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13. Blog - Im Zug, Sibirien RUS - Uff! Das war knapp!!!

Wir sitzen im Zug 100. Zum Glück! Dank ein paar Tränen. Von vorne...

Der Zug 100 fährt von Moskau bis nach Wladiwostok in einem zug durch. 9259 Kilomter. 1 Woche. 144 Stunden. Die Transsibirische Strecke – die längste Bahnstrecke der Welt. Hochachtung vor den Arbeitern, die diese Strecke bauten und sie heute pflegen. Sie verbindet die Menschen in diesem grossen Land. Einsteigen, aussteigen, im Gang wird ausgetauscht, berichtet, gefragt, beantwortet. Wir verstehen aber kein Wort. Sind die einzigen Touristen in diesem Wagon. Victoria und Ludmilla erklären mit Händen und Füssen, dass der August perfekt sei. Wärmer. Wir sollten dann noch einmal kommen. Es ist aber grad so spannend Orte zu sehen, wenn «Off-Season ist». Wie damals im Februar als mich Mindu zum Everest Base Camp und über den Cho-La Pass führte. Kein Zelt war im Base-Camp gestellt, eine handvoll Touristen, dafür A....Bitterkalt, die reinste Luft mit bester Sicht.

Wie gesagt: Off Season! Ludmilla zeigt auf die Kartoffeln, den frischen Käse aus Nowosibirsk und bietet uns davon an. So lieb. Schmeckt herrlich und das Abteil riecht lange nach.

Während der Fahrt schaue ich am liebsten Stundenlang zum Fenster raus. Sibirien zieht vorüber. Tundra und Nadelwälder. Alle paar Tage stellen wir die Uhr um eine Stunde nach vorne. Morgens um 04:00 Uhr ist es taghell. Das Zeitgefühl habe ich längstens verloren. Wenn es Nacht wird, liege ich bäuchlings im Oberstübli vom Abteil. Lege den Kopf auf die verschränkten Arme und schaue Fern in die Landschaft. Es ist nie ganz dunkel. Diese Weite, diese Zeitlosigkeit. Ich realisiere das erste Mal ganz bewusst, dass ich mehr als ein Jahr vor mir habe. Zeit um zu lernen. Zeit um Neues zu entdecken. Im Lebensgarten säe ich Erlebnisse an – diese werde ich eines Tages als Erinnerungen ernten könnten. Vielleicht werde ich erst dann das Warum begreifen. Oh, ich schweife ab, zurück zur Bahnstrecke.

Mama Katharina, Freddy und ich steigen gerne zwischendurch aus. Um zu duschen, klar aber vielmehr um die Welt hier zu sehen und die Luft zu riechen. In Jekaterinburg klopft der Frühling leise an die Tür. Das Stadion für die Fussball-WM wird fertig gestellt. Die Menschen geniessen im Wintermantel die wärmenden Sonnenstrahlen im Park. Wir beobachten auf einer Holzbank, das «warm laufen» nach sechs Monaten Winter.

Kurz Innehalten und wieder wird es Zeit für die Weiterreise. Immer und immer wieder. Mama und ich sind ein gut eingespieltes Team. Ich weiss echt nicht wie ich ohne sie mit allem Karsumpel in den Zug käme. Beim Bahnhof wird jede Tasche gescannt und heute auch mal von den Polizeihunden beschnuppert. Der Zug 100 hält exakt 30 Minuten in Jekaterinburg. Rund 20 Minuten brauchen wir vom Perron bis wir im Abteil sitzen. Passkontrolle beim einsteigen, Gepäck abladen, Vorderrad abmontieren, Freddy mit Untersatz in einen Velosack packen, diesen in einem anderen Wagon verstauen, Gepäck einladen, fertig. Diesmal läuft alles anders. Komplett anders.

