blog

19. Blog - Ichinohe JAP - Reiko, warum hast Du gestern angehalten?

Beginnen wir beim Kopf.

Mister Hiroyuki steht mit dem Kompass neben mir, im Zimmer seines Sohnes. Kopfkissen wird nach Osten ausgerichtet. Nur so lässt es sich gesund schlafen.

Sein Sohn ist übrigens in Tokyo auf der Uni…nur so!

Mister Hiroyuki nimmt den Boden nass auf, stellt mir eine Tasse kalten Grüntee auf den Rundtisch und meint ich solle mich erholen. Die Japaner sind scheu? Nicht alle! Wollte vorhin mein Zelt im Park neben dem Friedhof stellen. Es hatte sogar einen Wasserhahn. Mister Hiryuki’s Joggingrunde geht beim Friedhof vorbei. Hier macht er immer eine Verschnaufpause und ein paar Dehn-, Streckübungen. Frage ihn ganz höflich ob das wohl in Ordnung sei, wenn ich hier mein Zelt stelle?! Er setzt sich auf die Bank und denkt nach. Er denkt eine ganze Weile. (habe ich hier in Japan übrigens schon öfters beobachtet, man nimmt sich Zeit zu denken, just a moment, i have to think!)«Besser Du kommst zu uns nach Hause! Komm mit». Er ist ein schneller Läufer, beim «Hoger» mag ich ihm kaum nach, jesses!

Vor seinem wunderschönen, japanischen Haus ist die Aufregung gross. «Aus der Schweiz? Den ganzen Weg aus der Schweiz? Aus DER Schweiz?? Schnell ruf die Tante an, die glaubt nicht, dass wir eine Schweizerin bei uns haben! Weck den Grossvater auf!». Schon verrückt, hier kennt jede und jeder die Schweiz. Denke zurück, als ich damals durch Länder fuhr, wo die Menschen gar nicht wussten, dass es eine Schweiz gibt. Noch nie von dem Land gehört.

So anders hier.  Und ich fahre ja auch durch winzige Dörfer, wie dieses. Auf meiner Papierkarte, sowie auf dem maps.me App gar nicht eingezeichnet. Die Gastfreundschaft der Familie ist einfach total herzlich. Kann Duschen und schon steht ein Menu auf dem Tisch. Reis, Kimchee, Eiersuppe, Kabissalat und Schweinefleisch. «Bist Du Christ? Katholisch? Darfst Du Schweinefleisch essen?» :) «Ja, ich esse Fleisch und probiere sehr gerne davon». Auf der japanischen Matte mit richtiger Aurichtung kann ich herrlich schlafen. Am Morgen ist ein stärkendes Frühstück mit Reis, Salat, Lauchsuppe und Banane auf dem Tisch. Mutter schenkt mir noch ein Pack Feuchttücher. Danke Mister Hiroyuki. Für Alles. Arigato!

Bleiben wir bei der Gastfreundschaft – wechseln aber zu Reiko. Die Geschichte beginnt mitten auf der Strasse. Bin wie fast jeden Tag in Hokkaido, bis zuinnerst durchnässt. Muss meine Gedanken enorm fokussieren, dass der Regen mich nicht niederprasselt. Will hier nicht jammern. Was die Menschen im Südwesten Japans zurzeit durchmachen ist ganz, ganz schlimm.

Sehne mich für einen kurzen Moment nach Zuhause. Sehne mich danach wie ich an der Holz-Tür anklopfe, warte und Mama öffnet. Es riecht nach Ofenkartoffeln mit Rosmarin. Natürlich mit einem Schuss Olivenöl aus der Toskana. Sie drückt mich. Verweile in Gedanken. Ist es eine Träne? Oder ein Regentropfen der über die Wange rollt? Just in diesem Moment hält ein Auto vor mir. Die ältere Dame winkt mir zu. «Hallo, entschuldige, dass ich dich aufhalte. Bist Du aus der Schweiz? Ich war vor 42 Jahren in Genf, Zürich und Interlaken. Bin Dir eine Weile gefolgt. Gerne möchte ich Dir diese Karamellbonbons schenken und da noch eine Spezialität aus Hokkaido. Zur Stärkung. Entschuldige, dass ich dich aufhalte, tut mir wirklich leid. Mein Name ist Reiko.» Jetzt ist es definitiv eine Träne! Wisst ihr, für mich ist das kein Zufall. Wenn ein Gedanke auf die Realität trifft! Habe keine Termine und alle Zeit der Welt. So plaudern wir im Regen. «Es ist noch weit bis Hakodate! Wenn Du ankommst, lade ich Dich zu Sushi ein, ruf mich an, wenn Du da bist. Pass auf Dich auf. Fahre vorsichtig!»

Schon fährt sie mit den Warnblinkern davon. Warum darf ich immer wieder so netten Menschen begegnen. Ich bin ein Glückspilz! Dafür danke ich jeden Abend.

Es regnet die ganze Nacht durch. Hab schlecht geschlafen. Ziehe aber in der Früh motiviert die feuchten Kleider an. Ab nach Hakodate. Reiko wartet. Ein Japaner schenkt mir unterwegs noch ein Bier mit Whiskey. Ein anderer Kekse.

Finde ein günstiges Hostel. Also es war eher eine Wohnung. Der Mann lebt alleine hat ein Restaurant und ein leerstehendes Zimmer. Reiko holt mich um 17:40 Uhr hier ab. Im besten Sushishop der Stadt esse ich das allerbeste Sushi. Japaner kommen sogar von Osaka mit dem Flieger um hier Sushi zu essen. Der Sushi-Master ist seit 42 Jahren im Geschäft. Die Kunst hat er seinem Sohn weitergegeben. Zusammen zaubern sie. Mutter ist an der Kasse. Das ist echt ein Erlebnis. «Reiko, sag mir, warum hast du gestern angehalten?». «Ich sah, dass du eine Frau bist und aus der Schweiz kommst, so traute ich mich. Die Reise damals in die Schweiz werde ich nie vergessen. Und, ich denke es ist wichtig mit Menschen von anderen Kulturen und Nationen in Kontakt zu kommen. Magst du lieber Lachs oder Aal?» Lachs.

Reiko erzählt mir ihre Geschichte. Ein kurzer Ausschnitt? Gut. Als ihre beiden Kinder zur Schule gingen wollte sie die Autoprüfung machen. Ihr Mann ist Arzt und war nicht begeistert von der Idee. Es könnte was passieren. Ein Unfall, unvorstellbar wenn erst noch die Kinder hinten drin wären. 25 Jahre später, als die Kinder ausgezogen sind, hat sie sich heimlich für Fahrstunden angemeldet. Als sie bestanden hatte, zeigte sie ihrem Mann den Ausweis! Er freut sich. Sie sitze jetzt ja alleine im Auto. «Weisst Du, 25 Jahre habe ich gewartet aber ich habe es gemacht! Toll gell?! So kann ich nun von Sapporo aus mit dem Auto meine Tochter und Enkelin in Hakodate besuchen. Komm wir probieren noch den Hering!»

Ich bin so stolz auf Reiko. Ich esse hier Sushi mit einer 70-jährigen Dame und merke, wir sind Freunde. Drei kleine Kuhglöcken aus einem Tourishop in Interlaken hat mir Mama ins Gepäck eingepackt. Sie sagte vor der Abreise: «setzte sie weise ein!». Reiko bekam das erste Glöcken. Sie strahlte und drückte mich.

Genau diese Momente machen diese Reise aus!

 

Liebe Grüsse aus Japan

Euer Thesi

1 Kommentare

18. Blog - Sapporo JAP - Mikado in Hokkaido

Alles war trocken. Alles wurde nass. Alles ist wieder trocken!

Die letzten paar Tage - ein reines Geduldsspiel. Diese Erkenntnis habe ich aber erst jetzt. Jetzt wo ich hier im trockenen, grasgrünen Schaukelstuhl sitze. Sapporo – bekannt durch die Olympischen Winterspiele wo Marie-Theres Nadig und Bernhard Russi 1972 jubelten – für mich der Ausgangspunkt für eine Runde auf Hokkaido.

Freddy wartet draussen im strömenden Regen. 100% Regen sagt das Wetterapp. Da auch in den nächsten Tagen keine Wetterbesserung in Aussicht ist, warte ich nicht, sondern fahre los. Die Route steht, die Würfel sind gefallen, wie die Stäbchen beim Mikado. Jetzt gilt es die meisten Punkte aus dieser Regenfahrt herauszupicken. Meine Stimmung probiere im Top-Bereich zu halten. Nach Tagen ist alles nass, bis auf den Schlafsack, der ist nur feucht. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen nass und feucht!

Unterwegs treffe ich auf Y-Lee (Uailii). 54-jähriger Mann aus Taiwan, mit dem Ziel, den nördlichsten Punkt Japans per Rad zu erreichen. Ausgerüstet mit Rucksäckli, 800 Gramm Zelt und Geldbeutel! Leichtgewicht. Wir verstehen uns gut. Sind gemeinsam unterwegs. Er fährt ca. einen Schnitt von 24km/h. Da muss ich mit meinem 18er Schnitt mächtig in die Pedale treten. Das ist gut so. Fordert mich. Geht’s bergab überhole ich ihn natürlich, da kommt mir das Gewicht zu Gute. Das Gefälle gefällt mir sowieso!

Munter erreichen wir das Kap Soya, die Freude natürlich gross. Wir geben uns einen Handschlag und klopfen uns auf die Schultern wie alte Freunde. Er hat sein Ziel erreicht, grossartig! Im Touri-Shop kaufe ich ihm einen Kleber als Erinnerung.

In leisen Gedanken sehe ich mein Ziel vor Augen und erinnere mich an das Gefühl von damals als ich in Nepal ankam. Ich spüre, dass ich wieder in Nepal ankommen werde. Geniesse diesen Gedanken, verweile darin, möchte ihn anhalten. Realisiere, dass dieses letzte Mikado-Stäbchen aber noch weit unter anderen verborgen liegt. Zwischendurch lugt es hervor. Davor gilt es alle anderen sicher und sorgfältig vom Feld zu nehmen. Bedacht. Behutsam. Konzentriert und Fokussiert.

Am Abend vor dem Zelt meint Y-Lee, er fahre nun wieder auf der Route 40 zurück nach Sapporo. Wir werden uns also Morgen verabschieden, ich werde der Küste entlang fahren und dem Gegenwind trotzen. Er fährt früh los, liege noch bequem auf meiner roten Isomatte, öffne den Reisverschluss und schon ist er weg. «Komm gut nach Hause Mister Y-Lee, es war mir eine Ehre mit Dir zu fahren. Go for it man!». Immer wieder hat er gesagt: «Enjoy! Enjoy!». Geniesse!

Egal wie mühsam die Umstände sind, ich muss versuchen immer wieder einen Geniessmoment in der Situation zu finden. Glückt es mir ein Mikado-Stäbchen ohne ein anderes zu berühren sorgfältig aufzuheben, geniesse ich die Sekunde wo ich weiss, es ist geglückt. Die Punkte zählen! Er hat mir eine ganz wichtige Eigenschaft in meinen Rucksack gepackt. Geniesse!

Drei Stunden später, an der Küste, die Wolken sind tief, der Regen heftig mache ich halt beim Seicomarket. Wer sitzt am Boden? Mister Y-Lee! «Was machst Du denn hier?». «Hab gedacht ich fahre nun auch Küste! Du warst aber schnell hier!». So schön. Schon nach wenigen Kilometern merke ich, bei ihm ist die Luft draussen. Er fällt weit zurück, nach wenigen Minuten sehe ich ihn nicht mehr im Rückspiegel. Was ist los? Schleppend kommen wir voran. Der Wind macht ihm zu schaffen. Sofort kommt mir die Situation am Cho-La Pass im Himalaya in den Sinn. Wir waren auf einer Höhe von ca. 5300M.ü.M. Mindu, mein Guide merkte sofort, ich lasse nach.  Er ging vor mir, mein Blick waren auf seine Schuhe gerichtet. Ein Schritt nach dem Anderen. Ich kann. Ich will. Ich muss.

Jetzt ist es wohl an mir, Mister Y-Lee mental zu ziehen. Kann ich das überhaupt? Merke mir sein durchschnittliches Tempo. 7km/h. Fahre konstant vor ihm mit 10km/h. Nach sieben Stunden im Sattel und der ungemütlichen Kombination von Dauerregen und Wind geht nichts mehr. Bei Dunkelheit haben wir einen Platz gefunden um das Zelt zu stellen. Er sitzt da und starrt auf den Boden. «Hey Man! Los! Stell dein Zelt auf, pack die Isomatte aus, zieh etwas einigermassen Trockenes an!». Es kommt noch übler…

Am nächsten Tag, nach 30 gefahrenen Kilometern ist die Strasse gesperrt. Alles zu. Auch die nächste Passstrasse die uns zurück auf die Route 40 bringen würde ist gesperrt. Alles überschwemmt. Ein Einheimischer sagt, wir müssen zurück in den Norden. Konkret heisst das, die 300 Kilometer wieder zurück. Mister Y-Lee setzt sich auf die Strasse, isst erstmal eine Banane! Übermorgen geht sein Flug zurück nach Taipeh und wir sitzen hier fest. Kein Zug. Kein Bus. Strassen zu. Irgendwie schaffen wir das! Wir fahren zum nächsten Seico-Market essen Nudelsuppe und denken.

