blog

41. Blog - Shaolin Tempel Yunnan, China - Mach Deine Runde fertig!

Sitze auf einer Mauer im Shaolin Tempel. Es ist dunkel. Nur die eine Kerze brennt noch. Es weht ein sanfter Wind, die ersten Frühlingsblätter des Feigenbaums tanzen im Wind. Das mächtige, braunrote Eingangstor ist zu. Alle sind auf den Holzpritschen und gönnen den Muskeln und dem Geist Ruhe. Mein Geist schaufelt die Gedanken hin und her, er schaufelt sie vom Grosshirn ins Kleinhirn und zurück. Hab versucht die Schaufel zu finden, aber er versteckt sie zu gut, wohl hinter den hintersten Hirnzellen.

 

Ich geniesse die Stille und das Alleine dasitzen vor dem Tempel. Das Traditionelle Dach ist gebogen, der Mond scheint auf die Ziegel. Dieser Ort ist einfach anders. Dieser Ort strahlt eine besondere Kraft aus. Dieser Ort ist geerdet. Einen Monat durfte ich hier im Shaolin Tempel leben, essen, trainieren und lernen. Lernen für’s Leben. Das 7-stündige Training pro Tag brachte mich an meine körperlichen Grenzen. Ganz klar. Das tägliche Stretchen hat meinen Körper spürbar flexibler gemacht. Alle machten wir unsere Runden im Tempel. Hunderte von Runden. Kicks. Auf allen vieren gehen. Hüpfen. Rennen. Eine Liegestütze, einen Schritt, eine Liegestütze. Mit ausgestreckten Armen gefüllte Wasserkübel tragen.

Die Muskeln brennen. Die Hüfte zwickt. Die Schultern sind müde. Die Knie bleischwer. Ich bin kaputt. Unser Meister Shi Yan Jun – 34th Generation Shaolin Warrior, Monk oft he Shaolin Temple – sagt zu mir: «Das ist ganz normal, dass alles schmerzt. Neue Muskeln werden gebildet, Muskeln die Du zuvor noch nie oder sehr selten gebraucht hast. Das Geheimnis zur Besserung…geh hindurch! Los mach jetzt deine Runde fertig! Und mach sie richtig fertig!». Das ist es. Wie angewurzelt stehe ich da, mein Puls steigt an und ich realisiere, dass ich in diesem Moment etwas ganz Wichtiges gelernt habe. Etwas Wesentliches. MACH DEINE RUNDE FERTIG! MACH SIE RICHTIG FERTIG! Und ich sehe nicht mehr die eine Runde hier im Tempel, nein ich sehe die Runden in meinem Leben. Einige Runden habe ich bereits gemacht. Unbewusst habe ich Runden richtig fertig gemacht mit viel Herz und voller Energie, andere Runden habe ich abgebrochen oder habe sie gemütlich genommen und da warten noch ganz andere Runden auf mich. Alle machen wir unsere Runden. Vielleicht ist das jetzige Leben eine Runde? Das muss jeder für sich selber wissen. Aber ich weiss jetzt, dass es in meiner nächsten Runde nicht reicht das Beste zu geben – nur das Allerbeste zählt! Das nehme ich mit aus China. Diese Minuten prägen mein Leben. Danke!

 

Wir sind hier knapp 30 Schüler-Innen. Einige bleiben bis zu fünf Jahre hier. Es sind Artisten oder Menschen die später in ihrer Heimat eine Kung-Fu Schule eröffnen möchten. Andere sind für ein Jahr hier und haben sich eine Auszeit genommen. Psychologin, Verkäuferin, Zahnärztin, Schaffer auf einer Ölplattform, Maschinenbauer, Pharmaassistentin, Velofahrerin. Das Team ist bunt durchmischt. Aber alle sind wir gleich in unseren Shaolin Kleidern. Wir motivieren einander, wollen als Team weiterkommen. Muskulös, schwach, gross, klein, scheu, selbstbewusst, sportlich oder unsportlich, spielt absolut keine Rolle. Fünf Minuten vor jedem Training und vor jeder Mahlzeit stehen wir in eine gerade Linie, der Shifu gibt das Zeichen und wir zählen auf chinesisch durch. Wer zu spät kommt oder eine Unordnung auf seiner Holzpritsche hat muss Liegestütze machen. Thesi kommt nie zu spät, weil sie keine 100 Liegestützen schafft J

Im Tempel nebenan bekommen wir drei Mahlzeiten. Während dem Essen wird nicht gesprochen. Alles vegetarisch. Sitze auf der Holzbank und blicke in mein «Schüsseli». Zuunterst trägt der Reis die Nudeln. D Kartoffeln liegen wie ein Schutzschild über den Nudeln. Nudeln, Reis und Kartoffeln. Schmeckt gut und gibt definitiv Energie! An anderen Tagen gibt es drei verschiedene Kohlarten. Grün in Grün. Zum Glück habe ich noch ein paar Snickers in meiner Velotasche reingeschmuggelt…aber psst!

Meine Beine und Knie schmerzen. Sie sind schwer. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich in einem Monat mit hohen Schuhen auf dem Great Himalaya Trail rauf und runter laufen soll wird mir übel. Unmöglich. Jetzt muss ich etwas tun. Die chinesische Ärztin ist gleich um die Ecke. Sie massiert mein Knie und ich halte es kaum aus. Mit dem Übersetzer gibt sie mir zu wissen, dass sie das schon hinkriege. Alle zwei Tage renne ich nun über den Mittag in ihre Praxis. Die Behandlung dauert je 2.5 Stunden und kostet 7 Franken. Sie jagt mir 17 Nadeln ins Bein, diese schliesst sie an ein Elektrogerät an, welches Impulse abgibt. Also ich finde es super unangenehm. Zum Schluss kommt eine Art Ultra heisser, brennender Mist auf das Knie, es verbrennt mich fast. Eine andere Schülerin war auch schon da und kam mit Brandblasen wieder raus. No Pain – No Game!

An meinem letzten Abend komme ich in den Genuss bei einer Teezeremonie dabei zu sein. Tee – die Medizin. Ganz vorsichtig packt die Chinesin 1000 Jahr alten Tee aus einem goldenen Papier aus. Dementsprechend gibt es auch munzig kleine Tässchen. Der Tee schmeckt gut.

Meine hundert Sachen sind gepackt für die Weiterreise. Von Kunming via Bangkok nach Kathmandu. Kompliziert aber günstig. 

Diese Zeit hier im Tempel werde ich nie vergessen. Sie hat mich geprägt!

 

Aktive Kung-Fu Grüsse aus China

Euer Thesi

2 Kommentare

40. Blog - Lijiang, Shangri-La, Tiger-Sprung-Schlucht - Ich bin zufrieden!

Das Problem ist, ich weiss nicht wie ich diesen Blog schreiben soll. Soll ich es erzählen? Für mich behalten? Ich brauchte Zeit um es setzen zu lassen, zu festigen, zu speichern, zuerst einer vertrauten Person zu erzählen. Nun, jetzt möchte ich es teilen, wer weiss, vielleicht erkennt sich jemand in dieser Situation wieder?!

Bereits einen Monat bin ich in China. All das erlebte von unterwegs niederschreiben kann ich nicht. Es ist zu viel, es ist zu intensiv. Aber eines weiss ich, es war genau die richtige Entscheidung nach China zu reisen. Hier fühle ich mich wohl. Hier komme ich meinem Ziel, den Great Himalaya Trail am Stück zu laufen auf der High Route, einen grossen Schritt näher. Die Zeit hier hat viele Knoten in meinem Kopf aber auch im Körper gelöst und tut es weiterhin in den nächsten drei Wochen.

Der letzte Pass vor Dali ist geschafft. Fühle mich trotz Anstrengung immer stärker. Setzte den linken Fuss auf den Teer, strecke den Rücken, falte die Hände hinter meinem Nacken, entspanne die Schultern und blicke über die grosse Stadt. Links gesäumt von der Bergkette, rechts schimmert das stahlblaue Wasser vom Erhai-See. Ich bin in Dali! Die letzten 10 Kilometer bis in die Altstadt kann ich’s rollen lassen. Der Fahrtwind im Haar, ich saufe die Freiheit auf. Ein herrliches Gefühl. Soll ich ein paar Tage hier bleiben? Weiterfahren? Schlendere durch die Touristendurchströmten Gassen. Ausschliesslich Chinesische Touristen. Blicke zum Mond hoch und ich weiss, morgen fahre ich weiter. Etwas, dass ich immer öfters habe. Eine rasche Antwort. Zack, weiss ich wie weiter, ohne lange zu überlegen. Es stimmt einfach. Mein Denken wird klarer.
Die Nacht ist kühl, geheizt wird nicht, aber die Wärmedecke ist herrlich!
Früh bin ich im Sattel. 5. Februar, heute ist Chinesisches Neujahr. In den Dörfen fahre ich mit tanzenden Drachen und weiche sanft dem Feuerwerk aus. Alle sind gut gelaunt. Bereits um zwölf Uhr mittags habe ich ein gefühltes Kilo Zuckerrohr geschenkt bekommen. Liefert mir Energie für den 30 Kilometer Aufstieg den ich vor mir habe.
Weitab von allem. Da ist nur die Strasse, die Steigung mein Wille der geschult und gestärkt wird und die frische Luft. Die Landschaft wird langsam karger. Föhren. Braune Sträucher. Felsen. In einem und dem einzigen Dorf auf der Strecke finde ich einen Platz für die Nacht. Am Morgen brauche ich nun die dicken Handschuhe, Stirnband und Kappe. Brrr. Aber es ist schön zu spüren wie der Körper sich von Minute zu Minute durch die Bewegung aufwärmt. 

Da ist es endlich! WOW! Das Jadedrachen Schneegebirge. Das südlichste, schneebedeckte Gebirge auf der nördlichen Halbkugel. Über 5000 Meter hoch. Bin fasziniert! Da muss ich still halten, hinstehen, schauen, staunen und diesen Blick geniessen.

Minuten später wühle ich mich durch die Kopfsteinpflastergassen von Lijiang und suche eine bezahlbare Unterkunft. Nach zwei Stunden bin ich erfolgreich. Die Preise hier oben auf 2400 Meter über Meer sind hoch.
Nach 14 Fahrtagen brauche ich morgen einen Ruhetag. Doch eigentlich will ich weiter. Nein, der Körper braucht Pause. Wir sind uns nicht immer einig aber er hat meistens recht und gewinnt so. Schaue mir die UNESCO-Stadt an und esse mich einmal quer durch die chinesische Küche durch. Platze fast, aber in Sirup getauchte Erdbeeren gehen immer. Und weil’s an der Ecke nach gut gewürztem Tofu riecht muss ich den auch noch haben. Das ganze runde ich mit einem Dali-Milch-Jogurt ab. Jetzt aber genug. Die Nudeln, Teigtaschen, das angebliche Stück Pizza was sich als Cake herausstellte sind bereits am Verdauen. Gegen das Platzen hilft ein bisschen ayurvedisches Minzöl auf den Bauch streichen. Gute Nacht!

Ich muss und will unbedingt hoch nach Shangri-La und den Höhenweg in der Tiger-Sprung-Schlucht wandern. Nehme den Bus nach Shangri-La. Freddy ruht sich frisch geölt in Lijiang aus. Es war somit mein vorerst letzter Fahrtag. Wahnsinn. Ist mir noch nicht bewusst. Noch 200 Kilometer von Kathmandu nach Pokhara und ein paar von Kloten heim ins Berner Oberland. Krass! Aber das muss mir auch noch nicht bewusst sein. Zuerst Shangri-La!

Kurz nach dem Pass ändert sich alles. Die Häuser sind im tibetischen Stil gebaut. Überall sind Yak’s zu sehen. Diese Hochebene zieht mich an. Ich klebe mit meiner Nase am Fenster. So wie damals, als Mama mich lehrte alleine Zug fahren. Wir übten Hergiswil-Luzern-Hergiswil. Erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Sie stand da auf dem Perron, die Scheibe war mein Feind. Ich hatte Angst. Die Welt zwischen Hergiswil und Luzern war sooo unendlich gross. Sie beruhigte mich mit sanften Armbewegungen. Setzte mich hin. Der Zug rollte langsam an, ich sprang auf, drückte die Nase an die Scheibe, probierte Mama zu halten. Eine leichte Linkskurve und fort war sie. Dann war auch die Angst weg und ich blickte auf den See. 
Hier und jetzt -  keine Spur von Angst. Wir sind auf 3200MüM. Die Luft ist klar und frisch. Ja dem Himmel ein Stück näher. Die Stadt liegt auf dem Weg nach Tibet. So leben hier vorwiegend Tibeter und die Naxi. Zhongdian bekam den Namen Shangri-La aus dem Roman von James Hilton «Der verlorene Horizont». Eine der wenigen Romane den ich vor Jahren einmal gelesen habe. Es dreht sich um einen fiktiven Ort irgendwo in Tibet, wo Menschen in Frieden und Harmonie leben. 
Wandere auf den Hügel, setzte mich unter die Gebetsfahnen. Es windet. Ich blicke in die Weite über das tibetische Hochplateau und da ist es. Es ist wieder hier! Unglaublich! Kann es kaum glauben. Das Gefühl von absoluter Zufriedenheit. Ja, ich bin zufrieden. Ich spüre kein Verlangen. Habe keine Sehnsucht. Keine Erwartungen. Es gibt keinen negativen Punkt. Nerve mich über nichts. Ja, ich bin zufrieden. Ich bin bei mir.

Zugleich schockiert es mich extrem, dass es ein Jahr dauerte bis ich dieses Gefühl nun habe. Das ist doch unglaublich! Ein Jahr bin ich mir entweder Voraus- oder Hinterher gefahren. Ein ganzes Jahr lang. Wie weit musste ich mich Zuhause von mir entfernt haben um ein Jahr zu brauchen mich zu finden?! Echt schockierend! Es war wohl der Stress, den ich mir selber machte. Noch schnell hier und da und hü und hopp. All die News jeden Tag, immer war ich abgelenkt. Toujours! Mein Hirn war wohl überfordert. Hier ein Werbeplakat, da den Bus erwischen, noch schnell einkaufen gehen, heute Nachmittag um den Thunersee radeln, morgen Frühschicht, am Nachmittag abgemacht, Gäste zum Nachtessen, Mails beantworten, Geschenk für den Geburtstag organisieren, uffff!
Und das ist der tägliche Alltag?! Ja es hatte Platz für einen ruhigen Spaziergang oder eine Wanderung am Wochenende an der frischen Luft. Aber jeden Tag blickte ich in die Agenda. Jeden Tag!! Mehrmals. Es ist normal! Das ist der Alltag!! Ist es wirklich normal?? Ist es wirklich der Alltag?? Oder dreht sich die Welt zu schnell?
Ein Jahr kam ich Kilometer um Kilometer mir näher und nun bin ich vollkommen zufrieden. Alles ist gut so wie es ist. Und genau in diesem Gefühl möchte ich einmal sterben. Das sollte ich anstreben, wenn ich wieder Zuhause im «Alltag» bin. Ich schliesse die Augen und probiere dieses Gefühl zu festigen. Einatmen. Ausatmen. Intensiv.
Um dies zu tun, könnte ich mir keinen besseren Platz als hier auf dem Hügel vorstellen. Ich realisiere, dass das jetzige Leben kurz ist. Es liegt in meiner Hand es zu füllen mit Erfahrungen, Erlebnissen, Herausforderungen und Zielen. Versteht ihr was ich meine? 


Jetzt wollte ich euch noch von der tiefsten Schlucht der Welt erzählen. Der Tiger-Sprung-Schlucht. Aber wisst ihr was? Jetzt schliesse ich meinen Computer und gehe ins Training.
1 Monat werde ich mich hier in Kunming im Yunnan Shaolin Tempel intensiv auf meine Herausforderung vorbereiten. Wir trainieren 7 Stunden pro Tag. Kung-Fu, Powerstretching, Hard-Qi-Gong, Wasserkübel schleppen, Ausdauer, Springen. Muskeln werden aufgebaut, Tränen fliessen, blaue Flecken werden grün, gelb und vergehen.
Es bringt mich an meine Grenzen aber ich halte durch! Ich muss! Tag für Tag! 

 

Zufriedene Grüsse aus China

Euer Thesi

3 Kommentare

39. Blog - Wuliangshan, China - 88888888 und eine Cola!

Endlich! Das tut gut! Es gibt jetzt grad nichts Schöneres. Meine Füsse können sich weiten. Der zweite Tag in festen Schuhen seit dem 1. August. Damals brauchte ich Sohlen für auf den Mount Fuji. Heute brauche ich die Schuhe weil’s saukalt ist hier auf 2000 Meter über Meer. Gestern wagte ich den Schritt nach mehreren Monaten Sandalen-Gehen. Der Fuss aber wollte nicht. Er passte kaum in die Form. Die Zehen mussten sich falten. Der Fuss ist wohl ausgelaufen oder die Schuhe eingegangen. Er wird sich schon wieder daran gewöhnen. Er muss. Viel Zeit bleibt nicht, in zwei Monaten bin ich bereits auf dem Great Himalaya Trail. Dann ist’s vorbei mit Knöchelfrei!

