Pamir zum Zweiten!

Was fuer ein genialer Campplatz!
Was fuer ein genialer Campplatz!
Wir nehmen die Abzweigung nach Bulunkul. Es ist ein kleiner Loop, ca. 70 Kilometer und danach kommen wir weiter vorne in Alichur wieder auf die M41 zurück. Diesen Tipp habe ich übrigens von Alena und Marcel per Sms bekommen. Wir haben uns ja in Van, Türkei getroffen und seit dem radeln sie stets ein paar Wochen vor mir, somit werde ich mit vielversprechenden Tipps versorgt...gäbig gäu!
Es sind nur 16km bis ins Dorf, doch die Piste ist super schlecht, dass wir bei völliger Dunkelheit, bewaffnet mit Stirnlampen das abgelegene Dörfchen erreichten. Wie es hier aussieht, werden wir erst Morgen sehen, jetzt gibt es im Homestay zuerst mal gebratene Kartoffeln. Im letzten Blog habe ich ja von den geklauten Tomaten erzählt, es war ja wie ein Wunder, dass die dort Tomaten hatten (umso schlimmer unsere Piratenaktion!!) ABER: hier oben wachsen keine Früchte, kein Gemüse und keine Pflanzen. Es hat so ein paar Büsche oder karge Wiesen wo die Tiere weiden.
Das Homestay ist sehr, sehr einfach eingerichtet. Ein Ofen, in welchem mit Yakdung geheizt wird, das riecht dann immer ein wenig nach Mist, aber ich find's recht gemütlich, eben urchig! Empfang gibt es hier nicht, also braucht auch niemand ein Telefon zu haben. Telefonlos zu sein, kann überaus praktisch sein, man muss dann nicht immer irgendwelche updates machen oder sich um ein günstigeres Abo kümmern oder verliert keine Nummern durch einen Absturz der Technik. Leben ohne Telefon, für mich Zuhause unvorstellbar...doch Grosi wusste noch wie das war!
Das traditionelle Steh-Plumps Klo ist ein paar Meter vom Haus entfernt. Gezimmert aus drei Bretterwänden...warum auch die schöne Aussicht verbauen!? Da braucht's auch keine Sudoku oder Zeitungen, so lange haltet man es trotz Aussicht nicht aus, es stinkt nämlich. Um es noch ungemütlicher zu machen...könnte man wohl auch Menschenmist brauchen zum feuern? Ja warum nicht? Man müsste einfach zwei Gruben graben mit einem Schichtsystem damit das ganze auch trocknen könnte...ach lassen wir das! Das wird eine Gute-Nachtgeschichte :)
Bulunkul, ein Dorf am Ende der Welt oder wie auf dem Mond, so wird dieses Dorf in Reisejournals beschrieben. Hier leben ein paar Familien, Hunde, Esel, Schafe, Kühe und Yaks, vielleicht noch ein paar Mistkäfer. Im Winter wird es suuper kalt, der Rekord liegt bei -64 Grad, dann ist's ein langer Weg zur Toilette! Aber auch im Sommer kann der Temperaturunterschied an einem Tag immens sein. Bis zu 40 Grad am Mittag und bis zu -20 Grad in der Nacht...man rechne...60 Grad unterschied an einem Tag! Das ist doch unvorstellbar!
Dies erklärt vielleicht das Aussehen der Menschen, ich meine insbesondere die Haut. Die älteren Menschen, sind eben gar nicht so alt wie sie aussehen und die Kinder haben bereits so eine Art "gerbe" Haut. Die Backen dunkelrot, man könnte fast meinen die Haut sei verbrannt...oder eben sehr geprägt vom Wetter.
Die kleine Fatima sass neben mir und schaute mich mit grossen Augen an. Sie beobachtete mich wie ich Tee trank, plötzlich stand sie auf, rannte zu einem Kübel hin, setzte sich schnell wieder neben mich und reichte mir mit ihren kleinen Fingern ein Stück Zucker entgegen. Sie ist vielleicht 5 Jahre alt und ihre Finger haben bereits viele Spalten, auch die Fussohle sieht aus wie ungepflegtes, brüchiges, sprödes Leder. Doch ihre Augen...die funkeln! Wären ihre Augen Scheinwerfer, würde das ganze Zimmer hell leuchten. Wie das Licht aus so einer Baulampe :)
In Bulunkul gibt es eine Schule von der 1. bis zur 4. Klasse. Weiter müssen sie dann ins Internat in Khorog...welches sehr weit entfernt ist und im Winter ist das Dorf über mehrere Monate komplett abgeschnitten. Für viele Kinder ist also nach der 4. Klasse fertig mit der Schule und sie lernen andere Dinge...die hier überlebenswichtig sind, z.B. die Arbeit auf dem Felde oder das Schlachten der Tiere, Jurtenbau, Kochen usw.  
Wenn ich dies so sehe, denke ich mir: "hey, du hättest auch hier geboren werden können...dann würdest du jetzt Ziegen schlachten!". Bleibe lieber bei der Nadel und dem Mikroskop...vielleicht?!
Nach einer kalten Nacht, hatten wir die Velos wieder startklar gemacht. Dieses tägliche, sich immer wiederholende Schauspiel hat viele Kinder angezogen. Sie schauen dich mit grossen Augen an und in diesem Moment fühle ich mich total überladen!
Überladen an unnötigem Zeugs...klar brauche ich dies alles um weiterzukommen...doch zum Leben, braucht es glaub ich nicht so viel...oder nicht alles was wir haben ist wichtig?! Können wir überhaupt was besitzen, also ich meine Eigentum haben? Wie auch immer... wenn ich in diese Kinderauge blicke kommen mir solche Gedanken und wenn sie dann lachen...ist es das einzige was ich wirklich von ihnen bekommen habe und was in meinen Erinnerungen bleibt, und die Erinnerungen gehören einem...Eigentum...Irgendwie so in der Art :)
Die Schotterpiste führte zuerst entlang dem See und später sah man auf den See herab. Die Felsen im Hintergrund leuchteten vom Bananenschalen-Gelb bis hin zu einem AOC getesteten Pinot Noir-Rot. Farbige Felsen, die sich im See spiegeln, einfach schön! Es sieht wirklich aus wie auf dem Mond, war ja noch nie dort aber so stelle ich es mir vor! Nächstes Jahr radle ich zum Mond, Freddy wird Augen machen haha! Wir begegneten noch ein paar richtig fetten Murmeltieren! Die sind riesig, was fressen die nur?
Und tatsächlich ist wieder einmal im absoluten Nichts ein Haus. Es sah sehr verlassen aus, hier lebt bestimmt niemand...oder doch? Wir hörten ein Bellen, hat es ein Hund, hat es auch Menschen. Aus dem Haus rannte ein Mädchen, ein Zweites, ein Drittes und zwei Knaben. Sie zerrten uns förmlich in die "Hütte", die Schuhe zogen wir im Stall ab und im nächsten Raum sassen zwei Frauen am Boden. Die eine stand gleich auf und bat uns hinzusetzen, die andere schaukelte eine Wiege...6 Kinder wachsen also hier im Nirgendwo auf!
Sofort erblickten wir den grossen, farbigen Teppich, der beinahe die ganze rechte Zimmerhälfte abdeckte. Wir waren beide total begeistert von diesem Kunstwerk. Gleich holte sie einen Zettel und kritzelte eine knapp definierbare 5 darauf und murmelt "Dollar". Waas? Sie will uns dieses Stück verkaufen für 5 Dollar??! Nein gute Frau, dieser Teppich hätte einen Wert von mehreren tausend Dollar! Sie offerierte und Brot und Milch.
Ich konnte mit meiner Kamera ein paar gute Porträts festhalten und als ich den Kindern die Bilder von ihnen auf dem Display zeigte, sind sie zuerst erschrocken und dann ging das Gekicher los :) Natürlich wollten alle noch mehr Fotos sehen und posierten wie verrückte vor der Linse, das war soo lustig! Ich wollte ihnen unbedingt was schenken...hatte aber nichts...nur ein Lachen! Doch halt, in meiner Tasche hatte ich doch noch ein Schachteli Ricola, die ich seit Istanbul mitschleppe! Genau, die schenke ich ihnen! Die Mutter wusste zuerst nicht was sie damit anfangen sollte...nein das sind keine Medikamente, keine Drogen! Das ist Zucker mit Alpenkräutern! Essbar! Geniessbar! Sie traute der Sache wohl nicht ganz und der kleine musste den Test machen. Er hat das Ricola überlebt. Wir verabschiedeten uns und blickten kein weiteres Mal zurück. Es ist einfach eine andere Welt hier!
Ein paar Kilometer vor Alichur stellten wir unser Zelt auf. Es war Vollmondnacht. Zur Feier des Tages...wir feiern, dass wir hier sein können, auf dem Dach der Welt, auf dem Pamir...kochen wir Pasta. Leider hatten wir keine Tomaten mehr nur noch Salz und Knoblauchpulver.
Jetzt ist DER Moment, der grosse, langersehnte Moment...den einzigartigen und unglaublich lang wartenden und ruhenden Dosenfisch aus Griechenland zu geniessen...wenn er denn noch geniessbar ist! Er ist weit rumgekommen für einen Dosenfisch! Was passiert wenn man Dosenfisch auf 4000 Metern öffnet? Genau, sie springen einem beinahe entgegen. Er war in Öl und Tomatensauce eingelegt, oh ihr hättet das sehen sollen, aber ihr wart ja alle nicht da! Pasta und darunter ein Fisch eingerührt...einfach herrlich, ein Traum! Es war soo gut, dass wir uns noch ein wenig für's Frühstück sparten.
