen Beinen. Vom Tief ins Hoch katapultiert. Von einem Extrem ins andere in so kurzer Zeit. Hab ich wieder ein Glück!

Vor ihrem Haus hupe ich mit meinem indischen Hupi! Ganz schön laut. Wie alte Bekannte kommen sie zur Tür und wir geben uns eine Umarmung. Das ist so herzlich. So ein ehrlicher Drücker nach Monaten tut schon gut. Einen ganzen Tag verbringe ich mit den zwei lieben in Himeji. Sie zeigen mir die Burg und wir wandern zum Drehort von «The Last Samurai». Sie designen und Nähen Ledertaschen. Diese verkaufen sie in Tokyo. Hoffen auf den grossen Durchbruch – ich wünsch es ihnen von Herzen! Stunden sitzen wir in ihrem Atelier, tauschen uns aus. Als Andenken schenken sie mir eine Tasche! WOW, die werde ich in Ehren tragen. Und was habe ich für Sie? Ein einfaches DANKE! Herzensgute Menschen durfte ich kennen und schätzen lernen. Mit neuer Energie fahre ich los – der Abschied schwierig. Blicke keine Sekunde zurück. Was kommt liegt vorne.

Dieser Fahrtag ist gespickt von Highlights. Ein Mann schenkt mir Wasser, eine Familie feuert mich an und beim nächsten Rotlicht stehe ich neben Mutter mit ihren drei Jungs still. Der eine schaut mein Rad an und ist sich nicht sicher ob es wirklich ein Fahrrad oder sonst etwas ausserirdisches ist. Um ihn aus seinem Schockzustand zu befreien bewundere ich sein kleines Rad! «Deines ist aber auch sehr toll!». Frage die Mutter ob sie wisse, ob ich da vorne im Park übernachten könne. «Du kannst dort schon übernachten…hmmm…aber willst Du nicht lieber zu uns kommen? Bei uns kannst Du duschen und wir machen ein kleines Feuerwerk heute Abend. Das wird toll. HAbe auch eine Waschmaschine für Deine Wäsche». Ja ich stinke und die Einladung von Mayumi nehme ich sehr gerne an . Minuten später spiele ich mit den Jungs «Auto parkieren»! Sie leben auf engstem Raum. Die Kinder haben kein Zimmer, am Abend wird eine Matte im Wohnzimmer ausgelegt. Wenn ich denke, bei uns haben die meisten Kinder ein eigenes Zimmer! Wahnsinn. Luxus. Am Morgen klammert sich der älteste an mein Hosenbein, begleite ihn noch zur Schule. Der Abschied wieder schwierig. Gewöhne mich einfach nicht daran

Die nächste Nacht verbringe ich auf einem Parkplatz auf meiner Matte. Gucke zu den Sternen und bin glücklich solch ein Glück zu haben. Eine Kakerlake besucht mich spät abends. Sie bleibt über Nacht. Mücken gesellen sich dazu und saugen sich voll. Die sind auch glücklich!

Heute führt mich ein Um-Weg über eine der schönsten Strecken Japan’s. Praktisch nur einheimische Touristen…fährt eben kein Shinkansen dort durch! 70 Kilometer von Insel zu Insel immer wieder über eine grosse Brücke. Traumstrände überall. Bambuswälder. Am Schatten neben einem Getränkeautomaten treffe ich auf Heulwen und Darren aus England. Bequem sitzen sie in ihrem Liegerad und geniessen den Schatten. Seit drei Jahre sind sie unterwegs. Mit 40 wurden sie pensioniert, sie haben bei der British Army 22 Jahre durchgedient und haben nun Zeit. Zeit die Welt zu Er-Fahren. Am Strand plaudern wir noch weiter bis spät in die Nacht. 

Nach zwei weiteren Tagen, bei doch sehr angenehmen 36° Grad bin ich nun in Hiroshima angekommen. Bei der Einfahrt dachte ich an die erste Atombombe die 1945 hier abgeschossen wurde…sehe aber wie die Menschen heute den Schlamm und Dreck aus den Häusern bringen. Vor ein paar Wochen wurden hier viele Teile wegen des starken Regens überflutet. 

Mache mich gleich auf die Suche nach einer Kartonbox – will den Jungs von Mayumi ein Päckli schicken.

Morgen bekomme ich nämlich auch ein Päckli. Meine reparierte Kamera aus Osaka ist auf der Post. Und die japanische Post ist schnell! Schnell wie der Shinkansen, den wollte ich schon einige Male fotografieren – hab es bis jetzt nicht geschafft, nein ich bin nicht zu langsam – er ist zu schnell!!

Nun sitze ich hier im Hostel, links von mir Laurent. Ein Franzose der in Deutschland lebt und arbeitet. Er ist Pilot für Kleinflugzeuge und Ingenieur bei Airbus. Rechts von mir Edi. Auch ein Deutscher der aber in Kuala Lumpur für eine Dänische Firma arbeitet. Sie drucken Windeln.

Vis à Vis Miriam, aus Chicago. Sie ist Lichttechnikerin und zurzeit mit einem Musical auf Welttournee. Verschiedene Menschen, verschiedene Geschichten aber alle sind wir schockiert was hier in Hiroshima damals passiert ist. Der Mensch ist in der Lage solch eine Waffe zu bauen wie «Little Boy», aber dass der Mensch in der Lage ist sie abzuwerfen! Schrecklich! Wir können es nicht verstehen. Wir sitzen hier, wo vor Jahren tausende Menschen innert Sekunden ausgelöscht wurden. Wir finden keine Worte…

 

Morgen fahre ich weiter südlich Richtung Fukuoka…aber jetzt muss ich zuerst noch zwei Schläuche flicken!

 

Liebe Grüsse 

Euer Thesi

 

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21. Blog - Nagoya JAP - Diese Stille...

 

 

 

Vorneweg!

Es macht mich immer noch sprachlos und tief traurig was in Tadschikistan passiert ist. Vier Tourenfahrer sind auf tragische Weise ums Leben gekommen. Meine Gedanken, mein Mitgefühl sind bei den Angehörigen und Freunden.

Denke an die Gegend Danghara zurück…auf die Schönheit dieser Gegend. Karg. Rau. Still. Weit. Intensive Farben. Dem Himmel ein Stück näher. Und ja, die Gastfreundschaft von den Menschen erlebte ich damals auf dieser Strecke als sehr gross.

Es gibt sie überall, die herzensguten…aber leider auch die einzelnen furchtbar bösen.

Was soll ich sagen? Es tut mir einfach unendlich leid für Lauren, Jay, Markus und Rene und deren Umfeld!

Viel, viel Kraft!!

 

 

So viele haben mir auf den letzten Blogeintrag geschrieben: «Post nach Japan ist unterwegs»! Ihr seid die besten! Freue mich jetzt schon, wenn die erste Karte bei Mayumi im Briefkasten liegt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen was für eine Freude ihr dieser wunderbaren Frau macht! Vielen lieben Dank. Das rührt mich echt!

 

Heute geht’s besser. Gestern war’s schwierig. Sitze im Hostel Ann, direkt unter der Klimaanlage mitten in Nagoya. Es ist brutal heiss! Gefühlte 44°-47° Grad Tagsüber bei einer Luftfeuchtigkeit von 70-80%.  Zuhause in der Schweiz wisst ihr ja von was ich rede. Das Zelt stelle ich seit Wochen nicht mehr auf. Auch die Matte bleibt verstaut.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Draussen im Park auf einer Bank oder in einem Hostel. Vielleicht bin ich auch einfach ein Weichei?!