Die Prowodnitsa (danke Wetterfee Eva), Zugchefin hat die Papiere kontrolliert gibt uns das ok zum Einsteigen. Ein Herr in Uniform eilt heran, fragt mich mit strengem Blick etwas auf Russisch. Kein Plan was er will?! Er wird deutlicher, zeigt auf das Velo und ist nervös. Verstehe ich, Freddy kann einem nervös und kribbelig machen. Nun gut, die Situation ist nicht mehr zum spassen, etwas stimmt nicht. Obwohl, genau in solchen Situationen ein bisschen Spass helfen kann. Mit dem Übersetzerapp gibt er mir zu wissen, dass ich ein Billet für das Fahrrad brauche. Ohne Fahrradbillet, keine Zugfahrt. Gut, eine klare Ansage. Aber ein spezielles Billet für das Velo hab ich nicht, dies ist aber so angemeldet. Die Zeit läuft, 10 Minuten bis zur Abfahrt. Er bleibt stur und will ein Ticket sehen. Ich frage ihn wo und wie ich zu einem solchen Ticket komme und ob 10 Minuten dafür reichen, dies zu organisieren. Er weiss es auch nicht und fuchtelt mit seinen Armen ein Kreuz in die Luft und zeigt auf den Zug. Kein Ticket – Kein Zug. Das Basta-Prinzip. Mist.

Acht Minuten, alle sind eingestiegen, wir auf dem Perron mit einem einzigen und riesigen Taschenchaos. Soll ich's drauf an kommen lassen? Will er einfach ein paar Extra-Rubel? Egal, jetzt hilft nur noch eines: Drama, und zwar schnell! Beginne zu weinen - das Improvisieren bei den Theaterproben vor Jahren kommt mir hier zu Gute, hätte ich nie gedacht und lache innerlich - gehe in die Knie, erkläre dass meine arme, gebrechliche Mutter mit schweren Rückenschmerzen unbedingt nach Irkutsk muss, ich sie nur einmal pro Jahr sehe. Ach ihr hättet uns sehen sollen…Theater!

Er schnaubt laut, holt tief Luft auch er ist nun verzweifelt mit uns verzweifelten Touristen. Ohne ihm Platz zu geben für irgendwelche Worte beginne ich lauter zu einer Schrei-Wein-Hilflosigkeit. Er beruhigt mich, schaut nach rechts nach links, wird weich und gibt uns unter einer Bedingung das ok zum Einsteigen. Wir müssen für das Fahrrad bezahlen, er wird sich erkundigen wieviel dies kostet und dann im Zug ein Spezialbillet schreiben. Na also, geht doch! In 5 Minuten haben wir im Eiltempo alles verstaut. Sitzen im Abteil Nr. 6 und könnten jetzt eine Flasche Wodka saufen.

Uff! Das war knapp!!! Drei Stunden später kam er mit dem Handgeschriebenen Billet. Ob wir schon Bettwäsche bekommen haben? Das Wasser für Tee sei heiss. Das Velo ist sicher verstaut. Der schnaubige Herr von vorhin plötzlich so freundlich? Ich mag ihn schon richtig gut. Beim nächsten Halt, halten wir sogar einen Schwatz über den Zug und dies bei Sonnenuntergang. Herrlich.

Sowieso habe ich die Russinnen und Russen jetzt schon ins Herz geschlossen, warum? Im nächsten Blog! Wir machen uns parat zum Ausstieg. Nicht mehr weit bis Irkutsk.

Rollende Grüsse aus Zug 100

Euer Thesi

 

PS. Mittlerweile sitzen wir auf der Olchon Insel bei warmer Schokolade...draussen schneits.

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12. Blog - Im Zug RUS - Umsteigen bitte!

Sitze im Wagon vier auf Bett 17. Im «Schniidersitz». Spüre die Muskeln in den Oberschenkel, sie ziehen. Das kommt wohl vom Radeln. Kopfkissen polstert den Rücken. Links von mir bearbeitet eine junge Russin Landkartenmaterial am Laptop. Die Haare gekonnt mit einer japanischer Haarnadel hochgesteckt. Ich staune immer wieder wie Menschen ihr Haar gekonnt selber zu einer Frisur püschelen, ich schaff nicht einmal ein anständiger Zopf. Möchte sie gerne nach dem Trick mit der Haarnadel fragen. Sie spricht kein Wort Englisch, ich kein Russisch. Das habe ich verpasst, für eine nächste Reise nach Russland oder Zentralasien würde ich vorher einen Kurs besuchen. Kommt auf meine WürdeTäteHätteIch Liste. Oben ihr liest die ältere Dame in einem roten Buch. Auf dem Cover sind lauter Hunde zu sehen. Wohl ein Hundebuch. Ein Pudel würde zu ihr passen. Sie ist sehr liebenswürdig, hat uns gezeigt wo die Kanne mit heissem Wasser steht, bietet uns Mandeln aus ihrem Nusssäcken an.

