Ein halbes Kilo Torte bitteschoen!

Eines meiner Lieblingsfoto... Er ist Mensch in Osh. Ueber eine Stunde hab ich ihn beobachtet wie er mit Menschen sprach die sich neben ihn auf's Baenkli setzten...
Eines meiner Lieblingsfoto... Er ist Mensch in Osh. Ueber eine Stunde hab ich ihn beobachtet wie er mit Menschen sprach die sich neben ihn auf's Baenkli setzten...
Heute werden wir den Pamir, diese einmalige und sehr beeindruckende Natur verlassen. Es war eine sehr kühle Nacht mit Minustemperaturen. Noch einmal gehe ich zum See und präge mir dieses Bild ganz genau ein...speichere diese einmalige Stille auf meiner biologischen Festplatte ab, damit ich sie immer abrufen kann. Für mich ist dieser Ort einfach ein Wunder...ein grosses Naturwunder...gaaanz grosses Kino!!!
Nun gut, es geht weiter und ich schaue auf gar keinen Fall zurück!
Gestern war ich mit 4655 Metern auf dem höchsten Punkt meiner gesamten Reise. Heute geht es also nur Talwärts! Die Ausreise aus Tajikikistan ging zackig von sich. Keine Kontrolle des Gepäcks, keine Fragen, kein Lachen...ja ich habe schon einiges an Grenzen erlebt, diese hier ist einfach nur bieder.
Vor uns erstreckte sich das über 30km lange Niemandsland bis zum Kirgisischen Check-Point. Die Schotterpiste glänzte von ihrer braunsten und schlammigsten Seite. Weit vorne sahen wir ein paar Baracken  und ein kleines Holzhäuschen, dort ist also Kirgistan, dort werde ich stranden und von dort aus werde ich mich in einen Flieger setzen und rausfliegen....ein komisches Gefühl!
Die Grenzwächter waren sehr beschäftigt mit Schach spielen und somit wurden unsere Pässe noch ein wenig auf die Seite gelegt. Weiss hat gewonnen und blau blüht der neue Stempel :) Es war nicht mehr weit bis zum Grenzdorf zu China doch vorher sollte man unbedingt noch etwas tun... Zurückschauen! Hier ist es nun fast schon ein Muss!
Der Pamir strahlt in seiner ganzen Mächtigkeit und wie eine Wand steht er in voller Pracht da.
Da Claire auch kein Chinavisum hat, wird sie nächste Woche zurück nach Paris fliegen um dies zu organisieren. Ihr 15-jähriger Sohn wird sich bestimmt auch riesig freuen Mama wieder einmal zu sehen. In Sary Tash hoffen wir nun, ein Haus zu finden wo sie ihr Gepäck und das Fahrrad deponieren kann...gar nicht so einfach, denn sie transportiert ja auch noch ihre wertvolle, in Plexiglas eingelegte Drahtkunst mit und deshalb muss es ein sicheres Haus sein mit Menschen denen sie vertrauen kann. Nach 3h! herumirren konnte sie alles in der Stube des "Gemeindepräsidenten" unterbringen uff!
Wir fuhren über die Kreuzung an der man rechts abbiegt für nach China... Ich finde es einfach total speziell zu wissen, dass von Zuhause, von der Schweiz, vom Kiental aus eine durchgehende Strasse bis nach China führt...ja gut, ein paar tausend Kreuzungen und über 40'000 Höhenmeter gilt es schon zu passieren doch irgendwie fährt man immer auf der selben Strasse :)
Weiter geht die Fahrt nach Osh. Osh? Das klingt ja wie Oz! Kennt ihr das amerikanische Märchen: "Der Zauberer von Oz"? Verfilmt 1939 mit Judy Garland, im Musical 1970 mit Michael Jackson und im Winter 2012 haben wir dies beim Winterzauber auf dem Mühleplatz in Thun im Zirkuszelt aufgeführt :)
Vielleicht ist ja hier das Land Osh, Oz? Wohl kaum und doch hat die im Buch beschriebene Landschaft eine gewisse Ähnlichkeiten mit dieser! Ich schaue aus dem Fenster und der Schlusssong der Aufführung geht mir durch den Kopf: "Weisch mau nümm wies witer geit, will e riese Bärg da steit, hesch hüt da bi üs entdeckt, was alles i Dir sälber steckt!" Wie wahr!
