20. Blog - Tokyo JAP - Mayumi

Seit einer Stunde studiere ich, wie ich diesen Blog schreiben soll. Wenn ihr mich zurück in der Schweiz fragt: «Und wie war Japan?» Dann werde ich euch nicht von den Tempeln erzählen. Auch nicht vom feinen Essen. Dann werde ich euch von Mayumi erzählen! Die Geschichte beginnt im kalten Warschau. Wir waren im selben Hostel, im selben Dorm. OkyDoky hiess es. Kurz vor ihrer Weiterreise steckte sie mir ein kleines Zettelchen zu. «Hier meine Adresse, wenn Du kurz vor Tokyo bist, komm mich doch besuchen, das würde mich riesig freuen!».

Bin nun kurz vor Tokyo. Die letzte Woche war schwierig. Heiss. Feucht. Nächte auf Parkplätzen neben Lastwagen.

Lange Zeit. Müde. Die Frage nach dem «Warum?».

Das Zettelchen mit Mayumi’s Adresse kam genau zur richtigen Zeit. Zufall? Bestimmt nicht! Wir haben am Highway-Service in Yachiyo um 14:00 Uhr abgemacht. Solch eine Vorfreude hatte ich das letzte mal gespürt als Mama nach Moskau kam.

Sehe sie schon von weitem auf der Bank sitzen. Das Wiedersehen tut so gut obwohl ich Mayumi gar nicht kenne.

Aber es gibt Menschen die mag man auf Anhieb!

Sie lebt auf engstem Raum im 5. Stock. Es ist heiss in der Wohnung. Eine Klimaanlage wäre zu teuer. Sie entschuldigt sich für die einfache Toilette. Sie entschuldigt sich für die kleine Dusche. Sie entschuldigt sich, dass sie mir kein richtiges Bett anbieten kann. Sie entschuldigt sich, dass sie nur einfach koche, weil sie nur eine Gasplatte hat. Erkläre ihr, dass ich einfach glücklich bin hier sein zu dürfen.

Sie schenkt ganz behutsam Milch in das Schilthorntassli. «Aus der Schweiz hab ich das Tassli, entschuldige die Milch ist nicht so dick wie bei euch». Sie hat extra Milch für mich gekauft, weil sie dachte als Schweizerin liebe ich sicher ein Glas Milch. Wie aufmerksam! «Du kannst solange bleiben wie Du willst, es ist sehr heiss, du musst dich erholen. Schön bist Du da!». Sie strahlt verschmitzt. «Mayumi erzähl, Du warst also in der Schweiz?». «Ja zehn Mal!». Sie hat als Japanische Reiseführerin gearbeitet. Hat die ganze Welt gesehen. Ganz Amerika, von Patagonien über Mexiko bis Alaska. Ganz Europa, vom Stiefel bis Skandinavien. Viele Länder Afrikas. Australien. Neuseeland. Russland. Ganz Asien. «Du warst also überall auf der Welt?» «Not yet! Die Antarktis habe ich noch nicht gesehen! Als Reiseleiterin war ich immer im Eiltempo unterwegs. Wir Japaner reisen schnell, haben wir ja nur eine Woche Ferien pro Jahr. Aber ich habe viele Meilen gesammelt. Erst jetzt, wo ich pensioniert bin, kann ich reisen. Dank den Meilen! Einmal pro Jahr».