Die Vollmondstimmung war...wie soll ich sagen...besser als jeder Film aus der Glotze. Mein Zelt hat ein Belüftungssystem, welches mir erlaubt ein Dreieck in der Decke so zu öffnen, dass ich freie Sicht auf den Himmel habe und somit auf den Vollmond. Am morgen weckte uns wohl der Fischgeruch...war ungewohnt aber auch kalt ganz lecker, eben ein richtiger, griechischer Fisch :)
Als wir zu einem Fluss kamen nutzten wir die Chance...Geschirr abwaschen. Ja zwischendurch ein wenig Hausarbeit hält uns fit :)
Ein wenig Wasser würde uns auch gut tun...gesagt getan, Badezeugs montiert und rein in den eiskalten Fluss...er war wirklich sehr, sehr kalt, ca. 6 Grad. Auf den Rücken liegen, eine Umdrehung und schnell wieder raus, zu kalt.
Die Wäsche konnten wir auch noch waschen und in Alichur vor dem Marco Polo Homestay haben wir sie zum trocknen aufgehängt. Während diese in der Sonne sich badend trocknet, schlemmern wir frisches Brot, gut wars! Der Hausherr meinte wir sollten doch noch einkaufen gehen...wie bitte? Einkaufen? Hier? Ja bitte schön, zeigen sie uns doch die gute Migros! Eine Jurte hat's dann auch getan... Sandalen, Hüte, Hosen und Mäntel wurden angeboten. Unser Kaufrausch hielt sich in Grenzen!
Als wir aus der Shoppingjurte hinaus kamen, trauten wir unseren Augen nicht...Simon's Fahrrad stand da! Er kam aus dem Häuschen und das Wiedersehen war grossartig. Es ist bereits 17.00 Uhr und er will noch bis ins 100km entfernte Murghab radeln... "Findest Du das nicht ein bisschen weit? In einer Stunde wird es bereits dunkel sein!". "Ihr habt wohl recht, also lass uns gemeinsam noch ein paar km fahren und dann das Zelt aufstellen, aber morgen will ich um 04.30 Uhr los!". Der ist auch ein Frühaufsteher!
Bereits nach 20km war es beinahe finster und auf der linken Seite, ganz weit hinten erblickten wir eine Jurte. Toll! Übernachten in einer Jurte, dass wollte ich schon lange mal! Wir fuhren übers Feld, durchquerten noch ein Bächlein bis wir bei der Familie ankamen.
Für sie war es anscheinend absolut klar und selbstverständlich, dass wir hier übernachten werden. Noch bevor wir überhaupt fragen konnten, richtete sie unser Nachtlager ein. Das Feuer brannte auch schon und es duftete sehr gut...es duftete nach Kartoffeln, judihuii! Es war ein wahres Festessen!
Die Bleischweren Decken erdrückten uns in den Schlaf. 10.00 Uhr morgens und wer ist noch da? Genau, unser Frühaufsteher Simon :) 
Manu und ich könnten es hier also noch lange aushalten...gedacht-entschieden! Wir hängen noch eine Nacht in der Jurte an, weils soo schön ist!
Die Familie probierte uns zu erklären, dass sie Heute nach Murghab gehen werden, wir könnten aber hier bleiben, wir müssten einfach zum Feuer schauen! Die Jurte gehört also uns :) Bis wir dies verstanden haben dauerte es mindestens 15 Minuten, man bedenke wir verstehen kein einziges Wort voneinander!
Simon ist bereits losgefahren und die Familie wurde kurzum von einem Jeep abgeholt. Jetzt sind wir also stolze Jurtenmieter mitten im Pamir! Schon unglaublich, die Familie hätte ja auch sagen können, ihr müsst weiter! Sie vertrauten uns ihr Hab und Gut, alles was sie haben einfach so an, sie kennen uns ja kaum...aber hier oben ist das Vertrauen wohl DIE Basis! 
Es war ein wunderbarer Tag, die Sonne schien und es windete! Wir wollten ein bisschen "wandern" gehen. So liefen wir also in eine Richtung los und setzten uns auf dem nächsten Hügel hin. Wir sprachen kaum miteinander...weil uns einfach die Worte fehlten! Der Anblick ist überwältigend, die Ruhe inspirierend. Da ist Nichts, kein Lärm, keine Menschen, kein zu lesendes Buch, keine Musik einfach die Natur und wir zwei kleine Radlerinnen.
Die Zeit vergeht...wie schnell? Keine Ahnung, ist ja auch nicht wichtig! Plötzlich sahen wir von weitem zwei kleine Punkte, ja nicht irgendwelche, es waren Punkte die fuhren, etwa so schnell wie Fahrradpunkte fahren :) Es könnte Jeremy und Sascha sein die vom Wakhan kommen. Wir erkennen die rote Jacke von Jeremy, wie wild beginnen wir zu winken und zu rufen...sie konnten uns nicht hören, zu weit weg!
Wir stiegen noch ein wenig höher auf den Hügel und winkten mit unseren Jacken, die schauen auch nur auf die Strasse! Kurz bevor sie hinter dem Felsen verschwinden, blieben sie stehen, sie sahen uns tatsächlich, Wahnsinn. Wir rannten runter zur Jurte, die haben bestimmt einen Mordshunger! Ich brachte den Benzinkocher in Schwung und schmiss das Fertigrisotto (noch von Italien! Mamma mia!) in die Pfanne. Manu ging ihnen entgegen. Es ist noch eine rechte Distanz bis zur Jurte, Sascha fährt nicht mehr und Jeremy näherte sich uns. Erst als er bei der Jurte war bemerkt er, dass Sascha nicht mehr hinter ihm war...der Wind.
Während ich meine Kochkünste zum besten gab, rannten die zwei zu Sascha. Er ist einfach erschöpft. Es war ein freudiges Wiedersehen, sie haben es geschafft, super! Während Jeremy den angehockten und verklebten Reis geniesst schläft Sascha bereits. Ach ja übrigens....das Feuer ist ausgegangen hmpf! Jetzt stehen wir also vor einem Kübel Yakdung ohne Anfeuermaterial. Die Suche nach irgendwelchem brennbaren Gestrüpp oder Holz blieb natürlich erfolglos...das ist jetzt wirklich ein Mist, grosser Yakmist! Aber wir haben ja alle starkes Daunengefieder im Gepäck :) Kann es immer noch nicht glauben, dass wir in einer Jurte auf ca. 4000 Metern übernachten. 
Am nächsten Tag fuhren wir zu viert 100km bis nach Murghab. Doch Sascha war noch nicht Fit zum weiterfahren. Wir warteten also noch zwei Stunden, diese nutzten wir um Wasser vom Bach zu filtern. 
Sascha schluckte zwei Dafalgan und wir fuhren los. Eine gemütliche Etappe mit dem Neizatash Pass (4137m).
Ich muss es einfach nochmals schreiben, der Himmel ist hier soo stahlblau, sowas habe ich noch nie gesehen! Es war einer meiner besten Tage, fühlte mich von Kopf bis Fuss total stark, hatte das Gefühl, dass ich über die Strasse fliege, alles war so einfach und unbeschwehrlich. Irgendwie unbeschreiblich, nun habe ich dieses Gefühl auf meiner Festplatte abgespeichert! Nach einer tollen Abfahrt fuhren wir nach Murghab ein. Schon von weitem sah man die Containerhäuschen und ich kann mittlerweile schon von sehr, sehr weit weg gebratene Kartoffeln riechen :) 
Wir suchten ein Homestay und fanden eines mit warmem Wasser und sogar einer Sauna! Als ich vom Fahrrad abstieg wurde mir beinahe schlecht...das rechte Bein kann ich kaum belasten, das Knie.
Am selben Abend treffe ich erneut auf Claire von Paris, sie ist ja auch mit dem Fahrrad unterwegs. Sie wird Morgen einen Jeep bis Osh in Kirgistan nehmen und es hätte noch Platz... In meinem Kopf beginnt es zu rotieren, soll ich? Soll ich nicht? Es sind gute 4-5 Fahrtage bis zur Grenze, auf dem Programm ist noch der Ak Baital Pass mit seinen 4655 Metern, mein Visum läuft in vier Tagen aus, mein Knie schmerzt...der Fall ist klar: Jeep bis Osh! Es nervt mich zwar ein bisschen...Aber ich habe mich entschieden, fertig! 
Und wir hatten Glück, der Fahrer hat noch Verwandte in Karakul, somit legen wir dort einen Stopp über Nacht ein und wir können am Karakulsee unser Zelt aufschlagen, perfekt!
Als ich dann die Piste sah, war ich einfach nur froh auf vier Rädern unterwegs zu sein! Kurz nach dem Pass hatten wir freie Sicht auf den Pik Lenin, einer der einfacheren zu besteigenden 7000ender, wenn man da das Wort "einfach" überhaupt brauchen darf! Der Blick von weitem imponierte mir sehr. Rechts von uns ragen die Shneeberge China's in die Höhe.
Ja, China ist wirklich nur ein paar Meter entfernt...ein über Kilometerlanger, hoher Elektro-oder sonst gefährlich Zaun markiert, dass für mich zurzeit unerreichbare Land. Einen Stein hab ich wenigstens darüber geworfen :)
Ein weiteres Mal suche ich die richtigen Worte um den Karakulsee und diesen Ort zu beschreiben...einfach einmalig! Die stahlblaue Farbe zieht einem wahrhaftig an. Es gibt so viele Sachen, Landschaften, Begegnungen und unvergessliche Erlebnisse die ich nur durch Erzählen authentisch weitergeben kann...
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Auf der M41, auf dem Dach der Welt, auf dem Pamir!