Ich bestelle mir beim Universum eine Lösung. Unglaublich aber wahr…5 Minuten später fährt ein Lieferwagen zu. Der gute Mann bietet an, uns auf den nächstmöglichen Pass zu fahren. Echt jetzt? In Minuten sind unsere Räder eingeladen, Mister Y-Lee zwischen Speichen und Pedalen eingeklemmt geht die Fahrt los. Zuerst zu ihm nach Hause, seine Frau will uns begleiten und gibt uns je ein trockenes Frottiertuch. Soo lieb. Im nächsten Laden kaufen sie uns einen Reissnack, Poulet und warmen Tee. Dazu ein Pack Wärmepflaster. Also wirklich jetzt, wir sind Engeln begegnet! Die Fahrt auf den Pass ist nicht einfach kurz um die Ecke, nein es sind knappe 80 Kilometer! Einfach so! Würde ich wildfremde, nasse Dreckspatzen von Spiez nach Solothurn fahren? Einfach so? Ganz ehrlich…wohl kaum!

Wir wollen ihnen Geld geben für das Benzin. Das wird vehement abgelehnt. Sie umarmen uns und fahren davon. DANKE! Zum Glück hatte ich noch 2 Tafeln Schokolade aus der Schweiz in der Tasche!

Am Abend im Zelt rollt mir eine Träne runter…diese grenzenlose Gutmütigkeit von den Beiden kann ich kaum fassen.

Mister Y-Lee steht vor meinem Zelt: «ich werde morgen den Zug bis nach Sapporo nehmen, ich kann nicht mehr. Danke hast Du mich gepusht».

Auch ich schaffe keine weitere Nacht mehr im Zelt. Womöglich schon. Aber ich will ins trockene brauche eine Pause nach diesem 1000km Loop. 220 Kilometer bis nach Sapporo. Schaff ich das in einem Tag? Eher Nein. Nach 100km habe ich normalerweise genug. Es beginnt zu rattern im Hirn. Möglich sollte es aber schon sein. Rechner, Karte und Kugelschreiber hervor. Ich stelle einen Plan auf!

Wenn ich einen Schnitt von 17km/h fahre, alle 25 Kilometer 10 bis max. 15 Minuten Pause mache bin ich in 14h und 30 Minuten in Sapporo. Muss also um 03:00 Uhr aufstehen und um 04:00 Uhr losfahren. Der Plan steht. Ich werde mich an meine Grenze pushen und es schaffen. 80% ist hier Kopfsache. Es regnet die ganze Nacht durch, der Morgen bringt keine Ruhe. Los geht’s, das ist mein Tag! Punkt 04:00 Uhr bin ich gesattelt. Es gibt immer wieder schwierige Mikado-Stäbchen im Spiel!

Komme gut voran trotz Regen. Schwimme in den Schuhen. Und die Polstervelohosen…könnt ihr euch selber ausmalen. Nach 150 Kilometer wird es schwierig. Werde müde. Nach 180 Kilometern schlage ich mir regelmässig ins Gesicht, schlafe fast ein. Die Beine treten und treten. Denke an nichts. Nach 200 Kilometer werde ich sehr langsam. Kann den Schnitt nicht mehr halten. Hatte aber zwischendurch einen 30er dank Rückenwind. Sechs Bananen. Drei Nudelsuppen. 224 Kilometer. 12 Stunden reine Fahrzeit. Um 18:59 Uhr stehe ich vor dem Hostel.

Timing is everything! Plan aufgegangen. Dieses Mikado Stäbchen ist gesichert.

Mein Körper ist nicht gemacht für eine solche Strecke mit vollbepacktem Göppel. Aber ich weiss jetzt, mein Kopf kann eine solche Strecke schaffen. Eine wertvolle Mikado Runde in Hokkaido!

 

Geniesser-Grüsse aus dem Norden Japans

Euer Thesi

6 Kommentare

17. Blog - Kyoto JAP - Eigentlich wollte ich nur Spülen...

Japan. Osaka. Es regnet wie aus Kübeln. Stehe neben Freddy in der Türe der Ankunfts Halle und blicke auf die Schiffscontainer. Vor mir eine riesen Metropole, in mir kein Plan wohin.

Nach Nagoya um die Fähre mit Umwegen nach Sapporo hoch zu erwischen? Nach Kyoto um die Stadt zu erkunden? Von da aus weiter nach Tsuruga um die Direktfähre nach Tomakomai zu nehmen? Entscheide dich thesi, es wird sowieso den ganzen Tag regnen. Entscheide dich einfach! Hü! Erst mal kurz auf die Toilette!

Und aus kurz wird lang! Eigentlich wollte ich nur spülen aber da hat es soo viele Knöpfe, das braucht Zeit! Bin echt überfordert, gibt’s da eine Anleitung auf Englisch? Nun gut, drücke ich eben mal den ersten Knopf. Der WC-Ring ist übrigens geheizt (ohne einen Knopf zu drücken). Hoffentlich komm ich da trocken raus. Oh ganz klein ist es doch in Englisch geschrieben: «Bidet». Nein Danke. «Spray», was jetzt? Duftspray? Ach so, der Po wird nass. Es reicht dann auch mal, wo stell ich das wieder ab? Vielleicht beim «Water Pressure»? Eh, nein da Regnets nur noch mehr! «Stop», geschafft der «Spray» hat gestoppt. Das High-Tech WC munter mich förmlich auf! Was haben wir noch? Hoppla, jetzt wird da unten geföhnt. Der «Sound» Button ist verlockend, vielleicht ist ja Radio BeO eingestellt. Leider nicht, der Sound ist das Spühlgeräusch, aber es spült gar nicht! Himmel, also «Sound Stop». Vielleicht läuft was bei «Power Deodorizer», was heisst Deozorizer überhaupt? Zum Glück gibt’s auf der Toilette freies WLAN, so übersetze ich das Wort erstmal bevor ich den Powerknopf drücke, will ja nicht gleich alles in die Luft jagen. Desodorierer, aha und was heisst das jetzt? Sitze grad in der Patsche, habe schiss auf der Toilette einen Knopf zu drücken…no risk no fun! Die Toilette beginnt mit komischen Geräuschen, ojeoje soll ich wohl den «Emergency Call Buton» drücken? Und dann? Steht da urplötzlich ein Toilettenretter vor der Tür? Ganz ruhig, muss doch zuerst einmal spülen, wo um Himmels willen ist die Spülung?! Ah, da oben auf dem Deckel, drei Knöpfe, ich drücke mutig den ersten, uff es spült. Geschafft. Aus reiner Neugier drück ich noch den zweiten, da kommt weniger Wasser, ach das ist ja wie bei uns. Der dritte ist mit Eco angeschrieben. Den Sparmodus. Et Voila!  Jetzt weiss ich bescheid und brauche einen Grüntee, aber Dali!

Draussen Regnets immer noch. Macht nichts, bei der nächsten Toilette kann ich wenigstens mein Po trocknen oder eben Föhnen! Alles eine Frage der Einstellung.

Die 50 Kilometer Stadtausfahrt schaffe ich nur dank meiner Offline-Karten-App auf meinem Telefon. Das kann auch alles Unmögliche und mögliche. Nach ruhigen, knappen 5 Kilometer entlang dem Fluss begann dann auch schon wieder die 20 Kilometer lange Stadteinfahrt nach Kyoto. In Gedanken bin ich immer noch geflasht von der High-Tech Toilette. Der Wahnsinn!

Kyoto. Habe hier eine hübsche Unterkunft gefunden. Eigentlich wollte ich in einem 7 Eleven nur eine Cola kaufen. Habe ich auch, eine farblose. Clear heisst die Cola und sieht aus wie Wasser, schmeckt aber wie Cola. Also ich find’s spannend hier. Beim hintersten Regal war dann ein Pfeil mit «Fairfield Rooms» angeschrieben. Hat der Laden hier nebst farbloser Cola auch Zimmer? Der Verkäufer begleitet mich kurzum in den 5. Stock und schon stehe ich an der Rezeption. Sie haben ein Bett frei, super günstig und zentral. Gebucht! Hier bleibe ich und schaue mir die Stadt an. Der Nachteil, Freddy hat hier keinen Platz, es ist eine Art Kapselhotel. Beinahe wie in einem Mottenzelt! (Google it!:)

Freddy stelle ich 2 Häuserblocks weiter vorne bei einem überfüllten Veloparking ab. Er schafft das schon!

Zurück in meinem Mottenzelt. Zum Glück habe ich keine Platzangst. 25 Schlafkapseln sind in diesem Raum. Mit meinen knappen 1.80 kann ich gut sitzen ohne den Kopf an den Holzbrettern über mir anzuschlagen. Steckdose, Licht, Matratze, Kissen, Decke alles da. Das Beste: Mit einem Reissverschluss schliesse ich das Loch, eben wie bei meinem Zelt…oder einem Mottensack.

Eigentlich wollte ich euch jetzt von den schönen Tempeln in Kyoto erzählen, aber ich habe mir noch ein Matcha-Eis versprochen. Matcha? Ja, gemahlener Grüntee in Eis verpackt – hatte heute schon eines, hab mir aber gleich noch eines versprochen bevor ich in mein Mottenzelt husche.

Also ein Tempelfoto muss für Heute reichen :)

 

Chaotische Kyoto Grüsse

Euer Thesi

3 Kommentare

16. Blog - Busan KOR - Kennt ihr den Freddy-Griff?

Psst, nicht zu laut! Ich bin’s Freddy.

Habe mir eben den Computer geschnappt und übernehme diesen Blogeintrag.

Thesi ist gerade furchtbar gestresst und dazu noch genervt. Besser ich schreibe ein paar Zeilen, schliesslich sind wir ja ein Team und mich kann man für mehr brauchen als nur zum rumsitzen HA!
Danke übrigens für all die Grüsse die ich immer wieder bekomme. Mir geht’s soweit prima, hab ja jetzt den Südkoreanischen Passport bekommen. Klar, bin natürlich mächtig stolz darauf und das als waschechter Engländer. Aber viel lieber hätte ich ein bisschen Fett auf meiner Lederhaut. Zum Glück ist die Luft feucht sonst wäre ich schon lange ausgetrocknet. Bekomme ich nicht bald das nötige Fett, hänge ich einfach meine raue Seite raus. Ich bin hier nämlich der Chef im ganzen Umzug, der Pilot, die Zentrale. Ohne mich geht gar nichts, muss einfach mal gesagt sein. Jawohl. Bin aber ein geduldiger Chef, bis auf das Thema Fett, da werde ich ungeduldig.
In meinem Hals laufen alle Fäden zusammen, damit Thesi möglichst komfortabel und sicher fahren kann. Dann und wann bekomme ich einen dicken Hals, sag ich euch! Der Rückspiegel spurt zurzeit nicht wie er sollte. Er kam ja in Deutschland mit an Board. Es gibt Zeiten, da hat eine Schraube locker und steht Kopf in die falsche Richtung. Wiederum ist er stur und lässt sich nich von seinem Kurs abbringen. Aber das kriegen wir schon noch hin. Ab nächster Woche, wenn wir in Japan sind, wird er gezügelt – auf die rechte Seite. Vielleicht braucht er einfach einen Perspektivenwechsel. Helmi, die Schildkröte sitzt zuvorderst und hält Ausschau nach Hindernissen und ist auch erster Navigator. Er kennt den Weg, war er ja bereits in Nepal. Helmi ist oft im Mittelpunkt, weil die Schildkröte gerade in Korea als Tier mit hohem Bedeutungsgehalt gilt. Langlebigkeit, Stärke und Ausdauer, passt wie der Panzer auf die Kröte!