 

Jetzt aber erst China. Seid ihr parat für die Fahrt im Reich der Mitte? Schnallt euch an, es geht steil rauf und rasant runter! Frohen Mutes stehe ich an der chinesischen Grenze. Alles Topmodern. Bin beeindruckt von der Technik! Warte keine drei Minuten, schon bin ich dran. Der Beamte mit Grübchen im Gesicht schiebt meinen Pass durch den Scanner…noch einmal und noch einmal. Die Grübchen verschwinden, Stirnfalten machen sich tief.
Etwas stimmt nicht. Wohl die Technik. «Ich kann ihren Pass nicht einlesen Miss!». Nun, kann wohl schlecht sagen, wenn’s die Russen können, könnt ihr’s auch! Nein, ich schweige. Im Büro nebenan wird das Videospiel unterbrochen und sechs Beamte kontrollieren den Pass. Alles ok. Stempel ok. «Miss noch eine Frage, haben sie keine Angst alleine in China unterwegs zu sein?». «Sollte ich denn?». «Nein. Sie sind hier absolut sicher, wir sind nette Menschen, ihnen wird nichts passieren. Welcome to China!». Er strahlte bis zu den Ohren und die Grübchen sind wieder da. Das gibt mir ein gutes Gefühl.
Viele Leute fragen mich, ob ich denn keine Angst habe alleine. Nein, ich habe keine Angst. Also gut, manchmal schon. Besonders diese eine Frage macht mir Angst. Warum fragen sie das? Ja es gibt immer wieder Situationen wo die Angst anklopft. Und jedes Mal lerne ich ein Stücken besser mit ihr umzugehen. Sie darf kommen, muss aber wieder gehen. Ich habe da so meine Techniken. Aber diese erzähle ich gerne, wenn ich wieder Zuhause bin. 

Also noch schnell alle Taschen scannen. Das schwarze Förderband ist nun braun. Der Dreck von Laos löste sich von den Taschen, nur ein bisschen, aber man sieht’s. In 15 Minuten bin ich durch. Kann es kaum glauben! Jetzt bin ich in China. Made in China. Im Reich der Mitte. China ist für mich so weit weg. Erinnere mich an die plumpen Witze die wir als Kinder in der Schule erzählten…ein Chinese, ein Afrikaner und ein Schweizer… 

«Was? Du reist nach China? Würde ich nie im Leben! Die Politik. Die Chinesen haben Tibet eingenommen. Die Chinesen essen Hundefleisch. Die Chinesen bauen überall. Nein, dorthin würde ich nicht reisen.» 

Jetzt bin ich erst einmal gespannt auf die Begegnungen mit den Chinesen.

Erste Mission nach der Grenze: Geld wechseln. Lesen kann ich nichts. Wechselstube kann ich nicht erkennen. Aber die Teigtaschen-Stube sofort. Dann eben erst etwas essen. Köstlich. Als ich zahlen will kommt mir in den Sinn, keine Renminbi. «Can i change Money somewhere here? Money? Dollar to Renminbi? Moooneeeyy?”. Er versteht nicht. Money und Coca-Cola sind grosse Fremdwörter. Auch wenn ich eine Dollarnote zeige und auf eine Note in seiner Schublade zeige, versteht er nicht. Er ruft seinen Kollegen. Irgendwie kriegen wir das hin. Der telefoniert und eine halbe Stunde später steht ein Mann mit einem Plastiksack voll Geld da. Super! Geld gewechselt, Teigtaschen bezahlt, ich bin parat. Auf nach Dali. Ab in die Berge.
Circa alle 20 Kilometer werde ich fotografiert. Mit Blitzlicht. Automatisch. Die Überwachung funktioniert. Am Abend checke ich für 5 Franken in einem einfachen Hotel ein. Die gute Dame hinter der Theke kann mit meinem Pass nicht viel anfangen. Es sind wohl diese komischen Buchstaben. Sie deutet mir, dass ich mich selber einchecken soll am Computer. Ich nehme auf dem Bürostuhl platz. Wahnsinn, der ist so bequem. Mit Armlehnen. Das habe ich ganz vergessen, dass so ein Bürostuhl bequem ist. Was muss ich tun? Ach ja, einchecken. Studiere die Form der Felder, wo was hineinkommen könnte. Ihre Tastatur verstehe ich nicht. Tippe einfach etwas in jedes Feld und sie ist glücklich. Noch schnell ein Foto für die Polizei. Das schickt sie ihnen zu. Manchmal kommt die Polizei später persönlich ins Hotel um selber noch ein Foto zu machen. Letzthin war ich gerade einkaufen und Herr Polizist hat mich hinter dem Kekse-Regal aufgespürt. «Miss, Picture Passport». Okok, noch schnell ein Fläschchen für meine entwickelte Cola-Sucht und ab ins Hotel. Foto gemacht. Abends um 22:50 Uhr klopft es an der Tür. «Miss, Picture again». Der Polizist lächelt und hält mir sein Natel vor die Stirn. Das Foto vom Abend hat er verschwommen aufgenommen. Nun, dieses hier ähnelt wohl noch weniger demjenigen im Pass. Mir wurst, Gute Nacht.
Lustig, diese Chinesen. Und stets sehr freundlich. Tee bekomme ich immer gratis, Früchte auf dem Markt meistens auch. Beim Essen, wollen die einten Geld, die anderen winken ab, sei schon gut. Viele starren mich an, wenn ich vorbeifahre. Sie kichern. Besonders Kinder können ihre Kinnladen-Muskulatur urplötzlich nicht mehr regulieren. Der Vater weckt sie aus ihrer Starrheit.
Die Erwachsenen halten an, steigen aus, kuscheln sich an meine Schulter und schiessen ein Selfie. Im Supermarkt kommen sie und wollen sehen was ich im Körbli habe, eine Dame hat auch schon meine Cola wieder rausgenommen und zurück ins Regal gestellt und mir zugezwinkert. Ist wohl ungesund.
Was sie überhaupt nicht verstehen können, wenn ich in ein Taschentuch schnäuze. Das zieht alle Blicke an. Wenn ich dann ganz langsam das Taschentuch verstaue machen sie grosse Augen. Sie können es wohl nicht begreifen, dass ich in ein Tuch schnäuze und dann meinen «Schnudder» auch noch einpacke und mitnehme! Völlig absurd. Ja stimmt schon, sie schnäuzen ja alle in die Hecke oder auf den Boden. Aber sie kämen wohl nicht auf die Idee, dieses Abfallprodukt auch noch einzupacken und mitzunehmen. Damit kann man ja nichts anfangen, nicht einmal weiterverkaufen, also weg damit. Ehrlich gesagt, ich habe den Dreh einfach nicht raus ohne Taschentuch zu schnäuzen. Krieg ich nicht hin. Aber ihre Handhabung scheint mir nun doch logisch.
Seit 12 Tagen habe ich keine Touristen mehr gesehen. Also schon, einfach chinesische Touristen. Alles was ich tue, wie ich mich bewege, wie ich esse, wie ich schaue, wie ich winke, wie ich einkaufe (besonders was ich einkaufe), wie ich Freddy belade, wird beobachtet. Genau beobachtet. Es ist nicht anstrengend es ist vielmehr lustig. Ich sehe die Menschen hier viel und oft und laut lachen. Was ich aber fest betonen möchte, ich bin hier im Süden unterwegs, in Yunnan! China ist gross, sehr gross und ich kann nur für diese Strecke reden auf der ich im Moment unterwegs bin. Yunnan ist die zweitärmste Provinz der Volksrepublik China. Viele sind Bauern, sind Selbstversorger. Diese Chinesen hier sprechen kaum Mandarin, sie haben ihren eigenen Dialekt. 

Wifi gibt es überall und überall ist das Passwort 88888888. Acht die Zahl des Glücks! Natürlich kann ich nur dank einem VPN Filter, der meine Internetaktivität auf einen Server in Tokyo umleitet, zB. diesen Blog hochladen. Google, Whatsapp, Mail und all diese Dinge funktionieren hier nicht. Nur mit Filter! Obwohl, bestimmt wird auch trotz Filter alles kontrolliert. Da weiss ich echt zu wenig darüber. Auf jeden Fall herrscht grosse Überwachung.
Was mich auch erstaunt, ich sehe praktisch keine Produkte die sonst überall auf der Welt gibt. Ausser Cola, die gibt’s. Zum Glück! Aber sonst ist im Supermarkt alles Eigen-China-Marke.

Ach, es gibt sooo vieles zu berichten.
Zur Natur. Die ist einfach fantastisch hier. Sehr üppige Wälder. Hohe Berge. Riesengrosse Felder. Vor ein paar Tagen fuhr ich 3 Kilometer einem Tomatenfeld entlang. Erdbeeren sind reif. Der Raps blüht. Kartoffeln blühen. Bohnen und Mais werden geerntet. Fahre durch Kaffee- und Teeplantagen. An jeder Ecke werden Schweine geschlachtet. Am 5. Februar ist Neujahr. Alles sind in Festlaune. Ich sehe Gemüse auf dem Wochenmarkt, das habe ich zuvor noch nie gesehen. Riesen Würze. Zuckerrohr überall. Frische, süsse Mandarinen. Feine Bananen. Ja, ich esse gesund hier…und trinke Cola. 

In der Nacht ist es kühl, am Tag angenehm war. Ich radle durch eine FrühlingSommerherbst Kombo.

Für mich ist es ein riesen Privileg, dass ich hier mit dem Fahrrad unterwegs sein darf. Die Tage mit den vielen Höhenmeter sind anstrengend aber genau in dieser Anstrengung merke ich, wie glücklich mich der stahlblaue Himmel macht. Wie gut es tut, einen Schluck Wasser zu trinken. Das Wasser löst die trockene Kehle, einfach herrlich. Wie die frische Bergluft meine Lungen durchströmt. Ich darf und kann mich jeden Tag bewegen. Mein Körper bekommt so viel frische Luft pro Tag, wie er Zuhause nie bekommt. Diese frische Luft erzeugt am Abend eine gesunde Müdigkeit. Da darf es auch mal eine Cola sein! Prost!

 

Liebe Grüsse aus dem Reich der Mitte

Euer Thesi 

 

2 Kommentare

38. Blog - Luang Namtha, Laos - Sabaideeee!!!

Sitze an einem lottrigen Holztisch in einem Cafe. Die Sonne verschwindet jeden Moment hinter der Bananenstaude. Blicke auf den Nam Tha Fluss. Er ist trüb. Braungelb. Es ist kühler geworden. Das Thermometer zeigt 20° Grad an und ich friere. Ziehe mir meine gelbe Regenjacke über und realisiere, dass ich bereits morgen nach China einradeln werde. Da ich dies kaum glauben kann denke ich an die letzten Tage hier in Laos. China kommt erst morgen.
Denke an das Jetzt. Eine braune Ameise kraxelt über die Zahlen auf meiner Tastatur. Wohin will sie wohl? Sie bewegt sich auf fremden Terrain. Woher nimmt sie den Mut sicher hier durch zu kommen? Was wenn ich jetzt den Laptop zuklappen würde? Sie käme mit nach China. Sie müsste sich neue Freunde suchen. Schiebe sie mit einem Blatt ins Gebüsch. Ja es ist «nur» eine Ameise. Aber wer weiss, was sie schon für einen Weg zurück gelegt hat. Die kleinen Tiere lernen mich immer wieder in der Geduld.
Heute pushte ich Freddy 2.5 Stunden den Berg hoch bei einer Steigung von 17%. Die winzigen Fliegen sammelten sich rund um meinen Kopf. Das nervt mich immer. Die einen fliegen mir in den Mund oder in die Nasenflügel. Sage dann zu ihnen: «hey!! Ich bin kein Frischfleisch und auch noch nicht Tod, hier gibt’s nichts zu fressen, haut ab, lasst mich in Ruhe!». Es kommt vor, dass diese mich zur Weissglut bringen. Heute nahm ich mich bewusst der Sache an. Was haben sie für einen Nutzen davon? Sie baden sich wohl in meinem Schweissdampf, kommen locker den Berg hoch, haben Abwechslung in ihrem Alltag. Was spricht gegen all das? Nichts! Sie nerven mich ja nur in meinen Gedanken aber sie tun mir nichts. Also nehme ich die kleinen Fliegen mit, lasse sie baden, lasse sie ihren Spass haben. Sie sind da, aber stören mich nicht mehr. Probiere sie auch nicht zu fangen oder weg zu blasen. Sie gehören zum Aufstieg dazu. So übe ich mich jeden Tag in kleinen Dingen die so belanglos erscheinen. DAS ist die Lebensschule. All diese Situationen werden mir zugutekommen. Sie sind im Hirn abgespeichert. Tönt verrückt, aber ja, eine kleine Mistfliege lehrt mich tatsächlich in Geduld. Irgendwie lustig.
 

Als ich in dem kleinen Dörfchen Donchai einfahre ist es bereits am Eindunkeln. Es riecht herrlich nach Knoblauch. Auf einem gelben Schild steht Dormitory. Bekomme ein sehr einfaches Zimmer für 3 Franken. Die Laken wurden wohl vor Jahren das letzte Mal gewaschen. Eine Schnecke hat es sich im Bad gemütlich eingerichtet. Spinnfäden zieren den Holzrost vom Bett. Die Wand Blutrot gestrichen. Ein Fass ist bereits gefüllt mit kaltem Wasser. Perfekt. Was will ich mehr. Es sind Orte wo ich völlig fertig hinkomme, etwas esse, ein paar Zeilen in mein Tagebuch schreibe, dem Körper und Geiste ruhe gönne und früh wieder losfahre. Heute ist es anders. Wie aus dem Nichts fahren zwei Tourenfahrer zu. Was? Sehe ich nicht richtig? Zwei Velofahrer? Kaum zu glauben, hier in der Pampa. «Hy, i’m Pete, thats my friend Harvey, wow what are you doing here?». 
Wir setzen uns hin und plaudern. Die beiden Opa’s sind pensionierte Biologie und IT Professoren einer Universität in England und radeln gemeinsam drei Wochen durch Laos. Sozusagen ein Schulreisli für pensionierte.
Sie packen aus ihren Taschen 4 Liter Beer Lao aus. Hoppla! «Dort vorne hat’s einen Laden, sie haben auch Nudelsuppe, hattest Du schon was zu essen? Komm nimm erst mal ein Bier». Danke meine Herren aber seit einem Jahr habe ich kein Bier oder Alkohol getrunken, wie auch zuvor höchst selten. Das können sie nicht fassen. «Also, wenn wir abends kein Bier trinken, kommen wir morgens nicht den Berg hoch! Du wirst schon sehen. Wir fahren pünktlich um 08.30 Uhr ab, wenn Du willst können wir gemeinsam fahren». Fragt sich jetzt nur, ob ich noch ein Liter Bier Lao brauche um mit ihnen mitzuhalten?! Mal schauen wie sich die Opa’s schlagen werden. 

Die Nacht ist lange. Finde den Schlaf nicht. Um 03:00 Uhr gehe ich nach draussen, setzte mich auf eine Pritsche und schaue zum Himmel hoch. Die Mond scheint ganz hell. Es scheint als sei die Welt, das Universum sooo unendlich gross und weit. Vollmond. Die Grillen zirpen, die Blätter rauschen im Wind. Nachtmusik. Ich liebe diese Momente, die Natur so nahe, alles scheint möglich zu sein. Schaue ich zum Himmel hoch, sehe ich keine Grenzen. Die Müdigkeit übernimmt mich. 
Pünktlich um 08:30 Uhr fahren wir ab. 10 Minuten später Halt für die erste Nudelsuppe zum Frühstück, scharf gewürzt, Hühnerfüsse inklusive. 
Schnell merke ich, dass die beiden Opa’s schnell sind. Schnell im Essen, schnell im Denken, schnell im Pedalen. Potzpotz! 
Beim ersten Aufstieg schiebt Pete dann doch den Göppel. Beim zweiten mache ich mit und schiebe auch. Beim dritten holt sich auch Harvey den Bergpreis! Wir fahren durch wunderschöne, friedlich gelegene Bergdörfer. Die Frauen rauchen Pfeife, die Kinder winken mit einem lauten «Sabaideeeee» und die Männer hacken Holz. Bougainvillea’s blühen überall. Die Abfahrten bringen frischen Wind in unser Trio, und ich fahre den beiden davon…eben das Gewicht! 

Wir finden ein hübsches Plätzchen für die Nacht direkt am Fluss. Pete packt sofort seine Fischerrute aus. Was jetzt? «Schleppst Du eine Fischerrute mit? Das ist ja eine echte! Mit Kurbel! Unglaublich». Der Fluss trüb wie dicke Béchamelsauce! Bin ja gespannt. «Fängst Du da was?». «Bestimmt nicht, aber ist doch super als Pensionierter durch Laos zu radeln und am Abend im trübsten Fluss zu fischen, nicht?». Du hast recht. Während Pete fischt, kämpft sich Harvey durch sein GPS. Er, der IT-Professor hat die Landkarten im falschen Ordner abgespeichert und kann nun nicht darauf zugreifen. Ach wie blöd. «Wenn ich nur einen Computer hätte, das nervt mich total, mit den Karten könnte ich alles ganz genau dokumentieren, wie konnte mir dies nur passieren, ich werde alt». Leise ziehe ich meinen LapTop aus der Tasche und stelle ihn ihm vor die Nase. Wie ein kleines Kind strahlt er. Ach wie schön, wenn die Technik dem Opa so Freude bereiten kann.