Kann es kaum glauben. Dieser Satz werdet ihr in diesem Blog oft zu hören bekommen...denn es ist einfach unglaublich! Los geht's:
Nach einem trockenen Stück Fladenbrot, welches wir mit Aprikosenmarmelade aufweichten, fuhren wir los. Wir planen zwei Tage bis kurz vor den ersten Pass (Koy Tezek 4272m). Dort wollen wir noch einmal übernachten um zu sehen ob wir mit der Höhe zurechtkommen...sollte jedoch kein Problem sein! Also gemütliche 160km mit einer stetigen aber leichten Steigung. Bereits nach einer Fahrstunde musste ich absteigen...um die grandiose Aussicht überhaupt wahrzuhaben, wahrzunehmen! Vor uns: ein türkisfarbener See, um uns: bizarre, steile Felsen, über uns: stahlblauer Himmel, unter uns: perfekter Asphalt :) und das ist erst der Anfang!
Beim Seeli machen wir gleich Rast und schlemmerten Rosinen aus der Migros Spiez, jaja die haben durchgehalten und jetzt ist der richtige Augenblick diese zu främseln, schmecken wunderbar, eben wie die Rosinen aus der Migros Spiez halt so schmecken :)
Wir merken schnell wie immer weniger Jeep's oder Lastwagen auf der Strasse sind, doch diejenigen die an uns vorbeifahren winken herzlich zu. Stunden könnten wir an diesem See sitzen und einfach staunen, doch hinter dem Felsen künden die schwarzen Wolken schlecht Wetter an und mit 20km können wir uns noch nicht zufriedengeben...nicht hier! Wir fuhren an kleinen Dörfchen vorbei und wurden etliche male zum Tee eingeladen. Trinken ist wichtig! 
Da wir ja ziemlich schnelle Trampeltiere sind entfliehen wir beinahe der Wetterfront...eben nur beinahe! Zuerst windete es uns fast vom Göppel und dann regnete es wie schon seehr lange nicht mehr. Das war glaub ich vor ein paar Monaten in der Türkei... Blitz und Donner kommen dazu, ein Weiterfahren ist fast unmöglich doch wir beissen...denn da ist weit und breit nichts, einfach NICHTS!
Ich höre wie Manu was sagt, kann sie aber nicht verstehen, "Waaas? Laaauter! Duu musst das Wetter übertööönen!" Manu:"ich glaaubee ich haabee einen Kettenrissss". "Waas, das kann nicht sein, nicht hieer! Nicht jetzt!" Natürlich kann sie keinen Meter mehr fahren. Sehr wage und noch schwächer erinnere ich mich an jenen Flickkurs in Ostermundigen, an jenem Abend regnete es übrigens auch! Da habe ich so einen Kettenriss repariert, genau 1x, langsam aber erfolgreich! Ich "grüble" das Werkzeug aus der Tasche, gehe zu Manu und Freddy kippt, der Wind ist wirklich sehr stark...sonst ist doch Freddy immer der stärkste. 
"Manu, hast Du schon einmal einen Kettenriss repariert?", "Nein, Du?", "Nicht wirklich!". Wir zwei werden also gleich am ersten Tag auf die Probe gestellt. Ich weiss, dass ich das kann zumindest meine Finger werden sich daranerinnern!
Die Probe haben wir bestanden! Jawohl, schön nach Schule mit dem Kettennieter das Kettenglied...usw. Der Kurs dazumal war auf jeden Fall unser Retter! Es regnet immer noch. Ist uns jedoch Hundewurscht denn wir haben eine tolle Strasse und eine funktionierende Kette, was will man mehr?!
Nach 70 Kilometern finden wir ein Plätzchen am Fluss, hier stellen wir unser rotes Ferrari-Zelt von Hilleberg auf! Es regnet immer noch und wir haben kalt. Es lohnte sich also die Handschuhe 6 Monate mitzuschleppen, die sind jetzt Gold wert!
Zitternd schlüpfen wir in die Daunenschlafsäcke um warm zu kriegen. Liegend schälen wir Zwiebeln und kochen...Pasta, genau was denn sonst! Es ist einfach zu kalt um aus dem Haus zu gehen, somit essen wir bäuchlings bereits lauwarm gewordene Pasta mit Tomatensauce. Den Abwasch verschieben wir auf Morgen, gute Nacht.
Ach ja fast hätte ich's vergessen. Wir haben abgemacht, dass wir uns jeden Abend abwechselnd eine spontane Gute-Nacht Geschichte erzählen. Manu machte den Anfang. Es handelte sich um die Milchstrasse, sie ist in Wirklichkeit eine Durchgansstrasse für Kühe, nur weiss dies niemand! Sogar die Wasserbüffel in Indien nutzen sie. Auf der Strasse tauschen sich die Kühe jeweils aus was in ihrem Land gerade der neuste Trend ist. Von den vollautomatischen Melkmaschinen über den Laufstall oder die neuste Ackermethode in Indien. Es gibt auch Austauschjahre und Praktika für Kühe in anderen Gegenden. Der Stoff, also das Gras ist natürlich auch immer ein brisantes Thema :) Soviel zur Kuh Geschichte...und nein, da oben wird man nicht verrückt!
Am nächsten Morgen: es regnet immer noch! Also gibt es Frühstück im Bett. Das Reis von gestern klebt noch im Teller, hmm egal, Milchpulver rein, Wasser dazu, anrühren und fertig ist der Milchreis höhö.
Schmeckte gar nicht so schlecht noch ein paar Haferflocken dazu und schon ist halb abgewaschen und gefrühstückt! Noch schnell die Flaschen mit Wasser vom Fluss auffüllen und hop eine Micropur Tablette rein. Die macht das Wasser haltbar und verleiht ihm einen einmaligen Chlorgeschmack. Es regnet nicht mehr! Im Nu haben wir alles zusammengepackt und gesattelt, ja so ein Rössli wär jetzt auch nicht schlecht. Kann nicht alles haben.
Wir haben keinen Regen, das ist schon viel! Es wird jetzt lange kein Dorf mehr kommen, vielleicht mal ein Lehmhaus und schon bald die ersten Jurten. Als wir bei so einem Häuschen vorbei kamen, sassen da zwei Jungs in der Schubkarre. Sofort wollten sie uns zum Cay einladen. Passt super, denn wir haben mächtigen Durst! Sie sind schätzungsweise 8 und 10 Jahre alt, so genau wissen sie das selber nicht! Spielt ja auch keine Rolle. In die Schule gehen sie nicht, da ihre Eltern den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten müssen sie sich um die Tiere Zuhause kümmern... und zudem hat es weit und breit keine Schule! Nebenbei laden sie noch durstige Radlerinnen ein:)
In dem Häuschen gibt es ein Zimmer, hier wird gekocht, gegessen, geschlafen und gespielt...Spielzeuge habe ich jedoch nicht gesehen. Sie spielen wohl mit dem Hund, mit der Schubkarre oder einem Huhn. Und wieder: ich kann es kaum glauben. Von den beiden habe ich ein Foto hochgeladen...
Wir müssen weiter, es ist noch ein langer Weg bis zum Pass. Die Landschaft ist unglaublich, kann es kaum in Worte fassen und wenn ich es könnte wäre es dennoch nicht nachvollziehbar. Bilder sagen hier definitiv mehr! Wir fuhren an grasenden Yaks vorbei, die ersten die wir sehen. Das Wetter schlägt wieder um und weiter oben schneit es, der Gletscher ist auch zum Greifen nah.
Schon absurd, vor zwei Wochen bin ich bei Temperaturen über 40 Grad geradelt und jetzt trampe ich mit Kappe und Handschuhe. Der Körper muss sich umgewöhnen, mein Knie bleibt stur und schmerzt. Probiere zu ignorieren. Weit vorne erblickten wir ein kleines Häuschen, dort werden wir Halt machen. Jede/r der die M41 radelt sollte dort unbedingt eine Pause einlegen. Von aussen sieht alles ganz normal aus, doch innen erschlägt es einem fast vor Ferienstimmung: Welcome on the beach!
Das ganze Zimmer ist austapeziert mit dem Sujet: Palmen, Strand und Sonne! Sogar die Decke! Nein einfach unglaublich, draussen ist ein Sauwetter und wir sitzen auf 3800 Metern am Strand, dazu ertönt aus dem CD-Player, welcher mit einer Autobatterie läuft, kubanische Musik! Die alte Frau, sie sieht aus wie ein Pirat, servierte uns gebratene Kartoffeln und Yakmilch. Echt Filmreif! Auf dem Tisch hat es eine Schale mit 4 Äpfeln und 4 Tomaten drin. Manu und ich schauen uns gleichzeitig an und denken wohl auch dasselbe! Ein Lastwagenfahrer hupte und sie entschuldigte sich für einen Moment...Das ist unser Moment: "Take the Tomatos!!!", nimm die Tomaten schnell!
Manu schnappte sich die roten Energiebomben und steckte sie in die Jackentasche, ich griff nach den Äpfeln und würgte sie in die Hosentasche...meine Jacke hat keine Seitentaschen, das ist eine Fehlkonstruktion, es hindert mich jedoch nicht Äpfel zu klauen! 
Wir verabschiedeten uns und bezahlten natürlich für das Essen :) Hoffentlich leben die Tomaten noch...hinter dem Felsen, packen wir das geraubte aus und verstauten es sicher in der Tasche...eben echte Piraten! 15 Kilometer vor dem Pass stellten wir unser Zelt ca. 20 Meter von der Strasse entfernt auf einem Feld auf. Diejenige, die aus der Gegenrichtung kommen, werden uns sofort sehen, die anderen nicht. Doch hier oben sollte, dies absolut kein Problem sein...ist es auch nicht, wenn man sich am Abend im Dunkeln keine Gruselgeschichten erzählen würde...! Übrigens hier sieht man sooooo viele Sterne, eben: kann es kaum glauben.
Die Geschichte handelte von verrückten, chinesischen Truckfahrern die ständig getrocknete Fischchips essen und dadurch selber zum fahrenden Fisch werden...so in der Art. Keine Minute nach dem Ende der Geschichte, hielt ein Truckfahrer genau auf unserer Höhe an. "Warum hält der an?, Warum genau hier? Er fährt ja in unserer Richtung er konnte uns also nicht sehen, warum hält er dann?". Das Herz schlägt uns beinahe zum Hals raus. Wir haben Angst...zumindest bilden wir sie uns ein!
"Also Manu, ich öffne jetzt ganz langsam den Reissverschluss und dann schauen wir hinaus, so dass er uns nicht sehen kann, ok?!". "Ich will aber nicht schauen!". "Ok, dann schaue ich für uns beide". Da war niemand zu sehen, nicht im noch neben dem Truck, es ist ein chinesischer. "Vielleicht musste er einfach mal!". "Ja, aber warum genau hier?", "weil er eben gerade jetzt musste!". Er drehte sich um 90 Grad und blieb stehen, die Scheinwerfer zündeten direkt auf uns. "Was jetzt, will der uns überfahren?". "Keine Ahnung!".
Wie zwei wilde Hühner schlüpften wir aus den Daunen und waren parat im Falle des Falles aus dem Zelt zu hechten...wie Hühner eben hechten! Er drehte um weitere 90 Grad und fuhr zurück in die gekommene Richtung. Er fährt davon. 
Mann o mann wir werden wirklich noch verrückt... Seit jenem Abend erzählten wir uns nur noch friedliche Geschichten von Kühen und Schafen und Pferden und Frösche.
Am nächsten Morgen badeten wir wieder einmal getrocknete Nudeln im Milchpulver, danach Deckel drauf und ab in die Tasche, kein Wasser zum Abwaschen...keine Abwascharbeit. Könnt ihr Zuhause auch machen...einfach den Hahnen nicht aufdrehen!
Heute ist Passfahrt mit Höhenrausch, bin ja gespannt!
Die Strasse wird zur Piste. Ein relativ kurzer Aufstieg, ich glaube nicht mehr als 5 Kilometer in denen es richtig steil hoch geht, weiss es nicht mehr genau, hatte viel zu tun! Ich werde soo langsam, dass nur noch 4km pro Stunde auf meinem Tacho standen. Ja, dann bist du in einer Stunde oben! Plötzlich muss ich absteigen, wohl etwas vom dümmsten, denn das Anfahren braucht zusätzliche Energie. Aber ich muss stehen und Atmen. Komme mir vor wie ein altes Pferd, schrecklich, das Pferd halte ich fotografisch auch noch fest.
Als ich mich auf dem Display sah, habe ich mir geschworen, dieses Bild niemanden zu zeigen. Und wenn es mir Zuhause einmal nicht gut gehen sollte, werde ich dieses Bild anschauen und sagen: "Thesi, hör auf zu jammern, ist nur eine Grippe. Damals hast du scheissiger ausgesehen!" Ja die Stunde hat sich hingezogen, musste oft anhalten, teilweise auch Schieben aber wir haben es geschafft! Ein tolles Gefühl, ein unbeschreibliches, ein erfülltes ein grossartiges, judihuii einfach super!
Die Abfahrt hielt sich in Grenzen...jetzt sind wir also auf dem Plateau. An diesem Tag kamen uns drei Autos entgegen, deren Motoren waren wohl die einzigen Geräusche die wir hörten...kaum zu glauben! Wir hatten die ganze Strasse für uns, sind Schlangenlinien gefahren, haben gesungen (Ramseier's ist auf unserer Pamirhit-Liste zuoberst, dicht gefolgt von "Rien, rien de rien, je ne regrette rien":)
Die Luft hier ist zwar ein bisschen dünner dafür umso klarer! Der Himmel stahlblau, so ein Blau habe ich noch nie gesehen... Alles scheint viel intensiver zu sein, die Farben der Natur, das Wetter und ganz bestimmt die Wahrnehmung! Z.B. Wir halten an um einen Schatten von einer Wolke zu sehen, ein Foto davon zu machen, wir steigen ab um ein Gebüsch von nahem zu sehen, wir müssen uns immer wieder hinsetzten weil wir fast erschlagen werden von den Eindrücken...doch eigentlich gibt es gar "nichts" zu sehen, nichts was sich bewegt, oder tönt, oder informiert...es ist einfach diese Gegend! Wie soll ich dies nur beschreiben...?
 