Sonntagabend, hundemüde finde ich einmal mehr eine Holzbank im Park. Toilette in der Nähe. Perfekt. Auf der Bank neben mir sitzt ein Obdachloser. Alt, mit krummem Rücken eingeknickt starrt er auf den Boden. Bin zu müde um zu sprechen. Teile einfach mein Sandwich und reiche ihm die Hälfte. «Arigato». Er strahlt, beisst hastig ab und hustet stark. Wann hat er wohl das letzte Mal etwas gegessen. Ich mag nicht denken. Lege mich samt Kleidern hin und probiere zu schlafen. Das Problem: die Temperatur sinkt nachts nicht unter 31° Grad. Schwitze. Warum bin ich hier? Die Frage kann ich heute nicht beantworten. Muss ich auch nicht.

Baue mir in Gedanken ein Abend mit Freunden auf. Wir reden über Gott und die Welt, lachen, haben’s gut zusammen, essen Pilze vom Grill, diese sind gefüllt mit Cantadou-Käse, herrlich! 02:00 Uhr bin immer noch hellwach! Die Pilzgedanken sind mittlerweilen gegessen. Der gute, alte Mann neben mir packt sein Pocket-Radio aus und schraubt und schraubt. Es «chrost». Er findet eine Frequenz. Hält inne, schraubt weiter. Sucht er wohl einen bestimmten Sender? Versuchs doch mal mit 88.8MHz…schön wärs! Ah jetzt, das Musikprogramm. Eine Art Japanischer Pop, glaub ich zumindest. Die Musik lenkt von der Hitze ab, wiegt mich aber nicht in den Schlaf.

Um 05:00 Uhr esse ich eine Banane, drei Mäuler voll Reis aus dem Säckchen und ein paar Nüsse. «Das Essen in Japan ist meeega gell?!» Bei mir gibt’s seit 7 Wochen abwechslungsweise Reis und Teigwaren. 2x habe ich mir einen Apfel für je 3 Franken gegönnt! 5x war ich auswärts essen und ja, da war das Essen wirklich herrlich. Bei dieser Hitze bin ich zu faul zum Essen.

Erinnere mich an die Fahrt vor fünf Jahren in der Wüste in Turkmenistan zurück. 51° Grad aber ich habe es nicht als super heiss in Erinnerung. Wolfgang aus Deutschland sagte mir damals: «Du musst essen, sonst hast Du morgen keine Energie! Iss jetzt!» Wir sassen im Sand, machten ein Feuer und ich hätte kotzen können! Heute weiss ich wie recht er hatte. Um 05:20 bin ich am Radeln, der warme Gegenwind trocknet die Schweissperlen, was ein bisschen Kühle erzeugt. Sitze den ganzen Tag feucht. Ja man schwitzt eben überall. Daher ist mein Hintern mittlerweilen rot und wund. Aber halb so schlimm. Schlimmer geht's meinen Korkgriffen. Die lösen sich förmlich auf. Haben risse und der Kunststoff unter dem Kork schwindet. Eben durchgegriffen. Muss bald mal neue Griffe finden - Lager und Kassette sollte ich nach bald 8000 Kilometern auch wechseln. Kann ich aber nicht selber. Vielleicht in Osaka..mal schauen.

Über 10 Stunden brauche ich für 60 Kilometer, also inklusive Pausen. Noch 20km bis Nagoya, let’s go thesi! Reiss Dich zusammen! Die Ampel zeigt rot. Stehe mit dem rechten Fuss ab und merke mir wird schwindlig. Sofort setze ich mich am Schatten auf’s Trottoir und lehne an die heisse Mauer an. Merke wie mein ganzer Körper pumpt. Trinke einen halben Liter auf ex. Heute schaffe ich es auf sechs Liter! Ein Autofahrer bringt mir einen weiteren Liter Wasser – so lieb. Ein Anderer schenkt mir isotonische Drops, ein weiterer kurbelt das Fenster runter, ballt seine Faust, spannt die Oberarmmuskeln an und gibt mir das Zeichen: «Du schaffst das»! Das motiviert echt! Das sind meine Helden der Strasse!

Das Gebiet rund um Nagoya liegt wie in einem grossen Talkessel. Die Winde ziehen viel weiter oben in der Atmosphäre durch. Also praktisch immer windstill, dadurch kühlt es nur schwer ab. Völlig erschöpft klopfe ich im Hostel Ann an die Tür. Bett frei – Himmel auf Erden! Bin wirklich ein Weichei!

Koche mir eine grosse Portion Hörnli mit Sojasauce. Und wisst ihr was? Im Kühlschrank gibt es Mayo for free, da knall ich mir eine ordentliche Portion drüber! So richtig viel!

Im gemischten 10er Schlafsaal kann ich trotz Licht und Geschnarche wunderbar einschlafen…direkt unter der Klimaanlage HA! Träume vom Mount Fuji…wenn die Realität zum Traum wird :)

Magisch steht er da. Bin fasziniert von diesem Berg. Diesem Vulkan. Seiner Schönheit. Auch wenn zuoberst kein Schnee liegt wie auf jeder Postkarte. Bekomme ihn aber nur ganz kurz zu sehen, die dicken Wolken lassen ihn im Nu verschwinden. Will da hoch! Fahre nach Fujinomya. Im Hostel recherchiere ich ein wenig über den Fuji-San. Bis zu 6000 Menschen sind in den Monaten Juli / August am Berg. Es gibt 9 Berghütten zum Übernachten. Free WIFI sogar auf dem 3776 Meter hohen Gipfel. Getränkeautomaten zuoberst. Will ich wirklich da hoch? Ist der Berg doch heilig!

Kann ein heiliger Berg dieser Auflauf verkraften? Jeder muss wohl mit seinem Gewissen da hoch. Von den Trekkings im Himalaya habe ich gelernt, Respekt gegenüber dem Berg ist extrem wichtig.

Die Hütten sind alle schon ausgebucht. Zwei kräftige, deutsche Männer erklären mir, dass ich auch einen Nachtaufstieg machen könnte. «Kann ich da alleine hoch?», «Ja, ja da sind viele unterwegs in der Nacht! Es gibt Dir einfach ein total langer Tag, aber so musst Du nicht übernachten». Wenn ich ihre Statur, "Scheiche wie Eiche", so betrachte ist dies bestimmt möglich. Nun gut, ich kann ja einfach ein paar Stunden früher starten. Es gibt verschiedene Routen auf den Fuji-San. Ich wähle die kürzeste aber die steilste. Packe meine warmen Sachen ein, Reissnacks, Energieriegel, 3 Liter Wasser, Kamera und Stirnlampe. Bei der 5. Station auf 2400 Meter warte ich 6 Stunden. Komme ja von 5 Meter über Meer! Alles ist Wolkenverhangen.