So, während Harvey Klarheit in seine falsch gespeicherten Karten bringt, fischt Pete in der Trübe. Dieses Bild bringt mich innerlich zum Lachen. Zu lustig. Ohne Fisch aber mit neuen Karten und ein, zwei, drei, vier Bier Lao Schnarchen die beiden wie Weltmeister die ganze Nacht durch.

Heute morgen haben wir uns verabschiedet. Sie fahren 'gen Süden, ich habe noch gute 50 Kilometer vor mir bis zur Chinesischen Grenze. Mir wurde empfohlen am Nachmittag zu passieren. Am Morgen sei zu viel los, alles überfüllt mit Lastwagen und Busse. 

Die Zeit hier in Laos war definitiv zu kurz! So wie vor fünf Jahren, schon damals war sie zu kurz. Das Land bietet so vieles. Der Norden hat mir sehr gut gefallen. Die gute Luft, die liebenswürdigen Menschen. 

Bestelle mir nun noch einen Tee, muss meine Erkältung auskurieren. Am besten geht dies zwar beim Fahrradfahren aber Tee hilft auch. Seit Juni hatte ich praktisch nie unter 30° Grad. Nun ist es 20° am Tag und 12° Grad in der Nacht. Der Körper reagiert. 

Die Taschen sind gepackt und ich bin parat für China. Nach China folgt Nepal. Mir wird bewusst, ich bin in den letzten Zügen meiner Anreise. Alles so surreal. Jetzt gilt noch einmal, ganz im Moment leben, nicht zu sehr ans Ziel denken, im Moment leben und die Welt aufsaugen.

 

Alkoholfreie Grüsse aus Laos

Euer Thesi

 

1 Kommentare

37. Blog - Chiang Rai, Thailand - Auf-Ein-Wiedersehen

Meine Beine zittern! Die Arme schlottern. Der Kopf glüht. Die Knie sind Butterweich. Was ist nur los?
Es ist der letzte Monat. Vier Wochen war ich nicht mehr mit Freddy unterwegs. Er testet mich!
Vier Wochen war er unter der Haube in der Besenkammer vom Arnoma Grand Bangkok Hotel. Direkt neben der Damentoilette. Logisch ist er gekränkt, der arme der! Er weiss nur nicht, dass ihm die Pause auch gut tat.
Die Speichengeister konnten sich erholen, die Pneufüsse abkühlen, Erst-Navigator Schildkröte neue Routen planen und Freddy eben verlüften. Das ist jetzt wohl die Retourkutsche! Er lässt mich zittern. Er ist der Chef! Aber wir funktionieren nur als Team!
Rein in den staubigen, heissen und lauten Nachmittagsverkehr von Bangkok. Wir schlängeln uns durch, überholen links und rechts, kommen gemeinsam in den Flow! Da ist es wieder. Das Vertrauen. Wir verstehen uns blind. Es klingt absurd, es klingt irre, es klingt vielleicht auch lustig. Ja es ist eine Taktik im Hirn aber glaubt mir, ohne das Gefühl zu Freddy wäre vieles schwieriger. Er ist ein Sattel aus bestem Leder, wunderbar geformt. Er ist aber auch ein Grundehrlicher Wegbegleiter, er hat Stil, ohne ihn würde ich keine Veloreise machen.
 

 

Wir erreichen die Busstation in der Nähe der Khao San Road. Da wo ich vorgestern mit Mama ausgestiegen bin. Wir sind von Kambodscha gekommen. Heute ist sie wieder zurück in der Schweiz. Im Moment vom Abschied war ich traurig. Sehr. Das Taxi fuhr davon, der böse, böse Flieger hat sie innert Stunden um die halb Welt gebracht. Heimwärts. Aber die erlebte Zeit die bleibt. Auf Lebzeiten. Nie werde ich dies vergessen. Mit ihr unterwegs zu sein, ist einfach grossartig. Danke Mama, haben wir gemeinsam diese Chance gepackt und sind zusammen gereist. Jetzt gehen wir wieder eigene Wege und DIE Mond verbindet uns. 

Schon verrückt, in der Minute als sie abreiste kam ein Gefühl von extremer Stärke zurück. Die Stärke alleine auf mich gestellt zu sein. Eine Mutter gibt Geborgenheit, strahlt Sicherheit aus. Ich lasse mich dann jeweils ein Stück weit in diesem Gefühl fallen und treiben, wenn sie nahe bei mir ist. Ist sie weg, kommt diese Stärke auf. Das ist nicht negativ, das ist sogar sehr positiv. Genau diese Stärke brauche ich in den nächsten Stunden. 

Bis nach Chiang Rai nehme ich den Bus. Diese 600 Kilometer bin ich vor fünf Jahren bereits gefahren. So spare ich mir diese Woche. Gibt mir eine zusätzlich in China und dieses Land kenne ich ja überhaupt nicht. 

Pünktlich um 16:00 Uhr fahre ich bei der Busstation vor. Alle Blicke wenden sich sofort zu Freddy. Vorgestern hat der eine Herr mir ein Ticket gebucht mit der Bestätigung Freddy im Bus mitnehmen zu können. Als er Freddy nun bepackt sieht, wird ihm schlecht. Schnell lade ich das Gepäck ab, dann sieht er nämlich schon viel schlanker und ranker aus. Taktik. Nützt nichts. «Sorry Miss, aber den können wir nicht mitnehmen!». Doch, doch könnt ihr!
Es wird wild telefoniert. Der Chef der Busfahrtgesellschaft am einen Draht, der Pickupdienst am anderen und der Organisator wird pronto herbestellt. Lustig. Ich weiss, dass ich heute in diesem Bus nach Chiang Rai sitzen werde, bis dorthin ist Geduld und freundliche Hartnäckigkeit gefragt. «Also, Miss, sie müssen zu der anderen Busstation am Ende der Stadt fahren, Mo Chit (Moschit)!» «Entschuldigung bitte, was für ein shit?». «MO CHIT!».

«Ach so, Mo Chit und wann muss ich dort sein?». «In einer Stunde um 17:00 Uhr».

«Das ist aber schon grad! Das schaff ich nicht. Unmöglich!». Ihr könnt euch vorstellen, dass mich ein Taxi unter keinen Umständen mitnimmt. Was mach ich jetzt nur. Auf der anderen Strassenseite beobachtet ein Tucktuck fahrer das Geschehen. Könnte er wohl…? Nein! Denk gar nicht dran! Vielleich doch.
«Also guter Herr, wenn ich einen Transport organisiere, helfen sie mir die Hälft zu zahlen?». Ich will nicht knausrig sein, aber ich fragte vorgestern drei mal nach ob das mit dem Fahrrad in Ordnung sei und er bestätigte. Verlangte eine schriftliche Bestätigung. Diese hilft mir jetzt. Er willigt ein mit dem Deal. Schnell renne ich zum Tuktukfahrer. «Können Sie mich möglichst schnell nach Mo Chit bringen?». «Klar doch, steig ein». «Das Göppeli dort hinten sollte auch noch mit». Setze ein Lächeln auf und merke, dass ich noch eine Mangofaser zwischen den Schaufelzähnen habe. Wie peinlich.
Alles passt, er fährt mich, der Preis stimmt, jetzt muss nur noch Freddy mitmachen. Ihr wisst wie gross ein Tuk Tuk in Bangkok ist? Eben! Ruck Zuck packen wir die Taschen auf den Sitz. Freddy wird hinten mit vereinten Kräften regelrecht angekettet. Auf den Knien sitze ich im Tuk Tuck und halte ihn mit beiden Händen die 45 Minütige Fahrt nach Mo Chit fest. Punkt 17:00 Uhr bin ich am Schalter. Schnell dort vorne Plattform 119. Ich rase! Mein Ticket wird von einem Arbeiter gecheckt. «Ok. To Chiang Rai! Bus fährt in zwei Stunden ab.» Was jetzt? In zwei Stunden? Lustig.
So laufe ich hin und her und bin gespannt auf die 12stündige Fahrt. Zum Glück weiss Freddy noch nichts davon.
Ein kleines Mädchen setzt sich neben das eine Pedal und dreht vorsichtig daran. Es entdeckt die Schildkröte und ist fasziniert. Ganz genau schaut sie sich alles an, steht auf und ihr Kopf reicht bis unter die Lenkerstange. Von weitem beobachte ich sie. Voller Kraft drückt sie die indische Hupe, alle schrecken auf. Ihre Mutter kommt angerannt und schlägt sie. Ich komme dazwischen und erkläre, dass es schon ok sei. Es ist ein stabiles Rad, es geht nicht kaputt! Das Mädchen kommt nicht los von Freddy. Immer wieder entdeckt sie etwas Neues. Nun die Babuschka aus Russland. Mit dem Zeigefinger tippt sie diese an, sie schwenkt sich hin und her. Sie hat das Auge für die Kleinigkeiten. Das Mädchen lehrt und erinnert mich, dass auch ich mehr Aufmerksamkeit üben muss. Die kleinen Dinge sehen. 

Der Bus fährt vor. Drei Männer in einer Art Pilotuniform inklusive Hut steigen aus. Jetzt müsst ihr nur noch Freddy wie im Flug einladen und dann kauf ich euch die Uniform ab. Sie diskutieren schon und schauen mich fragwürdig an. Moment ich übernehme mal kurz. «Sawadee Kha, to Chiang Rai, yes?! Yes perfect. Here my Ticket». Immer schön Lächlen, das sagte mir schon mein Töff-Fahrlehrer. «Schau nicht so ernst, wenn Du die Kurve nimmst, so verkrampfst Du deine Schultern. Du musst die Kurve lächelnd nehmen, automatisch senken sich die Schultern und es sieht einfach auch besser aus». Danke Hansjürg Gafner ;)
Das wende ich immer mal wieder an!

Schnell lade ich alle Taschen ab, lege meinen Rucksack und Lenkertasche schon mal auf meinen Sitz. Die Männer stehen da und diskutieren immer noch. Lustig.
Ich beginne Freddy zu hieven und habe keine Ahnung wie wir den in den winzig kleinen Stauraum bringen. Ich tue so, als könnte ich ihn kaum noch halten und ich in der nächsten Sekunde unter ihm zusammenbrechen werde…alles lächelnd…und schon kommen sie angerannt. Zack ist Freddy im Stauraum. Stauraum voll. Mit den Taschen unterlege ich noch schnell das Schaltgetriebe und Kette. Geht doch. Lächelnd bedanke ich mich und steige schon mal ein. Doppelstöcker. Uff!
Von oben beobachte ich, wie Reissäcke, Körbe und Taschen zusätzlich verstaut werden. Als Notstauraum dient die Toilette. In den nächsten zwölf Stunden gibt es einen 15-minütigen Halt. Also ja nichts trinken, weil die Bordtoilette ja überfüllt ist. Eine Art Gipfeli, oder Muffin, könnte auch ein Würstchen im Teig sein...wird verteilt.
Freddy übersteht die Fahrt ohne einen Kratzer. 
Nun sitze ich da in Chiang Rai und bin parat für die Weiterfahrt. Gute 120 Kilometer bis zur Laotischen Grenze. 
Freue mich auf diese zwei letzten Monate der Anfahrt bis zum Ausgangspunkt meines Plans.
 

Der Blog ist ab jetzt zu lang aber ich muss es euch noch unbedingt erzählen.

Erinnert ihr euch an Mayumi aus Tokio? Bestimmt. (Blog Nr. 20)

Sie hat bis heute unzählige Briefe und Pakete aus der Schweiz und dem Ausland bekommen. Grossartig. Ich danke euch ganz herzlich. Ihr gebt ihr das Gefühl nicht alleine zu sein. Das freut mich so fest. Ich kann sagen, meine Anreise hat sich alleine wegen Mayumi schon gelohnt. Ich weiss, das Leben von Mayumi hat sich durch euch verändert. Sie schreibt fleissig zurück und freut sich über jede einzelne Karte.
Damals habe ich geschrieben, sie spart an allen Ecken und Enden um jedes Jahr eine Reise zu unternehmen. Etwas Neues zu sehen. Sie hat die Welt bereist, damals als Reiseführerin für Japanische Touristen, aber eben im Eiltempo. In ihrer Küche hat es sogar eine Schilthorn-Tasse und ein kleines Kuhglöcken hängt an ihrem Fenster. Ihre Geschichte hat auch mich verändert. 

Jeden Blog übersetzt sie pikfein ins Japanische. Festes Tagesprogramm. Schwierig da er ja in Deutsch geschrieben ist und sie macht es nicht mit googletranslate, nein mit dem Dix!
Mayumi hat mich gefragt wann ich in Nepal sein werde. Ihr glaubt es kaum, ich kann es auch nicht glauben. Sie hat für dieses Jahr einen Flug nach Kathmandu gebucht!
«Maria-Theresia, ich weiss Du wirst in Kathmandu viel zu tun haben aber was meinst Du, hast Du eventuell Zeit am 15. März am Abend mit mir Dal Bhat zu essen! Es würde mich so fest freuen, Du hast neue Energie in mein Leben gebracht!»

Das rührt mich echt!

Aber klar Mayumi. Für Dich habe ich immer Zeit und die werde ich mir auch immer nehmen. Du übersetzt diese Zeilen…ich freue mich seeehr Dich zu sehen. Ein Highlight meiner Reise. Du bist immer Teil davon. Von Dir werde ich immer erzählen. Und Du weisst, ganz viele Freunde freuen sich, eines Tages Dich in der Schweiz zu sehen.
Wir warten auf Dich J
Bis bald in Kathmandu liebe Mayumi!

 

Was soll ich jetzt noch sagen? Diese Geschichte macht mich einfach glücklich. Und ich danke euch für all die Karten die ihr Mayumi geschickt habt. Ihre Adresse ist noch die gleiche ;)

 

So, auf nach Laos

Bis bald

Euer Thesi 

1 Kommentare

36. Blog - Siem Raep - Wenn Frau Dinh von 5 Kilometern spricht...dann sind es 20!!

Es ist wie bei einer Orchidee. Mit viel Hoffnung warten wir auf die nächste Blumenpracht. Letztes Jahr war sie doch so voller Blüten. Wann blüht sie endlich wieder? Jede Woche baden wir sie behutsam im Waschbecken. Reden ihr gut zu. Wie lange will sie sich noch Zeit lassen? Wir werden ungeduldig, beachten sie eine Weile nicht, ignorieren sie und plötzlich, wie aus dem nichts trägt sie eine Blüte. 

Mein Blog gleicht zurzeit einer Orchidee. Über Tage, ja Wochen kein Eintrag. Aber jetzt! Was macht die Orchidee wenn sie nicht blüht? Genau, sie kümmert sich um ihre Wurzeln. Ich mache es ihr gleich. Meine Wurzeln, mein Halt, meine Mama ist da. Ich versuche so wenig wie möglich mich mit dem Handy oder dem Computer abzugeben. Und ich weiss, ihr, liebe LeserInnen versteht dies! Danke.

Sitze in der Kandal Village mitten in Siem Raep im Königreich Kambodscha’s in einem runtergekühlten Café. Ein paar Hundert Meter entfernt von Ankor Wat. Doch dazu später mehr. 

Erst möchte ich euch von einem exotischen, geheimnisvollen Land erzählen. Bühne frei für Vietnam.
Das Land ist geprägt durch die traurige Geschichte vom Vietnamkrieg. Bekannt durch die Rambo-Filme mit Sylvester Stallone. Und unglaublich schön durch die vielfältige Natur.

Vor fünf Jahren radelte ich vom Süden in den Norden. War damals in Hanoi ziemlich in Zeitnot. Visa noch ein Tag gültig, husch husch habe ich den Bus bis zur laotischen Grenze genommen. Heute bin ich ohne Zeitdruck unterwegs. Heute bin ich mit Mama unterwegs.
Wir schippern durch die Halong Bay und blicken bei Nacht auf dem Sonnendeck unseres Kutters zum Himmel hoch. Der Vollmond scheint ganz hell. Das Schiff dreht langsam und sanft hin und her. Jede Viertelstunde, scheint es, streife der Mond die Leiter zum Segel-Hauptmast, als würde er hochklettern. Eigentlich heisst es ja DIE Mond. La Luna. Die Mond begleitet mich stetig. Übernachte ich im Zelt, schaue ich immer noch einmal hoch, blinzle ihm zu, schicke die besten Wünsche für meine Liebsten mit. Ach übrigens, meine Schutzengel die haben’s jetzt auch ein bisschen ruhiger und sie sind in bester Gesellschaft. Sie tanzen und plaudern mit denen von Mama zusammen. Mich freuts! 