In Osh selber gibt es für mich drei Hauptaktivitäten : 1. Essen, 2. auf den Markt gehen um frisches Essen zu kaufen und 3. sich mit anderen Reisenden treffen um Essen zu gehen.
Im Hostel trafen wir auf Simon und Landon from New Zeeland. In Samarkand, Usbekistan habe ich sie das erste mal getroffen. Das Wiedersehen war einfach grossartig. Zusammen gingen wir zum Markt und da war ich schlicht überfordert von Eindrücken: All diese Farben der Früchte, dieses Gelb einer Banane, das knallige Rot einer Peperoni, die vielen Menschen, grosse Werbeplakate, unzählige Shops, hupende Autos, Strassenlampen, Restaurants...alles Bilder (eigentlich ganz normale Bilder) die in den letzten paar Wochen weit, weit weg waren! Und plötzlich, zack ist alles wieder da...mir fehlen die Worte.
Als ich seit langem wieder einmal mein Natel hervorzückte, schrieb ich Alena und Marcel eine Nachricht! Wir haben uns ja in der Osttürkei das letzte Mal gesehen, das war im Mai und seit dem radelten sie stets 2-3 Wochen vor mir. Vielleicht sind sie ja in der Nähe :) Ausschnitt aus dem Sms: "Huhu ihr zwei, wie geits öich? Wo sit ihr äch? Hole langsam aber sicher uf höhö, bi sit Hüt in Osh, aber dir sit sicher scho über au Bärgli :) liebs Grüessli ". 
Kurz darauf die Antwort von den beiden: "Waaaas!? Mir sind au in Osh!! Juhuuuuu!!" Chum mir träffid üs zum Znacht!". 
Im Restaurant California hatten wir uns bei "Züri Gschnäzlets" vieles zu erzählen. Es war ein toller, gelungener Abend. Sie werden morgen den Pass nach Hause schicken um ein Chinavisum zu beantragen...ich drück euch die Daumen und freue mich auf ein Wiedersehen irgendwo in Südostasien :) Über ihre Reise berichten sie auf www.frischlufttour.ch
Viel Zeit zum Ausruhen blieb mir in Osh nicht. Zusammen mit Simon und Landon organisierten wir einen Flug nach Bishkek. Landon wird von der Hauptstadt Kirgistans gleich einen Anschlussflug nach Bangkok nehmen. Simon und ich haben ein wenig mehr Zeit und wollen uns noch Bishkek genauer ansehen. Die kasachische Fluggesellschaft Air Astana wünscht, dass das Fahrrad komplett in eine Kartonbox verpackt wird. Also hiess unser nächstes Ziel: Kartonbox!
Nach sehr langer Suche bei glühender Hitze wurden wir in einem Babyshop fündig. Wo sonst eine Wiege, made in China, drin platz hat, hat auch ein Göppel platz! Für das verpacken gingen glatte 6h drauf. Alles wird piekfein gereinigt und komplett zerlegt. Luft aus den Schläuchen lassen, die Reifen falten, Schutzbleche abschrauben, Freddy einpacken, Pedale weg, usw. Ich habe noch nie ein Fahrrad komplett zerlegt...ist aber bubileicht, ich habe auch noch nie ein Fahrrad wieder zusammengebaut...hoffentlich auch bubileicht!! Alle losen Teile schützte ich mit Noppenfolie und klebte was das Zeug hält :) Ob es wirklich hält sehen wir in Bangkok. Das restliche Gepäck stopfte ich in eine grosse blaue made in China Tasche. 10kg zu viel, also 30kg total ohne Box, hejanusode!