Gegen Mittag starten die meisten. Vor dem Aufbruch herrscht Dehnübung-Stimmung der japanischen Touristen. Der Guide stellt die Stöcke ein, kontrolliert bei jedem die Rucksackeinstellung, schnallt die pinkigen Gamaschen fest. Ein Schauspiel. Gleicht einer Modeschau. Einige halten schon den Sauerstoffspender mit Maske aus der Dose parat! Jesses. Gegen Abend wird es ruhiger. Bevor ich um 18:18 Uhr loslaufe spreche ich innerlich ein Mantra und bedanke mich, dass ich überhaupt auf diesen heiligen Berg hochlaufen darf. Aber wo sind jetzt all die vielen Menschen die auch abends starten? Niemand hier! Mir ist ein wenig mulmig. Ich gehe einfach langsam aber sicher! Schon nach wenigen Metern merke ich, wie ring ich gehe. Es fühlt sich so gut an. Diese Stille. Bin nun über der Wolkendecke. Allein...

Nach zwei Stunden mache ich bei einer Hütte halt. Alle sind schon am Schlafen. Sitze auf dem Bänkli und sehe am Horizont wie der Mond – also eigentlich heisst es DIE Mond! – feuerrot aufgeht. Was für ein Anblick. Da muss ich aufstehen. Das hat mit Respekt zu tun. Atme tief ein, die Lungen füllen sich mit Energie. Diese Energie verteilt sich im ganzen Körper. Da ist so eine Kraft vorhanden. Via Mond schicke ich meine besten Wünsche und Gedanken zu all meinen Freunden, Bekannten und Mama. Danke, dass sie mich unterstützen, mitreisen.

Auf halbem Weg treffe ich auf einen Polen. Er sitzt auf einem Stein, Arme verschränkt und zittert. Kein Wunder bei fast 0° Grad, Wind und in kurzen Hosen! Zünde ihm mit meiner Stirnlampe ins Gesicht. Seine Augen sind ganz rot. «Hey Man, alles ok??». Er ist seit morgens um 05:00 Uhr unterwegs, also seit gut 20 Stunden. Gebe ihm ein Energieriegel. «Hast Du lange Hosen mit dabei?», «Nur ein Schlafsack». «Also los, pack ihn aus!». «Wir sind auf 3000 Metern, noch gut 700 Meter bis nach oben, schaffst Du das?». Er versichert mir, dass alles ok sei und er noch ein wenig warte und dann langsam aufsteige. Gut. Weiter unten sehe ich Lichter von Stirnlampen und so ziehe ich weiter.

Kurz nach 02:00 Uhr bin ich oben. Noch niemand da. Kein Wunder bei dieser S.. Kälte! Noch drei Stunden bis Sonnenaufgang. Lege meinen Rucksack an einen Lavabrocken, setze mich hin und bestaune bei Mondschein den Krater! Unglaublich! Da finde ich einfach keine Worte diesen Moment zu beschreiben. Fühle diese absolute Freiheit. Ein Moment ohne Sorgen, ohne Ängste…eigentlich ohne Gedanken und Überlegungen. Einfach sein.

Langsam kommt die Masse oben an. Kurz vor 05:00 Uhr dann das grosse Feuerwerk zum 1. August.

Der Horizont feuerrot. Die Wolkenränder am Horizont werden in einer goldenen Linie nachgezeichnet. Die Sonne geht auf. Langsam aber sicher! Magisch. Einzig.

Danke, darf ich diesen Moment erleben. Ein Moment voller Energie.

Ein Stück dieser Energie schicke ich in Gedanken zu euch liebe Blog-Leser!

 

Euer Thesi

 

 

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20. Blog - Tokyo JAP - Mayumi

Seit einer Stunde studiere ich, wie ich diesen Blog schreiben soll. Wenn ihr mich zurück in der Schweiz fragt: «Und wie war Japan?» Dann werde ich euch nicht von den Tempeln erzählen. Auch nicht vom feinen Essen. Dann werde ich euch von Mayumi erzählen! Die Geschichte beginnt im kalten Warschau. Wir waren im selben Hostel, im selben Dorm. OkyDoky hiess es. Kurz vor ihrer Weiterreise steckte sie mir ein kleines Zettelchen zu. «Hier meine Adresse, wenn Du kurz vor Tokyo bist, komm mich doch besuchen, das würde mich riesig freuen!».

Bin nun kurz vor Tokyo. Die letzte Woche war schwierig. Heiss. Feucht. Nächte auf Parkplätzen neben Lastwagen.

Lange Zeit. Müde. Die Frage nach dem «Warum?».

Das Zettelchen mit Mayumi’s Adresse kam genau zur richtigen Zeit. Zufall? Bestimmt nicht! Wir haben am Highway-Service in Yachiyo um 14:00 Uhr abgemacht. Solch eine Vorfreude hatte ich das letzte mal gespürt als Mama nach Moskau kam.

Sehe sie schon von weitem auf der Bank sitzen. Das Wiedersehen tut so gut obwohl ich Mayumi gar nicht kenne.

Aber es gibt Menschen die mag man auf Anhieb!

Sie lebt auf engstem Raum im 5. Stock. Es ist heiss in der Wohnung. Eine Klimaanlage wäre zu teuer. Sie entschuldigt sich für die einfache Toilette. Sie entschuldigt sich für die kleine Dusche. Sie entschuldigt sich, dass sie mir kein richtiges Bett anbieten kann. Sie entschuldigt sich, dass sie nur einfach koche, weil sie nur eine Gasplatte hat. Erkläre ihr, dass ich einfach glücklich bin hier sein zu dürfen.

Sie schenkt ganz behutsam Milch in das Schilthorntassli. «Aus der Schweiz hab ich das Tassli, entschuldige die Milch ist nicht so dick wie bei euch». Sie hat extra Milch für mich gekauft, weil sie dachte als Schweizerin liebe ich sicher ein Glas Milch. Wie aufmerksam! «Du kannst solange bleiben wie Du willst, es ist sehr heiss, du musst dich erholen. Schön bist Du da!». Sie strahlt verschmitzt. «Mayumi erzähl, Du warst also in der Schweiz?». «Ja zehn Mal!». Sie hat als Japanische Reiseführerin gearbeitet. Hat die ganze Welt gesehen. Ganz Amerika, von Patagonien über Mexiko bis Alaska. Ganz Europa, vom Stiefel bis Skandinavien. Viele Länder Afrikas. Australien. Neuseeland. Russland. Ganz Asien. «Du warst also überall auf der Welt?» «Not yet! Die Antarktis habe ich noch nicht gesehen! Als Reiseleiterin war ich immer im Eiltempo unterwegs. Wir Japaner reisen schnell, haben wir ja nur eine Woche Ferien pro Jahr. Aber ich habe viele Meilen gesammelt. Erst jetzt, wo ich pensioniert bin, kann ich reisen. Dank den Meilen! Einmal pro Jahr».

An der Wand das Bücherregal. Gefüllt mit Reiseführern und Notizen. Zuunterst reiht sich Tagebuch an Tagebuch. Zuoberst sind Schuhkartons gefüllt mit Postkarten von überall. Von jeder Tour hat sich Mayumi selber eine Postkarte nach Hause geschickt. Als Erinnerung. «Weisst Du, die Informationen aus diesen Führern sind alt, nicht mehr aktuell. Die Farbe verbleicht langsam, jeden Tag sehe ich das Regal und merke, ich werde alt…wie die Bücher. Vielleicht sollte ich sie entsorgen?!». «Nein Mayumi! Behalte sie. Es ist Dein Leben. Du hast die ganze Welt in Deiner Wohnung.» An der Lampe hängt ein kleines Alpaka aus Peru. Am Kühlschrank ein Magnet aus Griechenland. Am Fenster ein Kuhglöcken aus der Schweiz. An der Wand ein Plakat aus Rom. «Und diese Vase hier Mayumi? Von wo ist die? Die ist aus Japan. Mein Vater hat sie mir geschenkt. Meine Eltern sind vor 10 Jahren gestorben. Meine Schwester sehe ich 1 Mal pro Jahr.» «Hast Du Freunde?» Es ist still… «Nein. Ich habe keine Freunde. Aber schön bist Du hier!». «Kennst Du Deine Nachbarn?». «Nein. Es ist alles sehr anonym hier».