Es zieht immer mehr in den Oberschenkeln, ich muss die Beine anziehen. Zum Glück ist der Bildschirm beim Laptop beweglich, eine super Erfindung, so ist die Tastatur nun beinahe senkrecht auf den Oberschenkeln und ich kann aber gleichzeitig gerade auf das Worddokument schauen. Toll! Klappe ich den Bildschirm ein paar Millimeter nach unten, sehe ich Mama gegenüber. So schön. Klappe den Bildschirm hoch und wieder runter, hoch, runter, hoch, runter. Ja sie ist wirklich hier, es ist kein Traum. Wir sind zusammen auf dem längsten Bahnnetz der Welt unterwegs.

Vom Abteil aus sehe ich direkt zum Fenster raus, welches auf dem Gang ist. Zwischen dem dichten Wald lugt immer wieder das Abendrot hervor. Seit nun mehr als 24 Stunden sind wir im Zug, weitere 12 folgen und es sieht immer ähnlich aus. Wald, endlose Weite, Wald, ein Dorf, ein Bahnhof, Sumpf, Wald. Zur Abwechslung stehe ich auf, lehne mit den Armen auf die Stange am Fenster und jedesmal komme in ungeschickt an die untere kleine Vorhangstange, die so knapp berechnet ist, dass sie hinunterfällt. Mit ein wenig Geschick balanciere ich den Bambusstab in die zwei Löcher. Sie hält, bis zum nächsten Anlehnen. Das erinnert mich ans Zugfahren in der Kindheit, am liebsten drückte ich die Nase ans Fenster um fast draussen zu sein. Der Zugschaffner weckt mich aus den Erinnerungen. Er saugt mit einem Art Museumsstaubsauger den grauen Bodenteppich. Pro Wagon hat es eine Zugchefin die zum rechten schaut. Vorne steht der überdimensionale Pot mit heissem Wasser, hinten sind zwei Toiletten. Im Zug von Spiez nach Bern oder Zürich gehe ich nur im äussersten Notfall auf die Toilette. Hier auch mal zwischendurch um mir die Beine zu vertreten. Zwar ein bisschen nass aber erstaunlich sauber. Stinkt auch überhaupt nicht.

Direkt hinter den Toiletten hat es noch eine Türe. Sie ist abgeschlossen, zu recht, dort harrt nämlich Freddy aus. Die letzte Nacht hat es ganz schön gerattert. Gegen 03:00 Uhr hat der Zug abrupt gestoppt. Das quietschen der Bremsen riss mich aus dem Schlaf, der erste Gedanke war natürlich bei meinem Göppel. Steht er wohl noch? Er steht bestimmt! Er ist aus Edelstahl, den haut so schnell nichts um!

Die Gedanken beginnen zu kreisen. Die Zugfahrt gleicht meiner aktuellen Lebens-Situation. In meinem Alltag vor der Reise war ich auf der Schiene unterwegs. Manchmal war die Fahrt ganz sanft, an manchen Tagen ratterte es heftig. Aber die Schiene war gelegt. Ich wusste meine Arbeitszeiten, Termine waren gesetzt wie die Haltestellen. An manchen Haltestellen stieg ich aus und traf Freunde, hatte eine kostbare Zeit mit ihnen und stieg wieder in den weiterziehenden Zug ein. Und an irgend einem Punkt auf der Lebensfahrt ist dann Endstation. Adiömersi. Wieviele Stationen, Haltestellen, Fensterplätze gibt es wohl noch?

Am 03.03.2018 kam zuerst der abrupte Stopp. Er riss mich aus dem "Alltags-Schlaf". Das Leben hat die Bremse gezogen. Dieser Zug fährt nicht mehr weiter. Einmal umsteigen bitteschön. Umsteigen tut mir gut. Verändert meine Sicht auf die Dinge. Umsteigen ist aber auch mühsam. Das Gepäck wird neu gepackt, hab ich alles? Nichts vergessen? Erwische ich den nächsten Zug?

