7. Blog - Kaunas LT - Das glaubt mir keiner!

 

Naturalios Arbatos – 3dl frischer Saft gibt’s hier für 1.75 Euro. Der Euro kommt in Litauen wieder zum Einsatz. Die Uhr habe ich an der Grenze brav eine Stunde nach vorne gestellt und meine Velohosen (Achtung! Nicht Velounterhosen!!) das erste Mal gewaschen. Nach 2000 Kilometern liegt das schon mal drin.

Sitze auf einem bequemen Holzstuhl in der Altstadt von Kaunas. Traditionelle Musik ertönt aus den Boxen. Saiteninstrumente, Trommeln und Glocken. Lüpfig. Irgendwie heimisch. Es gibt so vieles zu berichten seit Warschau.

In Lomza hatte ich ein ganzes Sportinternat zwei Tage für mich, soll ich davon erzählen? Oder lieber von dem endlosen Regen der mich stetig begleitet? Rückblick von Polen? Wie ich die langen, geraden Strecken im Wald gerne bekomme? Möchtet ihr die Geschichte von Henry aus Holland lesen und warum er sein Glück in Polen gefunden hat?

Soll ich bei Adam und Eva beginnen?

Nein, wir starten direkt bei Maria und Josef! Denn das glaubt mir keiner!

Mittwoch 4. April – die Sonne scheint. Ab nach Litauen. Die Regenjacke verstaue ich im Rucksack, der Schuhregenschutz vergrabe ich zuunterst in der Tasche. Adiömersi. Wir sehen uns bei Monsunregen wieder! Unglaublich welche Energie mir das schöne Wetter gibt. Die Landschaft ändert sich schlagartig. Da ist kein Wald mehr zu sehen, da sind plötzlich endlose Felder bis zum Horizont. Es scheint, als zeichne der Wind kleine Hügel in die Landschaft. Ganz zart und fein. Mein Blick schweift in die Weite, da ist es wieder, das Gefühl von der grenzenlosen Freiheit. Lebe im Jetzt. Vergesse, dass ich Pedale, komme schnell voran, bis mich Josef, auf seinem «schiggen» Fahrrad völlig ausser Atem anhält. Er klatscht in die Hände, seine Augen funkeln beim Anblick meines Göppels.

Genau, ihr wisst was jetzt kommt…die obligaten Fragen :) 

Vom Fahrrad landet unser Gespräch schnell beim Motorrad. Er hat seines parat für die Saison. Tja meines hat dieses Jahr Sommerschlaf. Er begleitet mich rund 7 Kilometer, er sei pensioniert und habe Zeit. Das freut mich. Wir sprechen über Polen, den Krieg, Gott und die Welt. 7 Kilometer lang. Zum Abschied wünscht er mir das beste der Welt und viel Glück. Mit noch stärkeren Beinen fahre ich Richtung Grenze. Nach einer knappen Stunde überholt mich ein Motorrad und hält an. Wer steckt unter dem Helm? Genau, Josef. Ha und ich habe gedacht wir werden uns nie wiedersehen!

Er packt aus seinem Seitenkoffer ein Heiligen Bild auf Holz gemalt aus. Die gute Mutter Gottes ist zu sehen. Er sagt: «Als ich Zuhause war, dachte ich an Deinen langen Weg den du vor dir hast, ich musste dir einfach etwas mitgeben, das dir Glück bringt. Dich beschützt. Da habe ich das Bild von der Wand abgehängt und bin dir nachgefahren! Nimm es mit, bitte». Mit einem wasserfesten Filzstift schreibt er hinten drauf «Für Maria, von Josef». Klar musste ich schmunzeln, gleichzeitig lief mir eine Träne runter. Da ist mir wohl ein wahrer Engel begegnet. Danke Josef...

Mir fehlen die Worte. Was für ein letzter Tag in Polen. Kann es kaum glauben.

Die Grenze ist verstaubt. Nur ein lottriges, verlassenes Haus steht auf der Anhöhe. Im IKI Laden kaufe ich mir Karotten für den Reis heute Abend und eine Orange für ins Müesli. Die Nacht wird bestimmt nicht so kalt.

Pietariari, ein kleines schmuckes Dörfchen. Ausserhalb suche ich ein Plätzchen für das Zelt zu stellen. Alles sumpfig. Hmm mist. Frag ich eben für einen Platz im Garten bei einem Haus. Ein Herr wechselt gerade die Pneus beim Auto. Ideal. «Entschuldigung, sprechen sie Englisch?» Zackzack verschwindet er im Haus. Wieder zurück mit seiner Frau, Sohn und Sohn’s Freundin die zu Besuch sind. Sie alle sprechen Englisch und staunen über das beladene Fahrrad.

«Klar, kannst Du Dein Zelt in unserem Garten stellen, such Dir einfach ein Plätzchen». Ein netter Sohn! Die Mutter gibt ihm einen Schubs, «Sicher nicht, komm ins Haus, Du kannst meinem Sohn sein Zimmer haben, er wohnt ja in der Stadt. Hast Du Fotos von der Schweiz?». Der Sohn kommt dazwischen «Hey, meine Freundin und ich waren letzten Herbst in der Schweiz. Auf einem Berg in der Nähe von Interlaken haben wir uns verlobt. Hat so eine Art Kirche auf dem Berg. Weisst Du wo das ist?». «Harder Kulm?». «Jaa genau auf dem Harder, warst Du schon einmal oben?».