Die indische Hupe aus der Schweiz ist eher ruhigen Naturells. In den Tunnels freut sie sich aber wenn sie ihr Können zum Besten geben kann.
Was die Technik anbelangt sind wir à jour. Der Bordcomputer zeigt alle möglichen Werte an, wie zügig wir unterwegs sind aber auch die Temperatur. Wir sind Fieberresistent, Wasser in den Stahlbeinen kennen wir auch nicht.
Im hinteren Teil werden jeden Morgen die Schweizer und Berner Segel neu gesetzt. Die beiden sind sich immer einer Meinung und verstehen sich prima. Die Tibetischen Gebetsfahnen hüten das Ziel ganz sorgfältig und sind für die Motivation zuständig. Wen haben wir noch? Mein goldiger Untersatz natürlich. Mit jeder Strasse kommt das Tout Terrain zurecht und es glänzt. Thesi befreit es alle paar Tage von Staub und Dreck. Meiner Meinung nach bekommt der Untersatz zu viel Aufmerksamkeit über, wenn wir in Betracht ziehen, dass ich seit Wochen auf ein wenig Fett warte! Dafür bekomme ich jeden Tag ein Mersi und ein Kompliment: «Guet gmacht Freddy! Mersischön!». Das schmeichelt mir natürlich und werde somit jeden Tag ein bisschen weicher. Über Nacht muss ich meistens unter die Haube. Jaja ich weiss, es ist zu meinem Schutz, aber ich sehe dann nichts mehr und hab keinen Überblick mehr. Düsteres Kapitel! Die Haube hat aber auch Vorteile. Letzthin bekam ich Besuch von Frau Raupe. Als sie hörte, dass ein Engländer ausserhalb der Stadt sei, machte sie sich sofort auf den Weg. Es war eine kurzweilige Nacht, eines Tages wird sie sich in den schönsten Schmetterling verwandeln.

Nicht nur die Raupe auch die Koreaner fahren voll auf mich ab! Bin schon ein paar Mal fremd gegangen. Aber war nichts Ernstes, hab mich dann als besonders harter Kerl ausgegeben, ihr wisst ja, meine Treue gilt Thesi. 

Wie gesagt, sie ist gestresst, wie so oft in der Stadt. Sie sitzt grad in Busan neben mir auf der Bank, isst die besten getrockneten Apfelschnitze aus der Schweiz, Made im Hause Engel, wohl gerade Seelenbalsam.
Aber wo ist meine Nahrung? Mein Fett?

Nach 115 Kilometern bin ich aber schon mit ein paar Minuten frischer Luft zufrieden. Es hatte viele steile Aufstiege in den letzten Tagen, eher kurze aber sehr intensive. Sie nimmt mich dann jeweils in den Freddy-Griff und zieht mich sozusagen den Aufstieg hoch. Das mag ich zwar aber genau dann kommt meine schwache Seite zum Ausdruck. Im Freddy-Griff bin ich eher kantig, hab ihr so 3 Blasen an der Hand untergejubelt. Nun, ich werde eben lieber gefahren als gezogen.
Nach einem Umweg zum Bike-Passport Center für den silbrigen Kleber, haben wir direkt den Hafen von Busan angesteuert. Endlich wieder einmal Rolltreppe fahren. Ein Riesenspass und die Sicht ist einfach prima! Im Gegensatz zur Stimmung. Die ist grad nicht so prima. Wir brauchen eine Fähre nach Japan. In fünf Minuten schliesst der Ticketdesk und Thesi ist sich noch nicht sicher ob wir nach Fukuoka oder Osaka schippern sollen. Also eigentlich wollen wir nach Hokkaido hoch, da gibt’s aber keine direkte Fährverbindung. Nur von Nagoya aus. Gibt’s wohl eine Fähre von Osaka nach Nagoya? Niemand will es wissen. Google hilft mit verschiedensten Infos. Gib Gas Thesi! Das ist wieder einmal eine Organisation, zum davonfahren. Osaka ist eine riesen Stadt, wir könnten von dort auch nach Nagoya radeln und dann die Fähre nehmen. Sie stampft auf den Boden und wohl aus lauter Müdigkeit bucht sie jetzt einfach mal Osaka. Mir recht, ich komme mit meiner Crew überall durch! Bin 24h gesattelt!

Nach ein paar weiteren Kilometern sind wir im Zentrum und suchen eine Bleibe für die vier Nächte bis die Fähre fahrt. Dauert… mich stellt sie jeweils draussen ab, die Koreaner haben echt Respekt vor mir. Würden mich nicht berühren, geschweige dann ein Crewmitglied, eine Tasche zB. mitnehmen.
Nach einer Stunde herumirren findet sie einen Platz in einem 10-er Schlafsaal. Uff bin ich froh kann ich draussen im Hinterhof an der frischen Luft ein wenig auslüften. 

Auf Fett warte ich aber immer noch.

 

Grüsst mir meine Brooks Freunde

Euer Freddy

 

PS. Hab mich extra hübsch gemacht für’s Foto :)

 

3 Kommentare

15. Blog - Donhwamun Road, Seoul KOR - Zeltabbruch

Bin in Seoul. Mit über 23 Millionen Einwohner die 4. Grösste Stadt der Welt. Vorgeschmack auf Tokio. Sozusagen das Amuse-Bouche!
Die 6 stündige Einfahrt ging flott…bis der Fahrradweg endete. Dann war auch ich rasch am Ende. Traubenzucker, Cola, Fluchen und der Gedanke an die Ruhe am Oeschinensee halfen. Anita und Matthew aus Deutschland motivierten mich an einer Kreuzung für die letzten Kilometer. Sie sprachen mich spontan an, sie besucht ihren Sohn der hier im Austauschjahr ist.  Etwas wunderbares, wenn Mütter ihre Kinder in der weiten Welt besuchen!

Es war eine Woche gespickt mit hunderten von Geschichten und Erlebnissen. Drei möchte ich euch erzählen.

Vom Durchhalten und lernen in den koreanischen Bergen. Von Mister Huan (sprich: Uan, das H wird nicht betont) und seinen Steinen. Vom Zeltabbruch.

Erster Tag im Land der Morgenstille. Fühle mich zurückversetzt in die tiefe Kindheit. Klein Thesi kann nicht lesen, spricht in einer eigenen unverständlichen Sprache, die Augen sehen das erste Mal die Welt. Alles neu. Lebe nach Bildern. Wie ein kleines Kind.

Wie ein kleines Kind bekomme ich gleich Starthilfe von Mister Lee (Sprich: Lii). Er schenkt mir Kekse und seine Lunchbox für die Weiterfahrt. Mit einer Oberkörperneigung nach vorne, bedanke ich mich. Bin also ausgerüstet mit Proviant für die Berge. Bis zu 10% Steigung kann mich Freddy in Balance halten. Bei über 10% muss er passen, respektive ich schieben. Aber eben, wer liebt, der schiebt. Ein Pass jagt den nächsten. Griesalp hoch – Griesalp runter – Griesalp hoch! 37 Grad, feucht, 4-5 Liter Wasser trinke ich locker. Ich spüre den Schweiss überall, die Schweissperle von den Brauen läuft beim Blinzeln in das Auge. Das Salz brennt. Bringen mich diese Berge bereits ans Limit? Am ersten Tag? JA!
Der Gedanke stresst mich bis spät in die Nacht, denn es warten noch ganz andere Berge auf mich. Bin Hundemüde aber finde keinen Schlaf. Habe Hunger aber mir ist übel. Könnte ewig hier liegen bleiben, will aber weiter.

Zweiter Berg-Tag: die Beine sind stärker, es geht aufwärts! Kurve um Kurve schlängelt sich die perfekte Strasse durch schönste Mischwälder. Es fühlt sich an, wie ich durch ein grosses Lehrbuch fahre. In der Schule lernen wir was ein Mischwald ist – hier fahre ich hindurch. Wie Reis angebaut wird – hier kann ich dabei zusehen. Wo die olympischen Spiele waren – in Pyeongchang stelle ich mein Zelt direkt neben der Sprungschanze auf. Wir sehen Bilder von Tempeln aus fernen Ländern – hier lege ich eine Pause ein, im Schatten vom Tempeldach. «Wir haben nie ausgelernt» ein Spruch, den ich Zuhause oft höre. Aber lerne ich nur aus Fehlern? Oder will ich immer wieder neues lernen aus reiner Neugier und Interesse?

Mister Huan (das H wird immer noch nicht betont) lernte mich ein Stück Weisheit. Er lebt in seiner selbstgebastelten Wellblechhütte direkt am Fluss. Ein Traumplätzchen, totale Stille, klares Wasser und der perfekte Platz mein Zelt zu stellen. Er erklärt mir am Wasser etwas über die Fische, zeigt mir seine über 700 Steine, kocht Kaffee und so sitzen wir auf Plastikstühlen, er erzählt ich höre aufmerksam zu. Wie gerne würde ich ihn verstehen. Er ist wie ein Grossvater der seiner kleinen Grosstochter Geschichten erzählt. Wer weiss, vielleicht versteht ja das Unterbewusstsein. Sein Hab und Gut? Die Steine. Jeder ist wunderschön und einzig. Für jeden einzelnen hat er einen Holzuntersatz geschliffen. Mit der grünen Kunststoffsprühflasche sprüht er ganz behutsam Wasser auf die Steine, schnell setzt er sich wieder hin und deutet mir, dass ich beobachten soll. Also was jetzt? Steine bewegen sich ja nicht. Aha, ich verstehe…wir beobachten wie der Stein trocknet und langsam heller wird. Echt entspannend. Das hat so was Tiefes, dass mir eine Träne runterrollt.

Käme mir Zuhause nie in den Sinn einen Stein zu besprühen und ihm zuzusehen wie er trocknet. Aber warum auch nicht? Braucht gar nicht so viel Zeit – aber lässt die Zeit vergessen. Am Morgen schenkt er mir einen winzigen Stein für in die Lenkertasche. Danke Mister Huan. An Sie werde ich mich immer erinnern.

Auf der Strasse ist immer was los. Die Koreander winken mir zu, klatschen in die Hände, erkennen sofort die Schweizer-Fahne, wollen das Fahrrad kurz berühren, fragen ob ich zu 100% echte Schweizerin bin «You pure swiss?», können dies dann kaum glauben, machen Fotos, schenken mir Essen, Kaffee, sie begegnen mir soo Gastfreundlich. Überlege dann kurz wie ich den Koreanern in Interlaken begegne? Meistens weiss ich gar nicht, dass es Koreaner sind. Einfach die Asiaten, die von allem möglichen und unmöglichen Fotos knipsen. Von der Mülltonne, über den Zug bis zum Trottoir. Wisst ihr was? Ich bin genau gleich, ich fotografiere Seifenspender, Toiletten und Veloständer. Was denken sie wohl, über diese knipsende Ausländerin?! Eines weiss ich, den Koreanern werde ich in der Schweiz nun anders begegnen.

 

Zeltabbruch. Die Sonne geht gleich unter und ich kaufe mir im Städtchen Yanggu noch kurz was zum Essen ein. Übernachten will ich beim See, der laut meiner Karte 10 Kilometer weiter westlich liegt. Eine Nebenstrasse führt dem See entlang. Wunderschön. Keine Autos. Das Problem: Rechts geht es steil hoch, links ist die Leitplanke und der steile Abhang runter. Unmöglich zum Wasser zu kommen. Fast wie auf der Axenstrasse zwischen Brunnen und Flüelen. Beim nächsten Häuschen in einer Nische, frage ich die gute Dame, ob ich mein Zelt hier stellen darf. Sie deutet mir, ich solle warten bis ihr Mann nach Hause kommt, sie müsse ihn fragen. 40 Minuten später immer noch kein Ehemann da. In 15 Minuten ist es dunkel. Erneut frage ich. Sie wirkt gestresst und schickt mich fort. Dumme Kuh, denke ich im ersten Moment, hättest Du mir ja gleich sagen können. Sofort bündle ich meine Gedanken, «Thesi, hör auf! Du kennst ihre Situation nicht, weisst nicht was sie für einen Mann hat. Entwickle gute Gedanken für sie! Verabschiede Dich nett mit einem Lächeln!».

Ein paar Kilometer weiter, erneut eine Nische die von einer Holzwand getrennt ist. Hier bleibe ich! Beste Sicht auf den See morgen früh, perfekt. Als ich hinter die Holzwand abbiege, sehe ich einen Mann auf der Bank, geschätzte 45 Jahre alt. Auf seinem Schoss das etwa 8jährige Mädchen. Er küsst es auf den Mund. Mist! Er erschrickt als er mich sieht. Wie gesagt es ist schon dunkel. Er springt auf und fragt irgend etwas. Rieche seine Alkoholfahne von weitem. Mir ist übel, könnte ihn ankotzen. Frage das Mädchen ob alles ok sei? Sie nickt scheu. «Ist das Dein Vater?» Erneut ein stilles Nicken. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr spürt, dass die Spannung in der Luft liegt? Er will wissen ob ich alleine bin? Jetzt verstehe ich auch mal kein Wort. Ob ich hier übernachten will? (Die Kommunikation ist lediglich mit deuten) Ich überlege kurz…weiter fahre ich ja eh nicht, wenn ich hierbleibe, verzieht er sich bestimmt. Mit klarer, sicherer Stimme: «Ja ich bin alleine, und ich werde hier übernachten!». Mit seinem Zeigefinger setzt er bei seiner Kehle an, zieht einen Strich durch den Hals und deutet auf mich. Mich schaudert es. Weiss aber gleichzeitig er ist angetrunken. Er will mir die Hand geben. Wie du willst, dir gebe ich einen richtigen Händedruck. Drücke mit aller Kraft zu, lasse ihn spüren, dass ich auch nach 2 Passfahrten und über 100 Kilometer noch Kraftreserven habe! Er zieht mit dem Mädchen davon. Zu Fuss, er ist wackelig auf den Beinen. Ist es eventuell der Mann von der Frau vorhin, die mich fort geschickt hat?