Mir wird von neuem bewusst wie wertvoll es ist Zeit mit meiner Mama nicht nur zu verbringen, sondern auch die Zeit zu Er-Leben. Auch wenn wir Stunden mit zwei anderen Russinen in einem Viererabteil sitzen und nichts tun. Wir sprechen über Dinge, schauen gemeinsam zum Fenster raus, beobachten die Natur. Einfach nur schön. Dank ihr konnte ich überhaupt Umsteigen. Sie ist mein Rückenwind. Das Umsteigen lehrt mich ein Stücken Leben. Das Mühsame dauert nur einen Moment. Aber auch dieser Zug wird einmal anhalten. Ich habe grosses Glück, dass mein "Zugnetz" viele Anschlüsse und Verbindungen hat. Das Umsteigen an sich ist nicht selbstverständlich. Dafür danke ich jeden Abend.

Langsam wird es Dunkel, aber nie ganz, um 04:00 Uhr ist es schon wieder taghell, die Sonne scheint. Seit St. Petersburg haben wir die Uhr zweimal nach vorne gestellt. Wir sind der Schweiz 3 Stunden voraus. Bis nach Wladiwostok sind es dann +8 Stunden. Es ist ein riesen Gump.

Wenn Züge gumpen :)

Liebe Grüsse aus Wagon 4

Euer Thesi

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11. Blog - Moskau RUS - Hurra!

Das war knapp! In letzter Minute erwischten wir den Zug 760 der im Eiltempo von Moskau nach St. Petersburg hoch rattert. Im Zugfernseher zeigen sie gerade einen Film, wie eine Maus im Versuchs-Labor Stromschläge bekommt. Ich liebe Fensterplätze! Freddy ist im Gang vorne. Vier Taschen stützen ihn vor dem Umkippen, die Anderen sechs sind irgendwo verteilt. Es eilte! Doch dazu später mehr.

Von der russischen Grenze Terehova bis nach Moskau waren es gute 600 Kilometer und die Begegnungen unterwegs möchte ich euch nicht vorenthalten.

Chrigu, ein treuer Blogleser und Tourenfahrer schrieb mir in einem Mail, wie sein Grenzübertritt letztes Jahr abgelaufen ist. 20 Minuten brauchte er. Ziemlich zügig! Ich brauchte 5 Minuten länger – wohl des Toilettenstopps wegen. Die Damen an den insgesamt sieben Grenzposten sind alle sehr freundlich, bestaunen Freddy, füllen mir das Formular aus, stempeln den Pass. Der Herr am Schlussposten prüft alles, lächelt «Welcome to our Country» und winkt mich durch! Jetzt aber ab nach Moskau – Mama fliegt in 6 Tagen ein. Mit dieser Vorfreude werden meine Beine stärker. Bis zu 145 Kilometer pedale ich. Gedanken können lenken! Denke nur noch an Moskau. Genau das ist das Gefährliche.

Erinnere mich an einen Ausschnitt aus einem SMS von Evelyne Binsack «….ohne ans Ziel zu denken». Wiederhole und Wiederhole den Satz. Ohne ans Ziel zu denken, ohne ans Ziel zu denken. Mein Denken, die Gedanken zu ändern, zu leiten dafür brauche ich Zeit. Wenn sich zB. bei der Arbeit, im Tun ein Fehler eingeschlichen hat, wurde ich von Kollegen und Vorgesetzten darauf aufmerksam gemacht. Es wurde gefeilt. Hier unterwegs muss ich selber merken, wenn ich ein Denkverhalten ändern muss, analysieren und reflektieren immer wieder von Neuem. Da kann ein einziger Satz extrem viel dazu beitragen! Ohne ans Ziel zu denken!

Ein Österreicher fährt mir auf seinem Motorrad vor. Hält an. Der hat’s aber schön, mit seinem Gashebel! «Servus, Du hast’s aber schön, Du kannst Dich wenigstens bewegen». Als hätte er meine Gedanken gelesen! «Hast Du Klebeband mit dabei? Hab Deine Fahnen gesehen, gell das ist die Berner? Will Meine auch wieder montieren!» «Aber hallo! Klar habe ich Klebeband, Kabelbinder, Sekundenleim, Messer, such Dir was aus, kennst Du den Kanton Bern?», «Das Simmental kenne ich gut, bin immer mal wieder in Därstetten!» Im Gebüsch findet er ein ideales Holz und die Fahnen sind schnell montiert. «Ich bin Tom und Du?», «Maria-Theresia». Er lachte und dachte ich mache einen Scherz mit ihm! «Sicher, so wie eure Maria-Theresia!».