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Das Afghani Chicken und seine Daten...

Blick auf ein Afghanisches Dorf
Blick auf ein Afghanisches Dorf

Trotz Sprachbarriere sind wir mittlerweile ein gut eingespieltes Team. Alle haben wohl gemerkt, dass wir als Team funktionieren müssen um weiterzukommen! Und dies trotz unterschiedlichen Tempi, einer anderen Sprache und verschiedenen Ansichten.

Von Dushanbe bis nach Khaleikum gibt es zwei Routen, die nördliche, kürzere mit einem 3000er Pass und die südliche. Wir entschieden uns für die südliche, sie hat zwar drei kleinere Pässe, ist 100 Kilometer länger und heisser aber dafür ist die Strasse top! Unser Weg führt uns direkt zur Afghanischen Grenze und von dort radelt man bis Khorog dem Grenzfluss Panj entlang. Ab der Abzweigung wird die Strasse deutlich schlechter aber bestimmt nie so rumpelig wie die im Norden. Doch bevor wir zum Grenzfluss kommen radeln wir einmal mehr durch unbeschreiblich schöne Landschaft. Sie beginnt mit einer Hügelwüste und wechselt langsam in eine Gebirgswüste mit bizzaren Felsen. Eine sehr schöne Route mit teilweise, sandigen oder Schotterpisten... aber nicht viele :)

Zu Beginn dachte ich immer, hoffentlich macht das Freddy alles mit und schaute dadurch immer ganz genau wo ich durchzirkelte... Mittlerweile muss ich sagen: "Das Fahrrad ist gebaut für so was! Das hält schon durch, lass es rollen :)". Ich bin wirklich überrascht und sehr beeindruckt was es alles mitmacht, ist eben ein gutes!