Unglaublich. Wie oft bin ich letzten Sommer auf dem Harder gewesen und hab trainiert. Einfach unglaublich!!!

Hätte ich die Aufgabe gehabt, zwei Menschen in Litauen zu finden die sich auf dem Harder verlobt haben – keine Chance! Gibt es ein Wort für so eine Begegnung? Zufall? Schicksal? Just happen?

In der warmen Stube, schauen wir Fotos vom Harder (nicht die von mir), die Mutter tischt russischen Salat mit Kartoffeln und Gemüse auf. Die Tochter führt einen Tanz auf. Heute Morgen gab sie mir noch Essen mit auf den Weg. Eine Begegnung mit fremden Menschen die innert Stunden zu Freunden wurden. Denn wenn sie einmal in die Schweiz kommen, wissen sie, auch sie werden in einer warmen Stube herzlich Willkommen sein. Und genau das ist es, was meine Reise ausmacht. Die Begegnungen unterwegs – Begegnungen die immer im Herzen sind. Und Ja. Nichts ist selbstverständlich.

Die Zugvögel begleiteten mich bis nach Kaunas. Kaunas werde ich mir Morgen anschauen und dann mache ich einen Um-Weg – denn ich habe mich um 2 Wochen im Zeitplan verpeilt. Bin zu früh. Aber wie heisst es so schön, es hat noch Luft nach oben ;)

Eues Thesi

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Kommentare: 8
  • #1

    Hansueli (Donnerstag, 05 April 2018)

    Einmal mehr lese ich mit Vergnügen deinen Blog. Unglaublich, was du alles erlebst. Ich mag dir alle guten Begegnungen von Herzen gönnen. Häb der Sorg!

  • #2

    Seelenreise (Freitag, 06 April 2018 19:00)

    Uiiii, das mit Josef und seinem Bild hat mich sehr tief berührt und auch das Erlebnis mit der Familie in Pietariari ...und ausgerechnet (!!) auf dem Harder, wo du soooo oft "hochgerannt" bist, war der Sohn mit seiner Freundin. So schön, was da für Verbindungen entstehen.

    Weiterhin alles Liebi und Gueti für dich, liebi Maria-Theresia

  • #3

    Bernadette (Freitag, 06 April 2018 19:37)

    The world ist full of nice people.
    If you can’t find one, be one.
    Heute Morgen habe ich diese Weisheit gelesen, heute Nachmittag deinen Blog.
    Fazit: Wahrhaftig und wie erfreulich, es ist auch vereint möglich..
    ……….. du, liebe Maria-Theresia bist ein solch liebenswürdiger Mensch und auf deiner Reise bist du erneut auf allerliebste Personen getroffen. Herzbewegend, Maria und Josef! Danke für die wunderbaren, beseelten News.
    Weiterhin alles Glück dieser Welt und in Gedanken bei dir
    Bernadette

  • #4

    Monika (Freitag, 06 April 2018 23:57)

    Wieder so berührend diese Geschichte und liebste menschen, denen du begegnest... ich kann die sonne und wärme in deinen Worten spüren. Das ist es würklich wert� danke. Weiterhin gute Fahrt.

  • #5

    Doris (Sonntag, 08 April 2018 10:39)

    Die wichtigsten Begegnungen sind von den Seelen ausgemacht, bevor sich die Menschen begegnen.
    Paulo Coelho

    Liebe Thesi, oder nun doch Maria?
    Deine Geschichten gehen ans Herz und berühren...danke für die Zeit die Du Dir nimmst uns mitteisen zu lassen. Dein Schreibstil ist so virtuos und lebendig! With love.do

  • #6

    Barbara (Montag, 09 April 2018 09:14)

    Liebs Thesi, wow dä Blog isch ja würklech rüehrend! Settegi Begägnige, eifach ungloublech! Ds Härz ufem richtige Fläck! Witerhin ganz viu Sunne im Härz u am Himu! Hätzlechi Grüess usem Ämmitau Barbara

  • #7

    Shayenne (Mittwoch, 11 April 2018 21:44)

    Liäbs Gotti, heb diär Sorg uf deynärä grossä Reis.
    Hesch dui im Meer wellä go badä?

    Vili liäbä Griässli vo Dr Shayenne

  • #8

    Silvia (Samstag, 14 April 2018 09:55)

    LIEBE THESI - ENDLICH HABE ICH WIEDER MAL ZEIT DEINE BERICHTE ZU LESEN - BIS BLOG 5 HABE ICH ES SCHON GESCHAFFT - ES IST UNGLAUBLICH WAS DU ALLES ERLEBST! JETZT LESE ICH NOCH BLOG 6 - 8 ... DU HÖRST VON MIR SPÄTER. ICH WÜNSCHE DIR WEITERHIN EINE GUTE FAHRT LIEBS GRÜESSLI USEM AARGAU