Mit Pfefferspray und Sackmesser in der Hosentasche beginne ich das Zelt zu stellen. In diesem Augenblick beginnt ein Vogel ganz laut und irgendwie nervös zu zwitschern. Nein ich bilde mir das nicht ein! Alle Sinne sind in einer solchen Situation geschärft. Was sagt mir der Vogel? Ja stell das Zelt auf, das passt schon. Oder, nein Du kannst hier nicht übernachten, zu gefährlich (und das in einem der sichersten Länder der Welt). Keine Ahnung.

Bin parat für die Nacht, Zähne geputzt, alle Taschen im Zelt. Bin ich wirklich parat? Nein! Mein Puls ist super hoch, kann mich nicht beruhigen. Der Mann weiss wo ich bin, was wenn er mitten in der Nacht kommt? Wage zu behaupten, dass ich stärker bin als er, er ist wakelig auf den Beinen und einen Kopf kürzer als ich. Bin mir aber nicht sicher. Stehe vor das Zelt und versuche zu hören, auf mich zu hören. «Kann ich hier übernachten?» Etwa 45 Minuten sitze ich im dunkeln vor dem Zelt. Gebe mir noch exakt 5 Minuten Zeit. Sind die 5 Minuten rum, gehe ich entweder ins Zelt, oder fahre zurück nach Yanggu. 2 Kilometer weiter vorne ist ein Aufstieg zur beleuchtenden Autobahn. Dort könnte ich hoch und sicher zurück fahren.

Aber was ist mit dem Mädchen? Was hätte ich tun können? Weiss sie, dass es falsch ist was er mit ihr macht? Ich bete zum Universum, dass sie es eines Tages weiss und sich wehren kann! Hätte ich mehr für sie tun können? Bei der Polizei melden? Hab aber kein Foto. Verdammte Scheisse!!!

Die 5 Minuten sind rum, ich schaff es einfach nicht ins Zelt zu gehen. Also Zeltabbruch. In diesem Moment höre ich den Vogel erneut, er singt. Nein ich bilde mir das nicht ein!

Eine Stunde später bin ich mitten in der Nacht zurück in Yanggu. Genug für heute. Stehe Minutenlang unter der kalten Dusche. Liege im Bett und Atme tief ein und aus. Puls kommt runter. Aber noch heute beschäftigt mich die Situation.

Es ist nicht immer nur ein Spass durch die Welt zu radeln…Es ist intensiv. Es ist prägend. Und es ist alles freiwillig!

 

Danke fürs Lesen und beste Grüsse aus Seoul

Euer Thesi

5 Kommentare

14. Blog - Auf hoher See zwischen Wladiwostok (RUS) und Donghae (KOR)

Einzig dieser Platz hier. Perfekt um diesen Blog zu schreiben. Sitze auf einer Holzbank inmitten vom Japanischen Meer. Klar auf einem Kutter! «Eastern Dream Panama». Will ich doch gar nicht nach Panama. Pha!
In 23 Stunden bringt die Fähre mich nach Südkorea. Donghae (sprich: Donghää, ohne das g zu betonen). Kein Mensch hier auf Deck zu sehen, wohl zu kalt. Aber mit dem richtigen Equipment ist es keineswegs kalt sondern Merinowolligwarm. Wie oft sehnte ich mich im letzten Jahr nach einer Meeresbrise. Nun, hier ist sie. Es ist wohl eher ein starker Wind als eine Brise. Oh, ich merke gerade, dass ich Rückwärts fahre. Das geht gegen mein Prinzip, ich probiere nie zurück zu schauen. Aber hier ist es nun mal der schönste Ausblick, auf die endlose Weite des Ozeans, auf das Wasser auf die Rettungsboote. Links und rechts hängen sie in der Luft. In Ski-Bügellift-Oranger Farbe. 85 Personen sollen da drin Platz haben?! Freddy würde nicht einmal durch die Eingangstür passen, der arme der!
Es rattert und dampft. Wage immer wieder einen scheuen Blick Himmelwärts. Mama sitzt dort oben im Flieger. Der Abschied war einmal mehr traurig. Sehr traurig. Werde mich wohl nie ans Loslassen gewöhnen. Loslassen von Begegnungen unterwegs oder von schönen Plätzen, das geht immer besser. Aber von Mama…schwierig! Satte 9 Stunden sitzt sie in der Aeroflotmaschine nach Moskau. 9 Stunden über das selbe Land fliegen, kann ich kaum fassen. Als wir in Wladiwostok eingefahren sind, sagten wir zueinander «diese Weite Russlands ist unglaublich beeindruckend! Auf der Transsib Strecke wird sie ein wenig greifbar». Die gemeinsame Reise bleibt tief im Herzen. Danke Mama bist Du so weit gereist, hast mich besucht. Nicht jede würde das mitmachen. Schon verrückt, Mütter tun so vieles für ihre Kinder, wollen das Beste für sie, stecken ihre Wünsche zurück, sind die Starthilfe ins Leben und immer für einem da. Aber was können wir…nein, ich kann nur von meiner Sicht aus schreiben…aber was kann ich ihr zurückgeben? Wohl einfach ein ehrliches Dankeschön!
DANKE.

Nun gut, wenn ich den Blog fertig geschrieben habe, drehe ich mich um und schaue nach vorne, denn da vorne warten 15 Monate intensive Lebensschule auf mich. Und Nudelsupppe. Hab noch keine südkoreanische Won gewechselt, ich Lappi. Aber wer noch keine Won hat, hat schon Nudelsuppe in der Tasche und auf dem Kutter gibt’s heisses Wasser aus dem Pot. Eben «Eastern Dream»! Ach übrigens das Einschiffen war einfach genial! Alles klappte wie am Schnürchen.
Bei Igor in einem Hinterhof hab ich das hinterlegte Ticket welches mir Ines vom Globetrotter besorgt hat abgeholt. Die Taschen wurden 2x gescannt und der koreanische Beamte hatte mortz Freude an meinem Göppel. Er hat gleich selber mitangepackt beim Ab- und Aufladen. Bereits vom Check-Point aus sah ich die steile, endlose Treppe zum Kutter hoch. Ein Hoch auf die Treppen! Sie verfolgen mich! Aber auch die Dream Panama Schiffsmänner haben mich von weitem gesehen. Zwei eilten herbei und übernahmen Freddy. Hievten in Stufe für Stufe ganz behutsam hoch bis in den Car, Car wie sagt man, Carportbootgarage...oder so. Wirklich sehr nett, hab ihnen gleich eine Tafel Schokolade geschenkt, sie strahlten! An dieser Stelle einen lieben Gruss an die Schokoladenspender aus dem Oberland. Ihr seid super!

Eine Gruppe Südkoreaner hat sich inzwischen zu mir gesellt. Sie tanzen auf Deck. So eine Art Ringel, Ringel, Reihe!
Sie lachen sich fast kaputt, weiss zwar nicht ab was aber es steckt definitiv an! Klappe mein LapTop zu und beobachte das Schauspiel. Sooo lustig. Heute morgen hab ich geweint, jetzt lache ich wie schon lange nicht mehr! Auf dem Boden wird ein Menschenstern geformt für das perfekte Foto. Dauert. Der Fotochef kontrolliert, ob auch wirklich alle den «Good» Daumen in die Höhe strecken. Sie setzen sich neben mir auf die Bank für eine Foto mit der Ausländerin. «Sarayenee, Sayareneee» mit den Finger wird geschnipst. Mein Schnipsen war verkehrt, der Fotochef erklärt, die Dame neben mir übt das richtige Schnipsen fürs perfekte Foto. Welch ein Spass und sagt jetzt ja nicht «ich seh gar kein Schnipsen! Vom Fotochef bekomme ich noch 2 "Meal Bons Korean Group". Ja dann, Ahoi!

Euer Thesi

 

PS. Bin gut an Land gekommen. Ein Südkoreanischer Velofahrer hat mich am Shipping Gate gleich entdeckt und mir sein Lunchpacket und Kekse geschenkt. Was für ein toller Start. Bin wieder flott On The Road!

 

1 Kommentare

13. Blog - Im Zug, Sibirien RUS - Uff! Das war knapp!!!

Wir sitzen im Zug 100. Zum Glück! Dank ein paar Tränen. Von vorne...

Der Zug 100 fährt von Moskau bis nach Wladiwostok in einem zug durch. 9259 Kilomter. 1 Woche. 144 Stunden. Die Transsibirische Strecke – die längste Bahnstrecke der Welt. Hochachtung vor den Arbeitern, die diese Strecke bauten und sie heute pflegen. Sie verbindet die Menschen in diesem grossen Land. Einsteigen, aussteigen, im Gang wird ausgetauscht, berichtet, gefragt, beantwortet. Wir verstehen aber kein Wort. Sind die einzigen Touristen in diesem Wagon. Victoria und Ludmilla erklären mit Händen und Füssen, dass der August perfekt sei. Wärmer. Wir sollten dann noch einmal kommen. Es ist aber grad so spannend Orte zu sehen, wenn «Off-Season ist». Wie damals im Februar als mich Mindu zum Everest Base Camp und über den Cho-La Pass führte. Kein Zelt war im Base-Camp gestellt, eine handvoll Touristen, dafür A....Bitterkalt, die reinste Luft mit bester Sicht.

Wie gesagt: Off Season! Ludmilla zeigt auf die Kartoffeln, den frischen Käse aus Nowosibirsk und bietet uns davon an. So lieb. Schmeckt herrlich und das Abteil riecht lange nach.

Während der Fahrt schaue ich am liebsten Stundenlang zum Fenster raus. Sibirien zieht vorüber. Tundra und Nadelwälder. Alle paar Tage stellen wir die Uhr um eine Stunde nach vorne. Morgens um 04:00 Uhr ist es taghell. Das Zeitgefühl habe ich längstens verloren. Wenn es Nacht wird, liege ich bäuchlings im Oberstübli vom Abteil. Lege den Kopf auf die verschränkten Arme und schaue Fern in die Landschaft. Es ist nie ganz dunkel. Diese Weite, diese Zeitlosigkeit. Ich realisiere das erste Mal ganz bewusst, dass ich mehr als ein Jahr vor mir habe. Zeit um zu lernen. Zeit um Neues zu entdecken. Im Lebensgarten säe ich Erlebnisse an – diese werde ich eines Tages als Erinnerungen ernten könnten. Vielleicht werde ich erst dann das Warum begreifen. Oh, ich schweife ab, zurück zur Bahnstrecke.

Mama Katharina, Freddy und ich steigen gerne zwischendurch aus. Um zu duschen, klar aber vielmehr um die Welt hier zu sehen und die Luft zu riechen. In Jekaterinburg klopft der Frühling leise an die Tür. Das Stadion für die Fussball-WM wird fertig gestellt. Die Menschen geniessen im Wintermantel die wärmenden Sonnenstrahlen im Park. Wir beobachten auf einer Holzbank, das «warm laufen» nach sechs Monaten Winter.

Kurz Innehalten und wieder wird es Zeit für die Weiterreise. Immer und immer wieder. Mama und ich sind ein gut eingespieltes Team. Ich weiss echt nicht wie ich ohne sie mit allem Karsumpel in den Zug käme. Beim Bahnhof wird jede Tasche gescannt und heute auch mal von den Polizeihunden beschnuppert. Der Zug 100 hält exakt 30 Minuten in Jekaterinburg. Rund 20 Minuten brauchen wir vom Perron bis wir im Abteil sitzen. Passkontrolle beim einsteigen, Gepäck abladen, Vorderrad abmontieren, Freddy mit Untersatz in einen Velosack packen, diesen in einem anderen Wagon verstauen, Gepäck einladen, fertig. Diesmal läuft alles anders. Komplett anders.

Die Prowodnitsa (danke Wetterfee Eva), Zugchefin hat die Papiere kontrolliert gibt uns das ok zum Einsteigen. Ein Herr in Uniform eilt heran, fragt mich mit strengem Blick etwas auf Russisch. Kein Plan was er will?! Er wird deutlicher, zeigt auf das Velo und ist nervös. Verstehe ich, Freddy kann einem nervös und kribbelig machen. Nun gut, die Situation ist nicht mehr zum spassen, etwas stimmt nicht. Obwohl, genau in solchen Situationen ein bisschen Spass helfen kann. Mit dem Übersetzerapp gibt er mir zu wissen, dass ich ein Billet für das Fahrrad brauche. Ohne Fahrradbillet, keine Zugfahrt. Gut, eine klare Ansage. Aber ein spezielles Billet für das Velo hab ich nicht, dies ist aber so angemeldet. Die Zeit läuft, 10 Minuten bis zur Abfahrt. Er bleibt stur und will ein Ticket sehen. Ich frage ihn wo und wie ich zu einem solchen Ticket komme und ob 10 Minuten dafür reichen, dies zu organisieren. Er weiss es auch nicht und fuchtelt mit seinen Armen ein Kreuz in die Luft und zeigt auf den Zug. Kein Ticket – Kein Zug. Das Basta-Prinzip. Mist.