An der Wand das Bücherregal. Gefüllt mit Reiseführern und Notizen. Zuunterst reiht sich Tagebuch an Tagebuch. Zuoberst sind Schuhkartons gefüllt mit Postkarten von überall. Von jeder Tour hat sich Mayumi selber eine Postkarte nach Hause geschickt. Als Erinnerung. «Weisst Du, die Informationen aus diesen Führern sind alt, nicht mehr aktuell. Die Farbe verbleicht langsam, jeden Tag sehe ich das Regal und merke, ich werde alt…wie die Bücher. Vielleicht sollte ich sie entsorgen?!». «Nein Mayumi! Behalte sie. Es ist Dein Leben. Du hast die ganze Welt in Deiner Wohnung.» An der Lampe hängt ein kleines Alpaka aus Peru. Am Kühlschrank ein Magnet aus Griechenland. Am Fenster ein Kuhglöcken aus der Schweiz. An der Wand ein Plakat aus Rom. «Und diese Vase hier Mayumi? Von wo ist die? Die ist aus Japan. Mein Vater hat sie mir geschenkt. Meine Eltern sind vor 10 Jahren gestorben. Meine Schwester sehe ich 1 Mal pro Jahr.» «Hast Du Freunde?» Es ist still… «Nein. Ich habe keine Freunde. Aber schön bist Du hier!». «Kennst Du Deine Nachbarn?». «Nein. Es ist alles sehr anonym hier».

Ich könnte weinen. Sie hat niemanden. Kein Austausch. Denke an meinen Abschied im Kiental am 03.03. Soo viele Freunde sind gekommen. Am liebsten würde ich sie alle mit Mayumi teilen. «Was machst Du den ganzen Tag?».

«Also die letzte Woche habe ich Deine Website übersetzt». Wie jetzt? Schnell bringt sie das Heft und mir verschlägt es die Sprache… Sie hat meine ganze Website auf Deutsch abgeschrieben und jedes Wort mit dem Dix ins Japanische übersetzt! Ein paar Wörter konnte sie nicht übersetzten. Göppel, Hajk und Freddy. Noch einmal. Sie hat es nicht im Internet mit Google Translate übersetzt! Nein jedes Wort einzeln mit dem Wörterbuch. Einfach unglaublich! Das rührt mich zutiefst.

 

Jeden Morgen schreibt sie News von BBC (schaut sie in ihrem Mobile nach) auf Englisch in ihr Heft ab. Um 05:00 Uhr beginnt sie. So lernt sie Englisch.

Ich lege mich sehr müde auf die Strohmatte und schlafe ein. Schlafe so ein wie Zuhause. Mit Kopfschmerzen wache ich schweissgebadet mitten in der Nacht auf. Das T-Shirt ganz nass. Drehe meinen Kopf nach links und sehe den Mond durchs offene Fenster. Bald geht er auch in der Schweiz auf. Sende ihm die besten Gedanken, er tragt sie zu meinen Freunden und Menschen die ich gerne habe. Bin dankbar, dass ihr von Zuhause aus mitreist.

Sehe die Positionslichter der Flugzeuge die im Minutentakt den Internationalen Flughafen Narita anfliegen. Direktflüge auch aus Zürich. Habe Heimweh.

Habe Geburtstag. Werde es Mayumi nicht verraten aber ich werde ihr diesen Tag schenken.

Sie hat extra Toast fürs Frühstück gekauft. «Entschuldige es ist nicht so gut wie euer Brot…aber ähnlich wie Brot». «Mayumi, heute machen wir uns einen schönen Tag! Sag, hast Du eine Idee? Was machen wir? Was möchtest Du sehen?». «Die Pandas im Zoo in Tokyo! Die werden jährig. Und ich weiss einen Tower in Tokyo wo wir gratis hoch können.» Super. Nach einer Bus- und Zugfahrt von 1.5 Stunden sind wir mitten in der Stadt. Besuchen einen Tempel. Die Menschen werfen eine Münze und beten. «Hier Mayumi, nimm die Münze und wünsch Dir was!». Aus meinem Blickwinkel beobachte ich wie sie die Münze wirft, die Augen schliesst, die Hände faltet. Möge sich ihr Wunsch erfüllen!

Der Tower hat zum Glück einen Süd- und einen Nordturm. So können wir zweimal hoch. Herrlich!

Sie will mir unbedingt das Feuerwerkkino zeigen. Gratis gibt es einen Feuerwerkfilm zu sehen. Wir sind die einzigen. Sitzen nebeneinander und schauen zehn Minuten wie eine Rakete die andere jagt. «Mayumi, wo geht Deine nächste Reise hin?» «Gell im März wirst Du in Nepal ankommen?» Ich lache und nicke still. Wir sind Freunde!