Am 1. September flogen wir nach Bishkek, hey es war total komisch! Schon im Taxi für zum Flughafen konnte oder wollte ich es kaum wahrhaben. Es ist wie ein Unterbruch meiner Tour...Südostasien wird ganz bestimmt auch spannend, doch die letzten Länder waren schon sehr speziell und einmalig, es war ein eindrücklicher und toller Sommer :)
Landon war ziemlich nervös vor und während dem Flug, sodass er gleich mit Helm flog hahaha. Velofahrer durch und durch!
Als wir landeten sah ich aus dem Fenster und erblickte viele, grosse, graue Air Force Flugzeuge...Amerikanische...hier war oder ist eine Basis der Luftwaffe von wo aus Operationen in Afghanistan wie sagt man? Koordiniert? Geflogen? Ausgeübt werden...
In Bishkek verabschiedeten wir uns von Landon doch in ein paar Tagen gibt es in Bangkok ein Wiedersehen...die Welt ist eben klein.
Das erste was wir in dieser Stadt gefunden haben war der Tortenladen! Für jeden von uns gab es ein halbes Kilo Nusscarameltorte mit Mandelsplittern obendrauf. Da war so eine Schicht Caramelblatt dann eine ca 1cm dicke Nusscremeschicht dann wieder ein Caramelklumpen immer so weiter etwa 4 Stockwerke Creme bis dann eben zuoberst noch die fein gehackten Mandelsplitter das ganze abrundeten. Ein halbes Kilo Torte...ich drohte zu platzen...doch ich platzte nicht und wir verdrückten noch saftige Erdbeeren, kleine Blaubeeren, 1 roter Apfel und ein Yoghurt!
Vollgefressen schafften wir noch knapp die paar Schritte um die Ecke ins Hostel wo wir in einem 14er Schlag mit betrunkenen Russen unterkamen. Samt Kleidern schlief ich Esstrunken 13h durch...herrlich! Am nächsten Morgen ist uns beiden ein wenig übel...Kunststück! Doch mit einem ausgiebigen Fussmarsch durch Bishkek wollen wir das Unwohlsein vertreiben.
Wir haben vieles gesehen, vor allem wüste, riesige Sowjethäuser. Moderne trifft hier auf Geschichte. Keine 10 Meter von der Leninstatue tanzen jugendliche Gangnamstyle und neben einem alten Kriegsflugzeug gibt es ein 10 D Kino. Wir setzten uns in einen Park und schauten den Menschen zu.
Als wir zurück ins Hostel wollten, haben wir uns grossartig verlaufen...auf dem Fahrrad würde uns dies nie passieren! Nach weiteren 2h hatten wir immer noch nicht zurückgefunden, wir standen an einer Kreuzung und aus einem Lautsprecher von einem Kleiderladen ertönte der Song Skyfall: "This is the End....". Das ist das Ende, ja passender könnte es wohl nicht sein.
Nach erfolgreicher Flugbuchung ging es nach zwei Tagen wieder zum Airport. Kurz vor der Gepäckaufgabe ist meine blaue Made in China Monstertasche gerissen. Doch das ist gar kein Problem, denn Radler haben immer eine grosse Rolle Klebeband in der Handtasche! 
 
Was soll ich noch schreiben... Die kurze Zeit in Kirgistan, vor allem in Osh und Bishkek war wie ein Schock... Auf meiner Reise ist dieser Punkt eine Art ein Ende oder vielleicht besser gesagt ein Unterbruch und gleichzeitig beginnt etwas komplett Neues und genau auf das Neue freue ich mich sehr!
 
So, das war also Zentralasien!
Geprägt von unzähligen Begegnungen,
Gegensätze wie ich sie sonst wo noch kaum gesehen habe,
einer sehr beeindruckenden, gewaltigen Landschaft von der Wüstenhitze bis hin zu Minustemperaturen auf über 4000 Metern,
immensen kulturellen Schätzen und
geprägt von Menschen die mich mit ihrer persönlichen Geschichte berührten.
 
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