Ich könnte weinen. Sie hat niemanden. Kein Austausch. Denke an meinen Abschied im Kiental am 03.03. Soo viele Freunde sind gekommen. Am liebsten würde ich sie alle mit Mayumi teilen. «Was machst Du den ganzen Tag?».

«Also die letzte Woche habe ich Deine Website übersetzt». Wie jetzt? Schnell bringt sie das Heft und mir verschlägt es die Sprache… Sie hat meine ganze Website auf Deutsch abgeschrieben und jedes Wort mit dem Dix ins Japanische übersetzt! Ein paar Wörter konnte sie nicht übersetzten. Göppel, Hajk und Freddy. Noch einmal. Sie hat es nicht im Internet mit Google Translate übersetzt! Nein jedes Wort einzeln mit dem Wörterbuch. Einfach unglaublich! Das rührt mich zutiefst.

 

Jeden Morgen schreibt sie News von BBC (schaut sie in ihrem Mobile nach) auf Englisch in ihr Heft ab. Um 05:00 Uhr beginnt sie. So lernt sie Englisch.

Ich lege mich sehr müde auf die Strohmatte und schlafe ein. Schlafe so ein wie Zuhause. Mit Kopfschmerzen wache ich schweissgebadet mitten in der Nacht auf. Das T-Shirt ganz nass. Drehe meinen Kopf nach links und sehe den Mond durchs offene Fenster. Bald geht er auch in der Schweiz auf. Sende ihm die besten Gedanken, er tragt sie zu meinen Freunden und Menschen die ich gerne habe. Bin dankbar, dass ihr von Zuhause aus mitreist.

Sehe die Positionslichter der Flugzeuge die im Minutentakt den Internationalen Flughafen Narita anfliegen. Direktflüge auch aus Zürich. Habe Heimweh.

Habe Geburtstag. Werde es Mayumi nicht verraten aber ich werde ihr diesen Tag schenken.

Sie hat extra Toast fürs Frühstück gekauft. «Entschuldige es ist nicht so gut wie euer Brot…aber ähnlich wie Brot». «Mayumi, heute machen wir uns einen schönen Tag! Sag, hast Du eine Idee? Was machen wir? Was möchtest Du sehen?». «Die Pandas im Zoo in Tokyo! Die werden jährig. Und ich weiss einen Tower in Tokyo wo wir gratis hoch können.» Super. Nach einer Bus- und Zugfahrt von 1.5 Stunden sind wir mitten in der Stadt. Besuchen einen Tempel. Die Menschen werfen eine Münze und beten. «Hier Mayumi, nimm die Münze und wünsch Dir was!». Aus meinem Blickwinkel beobachte ich wie sie die Münze wirft, die Augen schliesst, die Hände faltet. Möge sich ihr Wunsch erfüllen!

Der Tower hat zum Glück einen Süd- und einen Nordturm. So können wir zweimal hoch. Herrlich!

Sie will mir unbedingt das Feuerwerkkino zeigen. Gratis gibt es einen Feuerwerkfilm zu sehen. Wir sind die einzigen. Sitzen nebeneinander und schauen zehn Minuten wie eine Rakete die andere jagt. «Mayumi, wo geht Deine nächste Reise hin?» «Gell im März wirst Du in Nepal ankommen?» Ich lache und nicke still. Wir sind Freunde!

Zur Feier des Tages kaufe ich vier verschiedene Kuchenstück. Zuhause schlemmen wir und sie sagt: «Wow, das war ein toller Tag. Wie ein Geburtstag!». In der Tat.

«Willst Du wirklich schon Morgen weiterreisen?». Am liebsten würde ich noch ein paar Tage bleiben. Der Abschied kommt so oder so. Das ist das traurige. Ob Heute oder Übermorgen. Ich will bleiben, ziehe aber weiter! «Schau ich habe hier noch Papierschnitte aus China. Vor Jahren habe ich diese gekauft. Bitte wähle ein Set aus für Deine Mama. Welches gefällt Dir am besten? Ich mache Dir in der Zwischenzeit ein Brötchen für auf den Weg». Mich zerreisst es. Wie eine Mutter streicht sie in der kleinen Küche mit dem Holzmesser ein Brötchen. Es ist nicht einfach das Brötchen, es ist das Gefühl von ein Stück Zuhause dabei zu haben, wenn dieses immer weiter in die Ferne rückt!

Mayumi, ich weiss Du wirst diesen Blog übersetzen. Wort für Wort. Dein grosses Herz ist wunderbar. Dir wünsche ich das Allerbeste der Welt. Weisst Du, Diesen Blog lesen auch viele meiner Freunde und Bekannten und ich weiss die werden Dir gute Gedanken schicken. Mayumi Du hast in Gedanken viele Menschen die Dich gerne haben. Das weiss ich!

DANKE für Alles! Du hast mich ein Stück Leben gelernt. Dich werde ich nie vergessen. Von Dir werde ich noch lange erzählen.

 

Und jetzt, meine lieben Freunde, habe ich eine Bitte an euch!

Ihr würdet mir eine riesen Freude machen und das grösste Geschenk überhaupt, wenn ihr in einer freien Minute Mayumi eine Postkarte schicken würdet. Sie liebt Postkarten! Ihre Adresse:

 

Mayumi Murakami

3-7-509

Yonamoto Danchi

Yachiyo – Shi

Chiba – Ken

Japan

276-0014

 

Sie begleitete mich noch bis zur grossen Strasse. Der Abschied fällt schwer. Winke. Schaue nicht zurück.

Wer weiss, vielleicht treffen wir uns in Nepal wieder. Auf jeden Fall liebe Mayumi, bist Du in der Schweiz immer herzlich Willkommen unsere Türe wird offen sein wenn Du kommst!

Hab Dich lieb! 

 

Liebe Grüsse

Euer Thesi

 

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19. Blog - Ichinohe JAP - Reiko, warum hast Du gestern angehalten?

Beginnen wir beim Kopf.

Mister Hiroyuki steht mit dem Kompass neben mir, im Zimmer seines Sohnes. Kopfkissen wird nach Osten ausgerichtet. Nur so lässt es sich gesund schlafen.

Sein Sohn ist übrigens in Tokyo auf der Uni…nur so!