Zurück in Hanoi peilen wir die erste Pho an. Das Nationalgericht. Pikante Reissuppe mit Reisnudeln, Gemüse und ordentlich gewürzt, Chili, Koriander, Fischsauce, Limettensaft, fertig. Pho geht immer. Zum Frühstück, zum Nachtessen, als Snack. Wir lieben das quirlige Hanoi und Mama natürlich den vietnamesischen Kaffee. Sie ist ein richtiger Kaffee-Junkie, zumindest hier. Zuhause trinkt sie immer Kamillentee, wie langweilig. Ich glaube sie mag die Kondensmilch!! Da sie keine Ansprüche hat, wie zB. einen Privatfahrer oder nur beste Hotels ist es für mich sehr angenehm mit ihr zu reisen. Ihre Neugier ist grandios. So verfrachten wir uns in den «Luxury VIP Sleepingbus». Er ist zwar heruntergekommen und ein wenig kaputt. In der Bordtoilette wird Gepäck gelagert und die Gänge zum Schlafen zusätzlicher Passagiere genutzt. Völlig normal. Wahnsinnige Überholmanöver inklusive. Wir sind, so glaube ich zumindest auf dem Highway, gleicht aber eher einer Dorfstrasse bei uns. Acht Stunden hoch in den Norden. Wir nehmen’s gelassen und freuen uns auf Sapa. Unser Fahrer gibt ordentlich Gas und wir sind eine Stunde zu früh. 04:00 Uhr. Wir warten eine Stunde im Bus und können endlich ein wenig schlafen. Wir wollen heute ein leichtes Trekking machen durch die Reisterrassen.
Dinh, unsere Führerin holt uns ab. Sie lebt hier in einem Bergdorf mit ihren drei Kindern. Sie sind komplett Selbstversorger und zwischendurch führt sie Touristen durch diese Region. «Guten Morgen Dinh, wir freuen uns riesig hast Du Zeit!». «Schön seid ihr hier, esst jetzt erst einmal Frühstück, dann wollen wir los, gemütlich laufen wir heute fünf Kilometer und besuchen die Dörfer, ich habe euch vieles zu erzählen». Die ersten paar Meter haben es in sich. Steil Bergauf auf einem schmalen, steinigen Pfad. Sofort denke ich an den Great Himalaya Trail. Schon bald darf ich die ersten Schritte auf diesem langen Pfad machen. Die Vorfreude aber auch der Respekt wächst täglich. Es tut gut Bergauf zu laufen. Herrlich. 

Die Menschen lachen uns zu. Ein Winken hier, ein lautes «hellooooo» dort. Sie sehen ganz anders aus, ihre Gesichtszüge erinnern mich an die Tibeter. Das Leben hier ist hart. Die Bergvölker rund um Sapa gehören zu den ärmsten Menschen im Lande. Gegen Mittag machen wir eine erste Pause. «Dinh, sag mal, waren das jetzt erst fünf Kilometer?» «oh, ich glaube wir sind schon 10 gelaufen, schön hier gell? Gehen wir weiter, ich möchte euch noch mein Dorf zeigen». Sie lebt dort in einer Holzhütte mit ihrer Familie, den Grosseltern und ihrer Schwester auf kleinstem Raum. Fliessend Wasser gibt es nicht. Das Gelände super steil.

Nach über 20 Kilometern, und vielen, vielen Eindrücken finden wir ein hübsches, einfaches Homestay für die Nacht. Es kühlt ordentlich ab, bis auf 15° Grad. Brr, aber die schwere Schafwolldecke wärmt. Ihr seid euch wohl andere Temperaturen gewohnt? Wäre ich jetzt in der Schweiz würde ich in kurz Hosen und T-Shirt ein Schneebad nehmen. Kann mir die Kälte gar nicht mehr vorstellen, würde mich aber schnell wieder mit Frau Holle anfreunden. 

Der Haushund weckt uns mit seinem bestimmten Bellen. Zeit zu gehen. Nach einem halben Tag Fussmarsch erreichen wir wieder Sapa. Danke Dinh, Du hast uns erneut gezeigt, wie wenig es braucht um glücklich zu sein. Du hast uns bewusst gemacht wie gut es wir haben. 
Heute ist glaube ich Weihnachten.

Tatsächlich packt Mama zwei Kerzli aus und bastelt ein kleines Bäumchen aus Papier. Lustig. Dazu gibt es frische Wassermelonen und eine Ananas. Schon sitzen wir im nächsten Bus zurück nach Hanoi. Was wir in den nächsten Tagen alles erlebt haben kann ich gar nicht zu Blatt bringen. Eine wilde Zugfahrt. Der Nationalpark Phong Nha-Ke Bang. Hier haben Forscher die grösste Höhle der Welt entdeckt, wir haben zwei kleinere (31km lang!) besucht, und gestaunt. Was die Natur hier geschaffen hat, hat mich damals wie heute einfach überwältigt. Mit dem Boot schipperten wir auf einem unterirdischen Fluss entlang Meterhohen Stalagmiten und Stalaktiten. Noch heute werden hier neue Höhlen entdeckt.

Wir besuchten die verbotene Purpurstadt in Hue, schlenderten dem Parfumfluss entlang und beobachteten über Stunden das bunte Markttreiben. Ein obligater Zwischenstopp machten wir auf dem Wolkenpass. Das musste ich Mama einfach zeigen.
Silvester feierten wir in der Perle Vietnams. Hoi An! Wir lieben das Städtchen mit den vielen Laternen und der historischen Altstadt. Die einzige Stadt, die im Vietnamkrieg nicht komplett zerstört wurde. Ach ich könnte noch lange schwärmen über das Städtchen.

Aber die laute, schrille und rieeesige Stadt Ho Chi Minh mit ihren 10 Millionen Menschen und 7 Millionen Mopeds wartete auf uns. Der französische Architekt Gustave Eiffel hat hier das Postgebäude errichtet. Klar, wir bestaunen es aber Post ist Post und an einem der 38 Schalter kaufen eine Marke. So!

Vietnam hat uns stark beeindruckt! Definitiv eine Reise wert…oder eben auch zwei ;)

Wisst ihr was? Über Ankor Wat erzähle ich euch morgen mehr. 

Die Klimaanlage bläst hier immer kühler, ich glaube es ist mittlerweile 16° Grad hier drinnen, also raus an die angenehmen 35° Grad!

 

Liebe Grüsse 

Euer Thesi

2 Kommentare

35. Blog - Hanoi - Planänderung! Entscheidung! Ein Wiedersehen!

Drei Mal könnt ihr raten wer vis à vis von mir sitzt…! 

Genau! 100 Punkte! Meine Mama! Das ist Weihnachten. Wohl meine Schönste.
Wenn eine Mutter 10'000 Kilometer Weg auf sich nimmt um ihre Tochter zu umarmen…dann ist das einfach grossartig. Schön. Einmalig. Unvergesslich.

Für mich ist sie die Beste. Ohne sie wäre diese Reise nicht möglich. Sie unterstützt mich in Gedanken, zündet jeden Abend eine Kerze an, schaut zum Mond hoch und schickt mir die besten Wünsche, erledigt die Post, macht mir Mut, lässt mich ziehen und schenkt mir das Vertrauen. Ja, ich bin ein wahrer Glückspilz. 

UND sie ist Pass-Botin.

Die Pass-Visa-Geschichte beginnt bereits in Singapur. Von verschiedenen Tourenfahrern wurde mir von meiner geplanten Route über Myanmar nach Indien zu reisen abgeraten. Zu viel Stress. «Gehst Du in ein 7/11 etwas einkaufen, kommst Du raus, sind 40 Menschen um Dein Fahrrad. Eine Unterkunft zu finden kann schwierig sein, da viele Hotels keine Zulassung für Touristen haben». Wohl verstanden, wir sprechen hier nicht von den Touristen-HotSpots!
In Myanmar braucht es ein Extra-Permit für den Chin Staat. Unruhen im Norden kommen dazu. Im gleichen Gedankengang kenne ich Tourenfahrer die genau dort eine super Zeit hatten. 

Ein weiterer Tipp: «Fahr doch die alte Burma-Strasse bis nach China hoch!» Sofort telefoniere ich mit Alena und Marcel in der Schweiz. Vor 5 Jahren sind wir uns in der Ost-Türkei begegnet. Sie fuhren damals weiter nach China und eben auch nach Shangri-La und Kunming. 
«Ja, Thesi, fahr doch diese Route, den China-Teil können wir Dir nur empfehlen, es gibt ein paar Pässe über 3500 Meter, aber das schaffst Du schon». Der Plan ist perfekt. Shangri-La steht sowieso schon lange auf meiner Liste und die Höhe kommt mir entgegen, respektive meinen roten Blutkörperchen. Die möchten am liebsten schon heute in die Berge.
Das China Visum probierte ich in Kuala Lumpur zu organisieren. Ohne Erfolg. Nur Einheimische bekommen hier den Stempel. Nächste Chance ist in Bangkok. Wie aber komme ich zu dem Einladungsschreiben vom chinesischen Onkel, den ich nicht kenne? Jede Übernachtung muss gebucht sein, Flüge bestätigt, Reiseprogramm aufgelistet. Ja heinomau! Schnell rufe ich Ines vom Globetrotter in Interlaken an. «Thesi, hör gut zu! Gerne stelle ich Dir ein Reiseprogramm zusammen, musst Du ja nicht abradeln, wir können Dir auch das Visa organisieren. Wir brauchen einfach deinen Originalpass + deinen alten Pass mit dem Türkei-Stempel drin, die 5 ausgefüllten Formulare und Fotos».
Mein Hirn rattert und wühlt in Gedanken zuhause die Kartonkisten durch wo wohl mein alter Pass verstaubt verstaut ist. Zwischen den Büchern? In der Reise-Box? Oder etwa doch in der ‘weiss-ich-nicht-wohin-Ikea-Tasche’?

Ich glaube er ist in der alten Weinholzkiste auf dem drittobersten Regal irgendwo ganz rechts. Er muss dort sein. Mama sucht und findet.
Daniel und Simon fliegen am Samstag zurück in die Schweiz. Wenn Daniel meinen Pass am Montag express, eingeschrieben auf die Post bringt ist er am gleichen Abend in Bern…oder sollte in Bern sein. Ines sputet ein China-Programm zusammen. Am Dienstag ist der Pass dann auf der Botschaft, wo es Express zwei Tage dauert - Dienstag/Mittwoch - am Freitag ist Mama’s Flug nach Bangkok. Sie müsst ihn also am Donnerstag in Bern abholen und ich hätte ihn am Samstag wieder. «Ines, was meinst Du klappt dieser Zeitplan?». «Sollte! Es kann auf der Botschaft Verzögerungen geben, dann können wir den Pass nicht holen, aber wird hoffentlich nicht passieren. Garantie kann ich Dir keine geben. Aber das Risiko ist es wert!». Mit Herzklopfen gebe ich Daniel meinen Pass mit. Viel Glück!

Am Montagabend ruft mich Ines an: «Thesi, dein Pass ist nicht in Bern eingetroffen, aber ich vertraue der Schweizer Post, dass er morgen in der Früh da ist!» So ein Mist. Express, Eingeschrieben am gleichen Tag…oder so! Am Morgen dann die Nachricht: «Alles da! Super! Jetzt heisst es Daumen drücken, du hörst von mir». Brauche nun einen starken Kaffee und eine entspannende Massage (1h – 7 Franken).

In der Zwischenzeit wurde ich von Eric zum Diner eingeladen. Ein Schweizer Hotelier der das Arnoma Grand Bangkok führt. Bei ihm kann ich Freddy einparken für die Zeit, wenn Mama da ist. Auch das ein Glücksfall. Eric ist der Cousin von einer lieben Bekannte, sie fädelte alles ein. 

Zum Diner ist auch der Schweizer Botschafter zu Gast und viele andere interessante Menschen. Bei Züri Gschnätzlets und mit Käse überbackenen Tomaten sitze ich mit meinen abgelatschten Sandalen, den schnelltrocknenden Outdoorhosen und dem einzigen «schön» T-Shirt mit 3 Löchern am Tisch. Rücke meinen Stuhl so nahe wie nur möglich an den Tischrand. Soll ja niemand meine schwarzen Füsse sehen. Die sehen aus wie abgefroren. Bringe sie nicht mehr sauber. Bestimmt ist es einerseits Dreck aber auch die Sohle ist bald durch und die färbt ab..glaube ich zumindest.
Die Herren sitzen im Anzug mit Krawatte da, die Damen im Abendkleid. Huiuiui, singe in meinem Kopf: «ich bi mit em Velo daaa, ich bi mit em Velo daaa…».

Als die Dame neben mir hört, dass ich via Myanmar über die Grenze Ruili nach China hoch will, plaziert sie die Gabel auf dem Tellerrand, faltet die Hände und sagt mit klarer, bestimmter Stimme: «Ich habe Angst um dich wenn Du so fährst! Überlege Dir das noch einmal. Ich arbeitete mehrere Jahre in Myanmar, mit den Menschen vor Ort, immer noch ein sehr armes Land. Es gibt Biketouren / Veloreisen in Myanmar ja, aber Deine Route ist abseits von diesen Routen. Besonders im Nordosten». 

Den ganzen nächsten Tag bin ich mit recherchieren beschäftigt. Im Internet werden viele Reisen entlang der alten Burmastrasse von China nach Myanmar angeboten. Diese sind jedoch organisiert in einer Gruppe mit Führer mit Zug oder Jeep. So ist der Grenzübertritt kein Problem. Als Individualtourist scheint es schwieriger zu sein. Mit eigenem Fahrzeug einreisen ist schon mal nicht erlaubt. Diese Hürde könnte ich mit einem Bus nehmen. Die Grenze zu China ist mal zu, mal offen. Niemand kann mir Handfeste Infos geben.
Soll ich einfach auf gut Glück zur Grenze hochradeln? Was wenn sie zu ist? Wieder 500km zurück nach Mandalay und nach China ausfliegen? Alleine dieser Gedanke nervt mich. Bin unschlüssig und ich muss mich entscheiden. Alleine entscheiden. 

Sitze auf meinem Bett und probiere zu hören. Was scheint für mich die richtige Route zu sein? Es gibt auf einer Reise immer wieder Planänderungen, das ist völlig in Ordnung. Gehört dazu. Was soll ich tun? Erinnere mich an die Worte der Dame am Diner…ich habe Angst um dich, wenn du da durch fährst…war dies ein Wink?
In diesem Moment kommt eine Nachricht von Ines: «Wir haben das China-Visum! Super». Wow, ich freue mich riesig. Danke an Alle, Ines, Daniel, Globetrotter-Visa-Service in Bern und Mama für den tollen und schnellen Einsatz. Prächtig! Also China steht definitiv.
Plötzlich schiesst mir Laos durch den Kopf. Die Grenze zwischen Laos und China ist doch unproblematisch?! Mathias ist vor kurzem dort durchgeradelt, Alena und Marcel damals auch. Genau! Das ist die Lösung. Ich quere von Thailand nach Laos und dann nach China. Alles hoch via Dali, Lijang bis zum sagenhaften Ort Shangri-La. Eine Stadt auf dem Weg nach Tibet.
Von Kunming werde ich nach Kathmandu fliegen und die letzten 200 Kilometer auf dem Prithvi-Highway nach Pokhara radeln. Das alles bis Mitte März. Der Plan steht nun muss er sich in meinem Kopf festigen. Dazu habe ich knapp vier Wochen Zeit.
Vier Wochen lang geniesse ich es, jeden Tag meiner Mama gegenüber sitzen zu können. Was für ein Geschenk. Sie sagte bereits vor meiner Abreise: «Soo gerne möchte ich dich vor dem grossen Trekking noch einmal sehen, vielleicht klappt es ja». Dann ihre zweite Nachricht: «Weisst Du, eigentlich mag ich über diese Weihnachtstage nicht alleine Zuhause sein, soll ich nach Bangkok fliegen?». Was für eine Frage. Aber klar doch. Und so sitzen wir gerade in Hanoi in einem Café und warten auf den Bus für in die Halong Bay. Das ist Weihnachten.

Von Herzen wünsche ich euch dieses Gefühl von Geborgenheit und Zufriedenheit in dieser Zeit.
Geniesst eure liebsten und ganz liebe Grüsse aus Vietnam

 

Euer Thesi

3 Kommentare

34. Blog - Bangkok - Jetzt oder nie!

Bald soll Weihnachten sein? Glaub ich nicht!
Sitze mitten in Bangkok im c.c. Cafe auf einem alten Holzstuhl. Aus der Musikbox klingt das Weihnachtslied mit dem markanten Refrain barabababam. Schlürfe frischen Litschi-Saft in Sandalen und T-Shirt. Die Palmblätter touchieren ganz sanft den Rand meines Bildschirmes. Der Ventilator an der Decke dreht unermüdlich seine Runden. Fast wie der Fahrtwind auf der Strasse kurbelt er die Luft umher. Der Unterschied? Auf der Strasse ist es der Wind der Freiheit.
 

 

Die Strasse führt von der Malaysischen / Thailändischen Grenze praktisch geradeaus, 1300 Kilometer entlang dem Golf von Thailand bis nach Bangkok hoch. Ab und zu eine kleine Kurve. Bereits nach 300 Kilometer ist es mir langweilig. Alles gleich. Palmen, Felder, Strasse, Reisbude, Felder, Palmen, noch mehr Strasse, Reisbude.

Am dritten Tag realisiere ich, dass im Prinzip keine Strasse langweilig sein muss. Es kommt einzig darauf an, wie ich die Strasse, diesen Abschnitt mit meinen Gedanken fülle. Ich denke. Denke umher. Denke Bilder in meinem Kopf. Plötzlich ist sie hochspannend. Es steht mir gar nicht zu, eine Strecke als langweilig zu verurteilen. Was ich daraus mache, das ist entscheidend. Das ist eben meine Lebensschule. Gibt es Zuhause einen langweiligen Tag, kann ich ihn füllen. Füllen mit Ablenkung. Eine Wanderung. Eine Schlittenfahrt. Essen mit Freunden. Aber es ist wohl auch möglich einen langweiligen Tag Zuhause einfach mit Gedanken zu füllen. Probiere ich Zuhause aus.
Wie füllen Menschen ihren Alltag aus, die keine Aufgabe mehr haben? Die keine Kraft mehr haben etwas zu unternehmen. Wie langweilig kann warten sein?