Es beginnt zu regnen, wir fahren weiter. Tom macht bis zu 800 Kilometer pro Tag!

Ein paar Stunden später fährt mir ein grüner Prachtstruck vor. Luzerner! Hurra, auch der hält an. Lukas von Pajechali Reisen – Sibirien lässt niemanden kalt - ist grad am Auswandern an den Baikalsee, Sandro sein Kollege begleitet ihn bis dorthin. Die beiden sind bei bester Laune und wir haben einen Schwatz am Strassenrand der M9. «Wann seid ihr am Schwanenplatz losgefahren?», «Am Dienstag». Waas?? Unglaublich! Am Dienstag bin ich grad mal über die russische Grenze. Es tut gut ein paar Worte in der eigenen Sprache zu wechseln. Ein Stück Heimat. Wir drücken uns und fahren weiter. Beide in ihrem eigenen Tempo.

Die Strecke ist immer gleich und doch anders. Die Strasse, links und rechts Wald, dann und wann ein Feld. Händler verkaufen am Strassenrand ihre ausgestopften Bären und Pelze. Immer mal wieder eine Tankstelle. Die Dörfer sind 5 bis 10km abseits der Strasse. Öde? Keineswegs. Da ist das Rauschen vom Wind in den Ohren, die Wolken, die Bilder in den Himmel zeichnen, Schmetterlinge die ein paar Meter neben mir her fliegen, überfahrene Tiere für die ich hoffe, dass es ein schnelles Ende war und da sind meine Gedanken und die Fantasie. Die beiden haben hier richtig Zeit und Raum sich auszutoben. Mein Hirn kann tun was es will, muss sich an nichts erinnern, sich nichts merken, keine Befehle ausführen, kann sich freuen, kann traurig sein, ist völlig frei. Die Beine wissen was sie zu tun haben.

Ein Auto hält an. Zwei junge Männer steigen aus und staunen ab meinem Fahrrad. Sie öffnen ihren Kofferraum und jetzt staune ich! Er ist voll mit Überresten aus dem 2. Weltkrieg. Verrostete Waffen, Becher, Helm, Gamelle, Autobatterie mit der Jahreszahl 1941, alles da. «Wir suchen und graben in unserer Freizeit. Hobby. Wir sind tagelang in den Wäldern unterwegs. In Moskau haben wir in einem Keller alles ausgestellt. Wir möchten dir die Gamelle schenken, sie wird Dir Glück bringen, sie hat bis heute überlebt. Schau da sind noch Initialen von einem deutschen Soldaten». Ach wie lieb von den Beiden, aber das kann (und will) ich unmöglich annehmen! Mache ein Foto in der Hoffnung, dass die Gamelle auch so Glück bringt!

500 Kilometer seit der Grenze. Die M9 führt direkt durch das erste Dorf. Nicht mehr weit bis nach Moskau. Der Verkehr wird dichter. Am Abend plane ich meine Fahrt in die 12 Millionen Metropole hinein. Viel zu planen gibt’s nicht, einfach geradeaus, jede grössere Strasse führt direkt zum roten Platz, da die Stadt sternförmig ist. Sollte also ein Klacks sein. Früh morgens um 07:00 Uhr bin ich im Sattel. 40 Kilometer dichter Verkehr. 40 Kilometer volle Aufmerksamkeit. Der Rückspiegel ist Gold wert und die Busspur mein Freund. Einmal um den Kreml rum, links hoch und da ist er, der rote Platz. Hunderte von Soldaten stehen stramm, mir egal, ab durch die Mitte. Endlich da, 1. Etappe geschafft.

Freddy parkiere ich vor der Basilius-Kathedrale, in diesem Moment schreien die Soldaten im Chor: «Hurra, Hurra!» Soviel sag ich auch, Hurra! Punktlandung, das ist Timing! Sekunden später schickt mich die Polizei weg, da wird geübt für die Militärparade von Übermorgen, Tag des Sieges. Morgen ist jetzt aber erst mal Tag der Mama! Hurra!

Viel zu früh bin ich am Flughafen, sitze 3 Stunden im Kaffee und stehe 2 Stunden gespannt beim Arrival! Freue mich so sehr sie in die Arme zu nehmen, will sie nicht verpassen. Ich bin ein richtiger Glückspilz, meine Mama unterstütz mich zu 100%. Steht hinter mir, stärkt mich in meinem Tun. Sie kommt mich sogar besuchen, das ist nicht selbstverständlich. Sie ist meine Heldin.

