18. Blog - Sapporo JAP - Mikado in Hokkaido

Alles war trocken. Alles wurde nass. Alles ist wieder trocken!

Die letzten paar Tage - ein reines Geduldsspiel. Diese Erkenntnis habe ich aber erst jetzt. Jetzt wo ich hier im trockenen, grasgrünen Schaukelstuhl sitze. Sapporo – bekannt durch die Olympischen Winterspiele wo Marie-Theres Nadig und Bernhard Russi 1972 jubelten – für mich der Ausgangspunkt für eine Runde auf Hokkaido.

Freddy wartet draussen im strömenden Regen. 100% Regen sagt das Wetterapp. Da auch in den nächsten Tagen keine Wetterbesserung in Aussicht ist, warte ich nicht, sondern fahre los. Die Route steht, die Würfel sind gefallen, wie die Stäbchen beim Mikado. Jetzt gilt es die meisten Punkte aus dieser Regenfahrt herauszupicken. Meine Stimmung probiere im Top-Bereich zu halten. Nach Tagen ist alles nass, bis auf den Schlafsack, der ist nur feucht. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen nass und feucht!

Unterwegs treffe ich auf Y-Lee (Uailii). 54-jähriger Mann aus Taiwan, mit dem Ziel, den nördlichsten Punkt Japans per Rad zu erreichen. Ausgerüstet mit Rucksäckli, 800 Gramm Zelt und Geldbeutel! Leichtgewicht. Wir verstehen uns gut. Sind gemeinsam unterwegs. Er fährt ca. einen Schnitt von 24km/h. Da muss ich mit meinem 18er Schnitt mächtig in die Pedale treten. Das ist gut so. Fordert mich. Geht’s bergab überhole ich ihn natürlich, da kommt mir das Gewicht zu Gute. Das Gefälle gefällt mir sowieso!

Munter erreichen wir das Kap Soya, die Freude natürlich gross. Wir geben uns einen Handschlag und klopfen uns auf die Schultern wie alte Freunde. Er hat sein Ziel erreicht, grossartig! Im Touri-Shop kaufe ich ihm einen Kleber als Erinnerung.

In leisen Gedanken sehe ich mein Ziel vor Augen und erinnere mich an das Gefühl von damals als ich in Nepal ankam. Ich spüre, dass ich wieder in Nepal ankommen werde. Geniesse diesen Gedanken, verweile darin, möchte ihn anhalten. Realisiere, dass dieses letzte Mikado-Stäbchen aber noch weit unter anderen verborgen liegt. Zwischendurch lugt es hervor. Davor gilt es alle anderen sicher und sorgfältig vom Feld zu nehmen. Bedacht. Behutsam. Konzentriert und Fokussiert.

Am Abend vor dem Zelt meint Y-Lee, er fahre nun wieder auf der Route 40 zurück nach Sapporo. Wir werden uns also Morgen verabschieden, ich werde der Küste entlang fahren und dem Gegenwind trotzen. Er fährt früh los, liege noch bequem auf meiner roten Isomatte, öffne den Reisverschluss und schon ist er weg. «Komm gut nach Hause Mister Y-Lee, es war mir eine Ehre mit Dir zu fahren. Go for it man!». Immer wieder hat er gesagt: «Enjoy! Enjoy!». Geniesse!

Egal wie mühsam die Umstände sind, ich muss versuchen immer wieder einen Geniessmoment in der Situation zu finden. Glückt es mir ein Mikado-Stäbchen ohne ein anderes zu berühren sorgfältig aufzuheben, geniesse ich die Sekunde wo ich weiss, es ist geglückt. Die Punkte zählen! Er hat mir eine ganz wichtige Eigenschaft in meinen Rucksack gepackt. Geniesse!

Drei Stunden später, an der Küste, die Wolken sind tief, der Regen heftig mache ich halt beim Seicomarket. Wer sitzt am Boden? Mister Y-Lee! «Was machst Du denn hier?». «Hab gedacht ich fahre nun auch Küste! Du warst aber schnell hier!». So schön. Schon nach wenigen Kilometern merke ich, bei ihm ist die Luft draussen. Er fällt weit zurück, nach wenigen Minuten sehe ich ihn nicht mehr im Rückspiegel. Was ist los? Schleppend kommen wir voran. Der Wind macht ihm zu schaffen. Sofort kommt mir die Situation am Cho-La Pass im Himalaya in den Sinn. Wir waren auf einer Höhe von ca. 5300M.ü.M. Mindu, mein Guide merkte sofort, ich lasse nach.  Er ging vor mir, mein Blick waren auf seine Schuhe gerichtet. Ein Schritt nach dem Anderen. Ich kann. Ich will. Ich muss.