Jetzt noch ein paar Gedanken zu dieser Grenzfahrt... Ein komisches Gefühl, einen Steinwurf von Afghanistan entfernt zu sein. Die Dörfer wirken auf mich sehr idyllisch und friedlich. Dieses Gebiet hier im Norden ist nicht "direkt" betroffen. Die Dörfer liegen zum Teil über 20 und mehr Kilometer auseinander. Ein schmaler Land-Streifen zieht sich der ganze Strecke entlang, gleich dahinter schiessen die Berge tausende von Metern in die Höhe. Die Kinder winken uns zu und johlen. Ich winke zurück und viele Gedanken gehen mir durch den Kopf...

Bis auf einen Jeep habe ich nur Eseltransporte gesehen welche auf steilen Pfaden von einem ins nächste Dorf traben. Die Häuser sind sehr einfach gebaut und alle sind Selbstversorger. Dank dem Fluss können sie viel Gemüse anbauen, erinnert mich ein wenig an Grossmutters Garten, mit dem grossen Unterschied, dass der Grund, also der Boden ein total anderer ist! Ja ich kann es einfach kaum wahrhaben oder glauben, das dies da drüben Afghanistan sein soll! Es wird bald dunkel und wir machten uns auf die Suche nach einem geeigneten, versteckten Zeltplatz. Wir sassen alle zusammen, rüsteten Zwiebeln und Knoblauch, und pumpten das Benzin in der Flasche. Plötzlich hörten wir ein Rascheln und wie aus dem Nichts stehen 6 bewaffnete Männer in Uniform um uns herum.

Für einen kurzen Moment bin ich erstarrt, realisiere aber sofort, dass es Grenzwächter sein müssen. Der eine will wissen, wer der Chef unserer Gruppe ist. Baptiste steht langsam auf. Da Manu jedoch ein paar Wörter mehr russisch kann, probiert sie zu erklären, dass wir einen Zeltplatz suchten und nun Wasser kochen wollen für den Reis. Sie scheinen sehr freundlich und neugierig zu sein. Er funkt seinen Chef an und fragte wohl nach ob wir hier bleiben können, die Pässe wollten sie nicht sehen! Es ist definitiv, hier können wir nicht bleiben, zu nahe am Fluss und in der Nacht sei es zu gefährlich, da immer wieder Droggenschmuggler den Fluss probieren zu überqueren. 10 Kilometer weiter werden wir in ein Dorf kommen, dort könnten wir unser Zelt aufstellen meinte der gute Herr.

Gut, wir packen alles zusammen und bevor es los geht will doch tatsächlich der älteste Grenzwächter der Gruppe noch meine Schildkröte testen. Er hat grosse Freude daran und jeder will noch einmal Hupen. Das ist auch eine absurde Situation... Bei kompletter Dunkelheit erreichten wir das kleine Dörfchen und konnten gleich beim ersten Haus übernachten. Ja, im Nachhinein waren wir vielleicht leichtsinnig doch im Moment erschien uns die Situation und der Zeltplatz als gut und sicher. Am nächsten Tag habe ich ab und zu in die Felsen hoch gesehen, auf beiden Seiten des Flusses erblickte ich tatsächlich immer wieder Grenzwächter, die sind überall verteilt, darum waren die auch so schnell bei uns!

An jenem Tag war es sehr heiss und die Hitze machte uns allen zu schaffen. Schatten zu finden ist nicht immer einfach, somit haben wir uns unter den nächsten Baum gelegt und geschlafen. Wir müssen essen, doch mein Hunger hält sich sehr in Grenzen. Zwinge mich die Nudelsuppe runter zu schlürfen. Das Geschirr waschen wir im Grenzfluss ab, welcher eine rein graue Sauce ist. Oh, das Wasser ist soo schön kalt. Manu und ich können einfach nicht wiederstehen und samt Kleider setzten wir uns in die Brühe. Die Strömung ist so stark, dass wir uns an den Steinen festhalten müssen.

Ist gut so Mama, dass Du dies erst jetzt liest gell;) Die Abkühlung war einfach herrlich. Doch wir müssen unbedingt weiter denn wir haben Wasservorrat für nur zwei Tage dabei und somit müssen wir Morgen Khaleikum erreichen! 60km stehen Heute noch auf dem Plan. Doch bereits nach 20 fühlte ich mich erneut nicht besonders gut, wurde immer wie langsamer und Manu fuhr schön neben mir. Sie erzählte Geschichten und ich musste nebenan Schnaufen wie ein alter Gaul. "Alles ok bei Dir?", "ich habe Bauchweh und mir ist übel. Habe das Gefühl, dass ich mich jeden Moment übergeben muss, kann aber nicht". Schon bald sah ich vor mir eine Wand wo sich die Strasse hochzieht. Ein steiler Aufstieg, beim Anblick wurde mir noch übler. Zuhause würde mein Chef sagen: "Thesi, geh nach Hause und erhol dich", ich hatte wirklich einen guten Chef...der ist jetzt aber nicht hier, und das Zuhause ist auch weit weg! Nun gut, mein Plan sah so aus: "ich werde jetzt meine ganze und letzte Energie aufbringen, diesen Aufstieg so schnell wie möglich zu schaffen, Trampen was das Zeug hält, damit ich oben so fertig bin, dass ich mich übergeben kann...danach geht's nämlich besser"! Ich glaube dies waren meine furchtbarsten Kilometer hahaha.

Kurz vor der Anhöhe angekommen, waren da zwei Lastwagen am Strassenrand und die Anderen sassen dazwischen bei Kartoffeln und einer Wassermelone. Ich stellte meinen Göppel ab und legte mich hin ohne die Chinesischen Fahrer gross wahrzunehmen. Der eine zückte aus seiner Tasche irgendwelche rosafarbenen Tabletten und meinte ich solle zwei davon nehmen. Hinten auf dem Blister stand alles nur in chinesisch und ich lehnte dankend ab. Der Andere holte aus seinem Handschuhfach gelbe Tabletten, bei denen war alles in russisch geschrieben, er drängte dass ich eine nehme.

Aber alleine der Anblick der Tabletten liess mich das Essen mit Ausblick nach Afghanistan verlieren. Was für eine Wohltat! Sie boten mir irgend ein Gebräu in einem Colafläschchen an, jetzt ist's mir egal. Oh, schmeckte super, selbsgebrannter Schnaps, genau das Richtige. Ich habe gerade die halbe Flasche geleert. Esse noch eine Kartoffel und schlafe ein. Als ich ruckartig aufwachte sind Stunden vergangen, und der Durchfall kommt zu Besuch und zeigt sich von der übelsten Seite und wir beschlossen uns die Einladung von den Herren anzunehmen und zwischen ihren Trucks zu übernachten. Jetzt zu ihrer Geschichte...

Sie fahren regelmässig von Kashgar, China über den Pamir-Highway nach Dushanbe. Für die Truckfahrer eine grosse Herausforderung! Eine Kunst diese Strasse zu fahren. Viele mussten ihr Leben auf dieser Strecke lassen. Der junge Fahrer hatte Glück...kurz nach der Anhöhe, hätten ihm die Bremsen versagt. Links geht's hunderte Meter in die Tiefe, rechts 1000 Meter in die Höhe. Seine einzige Chance war es, in den Fels zu fahren und zu hoffen, dass der Anhänger ihn nicht runterziehen würde...es hat geklappt! Die Führerkabine war total eingedrückt und somit ein Weiterfahren unmöglich. Er telefonierte seinem Vater, worauf er sich gleich mit dem Lastwagen auf den Weg machte. Im Anhänger dabei: Essen und einen grossen Tank mit Trinkwasser und lauter Reparaturmaterial. Ein paar Tage später habe er dann seinen Sohn erreicht und war natürlich sehr erleichtert ihn lebend in die Arme zu schliessen. Als der Sohn dies erzählte, kamen uns allen die Tränen.