Mister Hiroyuki nimmt den Boden nass auf, stellt mir eine Tasse kalten Grüntee auf den Rundtisch und meint ich solle mich erholen. Die Japaner sind scheu? Nicht alle! Wollte vorhin mein Zelt im Park neben dem Friedhof stellen. Es hatte sogar einen Wasserhahn. Mister Hiryuki’s Joggingrunde geht beim Friedhof vorbei. Hier macht er immer eine Verschnaufpause und ein paar Dehn-, Streckübungen. Frage ihn ganz höflich ob das wohl in Ordnung sei, wenn ich hier mein Zelt stelle?! Er setzt sich auf die Bank und denkt nach. Er denkt eine ganze Weile. (habe ich hier in Japan übrigens schon öfters beobachtet, man nimmt sich Zeit zu denken, just a moment, i have to think!)«Besser Du kommst zu uns nach Hause! Komm mit». Er ist ein schneller Läufer, beim «Hoger» mag ich ihm kaum nach, jesses!

Vor seinem wunderschönen, japanischen Haus ist die Aufregung gross. «Aus der Schweiz? Den ganzen Weg aus der Schweiz? Aus DER Schweiz?? Schnell ruf die Tante an, die glaubt nicht, dass wir eine Schweizerin bei uns haben! Weck den Grossvater auf!». Schon verrückt, hier kennt jede und jeder die Schweiz. Denke zurück, als ich damals durch Länder fuhr, wo die Menschen gar nicht wussten, dass es eine Schweiz gibt. Noch nie von dem Land gehört.

So anders hier.  Und ich fahre ja auch durch winzige Dörfer, wie dieses. Auf meiner Papierkarte, sowie auf dem maps.me App gar nicht eingezeichnet. Die Gastfreundschaft der Familie ist einfach total herzlich. Kann Duschen und schon steht ein Menu auf dem Tisch. Reis, Kimchee, Eiersuppe, Kabissalat und Schweinefleisch. «Bist Du Christ? Katholisch? Darfst Du Schweinefleisch essen?» :) «Ja, ich esse Fleisch und probiere sehr gerne davon». Auf der japanischen Matte mit richtiger Aurichtung kann ich herrlich schlafen. Am Morgen ist ein stärkendes Frühstück mit Reis, Salat, Lauchsuppe und Banane auf dem Tisch. Mutter schenkt mir noch ein Pack Feuchttücher. Danke Mister Hiroyuki. Für Alles. Arigato!

Bleiben wir bei der Gastfreundschaft – wechseln aber zu Reiko. Die Geschichte beginnt mitten auf der Strasse. Bin wie fast jeden Tag in Hokkaido, bis zuinnerst durchnässt. Muss meine Gedanken enorm fokussieren, dass der Regen mich nicht niederprasselt. Will hier nicht jammern. Was die Menschen im Südwesten Japans zurzeit durchmachen ist ganz, ganz schlimm.

Sehne mich für einen kurzen Moment nach Zuhause. Sehne mich danach wie ich an der Holz-Tür anklopfe, warte und Mama öffnet. Es riecht nach Ofenkartoffeln mit Rosmarin. Natürlich mit einem Schuss Olivenöl aus der Toskana. Sie drückt mich. Verweile in Gedanken. Ist es eine Träne? Oder ein Regentropfen der über die Wange rollt? Just in diesem Moment hält ein Auto vor mir. Die ältere Dame winkt mir zu. «Hallo, entschuldige, dass ich dich aufhalte. Bist Du aus der Schweiz? Ich war vor 42 Jahren in Genf, Zürich und Interlaken. Bin Dir eine Weile gefolgt. Gerne möchte ich Dir diese Karamellbonbons schenken und da noch eine Spezialität aus Hokkaido. Zur Stärkung. Entschuldige, dass ich dich aufhalte, tut mir wirklich leid. Mein Name ist Reiko.» Jetzt ist es definitiv eine Träne! Wisst ihr, für mich ist das kein Zufall. Wenn ein Gedanke auf die Realität trifft! Habe keine Termine und alle Zeit der Welt. So plaudern wir im Regen. «Es ist noch weit bis Hakodate! Wenn Du ankommst, lade ich Dich zu Sushi ein, ruf mich an, wenn Du da bist. Pass auf Dich auf. Fahre vorsichtig!»

Schon fährt sie mit den Warnblinkern davon. Warum darf ich immer wieder so netten Menschen begegnen. Ich bin ein Glückspilz! Dafür danke ich jeden Abend.

Es regnet die ganze Nacht durch. Hab schlecht geschlafen. Ziehe aber in der Früh motiviert die feuchten Kleider an. Ab nach Hakodate. Reiko wartet. Ein Japaner schenkt mir unterwegs noch ein Bier mit Whiskey. Ein anderer Kekse.

Finde ein günstiges Hostel. Also es war eher eine Wohnung. Der Mann lebt alleine hat ein Restaurant und ein leerstehendes Zimmer. Reiko holt mich um 17:40 Uhr hier ab. Im besten Sushishop der Stadt esse ich das allerbeste Sushi. Japaner kommen sogar von Osaka mit dem Flieger um hier Sushi zu essen. Der Sushi-Master ist seit 42 Jahren im Geschäft. Die Kunst hat er seinem Sohn weitergegeben. Zusammen zaubern sie. Mutter ist an der Kasse. Das ist echt ein Erlebnis. «Reiko, sag mir, warum hast du gestern angehalten?». «Ich sah, dass du eine Frau bist und aus der Schweiz kommst, so traute ich mich. Die Reise damals in die Schweiz werde ich nie vergessen. Und, ich denke es ist wichtig mit Menschen von anderen Kulturen und Nationen in Kontakt zu kommen. Magst du lieber Lachs oder Aal?» Lachs.

Reiko erzählt mir ihre Geschichte. Ein kurzer Ausschnitt? Gut. Als ihre beiden Kinder zur Schule gingen wollte sie die Autoprüfung machen. Ihr Mann ist Arzt und war nicht begeistert von der Idee. Es könnte was passieren. Ein Unfall, unvorstellbar wenn erst noch die Kinder hinten drin wären. 25 Jahre später, als die Kinder ausgezogen sind, hat sie sich heimlich für Fahrstunden angemeldet. Als sie bestanden hatte, zeigte sie ihrem Mann den Ausweis! Er freut sich. Sie sitze jetzt ja alleine im Auto. «Weisst Du, 25 Jahre habe ich gewartet aber ich habe es gemacht! Toll gell?! So kann ich nun von Sapporo aus mit dem Auto meine Tochter und Enkelin in Hakodate besuchen. Komm wir probieren noch den Hering!»

Ich bin so stolz auf Reiko. Ich esse hier Sushi mit einer 70-jährigen Dame und merke, wir sind Freunde. Drei kleine Kuhglöcken aus einem Tourishop in Interlaken hat mir Mama ins Gepäck eingepackt. Sie sagte vor der Abreise: «setzte sie weise ein!». Reiko bekam das erste Glöcken. Sie strahlte und drückte mich.

Genau diese Momente machen diese Reise aus!

 

Liebe Grüsse aus Japan

Euer Thesi

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18. Blog - Sapporo JAP - Mikado in Hokkaido

Alles war trocken. Alles wurde nass. Alles ist wieder trocken!

Die letzten paar Tage - ein reines Geduldsspiel. Diese Erkenntnis habe ich aber erst jetzt. Jetzt wo ich hier im trockenen, grasgrünen Schaukelstuhl sitze. Sapporo – bekannt durch die Olympischen Winterspiele wo Marie-Theres Nadig und Bernhard Russi 1972 jubelten – für mich der Ausgangspunkt für eine Runde auf Hokkaido.