Jetzt ist es wohl an mir, Mister Y-Lee mental zu ziehen. Kann ich das überhaupt? Merke mir sein durchschnittliches Tempo. 7km/h. Fahre konstant vor ihm mit 10km/h. Nach sieben Stunden im Sattel und der ungemütlichen Kombination von Dauerregen und Wind geht nichts mehr. Bei Dunkelheit haben wir einen Platz gefunden um das Zelt zu stellen. Er sitzt da und starrt auf den Boden. «Hey Man! Los! Stell dein Zelt auf, pack die Isomatte aus, zieh etwas einigermassen Trockenes an!». Es kommt noch übler…

Am nächsten Tag, nach 30 gefahrenen Kilometern ist die Strasse gesperrt. Alles zu. Auch die nächste Passstrasse die uns zurück auf die Route 40 bringen würde ist gesperrt. Alles überschwemmt. Ein Einheimischer sagt, wir müssen zurück in den Norden. Konkret heisst das, die 300 Kilometer wieder zurück. Mister Y-Lee setzt sich auf die Strasse, isst erstmal eine Banane! Übermorgen geht sein Flug zurück nach Taipeh und wir sitzen hier fest. Kein Zug. Kein Bus. Strassen zu. Irgendwie schaffen wir das! Wir fahren zum nächsten Seico-Market essen Nudelsuppe und denken.

Ich bestelle mir beim Universum eine Lösung. Unglaublich aber wahr…5 Minuten später fährt ein Lieferwagen zu. Der gute Mann bietet an, uns auf den nächstmöglichen Pass zu fahren. Echt jetzt? In Minuten sind unsere Räder eingeladen, Mister Y-Lee zwischen Speichen und Pedalen eingeklemmt geht die Fahrt los. Zuerst zu ihm nach Hause, seine Frau will uns begleiten und gibt uns je ein trockenes Frottiertuch. Soo lieb. Im nächsten Laden kaufen sie uns einen Reissnack, Poulet und warmen Tee. Dazu ein Pack Wärmepflaster. Also wirklich jetzt, wir sind Engeln begegnet! Die Fahrt auf den Pass ist nicht einfach kurz um die Ecke, nein es sind knappe 80 Kilometer! Einfach so! Würde ich wildfremde, nasse Dreckspatzen von Spiez nach Solothurn fahren? Einfach so? Ganz ehrlich…wohl kaum!

Wir wollen ihnen Geld geben für das Benzin. Das wird vehement abgelehnt. Sie umarmen uns und fahren davon. DANKE! Zum Glück hatte ich noch 2 Tafeln Schokolade aus der Schweiz in der Tasche!

Am Abend im Zelt rollt mir eine Träne runter…diese grenzenlose Gutmütigkeit von den Beiden kann ich kaum fassen.

Mister Y-Lee steht vor meinem Zelt: «ich werde morgen den Zug bis nach Sapporo nehmen, ich kann nicht mehr. Danke hast Du mich gepusht».

Auch ich schaffe keine weitere Nacht mehr im Zelt. Womöglich schon. Aber ich will ins trockene brauche eine Pause nach diesem 1000km Loop. 220 Kilometer bis nach Sapporo. Schaff ich das in einem Tag? Eher Nein. Nach 100km habe ich normalerweise genug. Es beginnt zu rattern im Hirn. Möglich sollte es aber schon sein. Rechner, Karte und Kugelschreiber hervor. Ich stelle einen Plan auf!

Wenn ich einen Schnitt von 17km/h fahre, alle 25 Kilometer 10 bis max. 15 Minuten Pause mache bin ich in 14h und 30 Minuten in Sapporo. Muss also um 03:00 Uhr aufstehen und um 04:00 Uhr losfahren. Der Plan steht. Ich werde mich an meine Grenze pushen und es schaffen. 80% ist hier Kopfsache. Es regnet die ganze Nacht durch, der Morgen bringt keine Ruhe. Los geht’s, das ist mein Tag! Punkt 04:00 Uhr bin ich gesattelt. Es gibt immer wieder schwierige Mikado-Stäbchen im Spiel!