Die Schiebetür geht auf, eine Gruppe Chinesen, ausgerüstet mit Nackenkissen folgen der roten Fahne. Schiebetüre zu. Auf, zu, auf, zu, auf, da kommt sie! Mama ist da. Was für ein Wiedersehen, als sei es gestern gewesen. Wir drücken uns und ich kann es kaum glauben.

Moskau haben wir erkundet. Was es dort zu sehen gibt: Google it!

Wir nähern uns mit 219kmh Sankt Petersburg.

Im Zugfernseher läuft mittlerweile ein Kriegsfilm. Wir zwei sitzen da und haben den grössten Frieden.

Beste Grüsse von uns Beiden!

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10. Blog - Rezekne LV - Gopf, bin ich verwöhnt!

Um 19:30 habe ich mit Vita an der Vispals Street 9-29 in Rezekne abgemacht. Warte bei der Hausnummer 15, die ist etwa in der Mitte von 9 und 29. 19:40 keine Vita da. Der junge Mann gibt mir Auskunft und erklärt, dass 9 die Hausnummer und 29 die Wohnungsnummer ist. Ach so! Jetzt bin ich zu spät.

Vita erwartet mich schon vor der Türe, nimmt mich gleich in die Arme und freut sich. Wir verstauen Freddy im Keller neben eingemachten Kirschen. Freddy liebt Kirschen! Mühsam schleppen wir den ganzen Karsumpel in den 7 Stock hoch. Ein alter Block aus der Sowjetzeit. Endlich da. Es ist wie Heimkommen, als wären wir schon lange Freunde. Vita ist um die 50 Jahre alt und ist bei Warmshowers. «Warmduscher» ist eine weltweite, kostenfreie Organisation für Fahrradreisende. Wer sich auf der Plattform anmeldet bietet gratis ein Bett oder ein Sofa, eine Dusche, die Küche und Gesellschaft an. Das Ziel ist der Austausch. Die Reisenden erzählen Geschichten von Unterwegs, kochen eine Spezialität von Zuhause, die Gastgeber berichten von ihrem Land und der Kultur. Vita hat sogar Zeit, mir die ganze Stadt (was für uns ein Dörfchen wäre) zu zeigen. Erster halt: die beste Kebab-Bude weit und breit. 40 Minuten Wartezeit bis der Kebab fertig ist, der muss besonders gut sein! Die Zeit nutzt sie, mir ein russisches Kartenspiel beizubringen. Der Kebab war wirklich gut.

Todmüde mit über 100 Kilometern in den Beinen und stinkend nach Zwiebeln plumpse ich in den Sessel im Gors. Gors, ist von der Akustik her der beste Konzertsaal im ganzen Baltikum. 1 Stunde Chorgesang. 93 Stimmen setzen an zur Nationalhymne. Eindrücklich. Zurück in der kleinen Wohnung im riesigen Sowjetblock kocht Vita zu später Stunde die besten Kartoffeln mit Poulet. Vita lebt alleine, hat zwei ältere Schwestern, kommt mit 400 Euro pro Monat grad so über die Runden, hat ein riesengrosses Herz und liebt es Geschichten aus aller Welt zu hören. "Weisst Du, ich hatte schon Gäste von Japan, Chile, New York, Taipeh, ganz Europa und vielen anderen Ländern und jetzt auch aus der Schweiz. Durch diese Geschichten war ich schon fast überall auf der Welt, ist das nicht wunderbar?!». Wie recht sie hat. Auf einer Weltkarte klebt sie funkelnde Punktkleber hin von wo die Leute zu ihr kamen. Ihre Weltkarte leuchtet!! Ich frage sie, ob sie denn glücklich sei? «Es ist ganz einfach glücklich zu sein. Ich kann meine Umstände, meine Situation nicht ändern, aber ich kann meine Sicht auf die Dinge ändern, so probiere ich jeden Tag glücklich zu sein, heute bin ich happy weil du da bist, magst du frischen Ingwer-Zitronen Tee?».

