8. Blog - Riga, Lettland - Freddy sonnt sich!

Riga, 4 Grad, leichter Wind, die Sonne scheint. Frisur sitzt – aber nicht etwa wegen Drei Wetter Taft, nein vielmehr, weil der Helm den Staub und Dreck in den Haaren zusammen drückt…oder klebt, wie ihr wollt!

Vorgestern habe ich realisiert, dass Riga nicht direkt am Meer liegt. Wo ist sie denn, die Ostsee?

25 Kilometer vor Riga zweige ich rechts ab. Rückenwind hin oder her, ich will jetzt an die Ostsee! Mit flotten 30kmh pedale ich nach Jurmala. Die Meeresluft rieche ich schon von weitem. Geniesse den Moment - lebe den Moment. Denke nicht daran, dass ich später bei starkem Gegenwind 30 Kilometer zurück nach Riga fahren muss. Müssen tue ich sowieso nichts, aber das ist der Plan.

Der Strand wunderschön. Das Meer tiefblau. Parke mein Freddy im Sand, lasse ihn ein wenig Sonnen. Setze mich neben ihn. Er bringt mich immer wieder an die schönen Plätze dieser Erde. Mein Blick gleitet zum Horizont. Bleibt haften, ich glaube, ich schaue ins Leere. Die letzten drei Tage waren intensiv. Es gibt vieles, dass ich mit euch teilen möchte.

Weiss aber auch, dass das was intensiv war oder mir zumindest so vorkam, bereits heute abgeschwächt ist.

Da war diese eine Nacht. Einmal mehr habe ich ein wunderschönes Plätzchen am Waldrand gefunden. Eine Holzhütte, davor ein Weiher. Idyllisch und mit der Abendsonne schon fast kitschig. Lege mich auf meine super bequeme Isomatte, lese in meinem Buch. Es wird Dunkel, die Buchstaben kaum mehr zu erkennen, bin müde. Da ist es wieder…das Gefühl der Unsicherheit, ist es Angst? Geräusche werden intensiver, das Quaken der Frösche, das Knacken eines Astes, mein eigener Atem. An Schlaf nicht zu denken. In Gedanken versetzte ich mich in mein Bett zuhause, drehe mich auf die linke Seite zur Wand, oben mir das Dachfenster, in der Nähe der Füsse das gekippte Fenster mit Blick auf Thunersee und Pappel der Nachbarn. Alles ist gut, für eine Minute. Ein unbekanntes Geräusch schiesst meinen Puls in die Höhe, holt mich zurück nach Litauen, bin hellwach. Weiss nicht ob es Angst ist, wo ist der idyllische Ort nur hin?

Was macht die Dunkelheit aus? Werde aggressiv und wütend über mich selbst. Die Zeit vergeht. Langsam. Draussen ist es einfach nur Nacht, sonst nichts!

Mit der Zeit verändert sich auch das denken. Ich weiss ich bin beschützt – alles was ausserhalb von meinem Zelt passiert wird mir plötzlich egal. Finde den Schlaf. Bin überzeugt, dass zu zweit die Nacht einfacher wäre, geteilte Angst ist halbe Angst. Weiss aber auch, dass mich diese Situationen stärken, weil ich eben gerade allein bin. Nicht ganz allein, da sind ja noch die Schutzengel!

Das war die Kurzversion der einen Nacht – es geht von Nacht zu Nacht besser. Lerne meine Gedanken zu «püschele». Alles Kopfsache! Erinnere mich an die wunderschönen Nächte in der Wüste in Turkmenistan oder auf dem Pamir-Highway in Tadschikistan und weiss, ich kann das!

Zurück nach Riga. Sitze in der Stadt. Schön hier. Brücken, Fluss, Altstadt, alles da. Was soll ich nun die nächsten Tage tun? Hoch nach Tallin fahren. Mit diesem 700 Kilometer Umweg wäre ich zeitlich passend an der russischen Grenze. Mein Visum startet am 1. Mai. Exakt an diesem Tag muss ich einreisen.

Oder soll ich mir einen Job suchen? Im Radisson BLU 5 Sterne Hotel hab ich’s zuerst versucht. Als Tellerwäscherin. War nichts. Hotel für Hotel hab ich abgeklappert, hat einige hier in Riga, aber alle bieten nur Sommerjobs an.

Also ab auf den Central Market, dort hat es Handelsleute, Bauern, Fischer, vielleicht kann jemand meine Hilfe gebrauchen. Nicht für Geld – viel mehr für Erfahrung.

Den einen jungen Fischer frage ich. Schon fast kunstvoll hat er seine grünen Manchesterhosen in die Gummistiefel gestopft. Dreckiger Schurz, Bart und ein freundliches Lachen. «Hast Du diese Fische gefangen?». «Klar, frisch heute morgen, direkt aus der Ostsee». Sein stolz und die Meeresbrise zeichnet sein Gesicht.

Er meinte, dass es möglich sei mitzukommen. Das Fischerdorf liege aber 50 Kilometer ausserhalb von Riga. Perfekt. Morgen fahre ich dorthin, suche ihn oder frage einen anderen Fischer ob ich etwas tun kann. Ich weiss jetzt schon, wenn das klappt, wird das eine grosse Herausforderung für mich. Ja ich esse Fisch, bin nicht Vegetarierin, aber zu sehen wie Tiere sterben tut mir leid, macht mir Angst. Jetzt mal schauen was der morgige Tag bringt.

Die besten Grüsse

Öies Thesi

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Kommentare: 2
  • #1

    Seelenreise (Mittwoch, 11 April 2018 22:54)

    Oh ja, diese Erfahrungen allein draussen im Wald oder am Waldrand, beim Einschlafen habe ich vor Jahrzehnten auch auf meinen Reisen erlebt ..... all die Geräusche werden so intensiv, und sie aktivieren unsere inneren Ängste.... dabei sind es ja die Tiere, die im Wald leben. So krass, wie uns das Leben in der Zivilisation der Natur entfremden kann.

    Ich wünsche dir schöne interessante Erfahrungen in Lettland mit den Menschen.

    Hebs guet und liebi Grüess,
    Heidi

  • #2

    Bernadette (Sonntag, 15 April 2018 13:47)

    Wenn Freddy sich sonnt – seine Partnerin ins Blaue träumt oder von schmutzigen Tellern - nachts nach Feierabend in Gottes freier Natur Ruhe und Vertrauen herbeisehnt – tagtäglich wächst an Erfahrungen und Erkenntnissen – dann wissen wir Daheimgebliebenen, wir sind bei dir, liebe Maria-Theresia! Unsagbar packend – vielen lieben Dank für die News und weiterhin viel Vergnügen!
    Sonntägliche, herzliche Grüsse aus der Heimat Bernadette