Zur Feier des Tages kaufe ich vier verschiedene Kuchenstück. Zuhause schlemmen wir und sie sagt: «Wow, das war ein toller Tag. Wie ein Geburtstag!». In der Tat.

«Willst Du wirklich schon Morgen weiterreisen?». Am liebsten würde ich noch ein paar Tage bleiben. Der Abschied kommt so oder so. Das ist das traurige. Ob Heute oder Übermorgen. Ich will bleiben, ziehe aber weiter! «Schau ich habe hier noch Papierschnitte aus China. Vor Jahren habe ich diese gekauft. Bitte wähle ein Set aus für Deine Mama. Welches gefällt Dir am besten? Ich mache Dir in der Zwischenzeit ein Brötchen für auf den Weg». Mich zerreisst es. Wie eine Mutter streicht sie in der kleinen Küche mit dem Holzmesser ein Brötchen. Es ist nicht einfach das Brötchen, es ist das Gefühl von ein Stück Zuhause dabei zu haben, wenn dieses immer weiter in die Ferne rückt!

Mayumi, ich weiss Du wirst diesen Blog übersetzen. Wort für Wort. Dein grosses Herz ist wunderbar. Dir wünsche ich das Allerbeste der Welt. Weisst Du, Diesen Blog lesen auch viele meiner Freunde und Bekannten und ich weiss die werden Dir gute Gedanken schicken. Mayumi Du hast in Gedanken viele Menschen die Dich gerne haben. Das weiss ich!

DANKE für Alles! Du hast mich ein Stück Leben gelernt. Dich werde ich nie vergessen. Von Dir werde ich noch lange erzählen.

 

Und jetzt, meine lieben Freunde, habe ich eine Bitte an euch!

Ihr würdet mir eine riesen Freude machen und das grösste Geschenk überhaupt, wenn ihr in einer freien Minute Mayumi eine Postkarte schicken würdet. Sie liebt Postkarten! Ihre Adresse:

 

Mayumi Murakami

3-7-509

Yonamoto Danchi

Yachiyo – Shi

Chiba – Ken

Japan

276-0014

 

Sie begleitete mich noch bis zur grossen Strasse. Der Abschied fällt schwer. Winke. Schaue nicht zurück.

Wer weiss, vielleicht treffen wir uns in Nepal wieder. Auf jeden Fall liebe Mayumi, bist Du in der Schweiz immer herzlich Willkommen unsere Türe wird offen sein wenn Du kommst!

Hab Dich lieb! 

 

Liebe Grüsse

Euer Thesi

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Patrik kirtap.ch (Freitag, 27 Juli 2018 14:48)

    Also my door is open for you Mayumi! When ever you like to stay in Berne Switzlands Capital!

  • #2

    SILVIA (Freitag, 27 Juli 2018 17:08)

    Die Geschiche von Mayumi gefällt mir sehr - sie hat wenig und ist sehr offenherzig. Ich freue mich immer wieder auf den neuen Blog. Ich werde Ihr bestimmt ein Karte aus der Schweiz schicken!

    Gute Weiterreise und schaue nicht zurück!! lg Silvia

  • #3

    Heidi (Freitag, 03 August 2018 15:12)

    liebe Thesi
    Du hast diesen Bloq so schön geschrieben, hat mich sehr berührt. Besonders gefreut, dass Du an Deinem Geburtstag nicht alleine warst und es genossen hast. Denke immer wieder, wie verwöhnt wir sind und doch unzufrieden! Wünsche Dir wieterhin nur schöne Begegnungen . Liebs Grüssli vom Pilatus

  • #4

    Heidi (Freitag, 03 August 2018 15:13)

    habe noch vergessen, schreibe gerne eine Postkarte für Mayumi

  • #5

    Seelenreise (Freitag, 10 August 2018 22:02)

    Seelenberührend geschrieben. Danke Maria-Theresia.

    Ich werde Mayumi auch eine Postkarte schicken, und wenn sie einst in die Schweiz auf Besuch kommt, darf sie auch bei mir übernachten.

    Alles Gueti und liebi Grüess