Fahre in meinem Trott weiter, die Menschen schenken mir ein Lachen, ein Winken und ich bin einfach glücklich. Glücklich macht mich auch ein Thai Milk Tea mit Ice! Herrlich. Das Ice kühlt, der Zucker pusht.
Nicht mehr weit bis Hua Hin. Was diesen Ort auf meiner Reise so besonders macht? Daniel und Simon aus der Schweiz werden um 15:00 Uhr am Quai auf mich warten. Mist, schon Mittag und ich habe noch über 60 Kilometer vor mir. Meine Schweizer Pünktlichkeit hinkt. Heute hinkt sie um ganze zwei Stunden hinterher. Schreibe kurz eine SMS «hey ihr beiden, verspäte mich um zwei Stunden, sorry!». Die Antwort kommt prompt: «huhu, kein Ding, wir warten hier und trinken Kaffee, gute Fahrt!». Jetzt mal ehrlich…schon nicht üblich ein solches Verständnis für zwei Stunden Verspätung…oder? 

Einmal mehr bin ich völlig fertig, keine Energie mehr, nach 120 Kilometer bin ich am Ende. Setze mich in den Schatten, schwitze, trinke und Atme. Warum sind immer die letzten 10 Kilometer die schwierigsten? Ich weiss ganz genau, dass diese Erschöpfung morgen in der Früh bereits Geschichte ist und ich wieder parat sein werde mit neuer Energie. Es ist nicht eine totale Erschöpfung nur eine Vorübergehende, eine momentane. Auch jetzt wieder, Gedanken bündeln, dann ist das Vorwärtskommen möglich.
Noch eine letzte Rechts-Kurve und ich sehe den Quai. Endlich. Hinter einem Jeep lugt ein Natel hervor, das müssen sie sein, sie filmen wohl die Einfahrt. Yesss es sind sie! Wir umarmen uns. WOW, ich kann es einfach nicht glauben. Alles so surreal. Da stehen die beiden und warten auf mich. Wie im Film!

Wer die beiden sind? Zwei liebe Menschen!
Daniel kennt sozusagen meine ganze Geschichte. Das Warum. Die Gründe für die Reise. Meinen Traum. Ja, ihm habe ich wohl von meinem Leben erzählt wie sonst nur ganz wenigen. In hier zu sehen ist einfach grossartig! Simon sehe ich zum ersten Mal. Sofort verstehen wir uns. Ein ganz sympathischer Mensch. Diese beiden Menschen sind und werden ein Teil meiner Reise. 

Es gibt Momente im Leben da entscheiden wir uns. Immer wieder, jeden Tag gibt es kleine Entscheidungen. Und dann gibt es die Grossen. Die ein Leben verändern oder in eine andere Richtung lenken. Auf einer Wanderung entscheide ich jeden Schritt wo ich in hinsetzte. Beim Wegweiser, halte ich an, halte inne und entscheide mich für den einen oder anderen Weg. Der letzte grosse Wegweiser war bei mir am 1. Juli 2017. Damals sagte ich mir: «Jetzt oder Nie – Ab nach Kathmandu. The Great Himalaya Trail – let’s do this!»
«Jetzt oder nie – Lebe deinen Traum» so heisst die Sendung von SRF welche meine Reise im nächsten Jahr zeigen wird.

Daniel, der Redaktor. Simon, der Kameramann. Bereits bei den Vorbereitungen und bei der Abfahrt wurden Aufnahmen gemacht. Jetzt begleiten sie mich die nächsten vier Tage bis nach Bangkok. In Nepal wird es ein Wiedersehen geben. Ich freue mich riesig auf diese Zeit, bin ein klein wenig Nervös aber ich werde einfach mein Ding durchziehen – ja ich lebe jeden Tag meinen Traum! Das nenne ich Realität. 
Wir stärken uns bei einem Pad Thai und Fried Rice auf der Strasse Hua Hin’s. Der Austausch, das Gespräch tut gut. Zusammen Lachen ist einfach wunderbar. 

Um 06:00 Uhr sind wir alle, inklusive Fahrer und Übersetzer parat für die Fahrt. Sie fahren und filmen teilweise hinter mir, neben mir mit offener Türe oder warten weiter vorne am Strassenrand. Manchmal höre ich das leise summen der Drohne über mir und realisiere immer wieder, huch, da ist ja noch jemand da. Stellt euch mal vor, ihr radelt seit 10 Monaten auf den Strassen dieser Welt und plötzlich stehen zwei flotte Herren am Strassenrand und warten auf Dich! Das ist doch kaum zu glauben. 
Die Sonne ist in den letzten Abendzügen und scheint ganz warm. Zeit einen Platz für die Nacht zu suchen. Klappt nicht auf Anhieb. Dafür ist der Platz im Park, direkt am Meer ein richtiges Schmuckstück. Ein paar Hunde leisten mir Gesellschaft.
Die Kamera läuft, Daniel fragt mich ob ich in solchen Situationen nicht sehr alleine sei. Urplötzlich merke ich wie meine Augen feucht werden. Noch nie hat mich das jemand so direkt gefragt. Und ich merke, dass dies so stimmt. Bis heute ist mir das nicht aufgefallen. Am Abend spreche ich mit Freddy, koche etwas, lausche den Geräuschen der Umgebung, schreibe ein paar Zeilen in mein Tagebuch, lege mich hin, kann einschlafen oder eben nicht. Aber ob ich alleine bin, dieser Gedanke habe ich vergessen. Oder verdrängt? 

Ja ich wollte alleine losziehen, ich bin gerne alleine, komme soweit gut mit mir klar. Doch diese Frage schiesst mir durchs Mark. Beantworte sie und kann dann die ganze Nacht nicht schlafen. Der Hitze wegen…oder wegen den Gedanken die in meinem Kopf kreisen. Bin ich alleine oder bin ich einsam? Definitiv alleine, keineswegs einsam! Das ist ein Unterschied. So viele Menschen denken an mich, schicken mir ihre positiven Gedanken, schreiben mir eine Nachricht, ich fühle mich zu 100% unterstützt. DANKE!
Ob ich diese Reise ohne diese Menschen tun könnte, das bezweifle ich.

Die Tage sind intensiv und lang. Was alles hinter solchen Aufnahmen steckt ist echt bewundernswert. Daniel und Simon haben eine Mortzgeduld! Finden immer den richtigen Ton! Sie diskutieren und entscheiden. Ich beobachte ein Teamwork das mich stark beeindruckt. 

Kurz vor der grossen Kreuzung vor Bangkok schiessen mir die Tränen in die Augen. Ich weiss auch nicht warum. Es kommt einfach über mich. Die beiden sind schon weiter vorne und warten nach der Kreuzung auf mich. Ich setze mich am Strassenrand in den Dreck, lehne an die staubige Mauer und weine. Die Lastwagen donnern an mir vorbei. Der Boden vibriert. Das ist mir zu viel. Der Verkehr ist enorm. Sechsspurig in eine Richtung. Ich habe das Gefühl ich werde überrollt. Nach ein paar Minuten fasse ich mich, hole tief Luft und trete in die Pedale. Mir geht’s wieder gut. Emotionen liegen so nahe beieinander. Und es sind genau diese Situationen die mich stärken. Zuhause, zurück im Alltag werde ich an Probleme, an neue Herausforderungen stossen. Dann werde ich mich genau an diese Kreuzung zurück erinnern. Inne halten, mich fassen, tief Atmen und weiter!
Kurz vor der Innenstadt wechseln Daniel und Simon auf ein Tuk Tuk um mir besser folgen zu können. Ich steure direkt den Velomech an. Muss noch das Tretlager und Kette wechseln. Finde den Laden bei dem ich schon vor fünf Jahren war. Geschlossen. Die nette, alte Dame zeigt auf den Laden mit roter Überschrift auf der anderen Strassenseite. Tatsächlich, der gleiche Mech! Unglaublich. Er hat heute keine Zeit aber sein Kollege könnte das bestimmt noch wechseln. Sein Arbeiter begleitet mich zu einem anderen Shop. Wirklich lieb. Ich kenne Veloläden in der Schweiz, die reparieren nur, wenn das Velo auch dort gekauft wurde! Verstehe ich nicht. Muss ich auch nicht. Es gibt nämlich auch die anderen!
Der gute Herr wechselt keine grossen Worte aber blitzartig schraubt er schon an meinem Toutterrain. Nach einer Weile ist alles repariert und Freddy ist parat für die letzten paar Tausend Kilometer bis nach Kathmandu. Off we go!

Wollt ihr noch eine Visa-Geschichte hören? Es ist Freitagvormittag und wir stehen vor der Nepalesischen Botschaft in Bangkok. Möchte versuchen direkt ein 150 Tages Visum zu beantragen, falls nicht möglich, dann ein 90 Tage Visum. Der nette Nepalese bietet mir ein 90 Tages Visum an und ich kann es am Dienstag abholen. Problem: ich muss den Pass heute wieder haben. Warum? Kann ich noch nicht verraten, aber kurzum im nächsten Blog!
Eben, frage ganz nett und mit all meinem Charme ob es wohl möglich ist das Visum Express heute noch zu machen. «Tut mir leid, Miss. Dienstag!».

Gut, ich nehme den Pass wieder mit und mache das Visum bei der Einreise. Kein Problem. Schon beinahe wieder aus der Botschaft, rennt er mir hinter her: «Entschuldigung Miss, weil sie so nett fragten, ich mache ihnen das Visum sofort, haben sie 10 Minuten Zeit?». Grossartig! C'est le ton qui fait la musique!
Nepal Visum im Pass. Aber heute stehe ich ohne Pass da. Er ist nicht mehr in Thailand. Später mehr…

Daniel und Simon reisen wieder ab, zurück in die Schweiz wohl direkt zum Glühweinstand.
Danke euch beiden für eure grenzenlose Geduld! Danke für die intensiven und spannenden Tage. Zu sehen wie ein Team funktioniert ist einfach wunderbar. Bis bald in Kathmandu.

So, mein Litschi-Tee ist fertig geschlürft und barabababam oder eben little drummer boy läuft schon wieder.
Suche mir noch eine frische Mango und warte auf meinen Pass. Denn ohne Pass keine Weiterreise. 

 

Wartende Grüsse

Euer Thesi

1 Kommentare

33. Blog - Sadao, Thailand - Apropos!

Die orange Tagetes schwimmt alleine in einem kleinen Glas auf dem Tisch vor sich hin. Die Dekoration im Cafe Banana ist simpel aber hübsch. Trinke einen Thailändischen Tee. Auf eine gute Zeit in Thailand! Prost.
Den Thai-Tee mag ich besonders. Er ist irgendwie anders. Ein stark gebrühter Ceylon-Tee, zerquetschte Tamarindensamen, Zucker, Kondensmilch und am liebsten mit viel Eis. In der Schweiz wird wohl auch wieder Teeli getrunken bei den kühlen Temperaturen, brrr. Mir ist warm bei gefühlten 38° Grad. Es ist nicht mehr so arg feucht wie in Kuala Lumpur. Schon fast angenehm bis herrlich-halbtrocken-heiss!
 

 

Apropos Kuala Lumpur, die Zeit in KL City ist definitiv ein Highlight auf meiner Reise. 
Die Geschichte beginnt mit Warten. Warte gespannt am Flughafen auf Monika. Vor 10 Minuten ist sie gelandet. Schon verrückt, sie hat den langen Weg, 7 Stunden bis Dubai, 3 Stunden warten, 7 Stunden bis Kuala Lumpur auf sich genommen um mich 5 Tag zu besuchen! Das ist nicht nur enorm lieb, das ist einfach grossartig!
Aber nach einer Stunde ist immer noch keine Monika da. Als letztes Gepäckstück rollt ihr Koffer auf’s Rollband. Eeendlich! Schon von ganz weitem sehe ich sie. Erkenne den Schritt. Kann es kaum glauben. Erst noch haben wir uns im Kiental am 03.03. Tschüss gesagt, jetzt steht sie einfach so da. Das Wiedersehen ist super. Alles vertraut, als hätten wir uns gestern gesehen. Das ist Freundschaft.
Die ganze Fahrt vom Flughafen bis in die Stadt (60km) plaudern wir. Es gibt vieles zu erzählen und wisst ihr was?
Es ist so anders als mit dem Computer via Skype oder Facetime zu kommunizieren. Zusammen an einem Tisch zu sitzen, reden, sich dabei in die Augen schauen, das übertrifft jegliche Internetverbindungs-Qualität. Ums vielfache! Schon lange habe ich nicht mehr so gelacht. "Thesi, was vermisst Du?" "Hmm eigentlich nichts, ich habe alles Material was ich brauche zum leben, aber es ist schon so, das Natel ersetzt keine Freundschaft, es ist höchstens zwischendurch eine Ablenkung wenn ich lange Zeit nach meinen liebsten habe. Aber spätestens auf dem Great Himalaya Trail werde ich 5 Monate keinen Kontakt haben. Davor habe ich ein bisschen Angst und gleichzeitig freue ich mich genau auf das! Eigenartig gell?! Darum, schön bist Du hier "

Wir erkunden die Stadt, laufen pro Tag zwischen 9 und 12 Kilometer. Botanischer Garten, Nationale Moschee, Petronas-Twin-Towers, China-Town, Little India, Buta Cave, Bukit Bintang. Fahren Metro, essen süsse Kaya-Naan, gönnen uns Fussmassagen, vergessen die Zeit beim Shoppen, bekomme einen Haarschnitt, hören den Strassenmusikern zu. Natürlich könnte ich Freddy nie vergessen, aber es tut gut das Velo einmal ruhen zu lassen, oder wie eine gute Bekannte sagt: «Auch Freddy’s Pneufüsse brauchen mal Pause!»
Apropos Pneu! Monika hat mir neue Bereifung mitgebracht, plus neues Tretlager, plus neue Kette. Fast wie Weihnachten. Freddy freut sich bestimmt schon auf seine neuen Gelenke. Läuft dann wieder wie geschmiert. Danke an den super Support vom Veloservice Aarau. Übrigens wenn ihr einmal in Aarau seid, ihr könnt dort nicht nur Velos kaufen, dort bekommt ihr auch erstklassigen Kaffee vom Barista! Aber das ist schon lange kein Geheimtipp mehr. 

Die Zeit in Kuala Lumpur vergeht wie im Fluge.
Liebe Monika, danke für Diene Zeit. Dein Besuch hat mich ganz fest gefreut! Es tat gut zu erzählen aber auch zuzuhören. Deine positive Art, hat mich motiviert. Mersi für aues!

Monika ist wieder Zuhause und ich radle weiter von Alor Setar zur Thailändischen Grenze hoch. Das Fahren in Malaysia kann ich nicht recht beschreiben, weil ich selber nicht schlau daraus werde. Bin mir nicht sicher, aber ich habe das Gefühl, es ist nicht nur gerne gesehen eine Frau, die durch die Gegend radelt. Viele Menschen begegneten mir sehr hilfsbereit, viele starrten mich mit ernstem Blick an. Auf den letzten Kilometern vor der Grenze bedanke ich mich für die Zeit hier. Alles ist gut gegangen. Ich hatte Glück. Ich bin dankbar. Ob ich Malaysia wieder bereisen würde? Falls ja, dann ohne Velo. Ob ich Thailand wieder bereisen würde? Aber sicher.
Auf meiner ersten Reise, radelte ich von Chiang Mai bis nach Bangkok und weiter nach Kambodscha. Heute komme ich von Süden her. An der Grenze warten viele Menschen. Das kann dauern. Eine junge Dame, spricht mich an, drückt mir einen Zettel in die Finger und zeigt auf ein kleines Büro. Klopfe an und die ältere Dame in Uniform bittet mich höflich Platz zu nehmen. Kann ich einfach alle wartenden überspringen? Echt jetzt? «You are Tourist, you first!». Fülle den Zettel aus während sie mich nach meiner Reiseroute fragt. Auf ihrem Handy sucht sie Fotos vom Norden. «Schau, wie die Blumen schön blühen, das ist in der Nähe von Chiang Mai, Du solltest unbedingt die Felder sehen. Warte ich schreibe meiner Kollegin ob Du bei ihr übernachten könntest». «Das ist aber lieb, aber ich plane nicht so weit in den Norden zu fahren, schade!». «Kannst Du Deinen Plan nicht ändern? Die Felder sind wirklich schön, schau doch, hier sind noch gelbe Blumen».

Bis ich wohl dort oben wäre, wären alle schönen Blumen verblüht! Die gelben erinnern mich an «Ankebälleli». Apropos Anken oder eben Butter. Muss hier noch kurz eine Buttergeschichte einflechten. Meine gelbe Vaude-Regenjacke hat seit längere Zeit schwarze Kettenöl-Flecken. Ja, war im Schuss und habe nicht aufgepasst. Nun gut, machte mich im Internet schlau wie solche Flecken ausgehen. Fett löst Fett! «Streichen Sie Butter auf die Flecken und ab in die Waschmaschine, Sie werden staunen». 
Habe gleich alles miteinander gewaschen. Habe tatsächlich gestaunt als die Flecken noch da waren. Funktioniert wohl nur mit frischen Flecken. Dafür stinken jetzt all meine Kleider nach ranzigem Anken. Radle wie ein Buttergipfeli durch die Gegend. Am Morgen in Butterkleider aufzuwachen ist ja das eine, aber am Abend in Butter einzuschlafen…da brauche ich die Ohrstöpsel zweckentfremdend schon mal für die Nase. Ihr wollt gar nicht wissen wie Schweiss in Kombination mit ranzigem Anken riecht. Stinkt!
Hauptsache alles in Butter!