Acht Minuten, alle sind eingestiegen, wir auf dem Perron mit einem einzigen und riesigen Taschenchaos. Soll ich's drauf an kommen lassen? Will er einfach ein paar Extra-Rubel? Egal, jetzt hilft nur noch eines: Drama, und zwar schnell! Beginne zu weinen - das Improvisieren bei den Theaterproben vor Jahren kommt mir hier zu Gute, hätte ich nie gedacht und lache innerlich - gehe in die Knie, erkläre dass meine arme, gebrechliche Mutter mit schweren Rückenschmerzen unbedingt nach Irkutsk muss, ich sie nur einmal pro Jahr sehe. Ach ihr hättet uns sehen sollen…Theater!

Er schnaubt laut, holt tief Luft auch er ist nun verzweifelt mit uns verzweifelten Touristen. Ohne ihm Platz zu geben für irgendwelche Worte beginne ich lauter zu einer Schrei-Wein-Hilflosigkeit. Er beruhigt mich, schaut nach rechts nach links, wird weich und gibt uns unter einer Bedingung das ok zum Einsteigen. Wir müssen für das Fahrrad bezahlen, er wird sich erkundigen wieviel dies kostet und dann im Zug ein Spezialbillet schreiben. Na also, geht doch! In 5 Minuten haben wir im Eiltempo alles verstaut. Sitzen im Abteil Nr. 6 und könnten jetzt eine Flasche Wodka saufen.

Uff! Das war knapp!!! Drei Stunden später kam er mit dem Handgeschriebenen Billet. Ob wir schon Bettwäsche bekommen haben? Das Wasser für Tee sei heiss. Das Velo ist sicher verstaut. Der schnaubige Herr von vorhin plötzlich so freundlich? Ich mag ihn schon richtig gut. Beim nächsten Halt, halten wir sogar einen Schwatz über den Zug und dies bei Sonnenuntergang. Herrlich.

Sowieso habe ich die Russinnen und Russen jetzt schon ins Herz geschlossen, warum? Im nächsten Blog! Wir machen uns parat zum Ausstieg. Nicht mehr weit bis Irkutsk.

Rollende Grüsse aus Zug 100

Euer Thesi

 

PS. Mittlerweile sitzen wir auf der Olchon Insel bei warmer Schokolade...draussen schneits.

4 Kommentare

12. Blog - Im Zug RUS - Umsteigen bitte!

Sitze im Wagon vier auf Bett 17. Im «Schniidersitz». Spüre die Muskeln in den Oberschenkel, sie ziehen. Das kommt wohl vom Radeln. Kopfkissen polstert den Rücken. Links von mir bearbeitet eine junge Russin Landkartenmaterial am Laptop. Die Haare gekonnt mit einer japanischer Haarnadel hochgesteckt. Ich staune immer wieder wie Menschen ihr Haar gekonnt selber zu einer Frisur püschelen, ich schaff nicht einmal ein anständiger Zopf. Möchte sie gerne nach dem Trick mit der Haarnadel fragen. Sie spricht kein Wort Englisch, ich kein Russisch. Das habe ich verpasst, für eine nächste Reise nach Russland oder Zentralasien würde ich vorher einen Kurs besuchen. Kommt auf meine WürdeTäteHätteIch Liste. Oben ihr liest die ältere Dame in einem roten Buch. Auf dem Cover sind lauter Hunde zu sehen. Wohl ein Hundebuch. Ein Pudel würde zu ihr passen. Sie ist sehr liebenswürdig, hat uns gezeigt wo die Kanne mit heissem Wasser steht, bietet uns Mandeln aus ihrem Nusssäcken an.

Es zieht immer mehr in den Oberschenkeln, ich muss die Beine anziehen. Zum Glück ist der Bildschirm beim Laptop beweglich, eine super Erfindung, so ist die Tastatur nun beinahe senkrecht auf den Oberschenkeln und ich kann aber gleichzeitig gerade auf das Worddokument schauen. Toll! Klappe ich den Bildschirm ein paar Millimeter nach unten, sehe ich Mama gegenüber. So schön. Klappe den Bildschirm hoch und wieder runter, hoch, runter, hoch, runter. Ja sie ist wirklich hier, es ist kein Traum. Wir sind zusammen auf dem längsten Bahnnetz der Welt unterwegs.

Vom Abteil aus sehe ich direkt zum Fenster raus, welches auf dem Gang ist. Zwischen dem dichten Wald lugt immer wieder das Abendrot hervor. Seit nun mehr als 24 Stunden sind wir im Zug, weitere 12 folgen und es sieht immer ähnlich aus. Wald, endlose Weite, Wald, ein Dorf, ein Bahnhof, Sumpf, Wald. Zur Abwechslung stehe ich auf, lehne mit den Armen auf die Stange am Fenster und jedesmal komme in ungeschickt an die untere kleine Vorhangstange, die so knapp berechnet ist, dass sie hinunterfällt. Mit ein wenig Geschick balanciere ich den Bambusstab in die zwei Löcher. Sie hält, bis zum nächsten Anlehnen. Das erinnert mich ans Zugfahren in der Kindheit, am liebsten drückte ich die Nase ans Fenster um fast draussen zu sein. Der Zugschaffner weckt mich aus den Erinnerungen. Er saugt mit einem Art Museumsstaubsauger den grauen Bodenteppich. Pro Wagon hat es eine Zugchefin die zum rechten schaut. Vorne steht der überdimensionale Pot mit heissem Wasser, hinten sind zwei Toiletten. Im Zug von Spiez nach Bern oder Zürich gehe ich nur im äussersten Notfall auf die Toilette. Hier auch mal zwischendurch um mir die Beine zu vertreten. Zwar ein bisschen nass aber erstaunlich sauber. Stinkt auch überhaupt nicht.

Direkt hinter den Toiletten hat es noch eine Türe. Sie ist abgeschlossen, zu recht, dort harrt nämlich Freddy aus. Die letzte Nacht hat es ganz schön gerattert. Gegen 03:00 Uhr hat der Zug abrupt gestoppt. Das quietschen der Bremsen riss mich aus dem Schlaf, der erste Gedanke war natürlich bei meinem Göppel. Steht er wohl noch? Er steht bestimmt! Er ist aus Edelstahl, den haut so schnell nichts um!

Die Gedanken beginnen zu kreisen. Die Zugfahrt gleicht meiner aktuellen Lebens-Situation. In meinem Alltag vor der Reise war ich auf der Schiene unterwegs. Manchmal war die Fahrt ganz sanft, an manchen Tagen ratterte es heftig. Aber die Schiene war gelegt. Ich wusste meine Arbeitszeiten, Termine waren gesetzt wie die Haltestellen. An manchen Haltestellen stieg ich aus und traf Freunde, hatte eine kostbare Zeit mit ihnen und stieg wieder in den weiterziehenden Zug ein. Und an irgend einem Punkt auf der Lebensfahrt ist dann Endstation. Adiömersi. Wieviele Stationen, Haltestellen, Fensterplätze gibt es wohl noch?

Am 03.03.2018 kam zuerst der abrupte Stopp. Er riss mich aus dem "Alltags-Schlaf". Das Leben hat die Bremse gezogen. Dieser Zug fährt nicht mehr weiter. Einmal umsteigen bitteschön. Umsteigen tut mir gut. Verändert meine Sicht auf die Dinge. Umsteigen ist aber auch mühsam. Das Gepäck wird neu gepackt, hab ich alles? Nichts vergessen? Erwische ich den nächsten Zug?

Mir wird von neuem bewusst wie wertvoll es ist Zeit mit meiner Mama nicht nur zu verbringen, sondern auch die Zeit zu Er-Leben. Auch wenn wir Stunden mit zwei anderen Russinen in einem Viererabteil sitzen und nichts tun. Wir sprechen über Dinge, schauen gemeinsam zum Fenster raus, beobachten die Natur. Einfach nur schön. Dank ihr konnte ich überhaupt Umsteigen. Sie ist mein Rückenwind. Das Umsteigen lehrt mich ein Stücken Leben. Das Mühsame dauert nur einen Moment. Aber auch dieser Zug wird einmal anhalten. Ich habe grosses Glück, dass mein "Zugnetz" viele Anschlüsse und Verbindungen hat. Das Umsteigen an sich ist nicht selbstverständlich. Dafür danke ich jeden Abend.

Langsam wird es Dunkel, aber nie ganz, um 04:00 Uhr ist es schon wieder taghell, die Sonne scheint. Seit St. Petersburg haben wir die Uhr zweimal nach vorne gestellt. Wir sind der Schweiz 3 Stunden voraus. Bis nach Wladiwostok sind es dann +8 Stunden. Es ist ein riesen Gump.

Wenn Züge gumpen :)

Liebe Grüsse aus Wagon 4

Euer Thesi

2 Kommentare

11. Blog - Moskau RUS - Hurra!

Das war knapp! In letzter Minute erwischten wir den Zug 760 der im Eiltempo von Moskau nach St. Petersburg hoch rattert. Im Zugfernseher zeigen sie gerade einen Film, wie eine Maus im Versuchs-Labor Stromschläge bekommt. Ich liebe Fensterplätze! Freddy ist im Gang vorne. Vier Taschen stützen ihn vor dem Umkippen, die Anderen sechs sind irgendwo verteilt. Es eilte! Doch dazu später mehr.

Von der russischen Grenze Terehova bis nach Moskau waren es gute 600 Kilometer und die Begegnungen unterwegs möchte ich euch nicht vorenthalten.

Chrigu, ein treuer Blogleser und Tourenfahrer schrieb mir in einem Mail, wie sein Grenzübertritt letztes Jahr abgelaufen ist. 20 Minuten brauchte er. Ziemlich zügig! Ich brauchte 5 Minuten länger – wohl des Toilettenstopps wegen. Die Damen an den insgesamt sieben Grenzposten sind alle sehr freundlich, bestaunen Freddy, füllen mir das Formular aus, stempeln den Pass. Der Herr am Schlussposten prüft alles, lächelt «Welcome to our Country» und winkt mich durch! Jetzt aber ab nach Moskau – Mama fliegt in 6 Tagen ein. Mit dieser Vorfreude werden meine Beine stärker. Bis zu 145 Kilometer pedale ich. Gedanken können lenken! Denke nur noch an Moskau. Genau das ist das Gefährliche.

Erinnere mich an einen Ausschnitt aus einem SMS von Evelyne Binsack «….ohne ans Ziel zu denken». Wiederhole und Wiederhole den Satz. Ohne ans Ziel zu denken, ohne ans Ziel zu denken. Mein Denken, die Gedanken zu ändern, zu leiten dafür brauche ich Zeit. Wenn sich zB. bei der Arbeit, im Tun ein Fehler eingeschlichen hat, wurde ich von Kollegen und Vorgesetzten darauf aufmerksam gemacht. Es wurde gefeilt. Hier unterwegs muss ich selber merken, wenn ich ein Denkverhalten ändern muss, analysieren und reflektieren immer wieder von Neuem. Da kann ein einziger Satz extrem viel dazu beitragen! Ohne ans Ziel zu denken!

Ein Österreicher fährt mir auf seinem Motorrad vor. Hält an. Der hat’s aber schön, mit seinem Gashebel! «Servus, Du hast’s aber schön, Du kannst Dich wenigstens bewegen». Als hätte er meine Gedanken gelesen! «Hast Du Klebeband mit dabei? Hab Deine Fahnen gesehen, gell das ist die Berner? Will Meine auch wieder montieren!» «Aber hallo! Klar habe ich Klebeband, Kabelbinder, Sekundenleim, Messer, such Dir was aus, kennst Du den Kanton Bern?», «Das Simmental kenne ich gut, bin immer mal wieder in Därstetten!» Im Gebüsch findet er ein ideales Holz und die Fahnen sind schnell montiert. «Ich bin Tom und Du?», «Maria-Theresia». Er lachte und dachte ich mache einen Scherz mit ihm! «Sicher, so wie eure Maria-Theresia!».

Es beginnt zu regnen, wir fahren weiter. Tom macht bis zu 800 Kilometer pro Tag!

Ein paar Stunden später fährt mir ein grüner Prachtstruck vor. Luzerner! Hurra, auch der hält an. Lukas von Pajechali Reisen – Sibirien lässt niemanden kalt - ist grad am Auswandern an den Baikalsee, Sandro sein Kollege begleitet ihn bis dorthin. Die beiden sind bei bester Laune und wir haben einen Schwatz am Strassenrand der M9. «Wann seid ihr am Schwanenplatz losgefahren?», «Am Dienstag». Waas?? Unglaublich! Am Dienstag bin ich grad mal über die russische Grenze. Es tut gut ein paar Worte in der eigenen Sprache zu wechseln. Ein Stück Heimat. Wir drücken uns und fahren weiter. Beide in ihrem eigenen Tempo.