Nun lagen wir also 2 Meter neben der Strasse, zwischen zwei Lastwagen mit einer unheimlichen Geschichte. Es war eine kalte Nacht, windete und ich träumte schlecht. Der Mond verzog sich immer wieder mystisch hinter den Wolken und lugte zwischendurch ganz klar hindurch. Am nächsten Morgen waren wir schon um 05.00 Uhr parat zum losradeln. Wir, vorallem ich, brauche Heute viel, viel Zeit um die 90km zu schaffen. Die Romandies waren sehr rücksichtsvoll und haben immer wieder gewartet, merci beaucoup!

Ich fuhr die meiste Zeit mit Manu zusammen, als wir einmal anhielten, geschah das verblüffende... Innert 2 Minuten standen über 10 Frauen um uns herum, sie hielten uns ein Literglas gefüllt mit Kirschenkompott hin, brachten uns Äpfel aus dem Garten und selbstgebackener Kuchen. Uff, wir konnten dies gar nicht alles essen! Wir öffneten unsere Fronttaschen und sie schütteten die Kuchenstücke lose in die Tasche, es bröselte so richtig und einige waren noch im Fett gebraten. Die Frauen waren ein grandioses Beispiel an Unkompliziertheit ;)

Die Einfahrt nach Khaleikum war einfach schön! Mitten durch das Dorf fliesst ein Fluss, seine Farbe in tiefstem Blaugrün. Nach tagelangem Blick auf den grauen Panj und die verstaubte Luft war dies eine Wohltat für die Augen, kann mich nicht Sattsehen! Die Jungs wollen Morgen früh weiter und ich muss zuerst meine Beschwerden, Magen, Kopf und Knie sortieren. Erneut kommt der Gedanke auf, ob der Pamir wohl nicht doch eine Nummer zu gross für mich ist. Nein, nein des passt schon :) Bin ja schon mitten drin hehe.

In der Nacht ist dann noch das Fieber zu besuch gekommen, ja wenn schon denn schon! Ich brauchte einen Ruhetag und die Anderen sind schon mal weiter gegangen. Das klingt vielleicht jetzt für einige unverständlich, ist aber genau das Richtige! Es ist im Grunde immer noch so, dass ich alleine unterwegs bin und ich mich ihnen zwar anschliessen konnte, worüber ich natürlich sehr glücklich bin, doch es können nicht vier auf jemanden warten. Bis Khorog sind es ca. drei Fahrtage auf zum teil sehr schlechter Piste mit Sand, groben Steinen, wenig Asphalt und so...besonders der erste Tag!

Für mich ist der Fall relativ schnell klar und ich werde mit einem Jeep bis Khorog fahren. Zwei junge Japaner sind im gleichen Homestay und sie haben bereits für Morgen einen Fahrer organisiert und bieten mir an mit ihnen zu kommen, welch ein Glück! Am selben Abend treffe ich noch auf Claire von Paris. Sie fuhr mit einem Franzosen im Auto die nördliche Route, doch kurz vor Khaleikum ist die Brücke eingestürzt als ein Lastwagen darüber fahren wollte. Sie mussten wieder nach Dushanbe zurückfahren und die südliche Route nehmen...700km extra (im Auto;)! Sofort rechnete ich mir aus ob es Simon wohl noch geschafft hat vor dem Einsturz und fragte nach. Nein er kam kurz nach dem Unfall an, die Polizei habe ihn zurückgeschickt. Er jedoch wartete ab und konnte schlussendlich den Fluss mit Seilen und dank einigen Helfern überqueren, uff!

Die Fahrt nach Khorog dauert 9h! Der Fahrer wollte uns aber unbedingt vor der Abfahrt noch in die Vorbereitungen einer Hochzeit einführen respektiv entführen. Als wir dort ankamen, kam es mir vor wie bei einem Ameisenhaufen. Alle waren fleissig beschäftigt und die Königin, also der Organisator sass auf seinem Stuhl und bei Fragen kontaktierte man ihn. Die Arbeiterinnen schmückten die Tische im Garten mit Blumen und stellten kleine, handgemachte Köstlichkeiten auf. Wir wurden an einen Tisch gesetzt um die süsse Verführung zu probieren...einmal durch das ganze Sortiment und zum Schluss noch eine Suppe... Meine Degustation beschränkte sich auf eine einzige Dattel, sie schmeckte gut.

Es wird dunkel sein bis wir in Khorog ankommen! Der Fahrer war sehr freundlich und hält auch immer wieder an... Ca. 60km vor Khorog trafen wir auf einsamer Strasse auf Simon aus Deutschland, er fährt in Schlangenlinie ganz langsam. Wir hielten an, ich stieg aus, ging zu ihm, der Anblick erschreckte mich und wir drückten uns erstmal! "Hey Simon, Du bist super! Es ist nicht mehr weit! Wie geht's Dir? Alles ok?", "Ich bin fertig, kaputt...die Strasse über den ersten Pass war einfach totale Scheisse, ich hab das Abenteuer für's erste gesehen, ich hab Durchfall und war die letzten zwei Nächte bei einer Familie, sie haben mich wieder aufgepäppelt mit irgendwelchen russischen Tabletten". Er sah wirklich nicht gut aus, machte mir Sorgen. "Wir könnten das Fahrrad auf's Dach binden und Du hast im Jeep auch noch Platz!", "Nee, vielen Dank aber ich werd's schon schaffen, wir sehen uns Morgen in Khorog, danke!". Ich drückte ihm noch vier Ricola in die Hand und wir klopften einander auf die Schulter.

Jeder geht seinen eigenen Weg. Endlich angekommen in der Pamir Lodge treffe ich auf Peter aus Germany und Simon aus New Zeeland. Peter ruft schon:"L'eau chaude, Tee is fertich". Tee zu kochen ist seine absolute Spezialität, ob grün oder schwarz, er ist DER Teemeister!

Ich stellte mein Zelt auf und schlief 15h durch. Was hat er wohl in den Tee gezaubert? Ein gemütliches Plätzchen hier, mit viel Grün und vielen Reisenden. Es ist schon wieder Abend geworden, doch wo ist Simon?? Schreibe ihm eine Sms aber höchstwahrscheinlich hat er keinen Empfang. Seit drei Tagen habe ich praktisch nichts mehr gegessen, heute Abend versuche ich es mit ein wenig Brot und Schokolade... Versuch missglückt. Abwarten.

Ich kann mich mit Peter zusammenschliessen und sobald wir beide wieder Fit sind, fahren wir gemeinsam die M41 bis Murgab. Plötzlich sah ich hinter der Mauer das Vorderrad eines Fahrrades mit roten Taschen hervorkommen...es muss Simon sein! Tatsächlich, er hat es geschafft, Toll! Ich bewundere seinen Durchhaltewillen, einfach grossartig! Am gleichen Tag trifft auch Baptiste ein...jedoch alleine, wo sind die anderen drei Romandies der Gruppe? Daraufhin bekam ich eine sehr schwammige Antwort, aber etwas ist krumm gelaufen. Es ist schwierig zu beschreiben, doch man merkt schon wie alle ein wenig angespannt sind. Nicht zu vergessen: Der Pamir ist eine grosse Herausforderung und wohl DAS Highlight zwischen Europa und China...oder überhaupt.

Jeder will es irgendwie schaffen und keiner weiss was ihn wirklich erwartet. Ich persönlich versuche es locker zu nehmen und sage immer wieder zu mir: "Du machsch was Du chasch u dr Räscht machsch ouno irgendwie, das geit de scho!"

Doch zuerst gilt es gesund zu werden und mindestens drei Tage essen zu können und das Essen zu behalten! Ich besorge mir diese russischen Tabletten und werfe drei pro Tag ein, zwischendurch noch ein Bioflorin :) und siehe da, es nützt. Sogleich renne ich zum Inder und gönne mir ein scharfes Curry, sozusagen die Probe ob's hält ;)

Hier noch ein kleiner Ausschnitt aus der Menueliste: Afghani Chicken, 301KCals, 15gm Fat, 3gm Carbs, 33gm Protein, 4 Dollar ;) sind das wohl die Chicken, welche die Grenze überflogen haben und nicht mehr zurück gingen?!

Manu, Sascha und Edouard sind eingetroffen. Super ihr habt's geschafft, chouette! Allen scheint es mehr oder besser gut zu gehen und die Abfahrt wird geplant und Vorräte eingekauft. Doch schon am Abend geht es Sascha und Manu nicht mehr gut. Die Situation ist einfach unberechenbar. Auch Peter hat ebenfalls Probleme mit dem Magen und extreme Gliederschmerzen, dass er kaum Aufstehen oder sich bewegen kann. Da es kaum zum Aushalten ist geht er am nächsten Morgen ins "Spital".

Die Genfergruppe trennt sich nun definitiv. Zwei fahren Morgen ins Wakhan-Valley der Afghanischen Grenze entlang bis Murgab. Somit werden wir wohl eine Vierergruppe auf der M41. Um es noch ein wenig komplizierter zu machen trifft Jeremy von Frankreich ein. Er ist Englischlehrer in China und hat den Pamir bereits schon einmal gefahren.