Nach 40 Minuten und vielen schönen Blumenfotos bekomme ich endlich den Stempel. Huch, aus lauter Blumen, hat die gute Dame den falschen Stempel gezückt! Sie verlässt das Büro und geht auf die Wandersuche nach einem «Canceld-Stempel». Der ist so schön fett und rot. Nicht übersehbar. Den richtigen gibt’s dann auch noch, ist jetzt ein bisschen ein karr auf dieser Passseite, ausgerechnet auf der Berner-Seite! Aber Bärn han i geng gärn!
1500 Kilometer bis Bangkok – off we go!

 

Sawadee Ka aus Thailand

Euer Thesi

0 Kommentare

32. Blog - Cybercity, Malaysia - Der Eine tickt aus - der Andere ist ein Goldschatz!

22. November und ich radle in meinem Blog der Wirklichkeit hinterher. Mit einer Träne auf der Wange sitze ich auf dem Sofa. In Cybercity. Blicke zum Himmel. Er ist Wolkenverhangen. Monika ist vor wenigen Minuten vorbeigeflogen. Der Emirates Flieger bringt sie via Dubai zurück in die Schweiz. Wie es ist, nach langem, mit jemandem vertrauten an einem Tisch zu sitzen, dazu mehr im nächsten Blog. 

 

Zuerst möchte ich euch mitnehmen auf die Fahrt von Kulai via Kuala Lumpur nach Cybercity.

Bin früh im Sattel, habe über 130 Kilometer vor mir. Die Sonne scheint. Komme gut voran. Die Strasse wird immer verlassener, sie führt durch Palmenwälder. Praktisch kein Verkehr. So mag ich’s. Oder?
Ein Wagen hält paar hundert Meter vor mir an. Der Mann steigt aus, öffnet den Kofferraum und blickt nach hinten in meine Richtung. Warum öffnet er den Kofferraum und blickt zu mir? Sollte er nicht nach etwas suchen wenn er den Kofferraum öffnet? Da stimmt was nicht. Das ist nicht normal. Kommt mir seltsam vor.
Verlangsame mein Tempo um denken zu können bevor ich bei ihm bin. Pfefferspray hab ich in der Lenkertasche, ok! Von hinten kommt kein Auto, genügend Platz um auf Strassenmitte zu fahren, ok! Beschleunige langsam aber sicher. Richte mich auf, gerader Rücken, sichere, bestimmte Miene. Noch ein paar Meter. Fahre nun auf der Mittellinie. Sein Blick ist wütend. Er schreit mich an: «You are alone!! ALONE??!!». Dann schreit er weiter und ich verstehe kein Wort. «Nein ich fahre nicht alleine, mein Kollege ist weiter vorne!». Wie sehr wünschte ich mir ein Kollege dort vorne. Eine Lüge, vielleicht nützt es. Trete kräftiger in die Pedale. Wütend knallt er die Türe zu und fährt mir nach. Er parkiert wieder vor mir, steigt aus, rennt mir mit wild fuchtelnden Armen entgegen. Der Typ tickt aus! Ich brauche Hilfe. Blick zurück, 3 Autos nähern sich. Meine Chance. Die Situation damals in der Türkei, vor fünf Jahren, als mich ein Typ angefahren hat und belästigt, durchdringt mein Mark. Merke wie meine Knie weich werden wie Gummi, ich zittere am ganzen Körper. Bloss nichts davon zeigen!

Stelle mich mitten auf die Strasse und gebe ein Handzeichen, dass sie anhalten. Die ersten Zwei fahren weiter, der Dritte Hält an. Ein PickUp mit zwei Herren. «Könnt ihr mir helfen, der Mann dort vorne schreit mich nonstopp an, ich weiss nicht warum, ich weiss nicht was los ist». «Vielleicht schreit er sie an weil sie mitten auf der Strasse sind!». «Ich fuhr just jetzt in die Mitte um sie anhalten zu können!». «Ok, wir fahren ein paar Kilometer neben dir!». Danke! Ich bin sofort erleichtert. Der andere Mann ist extrem wütend, schüttelt den Kopf und rast davon. Das Adrenalin schiesst durch mein Körper, der Velocomputer zeigt 32km/h an. 13 Kilometer bis ins nächste Dorf. Nach 5 Kilometern überholen mich meine zwei hilfsbereiten Begleiter, winken zu und fahren davon. Echt lieb von den beiden.
Hinter der nächsten Kurve sehe ich dasselbe Auto weiter vorne von diesem Mann am Strassenrand parkiert. Gopf! Werde wütend. Was ist hier eigentlich los? Wo liegt das Problem? Ich halte an. Sehe vor mir links eine Seitenstrasse. Durch das Gebüsch leuchtet ein rotes T-Shirt. Ein kleines. Wohl von einem Kind. Perfekt! Biege ein und ein Haus steht ganz verlassen zwischen den Palmen. Die Türe offen. Zwei Autos parkiert. Spielzeug beim Eingang. Das ist gut! Parkiere Freddy unter dem Vordach, rufe ein paar hallo’s zum Fenster hinein, klopfe an die Tür und stehe schon in der Stube. Eine junge Frau kommt aus dem Zimmer und sieht mich an, als ob ich direkt aus dem Weltall gelandet bin. Irgendwie eine witzige Situation. Was soll ich sagen? «Hello, my name is Thesi and i would like to ask, if i could use your toilette?». “Aber sicher kannst Du unsere Toilette brauchen, schau hier, willst Du was trinken?”.
Als ich aus dem Kämmerchen komme, steht plötzlich auch Grosi, Kinder und ihre Schwester in der guten Stube. Ich erzähle ihr von dem Mann. «Ja die Strasse hier ist nicht sicher, sie ist verlassen und es gibt immer mal wieder Überfälle, meistens wollen sie einfach Geld! Du solltest hier nicht alleine fahren!»
Noch ein paar wenige Kilometer bis in das nächste Dorf und der Typ wartet schon auf mich. Sie zögert keinen Moment und bietet mir an, mich mit dem Motorrad zu begleiten. Meine Rettung. Auch ich zögere nicht und nehme das Angebot sehr gerne an. Kaum auf der Strasse, fährt das Auto fast schon schnaubend davon. In Ayer Hitam verabschieden wir uns und ich drücke sie einmal. Ich bin so froh, fuhr sie neben mir. Bis Muar sind es noch gute 100 Kilometer, die Gegend wieder besiedelt. Etwa so wie Interlaken – Brienz. Alles in Ordnung. Meine Schutzengel haben auch nie ihre Ruhe!

Völlig fertig aber gleichzeitig unglaublich froh finde ich eine einfache Unterkunft für die Nacht.
Die Nacht war kurz. Bereits um 06:00 Uhr fahre ich weiter. Nach 300 Metern der 6. Platte. Hinterreifen. Gestern eine, heute eine. Ja der Reifen ist durch. Zum Glück bekomme ich in Kuala Lumpur einen neuen. Direkt eingeflogen aus der Schweiz! 
Von Malacca aus nehme ich den Bus bis nach Kuala Lumpur Stadteingang. Knappe zwei Stunden. Für die 10 Kilometer bis zu den Petronas Twin Towers brauche ich auch knappe zwei Stunden. Viel Verkehr, viele Baustellen. Verfahre mich. Es wird schon langsam dunkel. Auf nach Cybercity, dort wartet Eddy und Ida auch mich. Eddy habe ich vor paar Monaten in Hiroshima, Japan getroffen. Er war auch mit dem Fahrrad on tour. Bei ihm kann ich ein paar Tage bleiben bis Monika kommt. 

Für die 33 Kilometer nehme ich die Autobahn. Hab keine andere Strasse gesehen. Doch schon, aber die war so verzwickt. Ein Moped fährt gleich auf: «Wo willst Du denn hin? Gleich beginnt es zu regnen». «Nach Cybercity, weisst Du per Zufall ob ich hier mit dem Fahrrad fahren darf?». «Also ich habe noch nie eines gesehen auf dieser Strasse, es ist Abendverkehr, es ist gefährlich, ich werde bis Cybercity neben dir fahren, du musst ein paar Mal Spur wechseln und das ist riskant, ich werde Dir helfen!». 
«Oh, das ist wirklich lieb von Dir, aber ich kann nicht so schnell fahren, will Dich nicht aufhalten, ich schaff das schon, danke!». «Weisst Du, ich habe Zeit, und mein Licht ist besser als Deines, also los!».

Er begleitet mich bis zum Eingang vom Hochhaus wo Eddy wohnt. Einfach ein Goldschatz. 90 Minuten ist er hinter mir gefahren. Einfach so. Es gibt sie überall – die herzensguten Menschen.

Jetzt warte ich auf meinen Besuch! Das ist das schönste warten überhaupt. 

 

Frohe Grüsse aus Cybercity

Euer Thesi

1 Kommentare

31. Blog - Singapur - Schweizer Gastfreundschaft vom feinsten!

Bündner Fleisch. Thomy Mayonnaise. Emmentaler Käse. Apfelsaft. Frischer Salat. Herbamare Gewürz nach Originalrezeptur vom guten Herrn A. Vogel. Alles da!

Der Tisch bei Trindler’s ist reich gedeckt! Ein grandioser Empfang. Für die nächsten Tage darf ich bei ihnen hier in den Holland Hills wohnen. Andrea und Jonas, aus der Schweiz, waren mit ihren Tourenrädern mehrere Jahre unterwegs. Asien, Australien, Neuseeland, Südamerika, die Liste ist lang. Als Timo während der Reise auf die Welt kam, organisierten sie ein Anhänger für ihn und fuhren weiter. Auch die kleine Mira war schon mit auf Tour. Nora, die Jüngste im Bunde erlebt nächstes Jahr die erste mehrwöchige Tour. 
Trindler’s waren 2014 an meinem Vortrag in Wetzikon. Damals wechselten wir ein paar Worte, schwärmten vom unterwegs sein mit dem Fahrrad und wünschten uns gegenseitig eine nächste Reise. In Russland hatte ich eine E-Mail von Jonas im Posteingang: «Hey Thesi, wenn Du in Singapur vorbeikommst, melde Dich, kannst bei uns unterkommen gell! Bis dann, wir freuen uns auf Dich, gute Fahrt!». Sie leben seit einiger Zeit hier und Jonas arbeitet als Manager für eine Schweizer Firma. Und zack bin ich schon in Singapur.
Es tut gut in der eigenen Sprache zu sprechen. Gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Reden und einem dabei in die Augen zu schauen. Herrlich. Der Austausch mit anderen Tourenfahrer ist immer bereichernd! Dieser Austausch ist besonders inspirierend…es gibt da noch eine andere Möglichkeit nach Nepal zu kommen…Indien ist nun auf der Kippe. Später mehr!

Vor meiner Weiterreise ist noch der Räbeliechtliumzug der Schweizer Schule. Wir versammeln uns an diesem Abend um 19:00 Uhr im Botanischen Garten. Erinnere mich noch gut an mein Räbeliechtli, damals in Seelisberg. Es kam mir eine Ewigkeit vor, bis ich mit dem Löffel die Herbstrübe ausgehöhlt hatte. Beim Schnitzen habe ich den einen Stern ziemlich verhauen. Frau Riechsteiner, meine Kindergartenlehrerin rettete den verhauenen Stern gekonnt in einen Tannenbaum. Ich war stolz eine grosse Rübe zu haben. Das Licht war so warm, ein schöner Brauch!
Auch hier werden die Laternen bewundert. In kurzen Hosen und T-Shirt stehen wir nun hier, bei 100% Luftfeuchtigkeit und angenehmen 28°Grad. Timo’s Laterne hat die Form einer Qualle. Sie leuchtet pink und es scheint als schwebe sie durch die Nacht. Mira’s Laterne leuchtet in Regenbogenfarben. Wir singen und spazieren um den Swan-Lake. Einfach ein schöner Abend. 
Die Nacht ist kurz und um 06:00 Uhr bin ich parat für die Weiterfahrt nach Malaysia. Andrea und Jonas begleiten mich die ersten zwei Kilometer. DANKE ihr lieben für Alles. Und auf bald einmal in der Schweiz!
Ein letzter Blick auf die Seite, ein Zuwinken und Adiömersi! Wir haben uns einfach super verstanden. So wertvoll!
Noch kurz runter zum Schiff für ein Foto und dann ab zur westlichen Grenze. Platte! Die Fünfte! Ja mein Hinterreifen ist bald durch, das orange Netz am Innenmantel guckt schon unschuldig hervor. Schweissgebadet pumpe ich Luft in den geflickten Schlauch und weiter geht’s. Endlich an der Grenze: «Miss, here no bicycles allowed. You go tot he border in the north!». Ach komm, kann ich hier nicht einfach durchradeln? Stelle um auf Stur aber nützt nichts, sollte es ja wissen. Der nette Herr meint, ich könne hier schon warten aber ich verschwende meine Zeit. Also los, ab zur nördlichen Grenze (40km extra!). Reihe mich in der Motorradschlange ein. Diese ist sehr lang. Rechne mit zwei Stunden. HA! In 40 Minuten bin ich durch – 90 Tage Stempel für Malaysia. Habe aber nicht vor bis Ende Januar hier rumzukurven. Von der Strasse in Singapur habe ich mich verabschiedet, mich bedankt. Auf den ersten Kilometern in Malaysia rede ich vor mich hin: «Hallo Malaysia, ich bin’s Thesi. Bin auf dem Weg nach Nepal und ich darf auf Deinen Strassen Richtung Norden unterwegs sein. Danke darf ich Dich als Land Er-Fahren, gell wir werden eine gute Zeit haben?! Danke für eine sichere Fahrt. Danke für nette Menschen auf dem Weg. Danke für Deine Gastfreundschaft!» 
Wie auf einen Schlag ist alles anders. Keine Weihnachtsbeleuchtung, keine geschmückten Palmen oder Bäume. Der Muezzin ruft zum Gebet. Der Anteil der muslimischen Bevölkerung liegt in Malaysia bei 61%. Das merke ich nicht nur an den Moscheen oder dass manche Frauen ein Hidschab tragen. Ich merke sofort, dass mir die Menschen, vorwiegend die Männer nicht mehr mit einer Leichtigkeit zuwinken. Sie blicken fragend. Muss mich wieder daran gewöhnen. Da kommt schnell das Gefühl oder besser gesagt der Gedanken auf: «Entschuldige, ja ich bin eine Frau und ja ich darf hier mit dem Fahrrad durchfahren. Und JA, ich bin alleine unterwegs! Und nein, dafür werde ich mich nicht entschuldigen!».
Einmal mehr steht der Respekt zuoberst auf der Liste! Ich fuhr durch einige islamische Länder, Türkei, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, jedes war total anders. Meist war die Gastfreundschaft enorm gross. Und doch ist es jedes Mal ein herantasten. Das tue ich gerade. 
In der nächsten Minute beginnt es heftig zu regnen. Innert Kürze bin ich durchnässt. Die Strassen werden langsam geflutet. Bei einem Abschnitt kehren die Autos wieder um. Komme ich da durch? Bestimmt. «Hey, Malaysia, hab ich vergessen Dir für gutes Wetter zu danken?!». Scheint so. Knietief watsche ich durch das dreckige Wasser, ein Draht verfängt sich im Ritzel. Unter Wasser sozusagen im Blindflug probiere ich den Draht zu lösen. Es gelingt. Es geht leicht Bergauf. Der Wasserdruck ist enorm. Das Fahrrad vollbeladen wiegt 58 Kilogramm. Gegen den Wasserdruck muss ich kämpfen. Schritt für Schritt pushe ich Freddy voran. Je höher wir kommen, desto weniger Wasser. Geschafft. Die Speichengeister befreie ich von Holz, Stofffetzen und Plastik. Für die Nacht finde ich eine günstige Unterkunft. Muss dringend meine zwei Ersatzschläuche, die nun Löcher haben flicken. Unterwegs habe ich exakte Ordnung in meinen Taschen. Pikfein. Alles an seinem Platz. So kann ich es kaum leiden, mit einem kaputten Schlauch im Gepäck zu fahren. Das Flicken und exakt wieder verstauen gibt mir ein gutes Gefühl. So könnt ihr euch vorstellen, dass ich auch jeden Abend meine Taschen mit einem Lappen putze und auch der Göppel bekommt jeweils eine Katzenwäsche. Nur meine eine Trinkflasche leidet. Unten ist sie ein wenig grau – komme mit dem Schwamm nicht ganz bis zum Boden. Ein Bürsteli wäre super. Da vorne hat es ein KrimsKrams Laden, geh gleich mal schauen ob ich eines finde.

 

Bis dann, liebe Grüsse

Euer Thesi

0 Kommentare

30. Blog - Jakarta - Freddy auf dem Abstellgleis!!!

Wer sucht der findet! Aber so ganz einfach ist es auch wieder nicht! 