Freddy wartet draussen im strömenden Regen. 100% Regen sagt das Wetterapp. Da auch in den nächsten Tagen keine Wetterbesserung in Aussicht ist, warte ich nicht, sondern fahre los. Die Route steht, die Würfel sind gefallen, wie die Stäbchen beim Mikado. Jetzt gilt es die meisten Punkte aus dieser Regenfahrt herauszupicken. Meine Stimmung probiere im Top-Bereich zu halten. Nach Tagen ist alles nass, bis auf den Schlafsack, der ist nur feucht. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen nass und feucht!

Unterwegs treffe ich auf Y-Lee (Uailii). 54-jähriger Mann aus Taiwan, mit dem Ziel, den nördlichsten Punkt Japans per Rad zu erreichen. Ausgerüstet mit Rucksäckli, 800 Gramm Zelt und Geldbeutel! Leichtgewicht. Wir verstehen uns gut. Sind gemeinsam unterwegs. Er fährt ca. einen Schnitt von 24km/h. Da muss ich mit meinem 18er Schnitt mächtig in die Pedale treten. Das ist gut so. Fordert mich. Geht’s bergab überhole ich ihn natürlich, da kommt mir das Gewicht zu Gute. Das Gefälle gefällt mir sowieso!

Munter erreichen wir das Kap Soya, die Freude natürlich gross. Wir geben uns einen Handschlag und klopfen uns auf die Schultern wie alte Freunde. Er hat sein Ziel erreicht, grossartig! Im Touri-Shop kaufe ich ihm einen Kleber als Erinnerung.

In leisen Gedanken sehe ich mein Ziel vor Augen und erinnere mich an das Gefühl von damals als ich in Nepal ankam. Ich spüre, dass ich wieder in Nepal ankommen werde. Geniesse diesen Gedanken, verweile darin, möchte ihn anhalten. Realisiere, dass dieses letzte Mikado-Stäbchen aber noch weit unter anderen verborgen liegt. Zwischendurch lugt es hervor. Davor gilt es alle anderen sicher und sorgfältig vom Feld zu nehmen. Bedacht. Behutsam. Konzentriert und Fokussiert.

Am Abend vor dem Zelt meint Y-Lee, er fahre nun wieder auf der Route 40 zurück nach Sapporo. Wir werden uns also Morgen verabschieden, ich werde der Küste entlang fahren und dem Gegenwind trotzen. Er fährt früh los, liege noch bequem auf meiner roten Isomatte, öffne den Reisverschluss und schon ist er weg. «Komm gut nach Hause Mister Y-Lee, es war mir eine Ehre mit Dir zu fahren. Go for it man!». Immer wieder hat er gesagt: «Enjoy! Enjoy!». Geniesse!

Egal wie mühsam die Umstände sind, ich muss versuchen immer wieder einen Geniessmoment in der Situation zu finden. Glückt es mir ein Mikado-Stäbchen ohne ein anderes zu berühren sorgfältig aufzuheben, geniesse ich die Sekunde wo ich weiss, es ist geglückt. Die Punkte zählen! Er hat mir eine ganz wichtige Eigenschaft in meinen Rucksack gepackt. Geniesse!

Drei Stunden später, an der Küste, die Wolken sind tief, der Regen heftig mache ich halt beim Seicomarket. Wer sitzt am Boden? Mister Y-Lee! «Was machst Du denn hier?». «Hab gedacht ich fahre nun auch Küste! Du warst aber schnell hier!». So schön. Schon nach wenigen Kilometern merke ich, bei ihm ist die Luft draussen. Er fällt weit zurück, nach wenigen Minuten sehe ich ihn nicht mehr im Rückspiegel. Was ist los? Schleppend kommen wir voran. Der Wind macht ihm zu schaffen. Sofort kommt mir die Situation am Cho-La Pass im Himalaya in den Sinn. Wir waren auf einer Höhe von ca. 5300M.ü.M. Mindu, mein Guide merkte sofort, ich lasse nach.  Er ging vor mir, mein Blick waren auf seine Schuhe gerichtet. Ein Schritt nach dem Anderen. Ich kann. Ich will. Ich muss.

Jetzt ist es wohl an mir, Mister Y-Lee mental zu ziehen. Kann ich das überhaupt? Merke mir sein durchschnittliches Tempo. 7km/h. Fahre konstant vor ihm mit 10km/h. Nach sieben Stunden im Sattel und der ungemütlichen Kombination von Dauerregen und Wind geht nichts mehr. Bei Dunkelheit haben wir einen Platz gefunden um das Zelt zu stellen. Er sitzt da und starrt auf den Boden. «Hey Man! Los! Stell dein Zelt auf, pack die Isomatte aus, zieh etwas einigermassen Trockenes an!». Es kommt noch übler…

Am nächsten Tag, nach 30 gefahrenen Kilometern ist die Strasse gesperrt. Alles zu. Auch die nächste Passstrasse die uns zurück auf die Route 40 bringen würde ist gesperrt. Alles überschwemmt. Ein Einheimischer sagt, wir müssen zurück in den Norden. Konkret heisst das, die 300 Kilometer wieder zurück. Mister Y-Lee setzt sich auf die Strasse, isst erstmal eine Banane! Übermorgen geht sein Flug zurück nach Taipeh und wir sitzen hier fest. Kein Zug. Kein Bus. Strassen zu. Irgendwie schaffen wir das! Wir fahren zum nächsten Seico-Market essen Nudelsuppe und denken.

Ich bestelle mir beim Universum eine Lösung. Unglaublich aber wahr…5 Minuten später fährt ein Lieferwagen zu. Der gute Mann bietet an, uns auf den nächstmöglichen Pass zu fahren. Echt jetzt? In Minuten sind unsere Räder eingeladen, Mister Y-Lee zwischen Speichen und Pedalen eingeklemmt geht die Fahrt los. Zuerst zu ihm nach Hause, seine Frau will uns begleiten und gibt uns je ein trockenes Frottiertuch. Soo lieb. Im nächsten Laden kaufen sie uns einen Reissnack, Poulet und warmen Tee. Dazu ein Pack Wärmepflaster. Also wirklich jetzt, wir sind Engeln begegnet! Die Fahrt auf den Pass ist nicht einfach kurz um die Ecke, nein es sind knappe 80 Kilometer! Einfach so! Würde ich wildfremde, nasse Dreckspatzen von Spiez nach Solothurn fahren? Einfach so? Ganz ehrlich…wohl kaum!

Wir wollen ihnen Geld geben für das Benzin. Das wird vehement abgelehnt. Sie umarmen uns und fahren davon. DANKE! Zum Glück hatte ich noch 2 Tafeln Schokolade aus der Schweiz in der Tasche!

Am Abend im Zelt rollt mir eine Träne runter…diese grenzenlose Gutmütigkeit von den Beiden kann ich kaum fassen.

Mister Y-Lee steht vor meinem Zelt: «ich werde morgen den Zug bis nach Sapporo nehmen, ich kann nicht mehr. Danke hast Du mich gepusht».

Auch ich schaffe keine weitere Nacht mehr im Zelt. Womöglich schon. Aber ich will ins trockene brauche eine Pause nach diesem 1000km Loop. 220 Kilometer bis nach Sapporo. Schaff ich das in einem Tag? Eher Nein. Nach 100km habe ich normalerweise genug. Es beginnt zu rattern im Hirn. Möglich sollte es aber schon sein. Rechner, Karte und Kugelschreiber hervor. Ich stelle einen Plan auf!