Komme gut voran trotz Regen. Schwimme in den Schuhen. Und die Polstervelohosen…könnt ihr euch selber ausmalen. Nach 150 Kilometer wird es schwierig. Werde müde. Nach 180 Kilometern schlage ich mir regelmässig ins Gesicht, schlafe fast ein. Die Beine treten und treten. Denke an nichts. Nach 200 Kilometer werde ich sehr langsam. Kann den Schnitt nicht mehr halten. Hatte aber zwischendurch einen 30er dank Rückenwind. Sechs Bananen. Drei Nudelsuppen. 224 Kilometer. 12 Stunden reine Fahrzeit. Um 18:59 Uhr stehe ich vor dem Hostel.

Timing is everything! Plan aufgegangen. Dieses Mikado Stäbchen ist gesichert.

Mein Körper ist nicht gemacht für eine solche Strecke mit vollbepacktem Göppel. Aber ich weiss jetzt, mein Kopf kann eine solche Strecke schaffen. Eine wertvolle Mikado Runde in Hokkaido!

 

Geniesser-Grüsse aus dem Norden Japans

Euer Thesi

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Kommentare: 6
  • #1

    Marco (Sonntag, 08 Juli 2018 19:57)

    Liebes Thesi
    Danke viel Mal für deine Liveschaltung gestern. Ich sende dir noch viel Kraft und Energie.
    Es Grüessli
    Marco

  • #2

    Bernadette (Montag, 09 Juli 2018 14:34)

    Mikado welch ein Geschicklichkeitsspiel!
    Bei dir, liebe Maria-Theresia
    ist es zuweilen viel mehr, es wird sozusagen zu deinem absolut persönlichen Lebens-Glückspiel. - Wie fordernd und zugleich herzbewegend, was dir erneut in der vergangenen Zeit widerfahren ist.
    Vertraue weiterhin dem Segen des Himmels – Deine Ziele warten auf dich!
    Danke, dass wir wiederum in Gedanken teilnehmen durften –
    ich schicke dir liebste Grüsse und beste Wünsche
    Bernadette

  • #3

    Seelenreise (Dienstag, 10 Juli 2018 10:30)

    Liebe Maria-Theresia,
    Ich habe gestern an dich gedacht, als ich die News über Japan's Regendusche gelesen hatte. Und als ich heute Morgen deinen Blog gesehen hatte, war ich froh, dass es dir gut geht.
    Eindrücklich.... dieser Bericht über diese "Wasserfahrt" ….eindrücklich (hoffentli häsch no Huut am Füdli :-))
    Mit mentaler Stärke und festem daran Glauben gibt es kaum Grenzen.
    Weiterhin von Herzen alles Gute!
    Liebi Grüess,
    Heidi

  • #4

    heidi (Dienstag, 10 Juli 2018 17:03)

    liebe Thesi bestimmt hat es Dir heute in den Ohren geläutet. Traf Kathrin zum Café in Luzern und wir haben ganz fest an Dich gedacht. Hoffe nur, dass Du möglichst bald auf trockenen Boden kommst. Japan ist so gross und ein Entfliehen ziemlich mühsam.Wünsche Dir viel Glück und schicke Dir viel Sonne und Wärme
    mache es weiterhin soooo gut liebs Grüssli heidi

  • #5

    Monika (Dienstag, 10 Juli 2018 23:04)

    Ich dachte ich sehe nicht richtig als ich die km zahl in deinem logbuch sehe. Tessi du bist unglaublich.... Mikado ist dein Game... ich hoffe du bist wieder getrocknet und alles ist heile?ohren steiff halten und weiterhin gute fahrt.
    P.s Wie gehts freddy? Lg mo

  • #6

    SILVIA (Mittwoch, 11 Juli 2018 22:27)

    ICH FINDE ES WIRKLICH WAHNSINNIG WAS DU TAG FÜR TAG LEISTET. JETZ BIST DU SCHON IN JAPAN ICH KANN MIR DAS GAR NICHT VORSTELLEN ABER WO EIN WILLE IST, IST AUCH EIN WEG!! SO IST ES DOCH, DAHER BIST DU MIT DEINEM VELOGENOSSE GEKURBELT WAS DAS ZEUG HÄLT. ICH WÜNSCHE DIR WEITERHIN EINE GUTE FAHRT MIT BESSEREM WETTER. BEI UNS IST ES MOMENTAG IMMER SO ZWISCHEN 20 - 25 °. ES IST EIN SCHÖNER SOMMER WIE IM JAHRE 2003 NUR DAMALS WAR ES NOCH EIN BISSCHEN WÄRMER. ICH FREUE MICH SCHON HEUTE AUF DEN NÄCHSTEN BLOG. MACHS GUET...

    LG SILVIA