Ich stehe in Yogyakarta am Bahnhof und will ein Zug-Ticket nach Jakarta lösen. Eins für Freddy, eins für Thesi. Für Morgen. Das ist die Ausgangslage! Nicht sonderlich kompliziert, aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass ich erst nach über 2 Stunden hier wieder wegkomme.

Die Schalterhalle ist überfüllt von Reisenden. Zu 99% Einheimische. Zum Glück habe ich mein Buch dabei. Am Abend habe ich meistens keine Energie mehr übrig zu Lesen, aber hier passts. Ich drücke den Knopf, bekomme eine Nummer und warte. Wie auf der Post. Dauert nicht lange. Knapp 2 Minuten. Hoppla, warum das jetzt? Nicht Nachfragen, ab zum Ticketschalter. «Gerne ein Ticket für nach Jakarta. Morgen mit dem 08:00 Uhr Zug. Und ich habe Freddy, mein Fahrrad mit dabei.»
«Für das Fahrrad müssen sie zuerst beim Cargo-Schalter ein Ticket lösen, dort vorne geradeaus, neben den Taxis.»

Zum Glück musste ich hier nicht eine Stunde warten. Bei den Taxis finde ich keinen Cargo-Schalter. Nur stinkende Toiletten. Wieder zurück. «Entschuldigen Sie, ich finde es nicht». 
Der Security-Mann begleitet mich – in die andere Richtung – bei den Fahrradtaxis. Ach so.
«Guten Tag, gerne ein Ticket für mein Fahrrad nach Jakarta. Morgen mit dem 08:00 Uhr Zug».

«Bitte setzen sich und füllen drei Formulare aus». Schon in der Schule bekam ich gute Noten für das Schönschreiben. Wenn jemand eine schöne Handschrift hat, gefällt mir das. Sie ist einzig, so persönlich. Mit Schrecken stelle ich fest, dass meine Handschrift so unklar daherkommt. Hab zu lange nicht mehr geschrieben. Vielleicht mal eine Karte für Mama’s Küchenwand, das war’s dann aber auch schon. Am liebsten würde ich neu beginnen. Der Mann schiebt Freddy schon mal in den Gepäckhinterhof. «Moment ähh, Morgen möchte ich gerne nach Jakarta, nicht heute und ich habe noch ein paar kleine Taschen». «Freddy wir heute einpacken».
«Was und wie wollt ihr ihn den einpacken? Kann man ihn nicht einfach in den Wagon hieven und anbinden?».
«Mit Karton umkleben, Miss».

Mit Mühe kann ich aushandeln, dass ich ihn am frühen Morgen um 06:00 Uhr bringe. Übrigens, das wenige Englisch ihrerseits und das noch weniger sprechendes indonesisch meinerseits, erschwert das Ganze! Massiv! 
«Miss, Fahrrad mit 07:00 Uhr Zug, Sie mit 08:00 Uhr Zug. Fahrrad in Jakarta, Kota ankommen, Sie in Jakarta, Gambir aussteigen!»
«Mister, ist es möglich im gleichen Zug wie Freddy zu sein und ihn in Gambir einfach aus dem Wagon nehmen?»

Sie verstehen nur Bahnhof! Mit den Stühlen bilde ich einen Zug, jeder Stuhl ist ein Wagon, setze mich auf den Einen, platziere die Lenkertasche als Symbol für Freddy auf dem anderen Stuhl. Der Stuhl-Zug hält in Jakarta Gambir, ich steige aus, laufe zum vorderen Stuhl und nehme die Lenkertasche, laufe ein paar Meter davon und winke.
Mittlerweilen sind gezählte sieben Schaffner am Pult und jeder kümmert sich um Freddy’s Ticket. Ich verstehe nichts und beobachte die Situation. Bemerkung am Rande…mir kommt Bundesbern in den Sinn.
Irgendwie ist es nach gefühlten Stunden doch möglich Freddy im selben Zug zu transportieren und sogar, ja man staune, ich kann ihn in Jakarta-Kota entgegennehmen und auch dort aussteigen. Geht doch. Wiederum wusste ich da noch nicht, das dies so nicht stimmt.
Nach vollen zwei Stunden habe ich wirklich beinahe die Geduld verloren. Freddy bekommt zwei Kleber und ich drei Tickets. Nun zurück zum Personen-Schalter, brauche ja auch noch ein Ticket. Bezahlt wird wiederum in einem anderen Gebäude und dann wieder zurück mit dem Beleg für das provisorische Ticket zu holen. Das definitive gibt es erst Morgen. Schlafe gut und Träume hin und her.

Pünktlich wie eine Schweizer Uhr stehe ich um 06:00 Uhr vor dem Cargo-Büro. Niemand da. Mit ein bisschen Hauruck bringe ich die Türe auf und stehe in der Halle. Stille. Der Staub tanzt durch das frühe Morgenlicht. Im Hinterhof entdecke ich einen Schaffner, er schläft auf der Waage. «Mister. Mister…goooood morning. Freddy is here!». Er springt auf, richtet seine zerzausten Haare und nimmt Freddy entgegen. Ich klopfe Freddy dreimal und wünsche ihm eine gute Reise. Ja klingt eigenartig. Aber ihr wisst, wir sind ein Team.
Es gibt Tage da spreche ich mit niemandem, dann hört Freddy zu. Es gibt immer wieder Entscheidungen zu treffen, niemand da zum Fragen oder diskutieren. «Freddy, hör zu, ich weiss in 15 Minuten ist es dunkel, aber die 18 Kilometer schaffen wir noch gell?! Also los, lass mich jetzt nicht im Stich!» Er würde mich nie im Stich lassen!

So ist es schon komisch, plötzlich zu wissen, dass ich eben nicht genau weiss wo er ist. Ihn habe ich immer im Auge. Er bekommt jeden Abend einen sicheren Platz.
Sitze am Fenster. Ein junger Mann setzt sich neben mich. Noch vor Abfahrt wechselt er seinen Platz, weil er weiter vorne einen Kollegen gesehen hat. Die Plätze sind wie im Flugzeug angeordnet und auf dem Ticket steht der genaue Platz. Der Zugchef kontrolliert auf seinem iPad, richtig gelesen, iPad, ob jeder am richtigen Platz sitzt.
Ein Mann in Anzug steigt zu und hat den Platz auf dem nun der junge Herr sitzt. Sie diskutieren und der Mann im Anzug setzt sich neben mich. Wir kommen schnell ins Gespräch. Heri arbeitet für die Regierung und ist zuständig für Meer und Fisch. Nach 8 Stunden Fahrt und kurz vor Gambir fragt mich Heri «brauchst Du ein Taxi?». «Das ist lieb von Dir, aber ich steige in Kota aus und fahre dann mit Freddy ins Hostel». 

«In Kota?? Da kannst Du nicht aussteigen, Gambir ist Endstation!» Und schon hält der Zug! Schnell zücke ich die drei Fahrradtickets, das provisorisches, das definitive plus Beleg hervor. Was für ein Durcheinander. «Du musst hier aussteigen, um das Fahrrad kümmern wir uns nachher!». Was??!! Der Zug fährt davon und und ich schaue ihm nach! Mir läuft der Schweiss runter, aber nicht etwas wegen den schwülen 38° Grad, ach was!
Bin mir gar nicht mehr sicher ob Freddy überhaupt in diesem Zug ist. Heri erzähle ich die ganze Story und er beginnt zu telefonieren. Wir stehen vor Mister Donut, schaue hinein und sehe wie ein kleiner Junge, mit glänzenden Augen in die Schokostreussel beisst. Es scheint, als gäbe es nichts schöneres auf der Welt als in einen Donut zu beissen. Er sieht mich, kaut genüsslich weiter und winkt mir mit klebrigen Fingern zu! Dieser Junge erwischt mich. Seine Sorglosigkeit sagt mir in Gedanken: «Chunnt scho guet!». Vielleicht sollte ich jetzt auch einen Donut essen. Heri telefoniert immer noch. Ist wohl Yogyakarta am anderen Ende? Der Zugchef? Der verschlafene Schaffner? Wie kommt er zu all den Nummern? Ein Auto fährt vor und er sagt: «Steig ein, ich weiss wo Freddy ist, auf jeden Fall nicht in Gambir und auch nicht in Kota. Nach einer Stunde Irrfahrt durch Jakarta biegen wir in einen Hinterhof.
Die Strasse endet vor dem schwarzen Gitter. Mir wird mulmig aber Heri vertraue ich. Warum? Das spüre ich einfach! Am Gitter erklärt er dem Man hin und her bis er öffnet. Ich weiss nicht recht ob es eine Abfallsammelstelle oder eine sehr arme Wohngegend ist. Männer sitzen an einem Tisch und spielen Karten. Es ist dreckig. Sehr dreckig! Tote Ratten überall. Und wer glänzt aus dem Dreck? Genau, mein Freddy. Dort hinten steht er! Alleine. Abgestellt. Wartend. Mein Herz jauchzt. 

Was für ein Glück, dass der junge Mann seinen Kollegen im Zug gesehen hat, Platz wechselte und Mister Heri neben mir sass! Ohne ihn hätte ich Freddy nicht gefunden. Als ich das Taxi zahlen wollte, setzte er einen strengen Blick auf: «Bestimmt nicht Miss. Es war mir eine Ehre ihnen zu helfen. Hier meine Karte wenn sie Hilfe brauchen. Immer alles Gute und fahren sie vorsichtig in der Stadt.» Er steigt in das Bluebird Taxi und fährt davon. Was für ein Tag!

 

Frohe Grüsse aus Jakarta

Euer Thesi

 

PS. Freddy ist übrigens schon wieder in einer Box für den morgigen Flug nach Singapur. Es wird hoffentlich der letzte Flug sein. Abgesehen vom Heimflug J

3 Kommentare

29. Blog - Jakarta - Wo ist Freddy???

Warum biegt der Bus nicht auf seine Spur ein? Er MUSS in den nächsten Sekunden einbiegen. Rechts überholt mich ein rotes Auto, das wiederum wird von einem Laster überholt. Der hat bestimmt eine Tonne Bambus geladen. Links von mir düst ein Roller haarscharf an mir vorbei! Warum bremst der Bus nicht? Er donnert in vollem Tempo direkt auf mich zu! Er hupt und warnt mich mit seinen Scheinwerfern. Im letzten Moment drehe ich links weg und Freddy nimmt einen Satz auf die Schotterpiste. Die Glasscherben funkeln mir schon entgegen.
Ich spüre den kantigen Wind vom Bus, der mir feine Staubkörner in die Augen spickt. Nein es war nicht der Sandmann. Stehe im Dreck, stütze meine Arme auf den Lenker, den Kopf auf die Lenkertasche. Atme tief ein. Tief aus. Meine Knie zittern. Das war knapp! Auch beim Hinterreifen ist die Luft raus. Platte. Die Vierte. An diesem Tag werde ich auf Java zwei weitere Male beinahe angefahren. Einmal Taschen gestreift. Bereits auf Bali kündete sich der schnelle Verkehr an. Ich muss einfach vorsichtig sein. Auf West-Java nützt alle Vorsicht nichts mehr. Das ist mir zu viel. Ich habe mir und meiner Mama versprochen, und verspreche es mir jeden Tag von neuem, das Risiko immer so gering wie möglich zu halten. Währenddessen ich
  Platten flicke, entscheide ich mich morgen ein Zugticket für nach Yogyakarte zu lösen. Klar will mein Kopf bis nach Jakarta pedalen, aber mein Kopf hat noch einen Mitspieler. Er arbeitet eng mit Herrn Bauch zusammen. Ein gutes Team. Sie sind nicht immer einer Meinung, aber sie diskutieren, argumentieren und entscheiden dann gemeinsam. Frau Synapse leitet mir das Ergebnis direkt weiter, die Beine und die Schutzengel bekommen eine Kopie davon. Es funktioniert. Das Beste an all den Mitspielern – sie sind 24 Stunden 7 Tage die Woche einsatzbereit! Ihr Lohn? Jeden Abend ein ehrliches, von Herzen kommendes Dankeschön.

 

Bevor ich am Nachmittag den Zug nehme will ich heute früh aus den Federn. 03:00 Uhr geht’s los bis zum Fusse des aktiven Vulkan Bromo. Der Aufstieg auf den Krater ist kurz, ein paar Minuten. Erinnere mich an den 7 Stündigen Aufstieg auf den Mount Fuji in Japan. Das war ein Highlight! Aber es liegt schon so weit zurück. Warum nur? Es war doch erst vor knapp 3 Monaten! Weil dazwischen wohl so viele Erlebnisse liegen. Ein weiteres liegt noch einen Meter vor mir. Mit einem einzigen Schritt ändert sich plötzlich alles. Das Rumoren ist erstaunlich laut, der Rauch steigt auf, er kommt direkt vom Innern der Erde und es stinkt fürchterlich nach faulen Eiern. WOW! Bin überwältig.
Dieser Anblick macht mich demütig. Setze mich auf den Krater und merke wie winzig klein ich bin. Das jetzige Leben ist so kurz. Dieser Vulkan steht schon abertausende Jahre hier und brodelt vor sich hin. Immer in solchen Momenten realisiere ich, dass das Leben, unser Leben, mein Leben endlich ist. Frage mich, was sind schon die paar Jahre, die ich auf diesem Planeten leben darf? Wohl wie eine Rauchwolke vom Vulkan. Die Rauchwolke ist zu Beginn kräftig weiss, steigt auf, verblasst langsam und löst sich in der Luft auf. Weg ist sie. Adiömersi.
Einige Rauchwolken steigen höher, andere verschwinden schon im Krater. Wie sieht meine Rauchwolke im Moment aus? Ja sie ist kräftig weiss, ich lebe meinen Traum. Bin voller Energie. Aber auch sie wird einmal verblassen und sich auflösen. 

Vielleicht ist es nicht gut, solche Gedanken zu haben. Aber ich will diese Gedanken unbedingt zulassen. Ich will über den Tod nachdenken. Warum sollte ich mich erst damit befassen, wenn ich alt bin? Wer weiss denn schon wie alt wir werden? Im Alltag Zuhause bleibt mir oft keine Zeit, mich alleine mit diesem Thema auseinander zu setzen. Aber hier auf dem Krater ist dieses Thema so nah, so natürlich. Und eben genau wegen diesen Gedanken über das Sterben wird mir von neuem bewusst, dass jeder Moment, so wie dieser hier, ein Geschenk ist! Auch wenn es nach faulen Eiern stinkt. Ich will mich immer wieder daran erinnern, den Moment zu geniessen und wenn er nicht geniessbar ist, dann will ich den Moment einfach leben! Die Natur lernt mich immer wieder ein Stück Leben. 
Ich säe Erlebnisse um die Erinnerungen zu ernten.

 

Werden wir wieder technischer. Freddy wird nach obligater Bewunderung in den Zug gehievt. Er kennt sich zwar eher mit der Russischen Bahn aus aber er wird es auch in der Indonesischen überleben.
Von Yogyakarta aus besuche ich Borobudur.

Mir kommt ein Interview in den Sinn, dass ich vor ein paar Jahren mit Erich von Däniken führte. Er erzählte mir damals an einem runden Tisch hoch über Interlaken von der grössten buddhistischen Tempelanlage der Welt, die aus seiner Sicht fälschlicherweise als Tempel bezeichnet wird. Wie auch immer, jetzt stehe ich selber da und bin überwältigt von der Grösse und der morgendlichen Stille. Magisch. Mystisch. Klar, es ist ein touristischer Hotspot, aber da gerade Off-Season ist und die Regenzeit Einzug hält, hält sich auch der Ansturm in Grenzen.
Von Yogyakarte (sprich: dschodschakarta), plane ich die Weiterreise mit dem Zug direkt nach Jakarta. Die Metropole in der 24 Stunden Rushhour herrscht. Volle 9 Stunden klebe ich am Fenster und schaue Fern. Die Fahrt führt mitten durch Reisterassen, vorbei an Dörfern wo die Kinder dem Zug zuwinken, grosse Brücken, tiefe Schluchten, viel Abfall. Endstation: Jakarta, Gambir.
Alles geht blitzschnell, alle wollen gleichzeitig Aussteigen. Die warme Luft treibt mir die Schweissperlen ins Gesicht. Viele Menschen. Viele Gerüche. Kein Freddy!!! Er ist nirgends! Unauffindbar…

 

Suchende Grüsse aus Jakarta
Euer Thesi

2 Kommentare

28. Blog - Manila - Entkräftet und neu gestärkt!

Meine 24h Fähre von Cebu zurück nach Manila habe ich verpasst. Besser gesagt verschlafen! Mir ist Fährsturm. Vom Winde verweht. Sollte wohl mehr Nüsse essen, die sind gut für’s Hirn. Die vielen, feinen, frischen, günstigen, süssen Mangos sind wohl zu weich für mein Hirn.
Sitze gerade am International Airport in Manila auf einem Rundstuhl an einem Rundtisch mit? Genau, einer Runde Mangos! Warte auf den Nachtflug nach Denpasar, Bali. Werde um 01:00 Uhr ankommen. Zur Unzeit. Ob ich Freddy gleich am Flughafen zusammensetze oder mir erst eine günstige Unterkunft für die Nacht suche? Entscheide ich vor Ort.
Die Zeit auf den Philippinen ging so schnell vorbei. Drei Wochen sind wohl zu kurz. Die letzten Wochen ziehen wie ein Film in meinem Kopf vorbei. Finde mich gerade am Hafen von Maaguinoo wieder...
Die Fähre legt in 5 Stunden ab. Der Hafen erinnert mich an die Schiffländte in Brunnen. Wie oft habe ich dort mit Mama, nach dem Wocheneinkauf, auf der dunkelbraunen Holzbank auf das Nach-Hause-Schiff gewartet! Beinahe jedes Mal bohrte sich eine Sprisse vom hin und her rangen in die Haut. Wir beobachteten die Enten. Und die Menschen. Hier in Maaguinoo beobachte ich das viele Plastik das im Meer schwimmt. Jede Welle die nahe am Ufer bricht scheint eine Träne zu sein. Das Meer weint.