Die Strecke ist immer gleich und doch anders. Die Strasse, links und rechts Wald, dann und wann ein Feld. Händler verkaufen am Strassenrand ihre ausgestopften Bären und Pelze. Immer mal wieder eine Tankstelle. Die Dörfer sind 5 bis 10km abseits der Strasse. Öde? Keineswegs. Da ist das Rauschen vom Wind in den Ohren, die Wolken, die Bilder in den Himmel zeichnen, Schmetterlinge die ein paar Meter neben mir her fliegen, überfahrene Tiere für die ich hoffe, dass es ein schnelles Ende war und da sind meine Gedanken und die Fantasie. Die beiden haben hier richtig Zeit und Raum sich auszutoben. Mein Hirn kann tun was es will, muss sich an nichts erinnern, sich nichts merken, keine Befehle ausführen, kann sich freuen, kann traurig sein, ist völlig frei. Die Beine wissen was sie zu tun haben.

Ein Auto hält an. Zwei junge Männer steigen aus und staunen ab meinem Fahrrad. Sie öffnen ihren Kofferraum und jetzt staune ich! Er ist voll mit Überresten aus dem 2. Weltkrieg. Verrostete Waffen, Becher, Helm, Gamelle, Autobatterie mit der Jahreszahl 1941, alles da. «Wir suchen und graben in unserer Freizeit. Hobby. Wir sind tagelang in den Wäldern unterwegs. In Moskau haben wir in einem Keller alles ausgestellt. Wir möchten dir die Gamelle schenken, sie wird Dir Glück bringen, sie hat bis heute überlebt. Schau da sind noch Initialen von einem deutschen Soldaten». Ach wie lieb von den Beiden, aber das kann (und will) ich unmöglich annehmen! Mache ein Foto in der Hoffnung, dass die Gamelle auch so Glück bringt!

500 Kilometer seit der Grenze. Die M9 führt direkt durch das erste Dorf. Nicht mehr weit bis nach Moskau. Der Verkehr wird dichter. Am Abend plane ich meine Fahrt in die 12 Millionen Metropole hinein. Viel zu planen gibt’s nicht, einfach geradeaus, jede grössere Strasse führt direkt zum roten Platz, da die Stadt sternförmig ist. Sollte also ein Klacks sein. Früh morgens um 07:00 Uhr bin ich im Sattel. 40 Kilometer dichter Verkehr. 40 Kilometer volle Aufmerksamkeit. Der Rückspiegel ist Gold wert und die Busspur mein Freund. Einmal um den Kreml rum, links hoch und da ist er, der rote Platz. Hunderte von Soldaten stehen stramm, mir egal, ab durch die Mitte. Endlich da, 1. Etappe geschafft.

Freddy parkiere ich vor der Basilius-Kathedrale, in diesem Moment schreien die Soldaten im Chor: «Hurra, Hurra!» Soviel sag ich auch, Hurra! Punktlandung, das ist Timing! Sekunden später schickt mich die Polizei weg, da wird geübt für die Militärparade von Übermorgen, Tag des Sieges. Morgen ist jetzt aber erst mal Tag der Mama! Hurra!

Viel zu früh bin ich am Flughafen, sitze 3 Stunden im Kaffee und stehe 2 Stunden gespannt beim Arrival! Freue mich so sehr sie in die Arme zu nehmen, will sie nicht verpassen. Ich bin ein richtiger Glückspilz, meine Mama unterstütz mich zu 100%. Steht hinter mir, stärkt mich in meinem Tun. Sie kommt mich sogar besuchen, das ist nicht selbstverständlich. Sie ist meine Heldin.

Die Schiebetür geht auf, eine Gruppe Chinesen, ausgerüstet mit Nackenkissen folgen der roten Fahne. Schiebetüre zu. Auf, zu, auf, zu, auf, da kommt sie! Mama ist da. Was für ein Wiedersehen, als sei es gestern gewesen. Wir drücken uns und ich kann es kaum glauben.

Moskau haben wir erkundet. Was es dort zu sehen gibt: Google it!

Wir nähern uns mit 219kmh Sankt Petersburg.

Im Zugfernseher läuft mittlerweile ein Kriegsfilm. Wir zwei sitzen da und haben den grössten Frieden.

Beste Grüsse von uns Beiden!

5 Kommentare

10. Blog - Rezekne LV - Gopf, bin ich verwöhnt!

Um 19:30 habe ich mit Vita an der Vispals Street 9-29 in Rezekne abgemacht. Warte bei der Hausnummer 15, die ist etwa in der Mitte von 9 und 29. 19:40 keine Vita da. Der junge Mann gibt mir Auskunft und erklärt, dass 9 die Hausnummer und 29 die Wohnungsnummer ist. Ach so! Jetzt bin ich zu spät.

Vita erwartet mich schon vor der Türe, nimmt mich gleich in die Arme und freut sich. Wir verstauen Freddy im Keller neben eingemachten Kirschen. Freddy liebt Kirschen! Mühsam schleppen wir den ganzen Karsumpel in den 7 Stock hoch. Ein alter Block aus der Sowjetzeit. Endlich da. Es ist wie Heimkommen, als wären wir schon lange Freunde. Vita ist um die 50 Jahre alt und ist bei Warmshowers. «Warmduscher» ist eine weltweite, kostenfreie Organisation für Fahrradreisende. Wer sich auf der Plattform anmeldet bietet gratis ein Bett oder ein Sofa, eine Dusche, die Küche und Gesellschaft an. Das Ziel ist der Austausch. Die Reisenden erzählen Geschichten von Unterwegs, kochen eine Spezialität von Zuhause, die Gastgeber berichten von ihrem Land und der Kultur. Vita hat sogar Zeit, mir die ganze Stadt (was für uns ein Dörfchen wäre) zu zeigen. Erster halt: die beste Kebab-Bude weit und breit. 40 Minuten Wartezeit bis der Kebab fertig ist, der muss besonders gut sein! Die Zeit nutzt sie, mir ein russisches Kartenspiel beizubringen. Der Kebab war wirklich gut.

Todmüde mit über 100 Kilometern in den Beinen und stinkend nach Zwiebeln plumpse ich in den Sessel im Gors. Gors, ist von der Akustik her der beste Konzertsaal im ganzen Baltikum. 1 Stunde Chorgesang. 93 Stimmen setzen an zur Nationalhymne. Eindrücklich. Zurück in der kleinen Wohnung im riesigen Sowjetblock kocht Vita zu später Stunde die besten Kartoffeln mit Poulet. Vita lebt alleine, hat zwei ältere Schwestern, kommt mit 400 Euro pro Monat grad so über die Runden, hat ein riesengrosses Herz und liebt es Geschichten aus aller Welt zu hören. "Weisst Du, ich hatte schon Gäste von Japan, Chile, New York, Taipeh, ganz Europa und vielen anderen Ländern und jetzt auch aus der Schweiz. Durch diese Geschichten war ich schon fast überall auf der Welt, ist das nicht wunderbar?!». Wie recht sie hat. Auf einer Weltkarte klebt sie funkelnde Punktkleber hin von wo die Leute zu ihr kamen. Ihre Weltkarte leuchtet!! Ich frage sie, ob sie denn glücklich sei? «Es ist ganz einfach glücklich zu sein. Ich kann meine Umstände, meine Situation nicht ändern, aber ich kann meine Sicht auf die Dinge ändern, so probiere ich jeden Tag glücklich zu sein, heute bin ich happy weil du da bist, magst du frischen Ingwer-Zitronen Tee?».

Vita lebt auf kleinstem Raum, in der Küche können wir nicht sitzen, wir essen im Wohn-, Büro-, Schlafzimmer. Sie zeigt mir das Buch! DAS Buch! Alle Gäste schreiben etwas hinein. 3 Seiten sind noch leer. Vita meint, wenn die Wohnung einmal brennen sollte, werde sie als erstes das Buch retten. Es sei das kostbarste was sie besitze! Sie wünscht mir eine gute Nacht.

Nun liege ich da, der Vollmond scheint mir durch die lockeren Schleierwolken ins Gesicht, am Fenster hängen tibetische Gebetsfahnen…von einem Gast. Mein Körper will schlafen, ist müde, meine Gedanken aber kreisen. Gopf bin ich verwöhnt! Zuhause haben wir 6 verschieden grosse Pfannen, dazu 2 Bratpfannen und einen Wok! 2 Schubladen nur für Pfannen!! Vita hat eine normale und eine zum Anbraten und die kommen nicht in eine Schublade, weil es keine hat, die bleiben auf dem Herd. Für Vita liegt ein Auto nicht drin auch wenn sie seit 20 Jahren keine Ferien mehr hatte und der Januarlohn ist immer noch nicht auf dem Konto. Ich habe ein Motorrad, ein Kajak, 2 verschiedene Wanderschuhe, einmal nur Leder und einmal Goretex und konnte noch Geld auf die Seite legen für diese Reise! Gopf bin ich verwöhnt! Der Schlaf übernimmt die Kontrolle. Der Mond wandert langsam aber sicher zum rechten Fensterrand. Mama sieht ihn bestimmt auch durch das Dachfenster.

So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen, als wäre ich Zuhause in meinem Bett gewesen. Vita setzt sich mit einer heissen Tasse Tee auf den Sessel, «trink diesen Tee, die Zitrone gibt dir die nötigen Vitamine und der Ingwer ist sowieso gut für alles, da hat's noch Mangosticks von den Philippinen...hat mir ein Gast geschenkt, kommst du heute Abend noch einmal mit mir mit an ein Konzert?». «Klar, wenn ich noch eine Nacht länger bleiben darf?», «Aber sicher doch, du bist mein Gast, das Konzert kostet aber ganze 10 Euro, ich habe mein Ticket schon, für dich können wir meine Rabattkarte brauchen. Weisst du, es ist das einzige was ich mir gönne. Es ist nicht notwendig, wie WC-Papier, Seife, Brot oder Kleider, aber es tut meiner Seele gut, so leiste ich mir jeden Monat ein Konzert, diesen Monat sogar zwei». Sie strahlt.

 

Vita, ich wünsche Dir von Herzen jeden Tag etwas, was dich freut. Du hast mein Lebensrucksack bereichert. Danke!

Wir verabschieden uns und auch da bleibt einfach ein «Danke». Bevor ich abfahre, erkläre ich ihr, dass ich nicht zurückschauen werde. Sie schmunzelt und sie weiss genau warum. Das was kommt liegt vorne…ich merke, dass sie mir Nachwinkt.

 

PS - den Blog lade ich da aus Russland hoch :)

25 Minuten brauchte ich an der Grenze, ging alles flott, am Sonntag sollte ich in Moskau sein

Beste Grüsse Öies Thesi

6 Kommentare

9. Blog - Dzimtmisa, LV - Warten!

«Der Bäcker ist da! WARTE, ich komme auch gleich mit runter!»

«Mein Zug hat 5 Minuten Verspätung! Kein Problem ich WARTE»

«Ich hole schnell das Blutdruckgerät aus Zimmer drei! WARTE, kannst Du noch die aufgefüllte Desinfektionesflasche gleich mit nach hinten nehmen?!»

«Wir fahren in 2 Minuten ab! WARTE ich muss noch schnell die Zähne putzen!»

«Was ich Dir unbedingt noch erzählen muss… WARTE! Ich mach noch kurz meine Anmoderation»

 

Wie oft warten wir schnell. Warten geht aber auch langsam. Und ich bin nicht der Wartetyp…noch nicht!

Von vorne. Das mit dem Job beim Fischer war nix. 50 Kilometer bin ich entlang der Küste gefahren. Da waren viele Fischerdörfer aber keine Fischer. Drei Menschen sind mir begegnet. Kurzerhand mache ich kehrt. Soll ich jetzt nach Tallinn? Es geht mir irgendwie durch den Strich hoch nach Estland zu fahren und dann wieder runter nach Lettland.

Zurück nach Riga. Was soll ich nur tun? Setze mich erst mal auf die Leitplanke der Autobahn, warte und esse ein Snickers. Denn Du bist nicht du, wenn du hungrig bist! Autobahn? Ja klar, bester Belag (aber auch der einzige Vorteil)! Hier gibt’s auf der Autobahn auch Bushaltestellen. Die A10 ist gleichzeitig die E22. Der Pannenstreifen ist für alle da, auch für Freddy!

Die A7 führt an Dzimtmisa vorbei. Seit über einer Woche bin ich nun hier. Mit ein bisschen Glück habe ich Michael und seine wunderbare Frau Lolita gefunden. Das Dorf liegt mitten in der Pampa und hat zwölf Häuser. Der nächste Laden 11 Kilometer in die eine Richtung, die nächste Gaststube 16 Kilometer in die Andere. Am Rande des hübschen «Kaffs» haben sie ein Gästehaus.