Ganze neun Nächte habe ich hier verbracht und bin zum Schluss gekommen, dass ich einfach mal gehen muss, ob ich mich nun gut oder weniger gut fühle...hier wird's bestimmt nicht besser da alle krank sind. Am selben Abend erhalte ich per Mail die Hiobsbotschaft, dass es in Bishkek, Kirgistan keine China-Visa mehr gibt!! Was jetzt? Echt? Ein zweites Mail bestätigt mir diese Blockade! China hat vor zwei Tagen die Regeln um ein Visum zu beantragen verschärft...ab sofort gilt: Zuhause, im Heimatland beantragen, 12 Monate im beantragenden Land wohnen haha oder nach Hong-Kong fliegen, dort sollte es noch einfach sein...verdammt! Ich werde in Kirgistan stranden! Sogleich verteile ich die Botschaft im Camp und alle sind geschockt! Gleich wird diskutiert was es für Lösungen und Optionen gibt. Es sollte möglich sein den Pass per FedEx oder DHL nach Hause zu schicken und so das Visum zu beantragen...kein Problem für Europäer doch z.B. die Kiwis müssen persönlich erscheinen bei der Beantragung.

Für mich kommt nur ein Rausfliegen in Frage, da ich am 27.09 in Laos Besuch erwarte. Somit werde ich in Osh oder Bishkek einen Flug organisieren müssen...doch bis dorthin sind's noch ein paar Kilometer. Wir trafen noch auf ein älteres, fites französisches Paar, schon früher haben sie viele Radtouren unternommen jetzt wollen sie sich noch ein Dessert gönnen...den Pamir, radeln auf dem Dach der Welt! Vor vier Tagen sind sie hier in Khorog gestartet... Heute sind sie nach Khorog zurückgekehrt. Die Höhe! Sie übernachteten auf 3900 Metern kurz vor dem ersten Pass. Nach diesem Pass kommt man auf ein Plateau und befindet sich während mindestens einer Woche zwischen 3500 und Maximum 4600 M.ü.M. In der Nacht verspürte er einen Druck auf der Brust und hatte Atemnot. Sie kehrten um. Ich bewundere ihren Mut zutiefst, klar scheint es das normalste zu sein, dass die Gesundheit vorgeht... DOCH: wenn Du kurz vor dem erreichen deines Traumes bist, weit gereist, viel Geld ausgegeben und mit einem Partner zusammen der körperlich parat ist den Traum wahr werden zu lassen und du einfach nicht kannst, weil z.B. die Luft nicht reicht...dann braucht es Mut zu sagen: "Wir kehren hier um!" das ist hart, für beide! Ich ziehe den Hut vor Eurer Leistung, Chapeau!

So, ich sollte zu einem Schluss kommen in diesem Blog... Alles sieht mittlerweilen wieder anders aus: Peter's Weiterfahrt ist ungewiss, Jeremy und Sascha haben das Wakhan in Angriff genommen und ich werde Morgen mit Manu auf der M41 mit einem Abstecher nach Bulunkul in ca. 1 Woche bis Murgab radeln. Und Tschüss ;)

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Salami-Wurscht-Egal!

Oben angekommen...
Oben angekommen...

Jetzt bin ich ja gespannt ob die Zöllner meine dreitäglichen Registrierungen checken... Doch zuerst entlade ich mein Drahteseli, schleppe alles die Treppen hoch, belade es wieder, schiebe es bis zum Bürotisch, entlade es erneut, alle Taschen werden wieder einmal durchleuchtet (hoffe, dass die Grenzleute auch erleuchtet sind), Treppe runter, wieder beladen und zurück ins Büro.

Ach was, keiner interessierte sich für meine Registrierungsfötzelsammlung, hejanusode. Später hörte ich aber von anderen Reisenden, dass tatsächlich ab und zu Stichproben gemacht werden...bestimmt wenn sonst gerade nichts läuft. Diese Grenze ist total komisch und unübersichtlich, es hat unzählige Häuschen und Barrieren die jeweils von einem zu weckenden Wächter von Hand bedient werden. Das Niemandsland zwischen Usbekistan und Tajikistan zieht sich über ca. 700 Meter hin.

In diesen Metern widme ich mich meinem jeweiligen Grenzritual :) ich spreche mit der Strasse und danke ihr, dass sie mir die Fahrt durch das letzte Land ermöglicht hatte, freunde mich mit dem neuen Strassenboden an und sage: "Hey Du liebe Tajikroad, ich weiss, dass Du diejenige bist, die mich am meisten fordern wird auf meinem Trip...doch zusammen rocken wir das schon gell!!".

An der Tajik Grenze geht's dann ganz locker zu und her. Der Barrierenchef begleitet mich gleich in die Eingangshalle wo er mir Fotos vom Pamir zeigte. Zum Glück haben meine Beine keine Augen...

Die Fotos sind auf einem riesigen Plakat und im unteren, linken Ecken steht weiss auf schwarz "Schweizerische Eidgenossenschaft". Jetzt ist die Zeit gekommen die Schweizerfahne wieder zu montieren! Sie war stets in meiner Tasche, ab sofort ist sie nun an vorderster Front um die Lenkertasche gebunden. Der Mann staunte nicht schlecht ab meinem Kunstwerk und sagte nur: "you magic?" Darauf hin zeigte er mir die Tajikflagge auf einem anderen Plakat und deutete auf meine Tasche, nein mein lieber, der Trick funktioniert nur einmal :)

Die Zöllner sind super nett und alles geht ruck zuck, zack zack! Die staubige, steinige Holperpiste bis in die Hauptstadt Dushanbe kostete mich Zeit und ein paar Nerven. Dummerweise habe ich gestern vergessen die Adresse vom Hostel Adventures Inn aufzuschreiben. Oh ich werd's schon finden. Nach 90 Minuten suchen und herumirren bin ich müde, praktisch keiner versteht Englisch und überhaupt keiner kennt das Adventures Inn. Ich setzte mich hin und überlegte wo ich Menschen finden kann, die Englisch sprechen! Im Luxushotel Hyatt! Also gut zurück ans andere Stadtende und rein in die gute Bude. In Vollmunter mit dreckigen Hosen und Helm auf dem Kopf stehe ich an der Rezeption vor den schön gekleideten Herren. Nein, nein keine Angst ich will kein Zimmer, nur eine Wegbeschreibung. In perfektem Englisch gab er mir zu wissen, dass er noch nie von diesem Hostel gehört habe (wie auch, kostet ja nur 5$ die Nacht!).

Aber er werde im google nachschauen...und siehe da, tatsächlich. Er druckte mir ein Plan aus, wo das Hostel zwar nicht mehr drauf war aber zumindest die Richtung, vielen Dank und tschüss. Das ist jetzt fast ein wenig peinlich...aber trotz Plan kann ich es nicht finden. Bin genervt, müde und habe heiss. Ich setzte mich mitten auf's Trottoir, brauchte einige Minuten um runterzufahren und rufte Mama an. Es tut soo gut mit ihre Stimme zu hören, vermisse sie! Doch sie weiss auch nicht wo das Hostel ist ;)Schlussendlich schrieb ich Simon eine Sms ob er mich lotsen könne. Keine fünf Minuten später steht er neben mir lacht und sagt: "ich hab's auch nicht gefunden, mach dir keinen Kopf!"

Es ist tatsächlich wie ein alter, verstaubter Schatz versteckt! Innen glänzt es auch nicht, also doch kein Schatz. Im Vorgarten stellte ich mein rotes Haus auf. Ich treffe auf alte Bekannte von Samarkand, natürlich haben wir uns einiges zu berichten :) Es war eine kurze Nacht und  noch eine kürzere Dusche hinter dem Plastiktischtuch mit dem Gartenschlauch. 

Heute ist der 1. August, und wir haben allen Grund zum Feiern! Haben wir?? Ja klar! (und Papa haette Geburi, Alles Gute und ich lasse ein paar Gabeln Roesti fuer Dich auf dem Teller, einverstanden?). Wir fünf Schweizer laden das ganze Hostel auf eine Käserösti ein. Mit Einladen alleine ist's ja nicht gemacht und wir hatten den ganzen Tag zu tun. Kartoffeln und Zwiebeln waren schnell gefunden, mit dem Käse happerts...haha doch ganz nach dem Motto: "Geduld bringt Käse", fanden wir doch tatsächlich in Dushanbe Emmentalerkäse, ein Prost auf die Emmentaler Hügel mit dem saftigen Gras und den Kühen... und den Bauern... und den Käsereien!