 

Die Fähre sieht rostig aus. Sie ist gut gebraucht, sie weiss bestimmt wie der Karren läuft. Habe Economy gebucht. Pritsche draussen auf Deck. Keine Klimaanlage dafür frische Nachtbrise umsonst. Pritsche Nummer 80. Auf Deck herrscht schon ordentlich betrieb. Doppelstöckige Metallgestänge mit Kunststoff umhüllten Schaumstoffmatratzen. Ja dann Gute Nacht! Pritsche 80 ist schon besetzt. Kein Problem nehme einfach eine andere. 7, nein doch 6, weil auf 7 der Kunststoff klebrig ist. Wohl eine verschüttete Cola, verständlich bei diesem «Gerumpel». Der Motor ist so laut, wie wenn der Güterzug am Spiezer Bahnhof vorbeidonnert. Finde keinen Schlaf. Stütze mich an einer Eisenstange auf und gucke in die Nacht hinein. Das Wasser pechschwarz. Das Himmelszelt voller Sterne. Toll! Kann mir im Moment keinen schöneren Platz vorstellen, weil ich nur in diesem Moment existiere.
Ab Cebu geht es Schlag auf Schlag, Insel um Insel. Auf der kurzen Überfahrt auf die Insel Bohol habe ich meinen Sitzplatz neben einem deutschen, jungen Paar. Schätze so um die 25 Jahre sind die beiden. Als der Schaffner die Seitenplanen herunterlässt flippt die junge Frau neben mir beinahe aus: «Die sind so behindert, lassen die doch die Planen runter, schnallen die nicht, dass so kein Wind mehr bis zu uns kommt!». Ich bin baff! Mädel! Diese Schaffner haben Deinen Koffer und meinen Freddy behutsam auf das Schiff geladen und wissen schon was sie tun…denke ich für mich. Ein Fehler. Warum habe ich es ihr nicht direkt gesagt? Warum nur?! Heute bin ich mir reuig, dass ich mich nicht für den Schaffner einsetzte, auch wenn er ihren Kommentar nicht verstanden hat. Mache mir einen schweren Vorwurf. Gopf!
In den bekannten Choccolate Hills gibt es einen Aussichtspunkt. Eintritt 80 Rappen. Zahle unten, fahre hoch. Komme mit einem Reisenden aus Brasilien ins Gespräch, er fragt als erstes: «Na, wie viel hast Du Eintritt bezahlt?». «50 Pesos warum?». «Ha, ich zahle eben nie Eintritt, laufe immer durch wie ich nichts sehen oder verstehen würde. Klappt meistens. Zahle doch nicht 50 Pesos für einen Ausblick!». Bin im falschen Film. Was ist nur los? «Hey wenn Du nach Indonesien gehst, hab ich Dir viele Tipps wie Du ohne Eintritt zu zahlen zu den Sehenswürdigkeiten kommst, schau hier…». «Nein Danke! Deine Tipps brauche ich nicht. Ich werde den offiziellen Eingang nehmen und zahlen. Schon ok!» Auf dem Absatz mache ich genervt kehrt. Nicht zu fassen.

Mir wird schnell bewusst, dass ich als Reisende auch Verantwortung trage. Ich bin Gast, Ausländerin in einem fremden Land. Auch wenn ich mir so eine Reise leisten kann, verdienen die Menschen vor Ort Respekt. 

Ich habe den Mut mit dem Fahrrad durch die Welt zu kurven, aber bin still wie ein Hase wenn eine Touristin neben mir über die Einheimischen schimpft. Mein Verhalten werde ich überdenken und bestimmt daraus lernen.

Die Inseln sind sattgrün. Die warme Morgenluft ist magisch. Wenn die ersten Sonnenstrahlen wie Fäden durch die Palmen scheinen dann muss ich anhalten. Staunen. Das Licht verändert die Farbe der Natur von Minute zu Minute. 
Die Insel Siquijor habe ich in einem Tag umrundet. In einer Eatery bei Bohnen und Kartoffeln erzählt mir die junge Philippinin ihre Geschichte. Ihre drei kleinen Kinder spielen vor der Hütte mit einer aufgeschlagenen Kokosnuss. Sie ist ausgebildete Krankenschwester. «Ich liebte meinen Beruf…» Es folgt eine lange Pause, ihr Blick ins Leere. «Der Alltag im Spital erfüllte mich, weil ich den Menschen helfen konnte. Pro Tag verdiente ich 350 Pesos (knapp 6 Franken) es war einfach zu wenig für die Familie.» Sie steht auf, holt einen weissen Kanister hinter einem Vorhang hervor und stellt ihn auf den Tisch. «Probiere ganz wenig davon!» Die rote Brühe sieht abgestanden aus. Nippe ganz vorsichtig daran und nehme einen kleinen Schluck. Huss! «Damit verdiene ich viel mehr Geld. Wie schmeckt Dir mein selbst gemachter, fermentierter Kokosschnaps?». «Darf ich ehrlich sein? Jetzt brauche ich eine Cola, aber schnell!» «Ich bin unglücklich. Ja ich verdiene mehr Geld aber mit dem was ich mache, schade ich den Menschen. Sie trinken zu viel davon. Früher konnte ich Ihnen helfen.» Jetzt starre ich ins Leere und ich weiss, es ist nicht selbstverständlich eine Arbeit zu haben die man liebt. Genau so eine hatte ich bei Radio BeO und ich habe sie aufgegeben, nicht weil ich musste, sondern weil ich wollte. Das ist Luxus! Kann mir vorstellen, dass sie dies nicht verstehen könnte. Behalte es für mich.

Morgen fahre ich zurück nach Cebu. Dann nehme ich den Kutter nach Manila. Der bereitet mir ein wenig Sorgen. A weil die Fahrt 24 Stunden dauert, B weil ich mitten in der Nacht am Hafen in Manila ankomme. Wir Berner sagen da «das geit de scho, nume hü!». Aber Manila ist nicht ganz ohne und mitten in der Nacht...ich weiss nicht recht!
Am Morgen wache ich mit Rücken- und Nackenschmerzen auf. Mein Kopf ist heiss. Habe Halskehre und Schluckweh. Wie angeworfen. Radeln ist wohl auch heute die beste Medizin. Die 60 Kilometer bis nach Cebu werde ich schon irgendwie schaffe. Der Verkehr nimmt zu, das Hupen der Laster dringt bis in mein Mark. Bin völlig schlapp. Trinke eine Cola nach der anderen. Entkräftigt komme ich in Cebu an. Danke! Im Hostel gehe ich sofort ins Bett und wache erst am nächsten Morgen um 06:00 Uhr auf. Mist, die Fähre!!! Verpasst. Verschlafen. Der Schweiss läuft mir aus lauter Stress runter. Wie komme ich nach Manila? Morgen habe ich einen Flug nach Indonesien. Erkundige mich am Empfang vom Hostel. Sie sagt gleich zu mir: «hier ein Stuhl, setz Dich hin, du bist ja ganz bleich! Maureeeeen bring ihr eine Hot Choccolate!» Was sich in den nächsten Stunden abspielt ist einfach unglaublich. Sie telefonieren und organisieren. «Velo per Cargo Schiff, sie mit Flug. Nein Cargo könnte Verspätung haben. Also beide mit Flug. Und die Box? Ruf den Boss an, der fährt Velo, der weiss wie man zu einer Box kommt. Ok dann ruf ich die Fähre an und frage ob sie das bezahlte Ticket rückerstatten». Minuten später steht der Boss samt Box in der Halle. Er ist ein Engel! Buche schnell einen Flug und innert Stunden hat sich das Problem gelöst. Ich bin wirklich Engeln begegnet. Danke! Am nächsten Morgen geht’s mir wieder tip top und die Energie ist zurück! Eigenartig…

Oh, das Boarding für den Nachtflug geht gleich los…nicht das ich den Flug noch hier am Rundtisch verschreibe!

 

Liebe Grüsse aus der Ferne

Euer Thesi

2 Kommentare

27. Blog - Cebu Philippinen - Are you OK??

Das ist mein Ruhetag. Brauche ihn dringend. Hab eben meine Kleider mit Mango-Shampoo gewaschen. Das Wasser färbte sich schwarz. Der Dreck von Manila klebt fasern tief.
Die Reise auf dem «Inselparadies» beginnt in der EMM – Extrem-Metropole-Manila. Habe ein günstiges Zimmer, 7 Franken die Nacht, in der Nähe vom Flughafen gebucht. Für die drei Kilometer brauchte das Taxi satte 65 Minuten! Freddy lacht sich in der Box ins Fäustchen. Zum Glück hat mir in Zen-Ga in Taipeh seinen Schraubschlüssel geschenkt: «hier, pack den ein, nicht dass Du in Manila noch einen Mechaniker suchen musst». Ich umarme in von weitem. Ab sofort schraube ich die Pedale selber fest!
Wie soll ich hier rauskurven? Wie nur? Laufe die ersten paar hundert Meter bis zur ersten Kreuzung. Das wird wild! Da gibt’s nur eines: Augen auf und durch. Liege im Bett, das Zimmer so gross wie das Bett. Die Matratze dünn. Der Laken schimmert im vergilbten weiss mit Flecken. Ein Käfer gesellt sich zu meinem Knie. Studiere die Karte rauf und runter. Wahnsinn, die Philippinen sind riesig. Wo will ich überhaupt hin? Starre mit leerem Blick auf die rot eingezeichneten Strassen. "Wo willst du hin? Wonach suchst Du? Warum bist Du unterwegs? Warum sind meine Freunde plötzlich so weit weg? Sollte ich mich um diese Jahreszeit nicht auf einer Wanderung zum Oeschinensee wiederfinden?" Gedanken kreisen. Atme tief ein, rieche in Gedanken die Bergluft –
 sie riecht nach Schimmel. Schimmel überall. Thesi, wach auf! Du bist in Manila! Du bist auf dem Weg nach Nepal. Spielt keine Rolle auf welcher Strasse Du entlangfährst, fahre einfach und beobachte die Welt mit Neugier und lerne dazu!

Der Morgen ist schwül heiss bei 40° Grad und 94% Luftfeuchtigkeit. Kein Meter gefahren und der Schweiss tropft mir über Wange, Nase, Arme und Beine. Hopp auf’s Rad, der Wind wird kühlen. Tauche ein ins wilde Manila. Abgas von Jeepneys, die übrigens die Amerikaner zurückgelassen haben, umhüllt mich. Halbnackte Kinder strecken mir die offene Hand entgegen. Eine Ratte huscht haarscharf vor meinem Pneu vorbei. Das Hupen der grossen Laster dröhnt bis auf mein Mark. Es riecht in einer Sekunde nach gebratenen Zwiebeln in der anderen nach einem toten Tier, in der nächsten nach Kokosnüssen. Die Mechaniker winken mir von weitem. «Hey Girl, where are you going?». Der Polizist salutiert. Ein Motorrad von links, ein motorisiertes Tricycle von rechts und von vorn ein Ananastransporter der mich mit Warnlichtern wohl warnt. Uff. 50 Kilometer später brauche ich eine Cola. «Madame, Pepsi, CR oder Coca Cola? Cola klein (350ml) only 35 Rupien, Cola gross (1L) only 40 Rupien!». Nehme die grosse Flasche und spüle sie innert Minuten runter. Der Dreck im Hals grad mit. Jede Stadt ist anders zu fahren. Manila ist aber ganz anders. WILD.

Bin nun auf der Strasse 1 unterwegs. Die Menschen winken und rufen mir zu: «Nice Bike! Are you married? Single? How much is your Bike? Are you ok? Take care!” Kinder rennen mir hinterher. Gebe gefühlte 100 “gimme five» pro Tag. Ein weisser Hyundai hält an. «Are you OK? Wohin gehst Du?». «Das weiss ich auch nicht so genau, Südwärts!». «In 15 Kilometer kommst Du nach Lucban. Wir möchten Dich zu einer Geburtstagsparty einladen. Sozusagen als Überraschungsgast. Mein Bruder Michael wartet in einer Stunde bei der Iglesia Ni Cristo auf Dich. OK?». Mein Verstand entscheidet innert Sekunden, dass die Einladung ernst gemeint ist und die Leute vertrauenswürdig. Bei der Kirche ist nicht nur der Bruder, sondern ein ganzes Empfangskomitee. Tony hat bereits ein Seil an seinem Motorrad installiert um mich den Berg hoch zu ziehen. Was für ein Spass.
Es wird reich aufgetischt. Farnsalat und gebratene Schweinehaut um nur zwei der vielen Gerichte zu nennen. Dem Geburtstagskind stehle ich ein bisschen die Show. Entschuldige mich bei ihm. Er meint: «Ach was! Morgen habe ich was zu erzählen im Dorf, eine Schweizerin auf meiner Party, glaubt mir keiner. Schnell ein Beweisfoto!». Tony packt seine Drummer-Sticks aus und trommelt auf die Kokosnuss ein. «Hey, ich habe ein Schweizer Taschenmesser». Wie ein Zauberer zückt er aus seiner linken Hosentasche eine Klinge. «Tataaaa!». (Unter uns…eine geklebte Klinge von einem Japanmesser, aber psst, es ist Tonys Schweizer Messer!) 

«Morgen komme ich mit Dir und wir fahren um die Welt! Wir durqueren Amerika, fahren durch die Sahara und Campen in Australien, ok?» Ach Tony…

Langsam verabschiede ich mich. Der Triathlet Will begleitet mich noch 5 Kilometer und sagt: «Pass auf Dich auf, das ist der Wilde Westen hier!».

Was habe ich von Drummer-Tony gelernt? Die Welt, die Ferne kann in Gedanken ganz nahe sein. 

600 Kilometer bin ich nun Südwärts gefahren – und es gab keine 100 Meter wo nichts war. Überall Menschen. Die Strasse ist gesäumt von Bambus-, Wellblech- und einfachsten Holzhütten. Ich fahre sozusagen durch die Stuben von armen Menschen. Es schockiert mich. Eine Fünfköpfige Familie lebt auf einem Raum, nicht grösser als eine Bushaltestelle bei uns. Kleider werden auf Bäumen, Leitplanken und dem Trottoir getrocknet. Kinder in zerrissenen Kleider spielen lachend im Dreck während ihre Mütter auf dem kleinen Feuer Suppe mit Blätter kochen. Männer hacken mit grossen Messern im Dickicht die frischen Bananen ab. Schulkinder schleppen Wasserbehälter vom Pumpbrunnen nach Hause. Armut habe ich das erste Mal vor 10 Jahren in den Slums von Kathmandu gesehen. Später auch in Indien. Aber es schockiert mich immer wieder von neuem. Mache praktisch keine Fotos. Kann meine Kamera einfach nicht hervornehmen. Traue mich nicht einmal einen Kaugummi in den Mund zu nehmen. Weil ich mir Kaugummi leisten kann.
Mir geht nur ein Wort durch den Kopf: Scheisse! Ich weiss, der Ausdruck ist nicht angebracht. Muss es erläutern: Ich fahre vollbepackt auf einem teuren Rad durch diese Gegend. Blicke den Menschen direkt in die Augen. Fahre weiter. Kann mir essen kaufen. Weiterfliegen ins nächste Land. Meine Freiheit leben. Reisen. Tun was ich will. Sauberes Trinkwasser kaufen. Zuhause habe ich die Chance auf eine bezahlte Arbeit. Kann Hobbies ausleben. Mir ein Busticket kaufen. Eis aus dem Gefrierfach nehmen, wenn mir danach ist. Wir haben Einhebel -Mischer-Wasserhahn, da kommt sauberes Wasser raus und ich kann sogar einstellen ob kalt oder warm oder lauwarm. Das ist doch völlig übertrieben! Scheisse, mir geht es zu gut. Und was kann ich hier tun? Nichts! Doch!
Ich kann diesen Menschen mit allergrösstem Respekt begegnen. Jedem einzelnen. Vom jüngsten Mädchen mit zerzausten Haaren über den kräftigen Mann der ganz zart jede einzelne Litschi auf dem Holzbrett zum Verkauf anpreist bis zur alten, gebrechlichen Frau die mir mit ihren zwei verbleibenden Zähnen zulacht. Grüsse ich sie oder winke ihnen zu – beginnen sie zu strahlen. Das ist das einzige was ich tun kann, ihnen meinen tiefsten Respekt zum Ausdruck bringen. Sie haben vielleicht kein Diplom in der Schublade oder kein Sparkonto… ABER um solch einen Alltag, solch ein Leben meistern zu können, dafür braucht es wohl viel, viel mehr!

Dankbare Grüsse 
Euer Thesi

4 Kommentare