Das Blockhäuschen – ein Traum! Hier warte ich bis es endlich Mai wird und ich über die russische Grenze darf. Ich mag es nicht zu warten. Genau deshalb warte ich wohl, dass ich es lerne. Buch gelesen, Kleider gewaschen. Was tun? Fahrrad putzen! Ganze drei Stunden habe ich geputzt. Langsam geputzt. Speiche für Speiche, Kettenglied um Kettenglied. Schon fast meditativ und blendet jetzt vor lauter Glanz! Die Tage sind lang. Zeitlos.

Ab und zu schaut Michael vorbei, wir sitzen draussen, er erzählt aus seinem Leben, ich aus Meinem. Seine Geschichte ist unglaublich, er sollte ein Buch schreiben! Gerne würde ich sie erzählen aber das sprengt hier den Rahmen. Was mich aber tief bewegt und beschäftigt, seit 10 Jahren gilt sein Sohn als vermisst. Er war auf Reisen. Von einem Tag auf den Anderen hatte er keinen Kontakt mehr zu ihm…das nun seit 10 Jahren. Kein Lebenszeichen. Was muss ein Vater da wohl jeden Tag durchmachen?! Warten? Akzeptieren?

Zurück zum Timing. Ich erinnere mich an die Bushaltestelle Zuhause. Einigen "Teller". Der Bus fährt um 44. Bis zur Bushaltestelle brauchte ich in normalem Schritttempo 2 Minuten 40 Sekunden. 41 ging ich spätestens aus dem Haus – 20 Sekunden spatzig! Da der Bus meistens 1-2 Minuten Verspätung hatte, wartete ich immer. Nervte mich. Warum nervte ich mich wegen 2 Minuten? Kann ich hier nicht mehr nachvollziehen!

«Timing is everything» – das lernte ich in der Moderation bei Radio BeO. Wo ist jetzt mein Timing geblieben? Wohl auf der Strecke zwischen München und Dzimtmisa. Das Warten zeigt mir vieles, macht mich langsamer oder anders gesagt, lehrt mich Dinge bewusst zu tun. Tee kochen, einfach neben dem Wasserkocher stehen und warten bis das Wasser kocht, hab ja Zeit. Zuhause habe ich diese Zeit, bis das Wasser kochte «genutzt» etwas anderes zu tun.

Einfach dasitzen und die Wolken beobachten. Sie ziehen Richtung Osten. Der Wind lässt das Gras tanzen. Wie hoch ist der Flieger wohl? Der fliegt bestimmt Moskau an, ja, denn ich schaue Richtung Süden, er zieht links weg. Dasitzen und nichts tun. Nicht lesen, nicht im Internet surfen, keine Musik hören, mich selber aushalten, Sein und Warten. Ich überlege mir, welche und wieviele Menschen warten? Die Menschen im Altersheim warten und freuen sich wohl tagelang auf ihren Besuch. Warten auf die Mahlzeit. Warten auf die Bewegungsstunde. Warten auf Abwechslung.

Menschen im Gefängnis warten. Warten bis ein weiterer Tag vorbei ist. Warten auf die Freilassung. Verbringen Zeit mit Warten.

Menschen im Krankenhaus warten auf Besserung. 

Schreiben wir eine Mail, warten wir auf Antwort. Tun wir gutes, warten wir vielleicht auf ein Dankeschön.

Warten in uns wohl auch die Erwartungen?

Höchstwahrscheinlich warten wir alle auf etwas…

 

7 Kommentare

8. Blog - Riga LV - Freddy sonnt sich!

Riga, 4 Grad, leichter Wind, die Sonne scheint. Frisur sitzt – aber nicht etwa wegen Drei Wetter Taft, nein vielmehr, weil der Helm den Staub und Dreck in den Haaren zusammen drückt…oder klebt, wie ihr wollt!

Vorgestern habe ich realisiert, dass Riga nicht direkt am Meer liegt. Wo ist sie denn, die Ostsee?

25 Kilometer vor Riga zweige ich rechts ab. Rückenwind hin oder her, ich will jetzt an die Ostsee! Mit flotten 30kmh pedale ich nach Jurmala. Die Meeresluft rieche ich schon von weitem. Geniesse den Moment - lebe den Moment. Denke nicht daran, dass ich später bei starkem Gegenwind 30 Kilometer zurück nach Riga fahren muss. Müssen tue ich sowieso nichts, aber das ist der Plan.

Der Strand wunderschön. Das Meer tiefblau. Parke mein Freddy im Sand, lasse ihn ein wenig Sonnen. Setze mich neben ihn. Er bringt mich immer wieder an die schönen Plätze dieser Erde. Mein Blick gleitet zum Horizont. Bleibt haften, ich glaube, ich schaue ins Leere. Die letzten drei Tage waren intensiv. Es gibt vieles, dass ich mit euch teilen möchte.

Weiss aber auch, dass das was intensiv war oder mir zumindest so vorkam, bereits heute abgeschwächt ist.

Da war diese eine Nacht. Einmal mehr habe ich ein wunderschönes Plätzchen am Waldrand gefunden. Eine Holzhütte, davor ein Weiher. Idyllisch und mit der Abendsonne schon fast kitschig. Lege mich auf meine super bequeme Isomatte, lese in meinem Buch. Es wird Dunkel, die Buchstaben kaum mehr zu erkennen, bin müde. Da ist es wieder…das Gefühl der Unsicherheit, ist es Angst? Geräusche werden intensiver, das Quaken der Frösche, das Knacken eines Astes, mein eigener Atem. An Schlaf nicht zu denken. In Gedanken versetzte ich mich in mein Bett zuhause, drehe mich auf die linke Seite zur Wand, oben mir das Dachfenster, in der Nähe der Füsse das gekippte Fenster mit Blick auf Thunersee und Pappel der Nachbarn. Alles ist gut, für eine Minute. Ein unbekanntes Geräusch schiesst meinen Puls in die Höhe, holt mich zurück nach Litauen, bin hellwach. Weiss nicht ob es Angst ist, wo ist der idyllische Ort nur hin?

Was macht die Dunkelheit aus? Werde aggressiv und wütend über mich selbst. Die Zeit vergeht. Langsam. Draussen ist es einfach nur Nacht, sonst nichts!

Mit der Zeit verändert sich auch das denken. Ich weiss ich bin beschützt – alles was ausserhalb von meinem Zelt passiert wird mir plötzlich egal. Finde den Schlaf. Bin überzeugt, dass zu zweit die Nacht einfacher wäre, geteilte Angst ist halbe Angst. Weiss aber auch, dass mich diese Situationen stärken, weil ich eben gerade allein bin. Nicht ganz allein, da sind ja noch die Schutzengel!

Das war die Kurzversion der einen Nacht – es geht von Nacht zu Nacht besser. Lerne meine Gedanken zu «püschele». Alles Kopfsache! Erinnere mich an die wunderschönen Nächte in der Wüste in Turkmenistan oder auf dem Pamir-Highway in Tadschikistan und weiss, ich kann das!

Zurück nach Riga. Sitze in der Stadt. Schön hier. Brücken, Fluss, Altstadt, alles da. Was soll ich nun die nächsten Tage tun? Hoch nach Tallin fahren. Mit diesem 700 Kilometer Umweg wäre ich zeitlich passend an der russischen Grenze. Mein Visum startet am 1. Mai. Exakt an diesem Tag muss ich einreisen.

Oder soll ich mir einen Job suchen? Im Radisson BLU 5 Sterne Hotel hab ich’s zuerst versucht. Als Tellerwäscherin. War nichts. Hotel für Hotel hab ich abgeklappert, hat einige hier in Riga, aber alle bieten nur Sommerjobs an.

Also ab auf den Central Market, dort hat es Handelsleute, Bauern, Fischer, vielleicht kann jemand meine Hilfe gebrauchen. Nicht für Geld – viel mehr für Erfahrung.

Den einen jungen Fischer frage ich. Schon fast kunstvoll hat er seine grünen Manchesterhosen in die Gummistiefel gestopft. Dreckiger Schurz, Bart und ein freundliches Lachen. «Hast Du diese Fische gefangen?». «Klar, frisch heute morgen, direkt aus der Ostsee». Sein stolz und die Meeresbrise zeichnet sein Gesicht.

Er meinte, dass es möglich sei mitzukommen. Das Fischerdorf liege aber 50 Kilometer ausserhalb von Riga. Perfekt. Morgen fahre ich dorthin, suche ihn oder frage einen anderen Fischer ob ich etwas tun kann. Ich weiss jetzt schon, wenn das klappt, wird das eine grosse Herausforderung für mich. Ja ich esse Fisch, bin nicht Vegetarierin, aber zu sehen wie Tiere sterben tut mir leid, macht mir Angst. Jetzt mal schauen was der morgige Tag bringt.

Die besten Grüsse

Öies Thesi

2 Kommentare

7. Blog - Kaunas LT - Das glaubt mir keiner!

 

Naturalios Arbatos – 3dl frischer Saft gibt’s hier für 1.75 Euro. Der Euro kommt in Litauen wieder zum Einsatz. Die Uhr habe ich an der Grenze brav eine Stunde nach vorne gestellt und meine Velohosen (Achtung! Nicht Velounterhosen!!) das erste Mal gewaschen. Nach 2000 Kilometern liegt das schon mal drin.

Sitze auf einem bequemen Holzstuhl in der Altstadt von Kaunas. Traditionelle Musik ertönt aus den Boxen. Saiteninstrumente, Trommeln und Glocken. Lüpfig. Irgendwie heimisch. Es gibt so vieles zu berichten seit Warschau.

In Lomza hatte ich ein ganzes Sportinternat zwei Tage für mich, soll ich davon erzählen? Oder lieber von dem endlosen Regen der mich stetig begleitet? Rückblick von Polen? Wie ich die langen, geraden Strecken im Wald gerne bekomme? Möchtet ihr die Geschichte von Henry aus Holland lesen und warum er sein Glück in Polen gefunden hat?

Soll ich bei Adam und Eva beginnen?

Nein, wir starten direkt bei Maria und Josef! Denn das glaubt mir keiner!

Mittwoch 4. April – die Sonne scheint. Ab nach Litauen. Die Regenjacke verstaue ich im Rucksack, der Schuhregenschutz vergrabe ich zuunterst in der Tasche. Adiömersi. Wir sehen uns bei Monsunregen wieder! Unglaublich welche Energie mir das schöne Wetter gibt. Die Landschaft ändert sich schlagartig. Da ist kein Wald mehr zu sehen, da sind plötzlich endlose Felder bis zum Horizont. Es scheint, als zeichne der Wind kleine Hügel in die Landschaft. Ganz zart und fein. Mein Blick schweift in die Weite, da ist es wieder, das Gefühl von der grenzenlosen Freiheit. Lebe im Jetzt. Vergesse, dass ich Pedale, komme schnell voran, bis mich Josef, auf seinem «schiggen» Fahrrad völlig ausser Atem anhält. Er klatscht in die Hände, seine Augen funkeln beim Anblick meines Göppels.

Genau, ihr wisst was jetzt kommt…die obligaten Fragen :) 

Vom Fahrrad landet unser Gespräch schnell beim Motorrad. Er hat seines parat für die Saison. Tja meines hat dieses Jahr Sommerschlaf. Er begleitet mich rund 7 Kilometer, er sei pensioniert und habe Zeit. Das freut mich. Wir sprechen über Polen, den Krieg, Gott und die Welt. 7 Kilometer lang. Zum Abschied wünscht er mir das beste der Welt und viel Glück. Mit noch stärkeren Beinen fahre ich Richtung Grenze. Nach einer knappen Stunde überholt mich ein Motorrad und hält an. Wer steckt unter dem Helm? Genau, Josef. Ha und ich habe gedacht wir werden uns nie wiedersehen!

Er packt aus seinem Seitenkoffer ein Heiligen Bild auf Holz gemalt aus. Die gute Mutter Gottes ist zu sehen. Er sagt: «Als ich Zuhause war, dachte ich an Deinen langen Weg den du vor dir hast, ich musste dir einfach etwas mitgeben, das dir Glück bringt. Dich beschützt. Da habe ich das Bild von der Wand abgehängt und bin dir nachgefahren! Nimm es mit, bitte». Mit einem wasserfesten Filzstift schreibt er hinten drauf «Für Maria, von Josef». Klar musste ich schmunzeln, gleichzeitig lief mir eine Träne runter. Da ist mir wohl ein wahrer Engel begegnet. Danke Josef...

Mir fehlen die Worte. Was für ein letzter Tag in Polen. Kann es kaum glauben.

Die Grenze ist verstaubt. Nur ein lottriges, verlassenes Haus steht auf der Anhöhe. Im IKI Laden kaufe ich mir Karotten für den Reis heute Abend und eine Orange für ins Müesli. Die Nacht wird bestimmt nicht so kalt.