Vita lebt auf kleinstem Raum, in der Küche können wir nicht sitzen, wir essen im Wohn-, Büro-, Schlafzimmer. Sie zeigt mir das Buch! DAS Buch! Alle Gäste schreiben etwas hinein. 3 Seiten sind noch leer. Vita meint, wenn die Wohnung einmal brennen sollte, werde sie als erstes das Buch retten. Es sei das kostbarste was sie besitze! Sie wünscht mir eine gute Nacht.

Nun liege ich da, der Vollmond scheint mir durch die lockeren Schleierwolken ins Gesicht, am Fenster hängen tibetische Gebetsfahnen…von einem Gast. Mein Körper will schlafen, ist müde, meine Gedanken aber kreisen. Gopf bin ich verwöhnt! Zuhause haben wir 6 verschieden grosse Pfannen, dazu 2 Bratpfannen und einen Wok! 2 Schubladen nur für Pfannen!! Vita hat eine normale und eine zum Anbraten und die kommen nicht in eine Schublade, weil es keine hat, die bleiben auf dem Herd. Für Vita liegt ein Auto nicht drin auch wenn sie seit 20 Jahren keine Ferien mehr hatte und der Januarlohn ist immer noch nicht auf dem Konto. Ich habe ein Motorrad, ein Kajak, 2 verschiedene Wanderschuhe, einmal nur Leder und einmal Goretex und konnte noch Geld auf die Seite legen für diese Reise! Gopf bin ich verwöhnt! Der Schlaf übernimmt die Kontrolle. Der Mond wandert langsam aber sicher zum rechten Fensterrand. Mama sieht ihn bestimmt auch durch das Dachfenster.

So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen, als wäre ich Zuhause in meinem Bett gewesen. Vita setzt sich mit einer heissen Tasse Tee auf den Sessel, «trink diesen Tee, die Zitrone gibt dir die nötigen Vitamine und der Ingwer ist sowieso gut für alles, da hat's noch Mangosticks von den Philippinen...hat mir ein Gast geschenkt, kommst du heute Abend noch einmal mit mir mit an ein Konzert?». «Klar, wenn ich noch eine Nacht länger bleiben darf?», «Aber sicher doch, du bist mein Gast, das Konzert kostet aber ganze 10 Euro, ich habe mein Ticket schon, für dich können wir meine Rabattkarte brauchen. Weisst du, es ist das einzige was ich mir gönne. Es ist nicht notwendig, wie WC-Papier, Seife, Brot oder Kleider, aber es tut meiner Seele gut, so leiste ich mir jeden Monat ein Konzert, diesen Monat sogar zwei». Sie strahlt.

 

Vita, ich wünsche Dir von Herzen jeden Tag etwas, was dich freut. Du hast mein Lebensrucksack bereichert. Danke!

Wir verabschieden uns und auch da bleibt einfach ein «Danke». Bevor ich abfahre, erkläre ich ihr, dass ich nicht zurückschauen werde. Sie schmunzelt und sie weiss genau warum. Das was kommt liegt vorne…ich merke, dass sie mir Nachwinkt.

 

PS - den Blog lade ich da aus Russland hoch :)

25 Minuten brauchte ich an der Grenze, ging alles flott, am Sonntag sollte ich in Moskau sein

Beste Grüsse Öies Thesi

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9. Blog - Dzimtmisa, LV - Warten!

«Der Bäcker ist da! WARTE, ich komme auch gleich mit runter!»

«Mein Zug hat 5 Minuten Verspätung! Kein Problem ich WARTE»

«Ich hole schnell das Blutdruckgerät aus Zimmer drei! WARTE, kannst Du noch die aufgefüllte Desinfektionesflasche gleich mit nach hinten nehmen?!»

«Wir fahren in 2 Minuten ab! WARTE ich muss noch schnell die Zähne putzen!»

«Was ich Dir unbedingt noch erzählen muss… WARTE! Ich mach noch kurz meine Anmoderation»

 

Wie oft warten wir schnell. Warten geht aber auch langsam. Und ich bin nicht der Wartetyp…noch nicht!

Von vorne. Das mit dem Job beim Fischer war nix. 50 Kilometer bin ich entlang der Küste gefahren. Da waren viele Fischerdörfer aber keine Fischer. Drei Menschen sind mir begegnet. Kurzerhand mache ich kehrt. Soll ich jetzt nach Tallinn? Es geht mir irgendwie durch den Strich hoch nach Estland zu fahren und dann wieder runter nach Lettland.