Im Hostel werden 4kg Kartoffeln gekocht, geschält und gehackt...wir armen haben nicht einmal eine Raffel :/ Ja ihr könnt jetzt schon lachen, aber hackt mal 4kg Rösti! Zu viert belegten wir die Küche, hängen meine Schweizerfahne, welche ich in Kandersteg noch geschenkt bekommen habe über das Waschbecken und wir lassen die Kartoffel zu einer goldbraunen Rösti heranbruzeln. Da wir ja alle "Etappen" lieben, servieren wir auch in Etappen. Die Freude ist gross und das Nationalgericht wird International in höchsten Tönen gelobt.

Gut genährt wird es langsam ruhig im Adventures Camp, jeder verzieht sich in sein eigenes Häuschen, in die 2m längliche und 1.30m breite Privatsphäre. Ich überlege mir an was die Anderen wohl so denken. Die einen planen vielleicht in Gedanken den nächsten Tag, lassen den heutigen Revue passieren, vermissen ihre liebsten Zuhause, weinen, hören Musik, schreiben Tagebuch, schauen Fotos an, suchen die Taschenlampe im Fadechörbli oder reissen den Reissverschluss in Windeseile auf um rechtzeitig auf der Toilette zu sitzen... Letzteres zieht sich über die ganze Nacht hindurch, es trifft tatsächlich jeden!

Das Wasser ist das grosse Problem! Wassermelonen ist ein absolutes Tabu, Früchte und Gemüse sind mit höchster Vorsicht zu verzehren! Das Wasser ist mit Typhus verseucht! Ein bekanntes Problem in dieser Gegend. Den ganzen Tag hindurch sehen wir immer wieder grosse, weisse Geländewagen von Hilfsorganisationen. Tajikistan ist das ärmste Land der 'stans. Aber zurück zum Wasser... Die Zähne werden mit Flaschenwasser geputzt und während dem Duschen mit dem Gartenschlauch, schliesse ich den Mund für einmal über mehrere Minuten komplett!

Trotz Vorsicht, kriege ich am nächsten Tag Bauchkrämpfe und bringe keinen Happen mehr runter. Die Toilette ist Dauerbesetzt, gebührenpflichtige Toiletten würden hier absahnen!! Wir verlängern unseren Aufenthalt um einen Tag und haben somit noch genügend Zeit um Essen für die nächsten Tage einzukaufen. 1kg Haferflocken, 1l Benzin, Milchpulver, Reis, Nudeln, Zwiebeln und die schwärzeste Schokolade die wir finden können! Damit sollten wir bis Khaleikum durchkommen. Gegen 16.00 Uhr fahren wir los und das Ziel ist es, bis kurz unter den ersten Pass zu radeln, gemütliche 40km. Wir stellten unsere Zelte auf einem grossen Feld auf und genossen den Sonnenuntergang. 

Obwohl wir zu fünft unterwegs sind, fühle ich mich an jenem Abend das erste mal einsam. Frage mich gerade, ob dies Platz in einem Blog haben soll/kann?! Denke schon, hab ja bis jetzt auch alles ehrlich geschrieben.  

Also, die vier Remandies haben es lustig zusammen, sie lachen und erzählen sich Geschichten...natürlich nur in Französisch. Innerlich nerve ich mich zutiefst, dass ich nicht einen sechstel davon mitbekomme, ich nerve mich ab mir selbst, nicht ab ihnen! Warum habe ich diese unzähligen Stunden Französisch nicht genutzt!! Ganze sechs Jahre in der Schule und drei während meiner zweiten Ausbildung und dann noch, darf's kaum sagen, 5 Monate in La-Chaux-De-Fonds!! Wo sind diese Stunden nur geblieben? Frage mich ob es verlorene Zeit gewesen ist? Ich gehe ins Zelt und der Gedanke lässt mich nicht los, steigere mich immer tiefer in das doch soo kleine Problem! Suche nach dem Warum? Die Antwort habe ich schnell gefunden, es war meine Einstellung und mein Kopf der sich irgendwie immer wieder gegen dieses Fach gesträubt hat, so blöd!

Ich hätte es gratis haben können...jetzt zahle ich mit Gefühlen dafür! Wenn ihr dies nun Zuhause liest, kann ich mir drei verschiedene Gedanken dazu vorstellen: 1. Ach komm, dass ist jetzt wirklich nicht so schlimm! 2. Ha, mir geht's genau so, hab auch alles vergessen. 3. Tja, das ist nichts neues, dass man für sich lernt!

Ich drehe jetzt das ganze in meinem Kopf mal um und probiere doch noch was positives aus dem ungelernten zu ziehen, muss schliesslich heute noch mal einschlafen... "Wenn's unbedingt sein muss, wirst du das Französisch schon noch lernen und wenn nicht ist's mir auch recht ;) Genau diese Situation musste kommen damit du eine andere wichtige Lektion lernst". Für mich ist es selbstverständlich, wenn auch nur eine Person die Sprache der anderen nicht versteht, dann wird Englisch gesprochen. Gar keine Frage Punkt, Ausrufezeichen

Das ist eine reine Stilfrage! Doch von ihnen zu verlangen, Englisch zu sprechen, dass mache ich nicht, dies müssen sie selber merken und wollen! Doch ich kann lernen mit dieser Situation umzugehen: in einer Gruppe zu sein, grob gesagt als Aussenseiter und nich das Gefühl zu haben etwas ändern zu wollen, denn das Problem liegt bei mir und nicht bei den Anderen, also muss ich was ändern!

Konkret heisst dass, wenn es um organisatorisches geht, frage ich in stets freundlichem Ton nach: "habt ihr jetzt gerade beschlossen, wo wir übernachten werden?", "warum machen wir hier halt? Ach so, ihr wollt einkaufen". 

Ja es gibt unzählige Beispiele. Natürlich sind die drei jungen (18 und 19 Jahre) Jungs genervt mir alles noch in Englisch zu sagen und tatsächlich hat Manu ab dem dritten Tag mir alles wichtige und organisatorische übersetzt. Ihr seht mein Französisch ist wirklich auf dem untersten Niveau, aber wenn ich gut zuhöre und schnell genug höre, werde ich in den nächsten Tagen bestimmt noch den einen oder anderen Satz lernen. Es ist schon seltsam, wir kommen alle aus der kleinen Schweiz und können nicht einmal miteinander kommunizieren...

Ein weiteres mal werde ich mir bewusst wie mich meine Reise fordert, nicht nur körperlich! Doch das ist genau richtig so, deshalb bin ich ja unterwegs, ich will die Herausforderungen, ich will Weiterkommen und zwar nicht nur auf der Weltkarte, sondern auch auf der Karte des Lebens. So fertig philosophiert...

Doch die nächste Lektion steht schon auf dem Programm, kurz nach der Abfahrt beginnt die Steigung zum Pass. Fühle mich nicht zu 100% fit, muss stetig hinter einen Stein rennen und kann die Anderen schon lange nicht mehr sehen. Der Gedanke, dass sie auf mich warten müssen quält mich zuerst ist mir aber schon bald Salami-Wurscht egal! Kurve um Kurve schlängelt sich die Strasse den Berg hoch, denke an nichts. Es ist so still, dass ich das Tropfen meiner Schweissperlen auf dem Edelstahlrahmen hören kann. 

Mein rechtes Knie beginnt zu reklamieren, innert 10 Minuten wandelt sich das "spüren des Knies" zu einem heftigen Schmerz aus. Bin bereits in einem sehr tiefen Gang, schalte nun aber in den tiefsten, nur noch 4kmh! Plötzlich fühlt es sich an wie jemand mit dem Messer von der Aussenseite voll reinstiehlt. Ich muss halten, absteigen und mich hinsetzen. Als ich ein paar Schritte gehen will, und ein wenig Dehnen, bemerke ich wie ich das Knie kaum beugen kann. Mist, grosser Mist, Misthaufen!! Doch was tun? Ich muss weiter, schmeisse eine Ladung Perskindol drauf und probiere mich auf was ganz anderes zu fokussieren. Probiere alle Kraft in das linke Bein zu pushen.

Irgendwie schaffe ich es bis auf die Passhöhe, wo die anderen bereits fein aussehende, saftige Trauben essen. Da lass ich gleich mal die Finger davon!

Da der Präsident im nächsten Dorf jeweils seine Ferien verbringt, ist die Strasse in einem perfekten Zustand, die Abfahrt wird so zum reinsten Genuss! Und die Aussicht ist einmal mehr atemberaubend. Freie Sicht auf einen See in welchem sich die Felsen spiegeln.

Wir finden sogar einen tollen Platz am Fluss um unser Zelt aufzustellen...die Mücken haben auch ihren Spass, bonne nuit!

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