Wenn ich einen Schnitt von 17km/h fahre, alle 25 Kilometer 10 bis max. 15 Minuten Pause mache bin ich in 14h und 30 Minuten in Sapporo. Muss also um 03:00 Uhr aufstehen und um 04:00 Uhr losfahren. Der Plan steht. Ich werde mich an meine Grenze pushen und es schaffen. 80% ist hier Kopfsache. Es regnet die ganze Nacht durch, der Morgen bringt keine Ruhe. Los geht’s, das ist mein Tag! Punkt 04:00 Uhr bin ich gesattelt. Es gibt immer wieder schwierige Mikado-Stäbchen im Spiel!

Komme gut voran trotz Regen. Schwimme in den Schuhen. Und die Polstervelohosen…könnt ihr euch selber ausmalen. Nach 150 Kilometer wird es schwierig. Werde müde. Nach 180 Kilometern schlage ich mir regelmässig ins Gesicht, schlafe fast ein. Die Beine treten und treten. Denke an nichts. Nach 200 Kilometer werde ich sehr langsam. Kann den Schnitt nicht mehr halten. Hatte aber zwischendurch einen 30er dank Rückenwind. Sechs Bananen. Drei Nudelsuppen. 224 Kilometer. 12 Stunden reine Fahrzeit. Um 18:59 Uhr stehe ich vor dem Hostel.

Timing is everything! Plan aufgegangen. Dieses Mikado Stäbchen ist gesichert.

Mein Körper ist nicht gemacht für eine solche Strecke mit vollbepacktem Göppel. Aber ich weiss jetzt, mein Kopf kann eine solche Strecke schaffen. Eine wertvolle Mikado Runde in Hokkaido!

 

Geniesser-Grüsse aus dem Norden Japans

Euer Thesi

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17. Blog - Kyoto JAP - Eigentlich wollte ich nur Spülen...

Japan. Osaka. Es regnet wie aus Kübeln. Stehe neben Freddy in der Türe der Ankunfts Halle und blicke auf die Schiffscontainer. Vor mir eine riesen Metropole, in mir kein Plan wohin.

Nach Nagoya um die Fähre mit Umwegen nach Sapporo hoch zu erwischen? Nach Kyoto um die Stadt zu erkunden? Von da aus weiter nach Tsuruga um die Direktfähre nach Tomakomai zu nehmen? Entscheide dich thesi, es wird sowieso den ganzen Tag regnen. Entscheide dich einfach! Hü! Erst mal kurz auf die Toilette!

Und aus kurz wird lang! Eigentlich wollte ich nur spülen aber da hat es soo viele Knöpfe, das braucht Zeit! Bin echt überfordert, gibt’s da eine Anleitung auf Englisch? Nun gut, drücke ich eben mal den ersten Knopf. Der WC-Ring ist übrigens geheizt (ohne einen Knopf zu drücken). Hoffentlich komm ich da trocken raus. Oh ganz klein ist es doch in Englisch geschrieben: «Bidet». Nein Danke. «Spray», was jetzt? Duftspray? Ach so, der Po wird nass. Es reicht dann auch mal, wo stell ich das wieder ab? Vielleicht beim «Water Pressure»? Eh, nein da Regnets nur noch mehr! «Stop», geschafft der «Spray» hat gestoppt. Das High-Tech WC munter mich förmlich auf! Was haben wir noch? Hoppla, jetzt wird da unten geföhnt. Der «Sound» Button ist verlockend, vielleicht ist ja Radio BeO eingestellt. Leider nicht, der Sound ist das Spühlgeräusch, aber es spült gar nicht! Himmel, also «Sound Stop». Vielleicht läuft was bei «Power Deodorizer», was heisst Deozorizer überhaupt? Zum Glück gibt’s auf der Toilette freies WLAN, so übersetze ich das Wort erstmal bevor ich den Powerknopf drücke, will ja nicht gleich alles in die Luft jagen. Desodorierer, aha und was heisst das jetzt? Sitze grad in der Patsche, habe schiss auf der Toilette einen Knopf zu drücken…no risk no fun! Die Toilette beginnt mit komischen Geräuschen, ojeoje soll ich wohl den «Emergency Call Buton» drücken? Und dann? Steht da urplötzlich ein Toilettenretter vor der Tür? Ganz ruhig, muss doch zuerst einmal spülen, wo um Himmels willen ist die Spülung?! Ah, da oben auf dem Deckel, drei Knöpfe, ich drücke mutig den ersten, uff es spült. Geschafft. Aus reiner Neugier drück ich noch den zweiten, da kommt weniger Wasser, ach das ist ja wie bei uns. Der dritte ist mit Eco angeschrieben. Den Sparmodus. Et Voila!  Jetzt weiss ich bescheid und brauche einen Grüntee, aber Dali!

Draussen Regnets immer noch. Macht nichts, bei der nächsten Toilette kann ich wenigstens mein Po trocknen oder eben Föhnen! Alles eine Frage der Einstellung.

Die 50 Kilometer Stadtausfahrt schaffe ich nur dank meiner Offline-Karten-App auf meinem Telefon. Das kann auch alles Unmögliche und mögliche. Nach ruhigen, knappen 5 Kilometer entlang dem Fluss begann dann auch schon wieder die 20 Kilometer lange Stadteinfahrt nach Kyoto. In Gedanken bin ich immer noch geflasht von der High-Tech Toilette. Der Wahnsinn!

Kyoto. Habe hier eine hübsche Unterkunft gefunden. Eigentlich wollte ich in einem 7 Eleven nur eine Cola kaufen. Habe ich auch, eine farblose. Clear heisst die Cola und sieht aus wie Wasser, schmeckt aber wie Cola. Also ich find’s spannend hier. Beim hintersten Regal war dann ein Pfeil mit «Fairfield Rooms» angeschrieben. Hat der Laden hier nebst farbloser Cola auch Zimmer? Der Verkäufer begleitet mich kurzum in den 5. Stock und schon stehe ich an der Rezeption. Sie haben ein Bett frei, super günstig und zentral. Gebucht! Hier bleibe ich und schaue mir die Stadt an. Der Nachteil, Freddy hat hier keinen Platz, es ist eine Art Kapselhotel. Beinahe wie in einem Mottenzelt! (Google it!:)

Freddy stelle ich 2 Häuserblocks weiter vorne bei einem überfüllten Veloparking ab. Er schafft das schon!

Zurück in meinem Mottenzelt. Zum Glück habe ich keine Platzangst. 25 Schlafkapseln sind in diesem Raum. Mit meinen knappen 1.80 kann ich gut sitzen ohne den Kopf an den Holzbrettern über mir anzuschlagen. Steckdose, Licht, Matratze, Kissen, Decke alles da. Das Beste: Mit einem Reissverschluss schliesse ich das Loch, eben wie bei meinem Zelt…oder einem Mottensack.

Eigentlich wollte ich euch jetzt von den schönen Tempeln in Kyoto erzählen, aber ich habe mir noch ein Matcha-Eis versprochen. Matcha? Ja, gemahlener Grüntee in Eis verpackt – hatte heute schon eines, hab mir aber gleich noch eines versprochen bevor ich in mein Mottenzelt husche.