Pietariari, ein kleines schmuckes Dörfchen. Ausserhalb suche ich ein Plätzchen für das Zelt zu stellen. Alles sumpfig. Hmm mist. Frag ich eben für einen Platz im Garten bei einem Haus. Ein Herr wechselt gerade die Pneus beim Auto. Ideal. «Entschuldigung, sprechen sie Englisch?» Zackzack verschwindet er im Haus. Wieder zurück mit seiner Frau, Sohn und Sohn’s Freundin die zu Besuch sind. Sie alle sprechen Englisch und staunen über das beladene Fahrrad.

«Klar, kannst Du Dein Zelt in unserem Garten stellen, such Dir einfach ein Plätzchen». Ein netter Sohn! Die Mutter gibt ihm einen Schubs, «Sicher nicht, komm ins Haus, Du kannst meinem Sohn sein Zimmer haben, er wohnt ja in der Stadt. Hast Du Fotos von der Schweiz?». Der Sohn kommt dazwischen «Hey, meine Freundin und ich waren letzten Herbst in der Schweiz. Auf einem Berg in der Nähe von Interlaken haben wir uns verlobt. Hat so eine Art Kirche auf dem Berg. Weisst Du wo das ist?». «Harder Kulm?». «Jaa genau auf dem Harder, warst Du schon einmal oben?».

Unglaublich. Wie oft bin ich letzten Sommer auf dem Harder gewesen und hab trainiert. Einfach unglaublich!!!

Hätte ich die Aufgabe gehabt, zwei Menschen in Litauen zu finden die sich auf dem Harder verlobt haben – keine Chance! Gibt es ein Wort für so eine Begegnung? Zufall? Schicksal? Just happen?

In der warmen Stube, schauen wir Fotos vom Harder (nicht die von mir), die Mutter tischt russischen Salat mit Kartoffeln und Gemüse auf. Die Tochter führt einen Tanz auf. Heute Morgen gab sie mir noch Essen mit auf den Weg. Eine Begegnung mit fremden Menschen die innert Stunden zu Freunden wurden. Denn wenn sie einmal in die Schweiz kommen, wissen sie, auch sie werden in einer warmen Stube herzlich Willkommen sein. Und genau das ist es, was meine Reise ausmacht. Die Begegnungen unterwegs – Begegnungen die immer im Herzen sind. Und Ja. Nichts ist selbstverständlich.

Die Zugvögel begleiteten mich bis nach Kaunas. Kaunas werde ich mir Morgen anschauen und dann mache ich einen Um-Weg – denn ich habe mich um 2 Wochen im Zeitplan verpeilt. Bin zu früh. Aber wie heisst es so schön, es hat noch Luft nach oben ;)

Eues Thesi

9 Kommentare

6. Blog - Warschau PL - Theo wir fahr'n nach Lodz...aber Freddy will nach Warschau!

Die Kaffeemaschine mahlt im Hintergrund Arabicabohnen. Alleine der Duft wärmt die kalten Finger.

Sitze auf einem Hochstuhl in der Altstadt von Warschau direkt am Fenster. Vis à Vis die Centralna Biblioteka Rolnicza und davor ein Zitat von Jan Pawel II. «Ich habe nach Dir gesucht, du bist jetzt zu mir gekommen, danke dafür». Danke an Google Übersetzer! 

Tomasz, in Warschau geboren, in Warschau studiert - also ein echter Warschauer - erzählt auf der Strasse: «Wir hatten den Papst, Johannes Paul II – die Physikerin und Chemikerin, Marie Curie, welche wir lieben und den grossartigen Komponisten Frédéric Chopin, so everything is fine». Er ist stolzer Warschauer. Kennt die Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurück.

Es ist Karwoche und das Göttliche liegt gerade hier in Polen so unglaublich nah!

Das erlebte ich hautnah am Palmsonntag in einem kleinen Dorf, Kapie. Sehr abgelegen in der Weite der polnischen Landschaft. Immer wieder probiere ich auf kleinen Nebenstrassen zu fahren. Die sind zwar verlassen und führen Kilometerlang durch den Wald aber ich muss üben, üben, üben. Es geht immer besser, gewinne das gute Gefühl zurück, finde den Rhythmus, weiss, dass ich ohne Stress solche Strecken meistern kann. Lerne wachsam zu sein, lerne aber auch zu geniessen. Diese Ruhe. Nur das Rattern des Gepäcks, der eigene Atem, das Zwitschern der Vögel.

Denke an die lieben Menschen zu Hause, denke aber auch nichts.

Wenn ich aus dem Wald komme, erlaube ich mir einmal auf die linke Schulter zu klopfen, aber nur einmal! Eigenlob. Genau, aber das stinkt nicht, das tut einfach meiner Seele gut. Sind wir doch ehrlich, wie gerne werden wir für etwas gelobt?!

Kurz vor Kapie lichtet sich der Wald und das kleine Dorf ist wie ausgestorben. Wo sind all die Menschen? Die Zeit scheint stehen geblieben. Geisterhaft!

Ausgangs Dorf glänzen schon von Weitem die Autodächer in der Sonne. Immer mehr Autos, für Freddy und mich gibt’s fast kein Durchkommen mehr. Was ist hier nur los? Des Rätsels Lösung steht hinter der nächsten Kurve. Die Kirche. Sie ist voll besetzt bis auf den letzten Platz, die Türen weit geöffnet, alle Dorfbewohner haben sich versammelt, stehen wegen Platzmangels sogar auf dem Vorplatz und lauschen dem Gottesdienst durch die Lautsprecher. Fünf Minuten vor zwölf. Eine Träne läuft mir runter, das Ave Maria wird angestimmt. Berührt mich sehr, ich kann mir gar nicht erklären warum…

Mit beiden Füssen fest auf dem Boden stütze ich meinen Oberkörper auf den Lenker.

Der Moment irgendwie perfekt. Einzig.

Die Fahrt geht weiter Richtung Lodz. Das Lied mit Theo läuft mir nach. Kann aber nur die eine Linie, Theo wir fahr’n nach Lodz, Theo wir fahr’n nach Lodz. Wird schnell langweilig mit diesem Theo und bis nach Lodz hab ich’s am selben Tag auch nicht geschafft. Aber nach 123 Kilometer ist auch mal gut.

Spontan meldet sich, nein nicht Theo, aber Ursula an: «Thesi ich buche ein Zugticket nach Warschau, wann bist Du dort? Soll ich Schokolade mitbringen?» «Übermorgen! Und Schokolade geht immer!» Zackzack hat sie sich ein Ticket organisiert, ein Hostel gebucht und ich pedale im Eiltempo nach Warszawa Peron 2.

Das freut mich sehr nimmt sie den langen Weg auf sich, das Wiedersehen super! Besuch in Warschau – einfach schön! Danke Ursula.

Bei minus 2 Grad erkunden wir die Stadt. Wolkenkratzer neben Häuserblocks aus der Sowjetzeit. Auch wenn wir nicht viel von der Architektur verstehen, aber sie lässt uns staunen. Die ganze Altstadt ist im zweiten Weltkrieg zerstört worden – möglichst originaltreu wurde sie neu aufgebaut. Aber was schreibe ich hier, das könnt ihr alles im Internet nachlesen.

Huch, Kaffee fertig – Zeit für Pirogi! Teigtaschen typischerweise gefüllt mit Sauerkraut und Pilzen.

Meine lieben...heits guät und Adiö Mersi

Öies Thesi

3 Kommentare

5. Blog - Wroclaw PL - Freunde gefunden in Zabkowice Slaskie!

Mit knapp 80 Kilometern in den Beinen sitze ich hier in einem warmen, polnischen Kaffee, mitten in der Altstadt von Wroclaw (Breslau). Draussen tanzen die Schneeflocken. Unter meinen Schuhen löst sich langsam aber sicher der Dreck der letzten paar Tage. Das gibt wieder eine Sauerei wenn ich aufstehe.

Bei der Stadteinfahrt sprach mich Jakob an. «Hast Du nicht kalt?». «Danke, geht grad noch, nur die Füsse spüre ich nicht mehr, und Du?». «Ach, der polnische Winter ist noch nicht vorbei, mir ist es zu kalt, bin aber bald Zuhause!». Eine ältere Frau kommt dazu: «Bist Du von der Schweiz bis nach Wroclaw gefahren? In dieser Kälte?!».

Die Schweizerfahne hat sie also sofort erkannt. Sie erzählt, dass sie ihren Hund, der auch bis auf die Knochen schlottert, aus Deutschland habe. «Er hatte es nicht gut, musste leiden wurde mit dem Stock geschlagen. Er hört nichts und sieht schlecht, 14-jährig. Aber bei mir hat er’s gut. Bekommt bestes Futter und ich gehe jeden Tag 1 Stunde laufen. Bis nach Nepal willst Du radeln? Ich könnte das nie, bin zu alt. Hast Du gehört mein lieber, bis nach Nepal will die Frau! Ach, er hört wirklich nicht mehr gut. Mein Englisch ist auch schlecht, entschuldige. Geh bitte nach Drinnen für die Nacht. Ich wünsche Dir das Beste. Das Allerbeste und viel Glück!». 

Langsam merke ich wie der Schweiss unter der Jacke abkühlt. Bekomme kalt aber die guten Wünsche der alten Dame und von Jakob wärmen mein Herz! Zwei Tage bin ich nun auf polnischem Boden unterwegs und die Begegnungen waren alle so herzlich.

Bereits nach der Grenze fühlte ich mich wohl. Die Gegend erinnerte mich ans Simmental. Nicht entlang der Simme aber der Klikawa. Nicht so bergig aber hügelig. Schön verschneite Wälder. Ich mag Polen.

Die Lastwagenchauffeure hupen mir zu, beim Überholen schaue ich in ihr Rückspiegel und sehe wie sie winken.

Der Mann von heute Morgen blieb am Strassenrand stehen und klatschte in die Hände. Das ist einfach herrlich. Tut der Seele so gut! Zaubert mir für Minuten ein Lachen ins Gesicht.

Gestern habe ich in Zabkowice Slaskie (Frankenstein) zwei neue Freundschaften geschlossen. Ein hübsches kleines Dörfchen auf dem Hügel. Bei der Kreuzung gönnte ich mir ein, aber wirklich nur ein! «Reiheli Schoggi». Sebastian kam zu mir und fragte: «Willst Du einen frischen Chicken-Wrap? Ich mach Dir gleich einen, du hast bestimmt Hunger? Hast Du schon einen Platz für die Nacht? Mein guter Freund wohnt gleich bei der Burg im alten Schwesternhaus». Schon ist er am Telefon und ich höre gespannt der polnischen Sprache zu! Gefällt mir, tönt gut, irgendwie hart und zugleich melodiös mit den vielen sch. «Aleksander hat Platz, aber es ist schwierig ihn zu finden, komm ich fahr Dir mit meinem Lieferauto vor!»

Manchmal tue ich etwas, ohne zu wissen warum, lasse der Situation einfach freien Lauf. Kennt ihr das?

Irgendwie weiss ich, dass ich Sebastian vertrauen kann. Bauchgefühl. Bei Familie Marzec angekommen, staunte der Hausherr nicht schlecht. «Komm rein, ich habe ein warmes Zimmer für Dich, das Fahrrad nehmen wir auch gleich in den Gang, da ist es sicher». Ruckzuckzackzack, war alles Material im 500-jährigen Zimmer. Ich sitze mit Aleksander und seinem Sohn auf dem grünen Sofa, er holt Geschichtsbücher von Frankenstein hervor, zeigt mir sein Gästebuch wo ich was reinschreiben soll und will alles rund um das Fahrrad wissen. Von den speziellen Korkgriffen über die Scheibenbremsen bis zum Klickpedal. Eine interessante Stunde! 

Zu Fuss schlendere ich durch das Dorf, will mich noch bei Sebastian bedanken. Laufen tut gut. Er steht in seinem Imbiss-Stand und sieht mich schon von weitem. «Ich mache Dir jetzt was zum Essen, alles frisch, dauert aber 12 Minuten, ok?!».

Es gibt Tage, da ist es sehr einfach und alles wird einem serviert.

Sebastian arbeitete als IT-Techniker in Polen, war dann 10 Jahre in England und lebt nun mit seiner jungen Familie wieder hier in der Heimat! Er zeigt mir ein Video seiner Tochter, der stolze Papa strahlt. «Maria, erkläre mir, warum macht ein Mensch solch eine Reise? Was sagt Deine Familie, was sagen Deine Freunde dazu? Willst Du keine eigene Familie?». Wir kennen uns keine 10 Minuten und er hält mir den Spiegel hin. «Sag Du mir zuerst, warum Du damals nach England gegangen bist?». «Ah, ich wollte eine neue Herausforderung, etwas Neues lernen». «Eben!».

Als ich die schwere Tüte mit meinem Nachtessen bezahlen will, meint er: «Bestimmt nicht! Wir sind Freunde».

Er schreibt mir noch seine Nummer auf, falls ich ein Problem in Polen habe, soll ich ihn anrufen. Freunde!

Danke euch beiden für Alles. Dziekuje!

 

Ach fast hätt ich’s vergessen: Prag war schön. Und kalt.

Liebe Grüsse, Euer Thesi

8 Kommentare