Zurück nach Riga. Was soll ich nur tun? Setze mich erst mal auf die Leitplanke der Autobahn, warte und esse ein Snickers. Denn Du bist nicht du, wenn du hungrig bist! Autobahn? Ja klar, bester Belag (aber auch der einzige Vorteil)! Hier gibt’s auf der Autobahn auch Bushaltestellen. Die A10 ist gleichzeitig die E22. Der Pannenstreifen ist für alle da, auch für Freddy!

Die A7 führt an Dzimtmisa vorbei. Seit über einer Woche bin ich nun hier. Mit ein bisschen Glück habe ich Michael und seine wunderbare Frau Lolita gefunden. Das Dorf liegt mitten in der Pampa und hat zwölf Häuser. Der nächste Laden 11 Kilometer in die eine Richtung, die nächste Gaststube 16 Kilometer in die Andere. Am Rande des hübschen «Kaffs» haben sie ein Gästehaus.

Das Blockhäuschen – ein Traum! Hier warte ich bis es endlich Mai wird und ich über die russische Grenze darf. Ich mag es nicht zu warten. Genau deshalb warte ich wohl, dass ich es lerne. Buch gelesen, Kleider gewaschen. Was tun? Fahrrad putzen! Ganze drei Stunden habe ich geputzt. Langsam geputzt. Speiche für Speiche, Kettenglied um Kettenglied. Schon fast meditativ und blendet jetzt vor lauter Glanz! Die Tage sind lang. Zeitlos.

Ab und zu schaut Michael vorbei, wir sitzen draussen, er erzählt aus seinem Leben, ich aus Meinem. Seine Geschichte ist unglaublich, er sollte ein Buch schreiben! Gerne würde ich sie erzählen aber das sprengt hier den Rahmen. Was mich aber tief bewegt und beschäftigt, seit 10 Jahren gilt sein Sohn als vermisst. Er war auf Reisen. Von einem Tag auf den Anderen hatte er keinen Kontakt mehr zu ihm…das nun seit 10 Jahren. Kein Lebenszeichen. Was muss ein Vater da wohl jeden Tag durchmachen?! Warten? Akzeptieren?

Zurück zum Timing. Ich erinnere mich an die Bushaltestelle Zuhause. Einigen "Teller". Der Bus fährt um 44. Bis zur Bushaltestelle brauchte ich in normalem Schritttempo 2 Minuten 40 Sekunden. 41 ging ich spätestens aus dem Haus – 20 Sekunden spatzig! Da der Bus meistens 1-2 Minuten Verspätung hatte, wartete ich immer. Nervte mich. Warum nervte ich mich wegen 2 Minuten? Kann ich hier nicht mehr nachvollziehen!

«Timing is everything» – das lernte ich in der Moderation bei Radio BeO. Wo ist jetzt mein Timing geblieben? Wohl auf der Strecke zwischen München und Dzimtmisa. Das Warten zeigt mir vieles, macht mich langsamer oder anders gesagt, lehrt mich Dinge bewusst zu tun. Tee kochen, einfach neben dem Wasserkocher stehen und warten bis das Wasser kocht, hab ja Zeit. Zuhause habe ich diese Zeit, bis das Wasser kochte «genutzt» etwas anderes zu tun.

Einfach dasitzen und die Wolken beobachten. Sie ziehen Richtung Osten. Der Wind lässt das Gras tanzen. Wie hoch ist der Flieger wohl? Der fliegt bestimmt Moskau an, ja, denn ich schaue Richtung Süden, er zieht links weg. Dasitzen und nichts tun. Nicht lesen, nicht im Internet surfen, keine Musik hören, mich selber aushalten, Sein und Warten. Ich überlege mir, welche und wieviele Menschen warten? Die Menschen im Altersheim warten und freuen sich wohl tagelang auf ihren Besuch. Warten auf die Mahlzeit. Warten auf die Bewegungsstunde. Warten auf Abwechslung.

Menschen im Gefängnis warten. Warten bis ein weiterer Tag vorbei ist. Warten auf die Freilassung. Verbringen Zeit mit Warten.

Menschen im Krankenhaus warten auf Besserung. 

Schreiben wir eine Mail, warten wir auf Antwort. Tun wir gutes, warten wir vielleicht auf ein Dankeschön.

Warten in uns wohl auch die Erwartungen?

Höchstwahrscheinlich warten wir alle auf etwas…

 

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