Also ein Tempelfoto muss für Heute reichen :)

 

Chaotische Kyoto Grüsse

Euer Thesi

3 Kommentare

16. Blog - Busan KOR - Kennt ihr den Freddy-Griff?

Psst, nicht zu laut! Ich bin’s Freddy.

Habe mir eben den Computer geschnappt und übernehme diesen Blogeintrag.

Thesi ist gerade furchtbar gestresst und dazu noch genervt. Besser ich schreibe ein paar Zeilen, schliesslich sind wir ja ein Team und mich kann man für mehr brauchen als nur zum rumsitzen HA!
Danke übrigens für all die Grüsse die ich immer wieder bekomme. Mir geht’s soweit prima, hab ja jetzt den Südkoreanischen Passport bekommen. Klar, bin natürlich mächtig stolz darauf und das als waschechter Engländer. Aber viel lieber hätte ich ein bisschen Fett auf meiner Lederhaut. Zum Glück ist die Luft feucht sonst wäre ich schon lange ausgetrocknet. Bekomme ich nicht bald das nötige Fett, hänge ich einfach meine raue Seite raus. Ich bin hier nämlich der Chef im ganzen Umzug, der Pilot, die Zentrale. Ohne mich geht gar nichts, muss einfach mal gesagt sein. Jawohl. Bin aber ein geduldiger Chef, bis auf das Thema Fett, da werde ich ungeduldig.
In meinem Hals laufen alle Fäden zusammen, damit Thesi möglichst komfortabel und sicher fahren kann. Dann und wann bekomme ich einen dicken Hals, sag ich euch! Der Rückspiegel spurt zurzeit nicht wie er sollte. Er kam ja in Deutschland mit an Board. Es gibt Zeiten, da hat eine Schraube locker und steht Kopf in die falsche Richtung. Wiederum ist er stur und lässt sich nich von seinem Kurs abbringen. Aber das kriegen wir schon noch hin. Ab nächster Woche, wenn wir in Japan sind, wird er gezügelt – auf die rechte Seite. Vielleicht braucht er einfach einen Perspektivenwechsel. Helmi, die Schildkröte sitzt zuvorderst und hält Ausschau nach Hindernissen und ist auch erster Navigator. Er kennt den Weg, war er ja bereits in Nepal. Helmi ist oft im Mittelpunkt, weil die Schildkröte gerade in Korea als Tier mit hohem Bedeutungsgehalt gilt. Langlebigkeit, Stärke und Ausdauer, passt wie der Panzer auf die Kröte!

Die indische Hupe aus der Schweiz ist eher ruhigen Naturells. In den Tunnels freut sie sich aber wenn sie ihr Können zum Besten geben kann.
Was die Technik anbelangt sind wir à jour. Der Bordcomputer zeigt alle möglichen Werte an, wie zügig wir unterwegs sind aber auch die Temperatur. Wir sind Fieberresistent, Wasser in den Stahlbeinen kennen wir auch nicht.
Im hinteren Teil werden jeden Morgen die Schweizer und Berner Segel neu gesetzt. Die beiden sind sich immer einer Meinung und verstehen sich prima. Die Tibetischen Gebetsfahnen hüten das Ziel ganz sorgfältig und sind für die Motivation zuständig. Wen haben wir noch? Mein goldiger Untersatz natürlich. Mit jeder Strasse kommt das Tout Terrain zurecht und es glänzt. Thesi befreit es alle paar Tage von Staub und Dreck. Meiner Meinung nach bekommt der Untersatz zu viel Aufmerksamkeit über, wenn wir in Betracht ziehen, dass ich seit Wochen auf ein wenig Fett warte! Dafür bekomme ich jeden Tag ein Mersi und ein Kompliment: «Guet gmacht Freddy! Mersischön!». Das schmeichelt mir natürlich und werde somit jeden Tag ein bisschen weicher. Über Nacht muss ich meistens unter die Haube. Jaja ich weiss, es ist zu meinem Schutz, aber ich sehe dann nichts mehr und hab keinen Überblick mehr. Düsteres Kapitel! Die Haube hat aber auch Vorteile. Letzthin bekam ich Besuch von Frau Raupe. Als sie hörte, dass ein Engländer ausserhalb der Stadt sei, machte sie sich sofort auf den Weg. Es war eine kurzweilige Nacht, eines Tages wird sie sich in den schönsten Schmetterling verwandeln.

Nicht nur die Raupe auch die Koreaner fahren voll auf mich ab! Bin schon ein paar Mal fremd gegangen. Aber war nichts Ernstes, hab mich dann als besonders harter Kerl ausgegeben, ihr wisst ja, meine Treue gilt Thesi. 

Wie gesagt, sie ist gestresst, wie so oft in der Stadt. Sie sitzt grad in Busan neben mir auf der Bank, isst die besten getrockneten Apfelschnitze aus der Schweiz, Made im Hause Engel, wohl gerade Seelenbalsam.
Aber wo ist meine Nahrung? Mein Fett?

Nach 115 Kilometern bin ich aber schon mit ein paar Minuten frischer Luft zufrieden. Es hatte viele steile Aufstiege in den letzten Tagen, eher kurze aber sehr intensive. Sie nimmt mich dann jeweils in den Freddy-Griff und zieht mich sozusagen den Aufstieg hoch. Das mag ich zwar aber genau dann kommt meine schwache Seite zum Ausdruck. Im Freddy-Griff bin ich eher kantig, hab ihr so 3 Blasen an der Hand untergejubelt. Nun, ich werde eben lieber gefahren als gezogen.
Nach einem Umweg zum Bike-Passport Center für den silbrigen Kleber, haben wir direkt den Hafen von Busan angesteuert. Endlich wieder einmal Rolltreppe fahren. Ein Riesenspass und die Sicht ist einfach prima! Im Gegensatz zur Stimmung. Die ist grad nicht so prima. Wir brauchen eine Fähre nach Japan. In fünf Minuten schliesst der Ticketdesk und Thesi ist sich noch nicht sicher ob wir nach Fukuoka oder Osaka schippern sollen. Also eigentlich wollen wir nach Hokkaido hoch, da gibt’s aber keine direkte Fährverbindung. Nur von Nagoya aus. Gibt’s wohl eine Fähre von Osaka nach Nagoya? Niemand will es wissen. Google hilft mit verschiedensten Infos. Gib Gas Thesi! Das ist wieder einmal eine Organisation, zum davonfahren. Osaka ist eine riesen Stadt, wir könnten von dort auch nach Nagoya radeln und dann die Fähre nehmen. Sie stampft auf den Boden und wohl aus lauter Müdigkeit bucht sie jetzt einfach mal Osaka. Mir recht, ich komme mit meiner Crew überall durch! Bin 24h gesattelt!

Nach ein paar weiteren Kilometern sind wir im Zentrum und suchen eine Bleibe für die vier Nächte bis die Fähre fahrt. Dauert… mich stellt sie jeweils draussen ab, die Koreaner haben echt Respekt vor mir. Würden mich nicht berühren, geschweige dann ein Crewmitglied, eine Tasche zB. mitnehmen.
Nach einer Stunde herumirren findet sie einen Platz in einem 10-er Schlafsaal. Uff bin ich froh kann ich draussen im Hinterhof an der frischen Luft ein wenig auslüften. 

Auf Fett warte ich aber immer noch.

 

Grüsst mir meine Brooks Freunde

Euer Freddy

 

PS. Hab mich extra hübsch gemacht für’s Foto :)

 

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